Ver­sor­gungs­aus­gleich und die Erwer­be aus dem Anfangs­ver­mö­gen

Aus­zu­glei­chen sind im Ver­sor­gungs­aus­gleich auch sol­che Ver­sor­gungs­an­rech­te, die mit dem Anfangs­ver­mö­gen eines Ehe­gat­ten nach Beginn der Ehe erwor­ben wur­den.

Ver­sor­gungs­aus­gleich und die Erwer­be aus dem Anfangs­ver­mö­gen

Dass der aus­gleichs­pflich­ti­ge Ehe­gat­te sein Ver­sor­gungs­an­recht wäh­rend der Ehe aus sei­nem Anfangs­ver­mö­gen erwor­ben hat, recht­fer­tigt für sich genom­men nicht den Aus­schluss des Ver­sor­gungs­aus­gleichs.

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in einem Fall, auf den gemäß § 48 Abs. 1 VersAus­glG noch das bis August 2009 gel­ten­de mate­ri­el­le Recht des Ver­sor­gungs­aus­gleichs anzu­wen­den war. Gemäß § 1587 Abs. 1 BGB aF fin­det der Ver­sor­gungs­aus­gleich in Bezug auf alle wäh­rend der Ehe­zeit mit­hil­fe des Ver­mö­gens oder der Arbeit der Ehe­gat­ten begrün­de­ten Anwart­schaf­ten statt, ohne dass das Gesetz nach der Her­kunft des Ver­mö­gens oder nach dem Zeit­punkt sei­nes Erwerbs unter­schei­det. Daher kommt es nicht dar­auf an, dass das in die Lebens­ver­si­che­run­gen ein­ge­zahl­te Kapi­tal aus einem bereits vor der Ehe­zeit erwirt­schaf­te­ten Ver­mö­gen des Antrags­geg­ners stamm­te. Nach § 1587 Abs. 1 Satz 2 BGB aF ist nur erfor­der­lich, dass das Geld, mit dem der Ehe­gat­te die Bei­trä­ge ent­rich­te­te, zu sei­nem Ver­mö­gen gehör­te, wäh­rend es auf die Her­kunft des Gel­des nicht ankommt. Ins­be­son­de­re wird nicht danach gefragt, ob es sich um Ver­mö­gen han­delt, das ein Ehe­gat­te vor oder wäh­rend der Ehe erwor­ben hat­te 1. Aus­zu­glei­chen sind im Ver­sor­gungs­aus­gleich daher auch Ver­sor­gungs­an­rech­te, die – wie hier – mit dem Anfangs­ver­mö­gen eines Ehe­gat­ten nach Beginn der Ehe erwor­ben wur­den 2.

Es lie­gen auch kei­ne Grün­de vor, die es recht­fer­ti­gen könn­ten, den Ver­sor­gungs­aus­gleich nach § 1587 c Nr. 1 BGB als grob unbil­lig aus­zu­schlie­ßen. Nach die­ser Vor­schrift fin­det der Ver­sor­gungs­aus­gleich nicht statt, soweit die Inan­spruch­nah­me des Ver­pflich­te­ten unter Berück­sich­ti­gung der bei­der­sei­ti­gen Ver­hält­nis­se, ins­be­son­de­re des bei­der­sei­ti­gen Ver­mö­gens­er­werbs wäh­rend der Ehe oder im Zusam­men­hang mit der Schei­dung, grob unbil­lig wäre. Eine grob unbil­li­ge Här­te liegt vor, wenn eine rein sche­ma­ti­sche Durch­füh­rung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs unter den beson­de­ren Gege­ben­hei­ten des kon­kre­ten Fal­les dem Grund­ge­dan­ken des Ver­sor­gungs­aus­gleichs in uner­träg­li­cher Wei­se wider­spre­chen wür­de 3. Dabei ver­bie­tet sich eine sche­ma­ti­sche Betrach­tungs­wei­se. Die gro­be Unbil­lig­keit muss sich viel­mehr wegen des Aus­nah­me­cha­rak­ters von § 1587 c Nr. 1 BGB im Ein­zel­fall aus einer Gesamt­ab­wä­gung der wirt­schaft­li­chen, sozia­len und per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se bei­der Ehe­gat­ten erge­ben 4. Ob und in wel­chem Umfang die Durch­füh­rung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs grob unbil­lig erscheint, unter­liegt grund­sätz­lich der tatrich­ter­li­chen Beur­tei­lung, die im Ver­fah­ren der Rechts­be­schwer­de nur dar­auf hin zu über­prü­fen ist, ob alle wesent­li­chen Umstän­de berück­sich­tigt wur­den und das Ermes­sen in einer dem Geset­zes­zweck ent­spre­chen­den Wei­se aus­ge­übt wor­den ist 5. Auf der Grund­la­ge die­ser ein­ge­schränk­ten Über­prü­fung ist die durch das Beschwer­de­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Abwä­gung im Ergeb­nis nicht zu bean­stan­den.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits in der Grund­satz­ent­schei­dung vom 21. März 1979 6 dar­ge­legt hat, recht­fer­tigt sich der Ver­sor­gungs­aus­gleich nicht nur aus dem Zuge­winn­aus­gleichs­ge­dan­ken, son­dern auch aus der Pflicht, die Alters­ver­sor­gung des ande­ren Ehe­gat­ten sicher­zu­stel­len. Er bewirkt, dass die wäh­rend der Ehe­zeit erwor­be­nen Ver­sor­gungs­po­si­tio­nen gemäß dem ursprüng­li­chen gemein­sa­men Zweck der bei­der­sei­ti­gen Alters­si­che­rung auf­ge­teilt wer­den, und dient so der Unter­halts­si­che­rung im Alter.

