Ver­sor­gungs­aus­gleich – und die Abschaf­fung des Rent­ner­pri­vi­legs

Die Abschaf­fung des soge­nann­ten Rent­ner­pri­vi­legs im Rah­men der zum 1.09.2009 in Kraft getre­te­nen Struk­tur­re­form des Ver­sor­gungs­aus­gleichs ist nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­fas­sungs­ge­mäß. Die frü­he­re Rechts­la­ge, nach der die Kür­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge bei der aus­gleichs­pflich­ti­gen Per­son an den tat­säch­li­chen Beginn des Ren­ten­be­zugs bei der aus­gleichs­be­rech­tig­ten Per­son gekop­pelt wur­de, war ver­fas­sungs­recht­lich zwar ver­tret­bar, aber nicht gebo­ten.

Ver­sor­gungs­aus­gleich – und die Abschaf­fung des Rent­ner­pri­vi­legs

Die gesetz­li­che Rege­lung[↑]

Der Ver­sor­gungs­aus­gleich dient dem Zweck, die ver­schie­den hohen Ren­ten­an­wart­schaf­ten für die Alters­ren­te, die die Ehe­part­ner wäh­rend der Ehe erwor­ben haben, aus­zu­glei­chen. Er ist geprägt von dem Grund­satz des sofor­ti­gen und end­gül­ti­gen Voll­zugs.

In Aus­nah­me die­ses Grund­sat­zes bestimm­te § 55c Abs. 1 Satz 2 SVG in der bis zum 31.08.2009 gel­ten­den Fas­sung, dass Kür­zun­gen des Ruhe­ge­halts des aus­gleichs­pflich­ti­gen Ehe­gat­ten auf­grund des Ver­sor­gungs­aus­gleichs erst zu dem Zeit­punkt voll­zo­gen wur­den, in dem der durch den Ver­sor­gungs­aus­gleich berech­tig­te Ehe­gat­te sei­ner­seits eine Ren­te bezog und dadurch von dem Ver­sor­gungs­aus­gleich real pro­fi­tier­te. In der Zwi­schen­zeit erhielt der aus­gleichs­pflich­ti­ge Ehe­gat­te wei­ter­hin sein unge­kürz­tes Ruhe­ge­halt. § 55c Abs. 1 SVG lau­te­te:

"(1) Sind Anwart­schaf­ten in einer gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nach § 1587b Absatz 2 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs durch Ent­schei­dung des Fami­li­en­ge­richts begrün­det wor­den, wer­den nach Wirk­sam­keit die­ser Ent­schei­dung die Ver­sor­gungs­be­zü­ge des ver­pflich­te­ten Ehe­gat­ten und sei­ner Hin­ter­blie­be­nen nach Anwen­dung von Ruhens, Kür­zungs- und Anrech­nungs­vor­schrif­ten um den nach Absatz 2 oder 3 berech­ne­ten Betrag gekürzt. Das Ruhe­ge­halt, das der ver­pflich­te­te Ehe­gat­te im Zeit­punkt der Wirk­sam­keit der Ent­schei­dung des Fami­li­en­ge­richts über den Ver­sor­gungs­aus­gleich erhält, wird erst gekürzt, wenn aus der Ver­si­che­rung des berech­tig­ten Ehe­gat­ten eine Ren­te zu gewäh­ren ist. Das einer Voll­wai­se zu gewäh­ren­de Wai­sen­geld wird nicht gekürzt, wenn nach dem Recht der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­run­gen die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung einer Wai­sen­ren­te aus der Ver­si­che­rung des berech­tig­ten Ehe­gat­ten nicht erfüllt sind."

Ent­spre­chen­de Rege­lun­gen fan­den sich für die gesetz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung in § 101 Abs. 3 Sechs­tes Buch Sozi­al­ge­setz­buch (SGB VI) sowie für Beam­te und Rich­ter in § 57 Abs. 1 des Geset­zes über die Ver­sor­gung der Beam­ten und Rich­ter des Bun­des (Beam­ten­ver­sor­gungs­ge­setz – BeamtVG).

