Ver­sor­gungs­aus­gleich nach Beginn der Alters­ren­te

Nach dem Beginn des Bezugs einer Voll­ren­te wegen Alters ist der Aus­gleichs­wert in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung allein aus den auf die Ehe­zeit ent­fal­len­den Ent­gelt­punk­ten der tat­säch­lich bezo­ge­nen Alters­ren­te zu ermit­teln 1.

Ver­sor­gungs­aus­gleich nach Beginn der Alters­ren­te

Gemäß § 1 Abs. 2 Satz 2 VersAus­glG steht der aus­gleichs­be­rech­tig­ten Per­son die Hälf­te des Werts des jewei­li­gen Ehe­zeit­an­teils zu. Maß­geb­li­cher Zeit­punkt für die Bewer­tung ist das Ende der Ehe­zeit. Recht­li­che oder tat­säch­li­che Ver­än­de­run­gen nach dem Ende der Ehe­zeit, die auf den Ehe­zeit­an­teil zurück­wir­ken, sind aller­dings zu berück­sich­ti­gen (§ 5 Abs. 2 VersAus­glG).

Die Wert­ermitt­lung für bei­trags­freie und bei­trags­ge­min­der­te Zei­ten erfolgt dabei im Wege der Gesamt­leis­tungs­be­wer­tung nach den §§ 71 ff. SGB VI.

Nach den Aus­füh­run­gen in dem Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs vom 18.01.2012 2 ist für die Gesamt­leis­tungs­be­wer­tung grund­sätz­lich von einem fik­ti­ven Ren­ten­be­ginn zum Zeit­punkt des Endes der Ehe­zeit aus­zu­ge­hen. Danach wür­de eine Berück­sich­ti­gung des nach­e­he­zeit­li­chen Ver­si­che­rungs­ver­laufs bei der Gesamt­leis­tungs­be­wer­tung gegen das Stich­tags­prin­zip des § 5 Abs. 2 VersAus­glG ver­sto­ßen, wes­halb auch in einem spä­te­ren Abän­de­rungs­ver­fah­ren nach den §§ 225 f. FamFG nur von den ehe­zeit­li­chen Durch­schnitts­wer­ten aus­zu­ge­hen wäre.

Dies gilt aller­dings nur für die Bewer­tung eines Anrechts, das sich noch in der Anwart­schafts­pha­se befin­det. Soweit sich aus der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 3 etwas ande­res ergibt, hält der Bun­des­ge­richts­hof dar­an nicht fest.

Wäh­rend der Anwart­schafts­pha­se ändern sich die Para­me­ter für die Gesamt­leis­tungs­be­wer­tung monat­lich lau­fend und kön­nen im wei­te­ren Ver­si­che­rungs­ver­lauf auch wie­der umge­kehr­te Ten­den­zen anneh­men. Es ent­spricht des­halb auch der Vor­stel­lung des Gesetz­ge­bers, für die Gesamt­leis­tungs­be­wer­tung grund­sätz­lich von einem fik­ti­ven Ren­ten­be­ginn zum Zeit­punkt des Endes der Ehe­zeit aus­zu­ge­hen 4.

Bezieht der aus­gleichs­pflich­ti­ge Ehe­gat­te hin­ge­gen bereits die gesetz­li­che Ren­te, ist gesetz­lich fest­ge­leg­ter End­zeit­punkt für die Ermitt­lung der Ren­te und des bele­gungs­fä­hi­gen Gesamt­zeit­raums im Rah­men der Gesamt­leis­tungs­be­wer­tung nicht das Ende der Ehe­zeit, son­dern der Kalen­der­mo­nat vor Beginn der Ren­te (§ 72 Abs. 2 SGB VI). Die end­gül­ti­ge gesetz­li­che Fixie­rung des Berech­nungs­zeit­punkts auf die­sen Monat stellt, wenn der Ren­ten­be­ginn nach dem Ende der Ehe­zeit liegt, eine recht­li­che und tat­säch­li­che Ände­rung dar, die gemäß § 5 Abs. 2 Satz 2 VersAus­glG zu berück­sich­ti­gen ist. Bereits zum frü­he­ren Recht hat­te der Bun­des­ge­richts­hof des­halb ent­schie­den, dass nach dem bereits ein­ge­tre­te­nen Bezug einer Voll­ren­te wegen Alters anstel­le des fik­ti­ven Ver­sor­gungs­an­rechts die tat­säch­lich gezahl­te Ren­te mit ihren Wert­ver­hält­nis­sen zu berück­sich­ti­gen ist 5.

Auf die­se Wei­se wer­den die ehe­zeit­lich erwor­be­nen bei­trags­frei­en und bei­trags­ge­min­der­ten Zei­ten zwar über die Durch­schnitts­be­rech­nung der Gesamt­leis­tungs­be­wer­tung nach den §§ 71 ff. SGB VI auch durch Bei­trags­zei­ten beein­flusst, die nach dem Ende der Ehe­zeit bis zum Ren­ten­be­ginn erdient wur­den. Das führt aber nicht dazu, dass die nach­ehe­lich erdien­ten Ent­gelt­punk­te ent­ge­gen § 5 Abs. 2 Satz 1 VersAus­glG in die Ehe­zeit über­tra­gen wer­den. Die für die Ren­ten­be­mes­sung durch­zu­füh­ren­de Durch­schnitts­be­rech­nung aller ren­ten­re­le­van­ten Bei­trä­ge wirkt ledig­lich als Reflex i.S.v. § 5 Abs. 2 Satz 2 VersAus­glG auf die in der Ehe­zeit lie­gen­den bei­trags­frei­en und bei­trags­ge­min­der­ten Zei­ten zurück.

