Ver­sor­gungs­aus­gleich – und der bereits lau­fen­de Ren­ten­be­zug

Bei der Bewer­tung eines Anrechts in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung gemäß § 262 Abs. 1 SGB VI sind nach dem Beginn des Bezugs einer Voll­ren­te wegen Alters auch sol­che Wert­erhö­hun­gen für Bei­trags­zei­ten zu berück­sich­ti­gen, die sich infol­ge einer nach­träg­lich vor­ge­nom­me­nen Min­dest­be­wer­tung von Pflicht­bei­trä­gen in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung erge­ben 1.

Ver­sor­gungs­aus­gleich – und der bereits lau­fen­de Ren­ten­be­zug

Gemäß § 225 Abs. 1, 2 FamFG ist eine Abän­de­rung des Wert­aus­gleichs bei der Schei­dung für Anrech­te im Sin­ne des § 32 VersAus­glG zuläs­sig bei recht­li­chen oder tat­säch­li­chen Ver­än­de­run­gen nach dem Ende der Ehe­zeit, die auf den Aus­gleichs­wert eines Anrechts zurück­wir­ken und zu einer wesent­li­chen Wert­än­de­rung füh­ren.

Die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine Abän­de­rung der Ent­schei­dung über den öffent­lich­recht­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleich lie­gen vor.

Der Antrag auf Abän­de­rung ist durch den nach § 226 Abs. 1 FamFG antrags­be­rech­tig­ten Ehe­mann zuläs­sig gestellt; die Abän­de­rung wirkt sich auch zu sei­nen Guns­ten aus (vgl. § 225 Abs. 5 VersAus­glG). Die Vor­aus­set­zung des § 226 Abs. 2 FamFG, wonach der Antrag frü­hes­tens sechs Mona­te vor dem Zeit­punkt zuläs­sig ist, ab dem ein Ehe­gat­te vor­aus­sicht­lich eine lau­fen­de Ver­sor­gung aus dem abzu­än­dern­den Anrecht bezieht oder dies auf Grund der Abän­de­rung zu erwar­ten ist, ist in der Per­son bei­der Ehe­gat­ten erfüllt, da bei­de bereits eine lau­fen­de Alters­ren­te bezie­hen.

Die ein­ge­tre­te­ne Wert­än­de­rung über­steigt im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall auch die in § 225 Abs. 3 FamFG vor­aus­ge­setz­ten Wesent­lich­keits­gren­zen. Nach die­ser Bestim­mung ist die Wert­än­de­rung wesent­lich, wenn sie min­des­tens fünf Pro­zent des bis­he­ri­gen Aus­gleichs­werts des Anrechts beträgt (rela­ti­ve Wesent­lich­keits­gren­ze) und bei einem Ren­ten­be­trag als maß­geb­li­cher Bezugs­grö­ße ein Pro­zent, in allen ande­ren Fäl­len als Kapi­tal­wert 120 Pro­zent der am Ende der Ehe­zeit maß­geb­li­chen monat­li­chen Bezugs­grö­ße nach § 18 Abs. 1 SGB IV über­steigt (abso­lu­te Wesent­lich­keits­gren­ze).

Der vor­an­ge­gan­ge­nen Abän­de­rungs­ent­schei­dung war ein ehe­zeit­li­cher Aus­gleichs­wert des von der Ehe­frau in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung erwor­be­nen Anrechts in Höhe von 3, 7477 Ent­gelt­punk­ten zugrun­de gelegt wor­den. Nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen und unter Zugrun­de­le­gung der vom Ober­lan­des­ge­richt ver­tre­te­nen Rechts­auf­fas­sung beträgt der Aus­gleichs­wert auf­grund nach­ehe­li­cher Ver­än­de­run­gen nun­mehr 5, 7603 Ent­gelt­punk­te. Er hat sich somit um 2, 0126 Ent­gelt­punk­te erhöht, das ent­spricht einer Wert­än­de­rung von über fünf Pro­zent gegen­über dem frü­he­ren Aus­gleichs­wert und über­steigt somit die rela­ti­ve Wesent­lich­keits­gren­ze.

Maß­stab für die abso­lu­te Wesent­lich­keits­gren­ze ist im vor­lie­gen­den Fall, da in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nicht der Ren­ten­be­trag die maß­geb­li­che Bezugs­grö­ße dar­stellt, der (kor­re­spon­die­ren­de) Kapi­tal­wert. Die monat­li­che Bezugs­grö­ße nach § 18 Abs. 1 SGB IV betrug zum Ende der Ehe­zeit im Jahr 1990 2 3.290 DM (= 1.682, 15 €); 120 Pro­zent davon betra­gen 3.948 DM (= 2.018, 58 €). Der Ände­rungs­be­trag des kor­re­spon­die­ren­den Kapi­tal­werts beträgt (22.064, 76 € – 14.355, 52 €) = 7.709, 24 € und über­steigt somit auch die abso­lu­te Wesent­lich­keits­gren­ze.