Durch das Gesetz zur Struk­tur­re­form des Ver­sor­gungs­aus­gleichs (VAStrRefG) vom 03.04.2009 1 wur­de die­ses soge­nann­te Rent­ner- bezie­hungs­wei­se Pen­sio­nis­ten­pri­vi­leg – zum 1. Sep­tem­ber 2009 – mit Aus­nah­me von Über­gangs­fäl­len – abge­schafft. § 55c Abs. 1 SVG lau­tet in der seit dem 1. Sep­tem­ber 2009 gel­ten­den Fas­sung nun­mehr:

"(1) Sind durch Ent­schei­dung des Fami­li­en­ge­richts

  1. Anwart­schaf­ten in einer gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nach § 1587b Absatz 2 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs in der bis zum 31.08.2009 gel­ten­den Fas­sung oder
  2. Anrech­te nach dem Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ge­setz vom 03.04.2009 2

über­tra­gen oder begrün­det wor­den, wer­den nach Wirk­sam­keit die­ser Ent­schei­dung die Ver­sor­gungs­be­zü­ge der aus­gleichs­pflich­ti­gen Per­son und ihrer Hin­ter­blie­be­nen nach Anwen­dung von Ruhens, Kür­zungs- und Anrech­nungs­vor­schrif­ten um den nach Absatz 2 oder Absatz 3 berech­ne­ten Betrag gekürzt. Das Ruhe­ge­halt, das der ver­pflich­te­te Ehe­gat­te im Zeit­punkt der Wirk­sam­keit der Ent­schei­dung des Fami­li­en­ge­richts über den Ver­sor­gungs­aus­gleich erhält, wird erst gekürzt, wenn aus der Ver­si­che­rung des berech­tig­ten Ehe­gat­ten eine Ren­te zu gewäh­ren ist; dies gilt nur, wenn der Anspruch auf Ruhe­ge­halt vor dem 1.09.2009 ent­stan­den und das Ver­fah­ren über den Ver­sor­gungs­aus­gleich zu die­sem Zeit­punkt ein­ge­lei­tet wor­den ist. Das einer Voll­wai­se zu gewäh­ren­de Wai­sen­geld wird nicht gekürzt, wenn nach dem Recht der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­run­gen die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung einer Wai­sen­ren­te aus der Ver­si­che­rung des berech­tig­ten Ehe­gat­ten nicht erfüllt sind."

Der Aus­gangs­sach­ver­halt[↑]

Der Beschwer­de­füh­rer wur­de im März 1956 gebo­ren und bezieht seit April 2009 Ruhe­ge­halt nach dem Sol­da­ten­ver­sor­gungs­ge­setz. Sei­ne im April 1958 gebo­re­ne Ehe­frau ist als Arzt­hel­fe­rin berufs­tä­tig. Die im Febru­ar 1978 geschlos­se­ne Ehe des Beschwer­de­füh­rers wur­de im Jahr 2011 geschie­den. Zugleich wur­de der Ver­sor­gungs­aus­gleich durch­ge­führt. Jeweils im Wege der inter­nen Tei­lung wur­de zu Las­ten des Anrechts der Ehe­frau bei der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung Bund ein Anrecht für den Beschwer­de­füh­rer und zu Las­ten des Anrechts des Beschwer­de­füh­rers bei der Wehr­be­reichs­ver­wal­tung West ein Anrecht für die Ehe­frau begrün­det. Die Wehr­be­reichs­ver­wal­tung West kürz­te das Ruhe­ge­halt des Beschwer­de­füh­rers um monat­lich 977, 76 €. Im Hin­blick auf den vor­ge­zo­ge­nen Ruhe­stand des Beschwer­de­füh­rers und die Tat­sa­che, dass er aus dem ihm über­tra­ge­nen Anrecht der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung noch kei­ne Ren­te erhal­ten kann, setz­te das Amts­ge­richt die Kür­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge des Beschwer­de­füh­rers gemäß §§ 35 und 36 Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ge­setz (VersAus­glG) in Höhe von 278, 98 € teil­wei­se aus. Auf­grund der Ver­pflich­tung des Beschwer­de­füh­rers, sei­ner Ehe­frau nach­ehe­li­chen Unter­halt zu zah­len, setz­te das Amts­ge­richt die Kür­zung gemäß §§ 33, 34 VersAus­glG ab März 2011 in Höhe von (wei­te­ren) 350, 00 EUR monat­lich aus, lehn­te einen wei­ter­ge­hen­den Antrag auf voll­stän­di­ge Aus­set­zung der Kür­zung aber ab. Die hier­ge­gen gerich­te­te Beschwer­de wies das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le zurück 3. Gegen die­sen Beschluss rich­tet sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­de.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men, da ihr kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung im Sin­ne des § 93a Abs. 2 Buch­sta­be a BVerfGG zukommt. Die maß­geb­li­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Fra­gen sind in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts geklärt. Die Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist auch nicht zur Durch­set­zung der in § 90 Abs. 1 BVerfGG genann­ten Rech­te ange­zeigt (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be b BVerfGG), da die Ver­fas­sungs­be­schwer­de kei­ne hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg hat. Sie ist jeden­falls unbe­grün­det.