Dem Ver­sor­gungs­aus­gleich liegt näm­lich die Kon­zep­ti­on zugrun­de, dass der auf die Ehe­jah­re ent­fal­len­de Ren­ten­be­trag zusam­men mit dem Ren­ten­be­trag, der auf den außer­halb der Ehe lie­gen­den Zei­ten beruht, so hoch sein muss wie die aus allen Zei­ten berech­ne­te Ren­te. Das vor­ge­se­he­ne Berech­nungs­ver­fah­ren soll gewähr­leis­ten, dass der dem Wert­aus­gleich zugrun­de geleg­te Anwart­schafts­be­trag für die Ehe­jah­re mit dem tat­säch­lich in der Ren­te ent­hal­te­nen Anteil über­ein­stimmt 6. Die­sen Grund­sät­zen lie­fe es zuwi­der, wenn in Fäl­len, in denen bereits eine Alters­ren­te erlangt ist, an der Not­wen­dig­keit einer fik­ti­ven Neu­be­rech­nung des Alters­ru­he­gel­des fest­ge­hal­ten und der sich dabei erge­ben­de Ren­ten­be­trag selbst dann der anschlie­ßen­den Auf­tei­lung zugrun­de gelegt wür­de, wenn der Betrag wie hier von der tat­säch­li­chen Ren­te abweicht. Eine der­ar­ti­ge Hand­ha­bung stün­de auch mit dem Grund­ge­dan­ken des Ver­sor­gungs­aus­gleichs, der gleich­mä­ßi­gen Betei­li­gung bei­der Ehe­gat­ten an den in der Ehe begrün­de­ten Ver­sor­gungs­an­rech­ten, nicht in Ein­klang 7.

An die­ser Sicht­wei­se hat der Gesetz­ge­ber auch weder mit der spä­te­ren Neu­fas­sung des § 1587 a Abs. 2 Nr. 2 BGB 8 noch durch das 2009 in Kraft getre­te­ne Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ge­setz etwas ändern wol­len.

Zwar fin­det sich eine aus­drück­li­che Geset­zes­be­stim­mung dazu, dass die Annah­men für die zu erwar­ten­de Ver­sor­gung durch die tat­säch­li­chen Wer­te zu erset­zen sind, nur in den Rege­lun­gen über die zeitra­tier­li­che Bewer­tung (§ 41 Abs. 2 Satz 2 VersAus­glG). Damit soll­te jedoch kei­ne Abgren­zung zur unmit­tel­ba­ren Bewer­tung geschaf­fen, son­dern im Gegen­teil aus­ge­drückt wer­den, dass die zeitra­tier­li­che Bewer­tung einer lau­fen­den Ren­te mit einer unmit­tel­ba­ren Bewer­tung ver­gleich­bar ist 9. Nach dem Beginn des Bezugs einer Voll­ren­te wegen Alters ist der Aus­gleichs­wert in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung daher wei­ter­hin allein aus den auf die Ehe­zeit ent­fal­len­den Ent­gelt­punk­ten der tat­säch­lich bezo­ge­nen Alters­ren­te zu ermit­teln 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. Febru­ar 2016 – XII ZB 313/​15

  1. im Anschluss an die BGH, Beschlüs­se vom 14.10.1981 – IVb ZB 504/​80, Fam­RZ 1982, 33; und vom 11.04.1984 – IVb ZB 876/​80, Fam­RZ 1984, 673; und in Abgren­zung zu BGH, Beschlüs­se vom 18.01.2012 – XII ZB 696/​10, Fam­RZ 2012, 509; und vom 21.03.2012 – XII ZB 372/​11 Fam­RZ 2012, 847[]
  2. BGH, Beschluss vom 18.01.2012 – XII ZB 696/​10, Fam­RZ 2012, 509 Rn. 28; vgl. außer­dem BGH, Beschluss vom 21.03.2012 – XII ZB 372/​11, Fam­RZ 2012, 847 Rn. 23[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 18.01.2012 – XII ZB 696/​10 Fam­RZ 2012, 509 Rn. 22 ff.; und vom 21.03.2012 – XII ZB 372/​11, Fam­RZ 2012, 847 Rn. 16 ff.[]
  4. BT-Drs. 7/​650 S. 226; BT-Drs. 11/​4124 S. 234[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 14.10.1981 IVb ZB 504/​80 Fam­RZ 1982, 33; und vom 11.04.1984 IVb ZB 876/​80 Fam­RZ 1984, 673[]
  6. BT-Drs. 7/​650 S. 226[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 14.10.1981 IVb ZB 504/​80 Fam­RZ 1982, 33, 34[]
  8. vgl. BT-Drs. 11/​4124 S. 234[]
  9. Münch­Komm-BGB/Glock­ner 6. Aufl. § 41 VersAus­glG Rn. 11[]
  10. eben­so Münch­Komm-BGB/We­ber 6. Aufl. § 43 VersAus­glG Rn. 90; Borth Ver­sor­gungs­aus­gleich 7. Aufl. Rn. 362; vgl. auch Glockner/​Hoenes/​Weil Der Ver­sor­gungs­aus­gleich 2. Aufl. § 5 Rn. 57; aA offen­bar Wick Der Ver­sor­gungs­aus­gleich 3. Aufl. Rn. 231; Johannsen/​Henrich/​Holzwarth Fami­li­en­recht 6. Aufl. § 43 VersAus­glG Rn. 34[]