In einer intak­ten Ehe par­ti­zi­piert der ande­re Ehe­gat­te an den erwor­be­nen Ver­sor­gungs­po­si­tio­nen nach Ein­tritt des Ver­sor­gungs­falls im Rah­men der ehe­li­chen Unter­halts­ge­mein­schaft. In Über­ein­stim­mung mit die­sem Zweck­ge­dan­ken hat die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs auch schon vor der Ein­füh­rung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs durch das 01. EheRG den erwerbs­tä­ti­gen Ehe­gat­ten für ver­pflich­tet gehal­ten, nicht nur für den gegen­wär­ti­gen, son­dern ent­spre­chend sei­nen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen auch für die dau­ern­de Siche­rung des zukünf­ti­gen Unter­halts des ande­ren Ehe­gat­ten zu sor­gen; die Grund­la­ge für die­se wäh­rend der gesam­ten Ehe­zeit fort­lau­fend bestehen­de Ver­pflich­tung hat der Bun­des­ge­richts­hof in der ehe­li­chen Unter­halts­pflicht gese­hen 7. Die­ser ehe­li­chen Unter­halts­pflicht kommt der der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ange­hö­ren­de erwerbs­tä­ti­ge Ehe­gat­te durch sei­ne Pflicht­bei­trä­ge, der Beam­te durch sei­ne kon­ti­nu­ier­li­che zum Auf­bau der Beam­ten­ver­sor­gung geeig­ne­te Dienst­leis­tung und der Selb­stän­di­ge durch frei­wil­li­ge Ein­zah­lun­gen in eine pri­vat­recht­li­che Alters­ver­sor­gung nach. Die so ehe­zeit­lich begrün­de­ten Ver­sor­gungs­an­wart­schaf­ten sind dem­nach auf­grund der ehe­li­chen Unter­halts­pflicht zur Siche­rung bei­der Ehe­gat­ten bestimmt. Im Fal­le des Schei­terns der Ehe bewirkt der Ver­sor­gungs­aus­gleich, dass die wäh­rend der Ehe­zeit erwor­be­nen Ver­sor­gungs­an­wart­schaf­ten gemäß dem ursprüng­li­chen gemein­sa­men Zweck der bei­der­sei­ti­gen Alters­si­che­rung auf­ge­teilt wer­den. Der Gedan­ke der ein­mal auf Lebens­zeit ange­legt gewe­se­nen ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft und damit Ver­sor­gungs­ge­mein­schaft setzt sich gegen­über der for­ma­len Zuord­nung der Ver­sor­gungs­an­wart­schaf­ten auf nur einen Ehe­gat­ten durch. Dabei steht auch der Grund­satz, dass die wäh­rend der Ehe­zeit von einem oder gege­be­nen­falls von bei­den Ehe­gat­ten erwor­be­nen Ver­sor­gungs­an­wart­schaf­ten regel­mä­ßig ("sche­ma­tisch") zur Hälf­te auf­ge­teilt wer­den, im Ein­klang mit der Idee der ehe­li­chen Gemein­schaft (Art. 6 Abs. 1 GG), der ein rech­ne­ri­sches Abwä­gen sowohl der bei­der­sei­ti­gen Leis­tun­gen und Ver­diens­te für die Gemein­schaft als auch der Teil­ha­be an gemein­schaft­li­chen Rechts­po­si­tio­nen im all­ge­mei­nen wider­spre­chen wür­de 8.

