Ver­zicht auf nach­ehe­li­chen Unter­halt

Dem Unter­halt wegen Alters und Krank­heit (§§ 1571, 1572 BGB) misst das Gesetz als Aus­druck nach­ehe­li­cher Soli­da­ri­tät zwar beson­de­re Bedeu­tung bei, was eine Dis­po­si­ti­on über die­se Unter­halts­an­sprü­che jedoch nicht schlecht­hin aus­schließt. Das ergibt sich in der Regel schon dar­aus, dass im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses für die Par­tei­en noch nicht abseh­bar war, ob, wann und unter wel­chen wirt­schaft­li­chen Gege­ben­hei­ten der ver­zich­ten­de Ehe­gat­te wegen Alters oder Krank­heit unter­halts­be­dürf­tig wer­den könn­te 1.

Ver­zicht auf nach­ehe­li­chen Unter­halt

Auch wenn bei Abschluss eines "Kri­sen-Ehe­ver­tra­ges" 2 eher damit gerech­net wer­den muss, dass des­sen belas­ten­de Rege­lun­gen in dem nun­mehr tat­säch­lich dro­hen­den Fall des Schei­terns der Ehe zum Tra­gen kom­men kön­nen, erge­ben sich unter den hier obwal­ten­den Umstän­den gegen den Aus­schluss die­ser Unter­halts­an­sprü­che unter dem Gesichts­punkt der Wirk­sam­keits­kon­trol­le nach § 138 Abs. 1 BGB kei­ne Beden­ken:

Vor­lie­gend war im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses die sei­ner­zeit 48jährige Antrags­geg­ne­rin noch weit von den gesetz­li­chen Regel­al­ters­gren­zen ent­fernt und unter­lag auch kei­nen gesund­heit­li­chen Erwerbs­ein­schrän­kun­gen. Es war des­halb schon in Hin­blick auf die Ein­satz­zeit­punk­te zwei­fel­haft, ob die Antrags­geg­ne­rin nach einer Schei­dung über­haupt Unter­halts­an­sprü­che wegen Alters oder Krank­heit nach §§ 1571, 1572 BGB haben wür­de. Zudem ver­füg­te die Antrags­geg­ne­rin im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses im Jah­re 2007 nach ihren eige­nen Anga­ben über ein aus Erb­schaf­ten und fami­liä­ren Zuwen­dun­gen zwi­schen 1995 und 2007 her­rüh­ren­des Pri­vat­ver­mö­gen in Höhe von rund 115.000 €.

Berück­sich­tigt man dane­ben den ehe­be­ding­ten Erwerb des Wert­pa­pier­ver­mö­gens in Höhe von 130.000 €, die im Ehe­ver­trag zuge­sag­te Über­las­sung der las­ten­frei­en Eigen­tums­woh­nung und (für den Alters­un­ter­halt) die spä­te­ren Ein­künf­te aus der als zusätz­li­che Alters­vor­sor­ge ein­ge­rich­te­ten pri­va­ten Ren­ten­ver­si­che­rung, kann auch nicht ohne wei­te­res davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Antrags­geg­ne­rin im Fal­le von Alter oder Krank­heit ohne Unter­halts­zah­lun­gen des Antrag­stel­lers einer wirt­schaft­li­chen Not­la­ge anheim­ge­fal­len wäre und der Unter­halts­ver­zicht aus die­sem Grun­de mit dem Gebot der ehe­li­chen Soli­da­ri­tät schlecht­hin unver­ein­bar wäre.

Den Unter­halt wegen Erwerbs­lo­sig­keit (§ 1573 Abs. 1 BGB) und den Auf­sto­ckungs­un­ter­halt (§ 1573 Abs. 2 BGB) ord­net der Bun­des­ge­richts­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung grund­sätz­lich nicht dem Kern­be­reich der Schei­dungs­fol­gen zu 3. Den­noch kön­nen die­se Unter­halts­tat­be­stän­de im Ein­zel­fall mit Rück­sicht auf das von den Ehe­leu­ten beab­sich­tig­te oder bei Ver­trags­schluss bereits geleb­te Ehe­mo­dell im Zusam­men­hang mit dem Aus­gleich von ehe­be­ding­ten Nach­tei­len im beruf­li­chen Fort­kom­men des durch den Ver­zicht belas­te­ten Ehe­gat­ten Bedeu­tung gewin­nen 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Janu­ar 2014 – XII ZB 303/​13

  1. BGH, Urtei­le vom 12.01.2005 XII ZR 238/​03 Fam­RZ 2005, 691, 692; und vom 28.11.2007 XII ZR 132/​05 Fam­RZ 2008, 582 Rn. 22[]
  2. Berg­schnei­der Ver­trä­ge in Fami­li­en­sa­chen 4. Aufl. Rn. 9[]
  3. grund­le­gend BGH, Urteil BGHZ 158, 81, 97 f., 105 f. = Fam­RZ 2004, 601, 605, 607[]
  4. BGH, Urteil vom 28.11.2007 XII ZR 132/​05 Fam­RZ 2008, 582 Rn. 23; vgl. auch Eickel­berg RNotZ 2009, 1, 27[]