Rent­ner­pri­vi­leg und Eigen­tums­ga­ran­tie[↑]

Nach § 55c Abs. 1 Satz 1 SVG in der seit dem 1.09.2009 gel­ten­den Fas­sung sind die Ver­sor­gungs­be­zü­ge eines aus­gleichs­pflich­ti­gen Ehe­gat­ten ab dem Zeit­punkt der Wirk­sam­keit der den Ver­sor­gungs­aus­gleich regeln­den fami­li­en­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung zu kür­zen. Eine Aus­set­zung die­ser Kür­zung ist – von der Über­gangs­re­ge­lung des § 55c Abs. 1 Satz 2 SVG abge­se­hen – nur in den Gren­zen der Bestim­mun­gen der §§ 32 ff. VersAus­glG vor­ge­se­hen. Der aus­gleichs­pflich­ti­ge Ehe­gat­te erhält danach bei Ein­tritt in den Ruhe­stand grund­sätz­lich nur noch um den Ver­sor­gungs­aus­gleich gekürz­te Ruhe­stands­be­zü­ge, und zwar unab­hän­gig davon, ob der aus­gleichs­be­rech­tig­te Ehe­gat­te sei­ner­seits schon eine Ren­te bezieht oder nicht.

Der Ver­sor­gungs­aus­gleich führt damit zu Kür­zun­gen der durch Art. 14 Abs. 1 GG geschütz­ten Ver­sor­gungs­be­zü­ge und Anwart­schaf­ten des aus­gleichs­pflich­ti­gen Ehe­gat­ten und zur Über­tra­gung ent­spre­chen­der eigen­stän­di­ger Anrech­te auf den aus­gleichs­be­rech­tig­ten Ehe­gat­ten. Die Rege­lun­gen über den Ver­sor­gungs­aus­gleich bestim­men dabei in mit dem Grund­ge­setz grund­sätz­lich ver­ein­ba­rer Wei­se Inhalt und Schran­ken des ver­fas­sungs­recht­li­chen Eigen­tums an Ren­ten und Ver­sor­gungs­an­wart­schaf­ten 4. Ins­be­son­de­re das Prin­zip des sofor­ti­gen und end­gül­ti­gen Voll­zugs des Ver­sor­gungs­aus­gleichs ist ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich 5.