Liegt eine wesent­li­che Wert­än­de­rung vor und ist eine Abän­de­rung somit eröff­net, ist eine erneu­te Ent­schei­dung über die Tei­lung des Anrechts zu erlas­sen, die hin­sicht­lich die­ses Anrechts als begrenz­te Rechts­kraft­durch­bre­chung dann auch eine Feh­ler­kor­rek­tur ein­schließt 3. Des­halb hin­dert der vor­an­ge­gan­ge­ne Abän­de­rungs­be­schluss vom 27.06.2013, in wel­chem die höhe­re Gesamt­leis­tungs­be­wer­tung sowie die Min­dest­be­wer­tung von Pflicht­bei­trä­gen für lang­jäh­rig Ver­si­cher­te unbe­rück­sich­tigt geblie­ben sind, nicht die erneu­te Prü­fung die­ser Rechts­fra­ge.

Zutref­fend hat das Ober­lan­des­ge­richt in der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung nicht nur die Ver­bes­se­run­gen durch die sog. Müt­ter­ren­te, son­dern auch die auf Grund­la­ge des tat­säch­li­chen Ren­ten­be­zu­ges höhe­re Gesamt­leis­tungs­be­wer­tung für bei­trags­freie und bei­trags­ge­min­der­te Zei­ten sowie die Min­dest­be­wer­tung von Pflicht­bei­trä­gen für lang­jäh­rig Ver­si­cher­te (§ 262 SGB VI) berück­sich­tigt.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits in Bezug auf die Gesamt­leis­tungs­be­wer­tung ent­schie­den hat, ist nach dem Beginn des Bezugs einer Voll­ren­te wegen Alters der Aus­gleichs­wert in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung allein aus den auf die Ehe­zeit ent­fal­len­den Ent­gelt­punk­ten der tat­säch­lich bezo­ge­nen Alters­ren­te zu ermit­teln 4.

Eben­so zu berück­sich­ti­gen sind die­je­ni­gen Wert­erhö­hun­gen für Bei­trags­zei­ten, die sich gemäß § 262 SGB VI infol­ge einer nach­träg­lich vor­ge­nom­me­nen Min­dest­be­wer­tung von Pflicht­bei­trä­gen in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung erge­ben. Die­se Min­dest­be­wer­tung beruht auf der Erfül­lung einer beson­de­ren War­te­zeit von 35 vor­han­de­nen Jah­ren mit ren­ten­recht­li­chen Zei­ten, sofern sich aus den Kalen­der­mo­na­ten mit voll­wer­ti­gen Pflicht­bei­trä­gen ein Durch­schnitts­wert von weni­ger als 0, 0625 Ent­gelt­punk­ten ergibt (§ 262 Abs. 1 SGB VI).

Gemäß § 43 Abs. 3 VersAus­glG sind beson­de­re War­te­zei­ten dann im Ver­sor­gungs­aus­gleich wert­er­hö­hend zu berück­sich­ti­gen, wenn die hier­für erfor­der­li­chen Zei­ten bereits erfüllt sind. Ob eine beson­de­re War­te­zeit erfüllt ist, rich­tet sich wie die Geset­zes­be­grün­dung aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben hat nach dem gemäß § 5 Abs. 2 VersAus­glG maß­geb­li­chen Zeit­punkt 5. Damit ist auch § 5 Abs. 2 Satz 2 VersAus­glG in Bezug genom­men, wonach recht­li­che oder tat­säch­li­che Ver­än­de­run­gen nach dem Ende der Ehe­zeit, die auf den Ehe­zeit­an­teil zurück­wir­ken, zu berück­sich­ti­gen sind.

Bezieht der aus­gleichs­pflich­ti­ge Ehe­gat­te bereits die gesetz­li­che Ren­te, ist gesetz­lich fest­ge­leg­ter End­zeit­punkt für die Ermitt­lung der Ren­te und des bele­gungs­fä­hi­gen Gesamt­zeit­raums nicht das Ende der Ehe­zeit, son­dern der Kalen­der­mo­nat vor Beginn der Ren­te. Die end­gül­ti­ge gesetz­li­che Fixie­rung des Berech­nungs­zeit­punkts auf die­sen Monat stellt, wenn der Ren­ten­be­ginn nach dem Ende der Ehe­zeit liegt, eine recht­li­che und tat­säch­li­che Ände­rung dar, die gemäß § 5 Abs. 2 Satz 2 VersAus­glG zu berück­sich­ti­gen ist. Bereits zum frü­he­ren Recht hat­te der Bun­des­ge­richts­hof des­halb ent­schie­den, dass nach dem ein­ge­tre­te­nen Bezug einer Voll­ren­te wegen Alters anstel­le des fik­ti­ven Ver­sor­gungs­an­rechts die tat­säch­lich gezahl­te Ren­te mit ihren Wert­ver­hält­nis­sen zu berück­sich­ti­gen ist 6.