Die­sem Grund­ge­dan­ken des Ver­sor­gungs­aus­gleichs wider­spricht es nicht, wenn im vor­lie­gen­den Fall auch die vom Antrags­geg­ner erwor­be­nen pri­vat­recht­li­chen Anrech­te in den Aus­gleich ein­be­zo­gen wer­den. Zu dem Zeit­punkt, als die Par­tei­en die Ehe schlos­sen, ord­ne­ten sie ihre wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se neu. Der Antrags­geg­ner gab sei­ne Berufs­tä­tig­keit auf, um den Lebens­un­ter­halt in der Fol­ge­zeit aus sei­nem Ver­mö­gen zu bestrei­ten. Die Antrag­stel­le­rin trug mit ihrem Ein­kom­men zum lau­fen­den Lebens­un­ter­halt bei. Bei­de Ehe­gat­ten ver­äu­ßer­ten jeweils in ihrem Eigen­tum ste­hen­de Immo­bi­li­en. Wei­te­re Ver­mö­gens­dis­po­si­tio­nen wur­den getrof­fen, zu denen der gemein­sa­me Erwerb einer Woh­nung in Spa­ni­en eben­so gehör­te wie die Umschich­tung und der Neu­ab­schluss von Lebens­ver­si­che­run­gen, die auf den Antrags­geg­ner als Ver­si­cher­ten genom­men wur­den und für die teil­wei­se der Antrag­stel­le­rin ein unwi­der­ruf­li­ches Bezugs­recht auf den Todes­fall ein­ge­räumt wur­de. Nach dem Leit­ge­dan­ken der auf Lebens­zeit ange­leg­ten ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft soll­ten die­se Geld­an­la­gen der gemein­sa­men Unter­halts­si­che­rung im Alter die­nen. Mit dem dafür auf­ge­wen­de­ten Kapi­tal erbrach­te der Antrags­geg­ner eben­so eine ehe­li­che Unter­halts­leis­tung wie die Antrag­stel­le­rin mit den von ihr zur Ver­wirk­li­chung der ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft geleis­te­ten Bei­trä­gen. Dar­auf, dass der Antrags­geg­ner die Anwart­schaf­ten durch Ein­mal­zah­lun­gen über­wie­gend zu Beginn der Ehe anstel­le durch ratier­li­che Ein­zah­lun­gen im Lau­fe der annä­hernd zehn­jäh­ri­gen Ehe­zeit erwarb, kommt es nicht an.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. März 2011 – XII ZB 54/​09

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 29.02.1984 – IVb ZB 887/​81, Fam­RZ 1984, 570, 571; KG Fam­RZ 1996, 1552, 1553; Borth Ver­sor­gungs­aus­gleich 4. Aufl. Rn. 57; Gernhuber/​CoesterWaltjen Fami­li­en­recht 05. Aufl. § 28 Rn. 19; Staudinger/​Rehme BGB [2004] § 1587 Rn. 25; MünchKommBGB/​Dörr 4. Aufl. § 1587 Rn. 23[]
  2. OLG Nürn­berg Fam­RZ 2005, 1256; Schwab/​Hahne Hand­buch des Schei­dungs­rechts 5. Aufl. Teil VI Rn. 29[]
  3. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 25.06.2008 – XII ZB 163/​06, Fam­RZ 2008, 1836; vom 11.09. 2007 – XII ZB 107/​04, Fam­RZ 2007, 1964[]
  4. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 29.03.2006 – XII ZB 2/​02, Fam­RZ 2006, 769, 770; BVerfG Fam­RZ 2003, 1173, 1174; Palandt/​Brudermüller BGB 68. Aufl. § 1587 c Rn. 19, 25[]
  5. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 11.09. 2007 – XII ZB 107/​04, Fam­RZ 2007, 1964; vom 29.03.2006 – XII ZB 2/​02, Fam­RZ 2006, 769, 770; vom 25.05.2005 – XII ZB 135/​02, Fam­RZ 2005, 1238[]
  6. BGHZ 74, 38, 45 ff. = Fam­RZ 1979, 477, 479 ff.[]
  7. BGHZ 74, 38, 46 = Fam­RZ 1979, 477, 479; BGH, Urtei­le vom 03.12.1951 – III ZR 68/​51, VersR 1952, 97; vom 26.05.1954 – VI ZR 69/​53, VersR 1954, 325; und vom 29.04.1960 – VI ZR 51/​59, Fam­RZ 1960, 225[]
  8. BGHZ 74, 38, 46 f., 51 = Fam­RZ 1979, 477, 479 ff.[]