Auch ist es ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­sig, die Kür­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge nicht an den tat­säch­li­chen Beginn des Ren­ten­be­zugs des aus­gleichs­be­rech­tig­ten Ehe­gat­ten zu kop­peln. Dass der Gesetz­ge­ber das Prin­zip des sofor­ti­gen und end­gül­ti­gen Voll­zugs des Ver­sor­gungs­aus­gleichs mit der Ein­füh­rung des Rent­ner- bezie­hungs­wei­se Pen­sio­nis­ten­pri­vi­legs zunächst selbst teil­wei­se durch­bro­chen hat­te, war ver­fas­sungs­recht­lich zwar ver­tret­bar, aber nicht gebo­ten 6. Der Gedan­ke, die spür­ba­re Kür­zung bei der aus­gleichs­pflich­ti­gen Per­son müs­se sich, um mit Art. 14 Abs. 1 GG ver­ein­bar zu sein, für die aus­gleichs­be­rech­tig­te Per­son ange­mes­sen aus­wir­ken 7, steht der Kür­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge vor dem tat­säch­li­chen Beginn des Ren­ten­be­zugs des aus­gleichs­be­rech­tig­ten Ehe­gat­ten bereits des­halb nicht ent­ge­gen, weil die Tei­lung des Anrechts der aus­gleichs­pflich­ti­gen Per­son hier unver­min­dert ihren Zweck erfüllt, der ver­sor­gungs­aus­gleichs­be­rech­tig­ten Per­son ein eigen­stän­di­ges Ver­sor­gungs­an­recht zu ver­schaf­fen. Bezieht die aus­gleichs­pflich­ti­ge Per­son zu einem frü­he­ren Zeit­punkt eine Ver­sor­gung als die aus­gleichs­be­rech­tig­te Per­son, ist die Ren­te der pflich­ti­gen Per­son zwar bereits ver­sor­gungs­aus­gleichs­be­dingt gekürzt, bevor die berech­tig­te Per­son Leis­tun­gen aus dem ihr über­ge­gan­ge­nen Anrecht bezieht, so dass sich die Kür­zung bei der ver­pflich­te­ten Per­son vor­über­ge­hend noch nicht in der Aus­zah­lung von Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen an die berech­tig­te Per­son nie­der­schlägt. Dies beruht jedoch auf der Ver­selb­stän­di­gung der Ver­sor­gungs­an­rech­te, die infol­ge der aus­gleichs­be­ding­ten Tei­lung je eigen­stän­di­gen, von­ein­an­der unab­hän­gi­gen Ver­si­che­rungs­ver­läu­fen fol­gen. Anders als beim unge­teil­ten Anrecht im Fal­le des Fort­be­stands der Ehe begin­nen die Leis­tun­gen an die Geschie­de­nen aus den geteil­ten Anrech­ten je nach Ein­tritt des Ver­si­che­rungs­falls zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten. Dabei kann der Ver­si­che­rungs­fall – wie hier – bei der aus­gleichs­pflich­ti­gen Per­son eher als bei der aus­gleichs­be­rech­tig­ten Per­son ein­tre­ten, so dass die ver­pflich­te­te Per­son eine gekürz­te Ren­te bezieht, wäh­rend die berech­tig­te Per­son aus ihrem Anrecht noch kei­ne Leis­tun­gen bezieht. Es kann aber auch umge­kehrt der Ver­si­che­rungs­fall bei der aus­gleichs­be­rech­tig­ten Per­son frü­her als bei der pflich­ti­gen Per­son ein­tre­ten, so dass die berech­tig­te Per­son aus ihrem Anrecht bereits zu einem Zeit­punkt Leis­tun­gen erhält, zu dem bei Fort­be­stand der Ehe noch kei­ne Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen erfolgt wären. Weder im einen noch im ande­ren Fall ver­fehlt die Tei­lung der Anrech­te ihren Zweck, der ver­sor­gungs­aus­gleichs­be­rech­tig­ten Per­son ein eigen­stän­di­ges Ver­sor­gungs­an­recht zu ver­schaf­fen 8.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 11. Dezem­ber 2014 – 1 BvR 1485/​12

  1. BGBl I S. 700[]
  2. BGBl. I S. 700[]
  3. OLG Cel­le, Beschluss vom 29.05.2012 – 10 UF 279/​11[]
  4. vgl. BVerfGE 53, 257, 295 ff.; BVerfG, Beschluss vom 06.05.2014 – 1 BvL 9/​12 und 1 BvR 1145/​13 39[]
  5. vgl. BVerfGE 53, 257, 301 f.[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 09.11.1995 – 2 BvR 1762/​9220 f., 27[]
  7. vgl. BVerfGE 53, 257, 302[]
  8. BVerfG, Beschluss vom 06.05.2014 – 1 BvL 9/​12 und 1 BvR 1145/​13 59[]