Dem Ver­sor­gungs­aus­gleich liegt näm­lich die Kon­zep­ti­on zugrun­de, dass der auf die Ehe­jah­re ent­fal­len­de Ren­ten­be­trag zusam­men mit dem Ren­ten­be­trag, der auf den außer­halb der Ehe lie­gen­den Zei­ten beruht, so hoch sein muss wie die aus allen Zei­ten berech­ne­te Ren­te. Das vor­ge­se­he­ne Berech­nungs­ver­fah­ren soll gewähr­leis­ten, dass der dem Wert­aus­gleich zugrun­de geleg­te Anwart­schafts­be­trag für die Ehe­jah­re mit dem tat­säch­lich in der Ren­te ent­hal­te­nen Anteil über­ein­stimmt 7. Die­sen Grund­sät­zen lie­fe es zuwi­der, wenn in Fäl­len, in denen bereits die Alters­ren­te erlangt ist, an der Not­wen­dig­keit einer fik­ti­ven Neu­be­rech­nung des Alters­ru­he­gel­des fest­ge­hal­ten und der sich dabei erge­ben­de Ren­ten­be­trag selbst dann der anschlie­ßen­den Auf­tei­lung zugrun­de gelegt wür­de, wenn der Betrag wie hier von der tat­säch­li­chen Ren­te abweicht. Denn auch die War­te­zeit nach § 262 SGB VI wird antei­lig wäh­rend der Ehe­zeit erfüllt. Eine Hand­ha­bung, die den Aus­gleichs­be­rech­tig­ten nicht an der dar­auf beru­hen­den Höher­be­wer­tung ehe­zeit­li­cher Pflicht­bei­trags­zei­ten teil­ha­ben lie­ße, stün­de mit dem Grund­ge­dan­ken des Ver­sor­gungs­aus­gleichs, der gleich­mä­ßi­gen Betei­li­gung bei­der Ehe­gat­ten an den in der Ehe begrün­de­ten Ver­sor­gungs­an­rech­ten, nicht in Ein­klang 8.

Nach dem Beginn des Bezugs einer Voll­ren­te wegen Alters ist der Aus­gleichs­wert in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung daher aus den auf die Ehe­zeit ent­fal­len­den Ent­gelt­punk­ten der tat­säch­lich bezo­ge­nen Alters­ren­te unter Berück­sich­ti­gung von Wert­erhö­hun­gen nach § 262 SGB VI zu ermit­teln 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Juni 2016 – XII ZB 350/​15

  1. Fort­füh­rung von BGH, Beschluss vom 03.02.2016 XII ZB 313/​15 Fam­RZ 2016, 791[]
  2. vgl. Fam­RZ 2016, 192[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 22.10.2014 XII ZB 323/​13 Fam­RZ 2015, 125 Rn. 16[]
  4. BGH, Beschluss vom 03.02.2016 XII ZB 313/​15 Fam­RZ 2016, 791 Rn. 26[]
  5. BT-Drs. 16/​10144 S. 81[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 14.10.1981 IVb ZB 504/​80 Fam­RZ 1982, 33, 34; und vom 11.04.1984 IVb ZB 876/​80 Fam­RZ 1984, 673 f.[]
  7. BT-Drs. 7/​650 S. 226[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 03.02.2016 XII ZB 313/​15 , Fam­RZ 2016, 791 Rn. 26 ff. mwN[]
  9. eben­so OLG Dres­den Beschluss vom 18.06.2015 22 UF 165/​15 juris; Johannsen/​Henrich/​Holzwarth Fami­li­en­recht 6. Aufl. § 43 VersAus­glG Rn. 36; Borth Ver­sor­gungs­aus­gleich 7. Aufl. Rn. 366; FAKomm-Fam­R/Wick 5. Aufl. § 43 VersAus­glG Rn. 46; Erman/​Norpoth BGB 14. Aufl. § 43 VersAus­glG Rn. 23, 31; vgl. auch Glockner/​Hoenes/​Weil Der Ver­sor­gungs­aus­gleich 2. Aufl. § 5 Rn. 57; aA Reh­bein in Götsche/​Rehbein/​Breuers Ver­sor­gungs­aus­gleichs­recht § 43 Rn. 48[]