Ver­sor­gungs­aus­gleich – und die gericht­lich gesetz­te Frist zur Wahl eines Zielversorgungsträgers

Bei der Frist zur Wahl eines Ziel­ver­sor­gungs­trä­gers nach § 222 Abs. 1 FamFG han­delt es sich um kei­ne Aus­schluss­frist son­dern um eine Frist, die der För­de­rung des Ver­fah­rens dient.

Ver­sor­gungs­aus­gleich – und die gericht­lich gesetz­te Frist zur Wahl eines Zielversorgungsträgers

Es wird in der Lite­ra­tur kon­tro­vers dis­ku­tiert, ob es sich bei der Frist gem. § 222 Abs. 2 FamFG um eine Aus­schluss­frist han­delt1. Dabei wird danach unter­schie­den, ob es sich um eine mate­ri­ell-recht­li­che oder pro­zes­sua­le Aus­schluss­frist han­delt2. Läge eine mate­ri­ell recht­li­che Aus­schluss­frist vor, wür­de bei Nicht­ein­hal­tung der Frist ein Rechts­ver­lust ein­tre­ten. Pro­zes­sua­le Aus­schluss­fris­ten kön­nen dage­gen nur den Ver­lust pro­zes­sua­ler Rech­te bewir­ken. Damit tritt zwar kein mate­ri­el­ler Rechts­ver­lust ein, die Ansprü­che sind jedoch gericht­lich nicht mehr durch­setz­bar. Mate­ri­el­le Aus­schluss­fris­ten kön­nen einen mate­ri­ell recht­li­chen Rechts­ver­lust bewirken.

Läge eine Aus­schluss­frist vor, müss­te jeden­falls das Wahl­recht inner­halb der Frist aus­ge­übt sein mit der Fol­ge, dass eine nach­träg­li­che Wahl aus­ge­schlos­sen wäre3. Dann müss­te aber auch die Zustim­mung des Ziel­ver­sor­gungs­trä­gers inner­halb der Frist ein­ge­holt sein; andern­falls wür­de § 15 Abs. 5 VersAus­glG zur Anwen­dung kom­men, so dass der gesetz­li­che Auf­fang­ver­sor­gungs­trä­ger bei der exter­nen Tei­lung eines betrieb­li­chen Anrechts – mit­hin die Ver­sor­gungs­aus­gleichs­kas­se – Ziel­ver­sor­gungs­trä­ger wäre4. Höchst­rich­ter­lich wur­de die Fra­ge bis­lang nicht ent­schie­den. Der BGH hat in einer Ent­schei­dung zwar den Begriff „Aus­schluss­frist“ ver­wen­det5, was aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung, die die Fol­gen der Frist­ver­säum­nis indes nicht benennt, der Absicht des Gesetz­ge­bers ent­spre­chen könn­te6. Die Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­ho­fes befasst sich unter ande­rem damit, ob das Fami­li­en­ge­richt nach § 222 Abs. 2 FamFG ver­pflich­tet ist, der aus­gleichs­be­rech­tig­ten Per­son eine Frist zu setzen.

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Hier­zu führt der Bun­des­ge­richts­hof aus, es erschei­ne zwei­fel­haft, ob das Gericht gene­rell dazu ver­pflich­tet ist, den betref­fen­den Betei­lig­ten (Aus­schluss-) Fris­ten nach § 222 Abs. 1 FamFG zu set­zen. In jedem Fal­le habe das Gericht im Hin­blick auf die Aus­übung der Wahl­rech­te sei­ne Pflich­ten zur Ver­fah­rens­lei­tung zu beach­ten, wonach es ins­be­son­de­re dar­auf hin­zu­wir­ken habe, dass sich die Betei­lig­ten recht­zei­tig über alle erheb­li­chen Tat­sa­chen erklä­ren und unge­nü­gen­de tat­säch­li­che Anga­ben ergän­zen (§ 28 Abs. 1 Satz 1 FamFG). Auch zur Wah­rung recht­li­chen Gehörs wer­de daher auf eine Frist­set­zung aus­nahms­wei­se nur dann ver­zich­tet wer­den kön­nen, wenn sich das Gericht vor sei­ner Ent­schei­dung ander­wei­tig dar­über Gewiss­heit ver­schaf­fen konn­te, ob und gege­be­nen­falls in wel­cher Wei­se die betref­fen­den Betei­lig­ten von ihren Wahl­rech­ten Gebrauch machen wer­den7. Die­se Aus­füh­run­gen legen nahe, die Frist­set­zung als Instru­ment der För­de­rung des Ver­fah­rens anzu­se­hen. Auch lässt sich der Geset­zes­be­grün­dung nicht ent­neh­men, wel­che Fol­gen einer Frist­ver­säum­nis bei­gemes­sen wer­den soll­te, da die­se sich ledig­lich mit der Frist­set­zung nicht indes mit den Fol­gen der Frist­ver­säum­nis befasst8.

Nach der in der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ver­tre­ten­den Auf­fas­sung, der sich das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg hier anschließt, han­delt es dage­gen ledig­lich um eine Frist, die der För­de­rung des Ver­fah­rens dient9. Gegen die Annah­me einer Aus­schluss­frist spricht Sinn und Zweck der Rege­lung. Ziel der Vor­schrift ist es, dem Gericht ein Mit­tel an die Hand zu geben, um die Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­ren als „Mas­se­ver­fah­ren“ der Fami­li­en­ge­rich­te effek­tiv füh­ren zu kön­nen10. Die Wahl kann mit­hin man­gels Prä­k­lu­si­ons­wir­kung in der Beschwer­de­instanz nach­ge­holt bzw. ein unvoll­stän­dig aus­ge­üb­tes Wahl­recht ver­voll­stän­digt wer­den11.

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Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg, Beschluss vom 8. Okto­ber 2019 – 11 UF 148/​19

  1. vgl. aus­führ­lich zum Sach- und Streit­stand: Norpoth/​Sasse in: Erman, BGB, 15. Aufl.2017, § 15 VersAus­glG Rn. 2 m.w.N.[]
  2. vgl. hier­zu Münch­Komm-FamF­G/Stein, 3. Aufl.2018, FamFG § 222 Rn. 23 m.w.N.[]
  3. vgl. Lorenz in: Zöl­ler, Zivil­pro­zess­ord­nung, 32. Aufl.2018, § 222 FamFG Rn. 6[]
  4. vgl. aus­führ­lich zum Sach- und Streit­stand: Norpoth/​Sasse a.a.O. § 15 VersAus­glG Rn. 2 m.w.N.[]
  5. BGH FamRZ 2013, 773 Rn 17[]
  6. BT-Drs 16/​10144, 95[]
  7. BGH a.a.O.[]
  8. BT Drs. 16/​10144, S. 95[]
  9. KG Ber­lin v. 12.02.2014 – 17 UF 155/​13, FamRZ 2014, 1114 7ff; OLG Karls­ru­he v. 05.08.2015 – 16 UF 130/​15, FamRZ 2016, 1167, Rn. 24; OLG Nürn­berg v. 15.12.2016 – 11 UF 1479/​14, FamRZ 2017, 873 51[]
  10. vgl. Sie­de in: Mün­che­ner Kom­men­tar zum BGB, 7. Auf­la­ge 2017, § 15 VersAus­glG Rn. 21.[]
  11. Sie­de a.a.O.; vgl. Kei­del, FamFG, 19. Auf­la­ge, § 222 Rn. 5a, beck-online[]