Voll­streck­bar­er­klä­rung exe­qua­tur­be­dürf­ti­ger Unter­halts­ti­tel – und die Abän­de­rung im Ursprungs­land

Auch im Ver­fah­ren der Voll­streck­bar­er­klä­rung exe­qua­tur­be­dürf­ti­ger Unter­halts­ti­tel nach Kapi­tel – IV Abschnitt 2 der Euro­päi­schen Unter­halts­ver­ord­nung haben die mit einem Rechts­be­helf nach Art. 32 oder Art. 33 EuUnth­VO befass­ten Gerich­te bis zum rechts­kräf­ti­gen Abschluss des Exe­qua­tur­ver­fah­rens unein­ge­schränkt zu prü­fen, ob und gege­be­nen­falls inwie­weit die aus­län­di­sche Ent­schei­dung im Ursprungs­staat bereits auf­ge­ho­ben oder abge­än­dert wor­den ist.

Voll­streck­bar­er­klä­rung exe­qua­tur­be­dürf­ti­ger Unter­halts­ti­tel – und die Abän­de­rung im Ursprungs­land

Die nie­der­län­di­sche Unter­halts­ent­schei­dung ist im vor­lie­gen­den Fall auf der Grund­la­ge der Vor­schrif­ten der Ver­ord­nung (EG) Nr. 4/​2009 des Rates über die Zustän­dig­keit, das anwend­ba­re Recht, die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen und die Zusam­men­ar­beit in Unter­halts­sa­chen 1 (EuUnth­VO) über die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung exe­qua­tur­be­dürf­ti­ger Titel (Kapi­tel IV Abschnit­te 2 und 3) aner­kannt und kann für voll­streck­bar erklärt wer­den.

Ist – wie hier – in einem ab dem 18.06.2011 ein­ge­lei­te­ten Ver­fah­ren über die Aner­ken­nung und Voll­streck­bar­er­klä­rung einer vor dem 18.06.2011 ergan­ge­nen und ursprüng­lich in den Anwen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung (EG) Nr. 44/​2001 des Rates über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen vom 22.12 2000 2 fal­len­den aus­län­di­schen Unter­halts­ent­schei­dung zu befin­den, ist der über­gangs­recht­li­che Anwen­dungs­be­reich von Art. 75 Abs. 2 Unter­abs. 1 lit. a EuUnth­VO betrof­fen. Das Ver­fah­ren der Voll­streck­bar­er­klä­rung rich­tet sich in sol­chen Fäl­len ins­ge­samt nach den Art. 23 ff. EuUnth­VO, und zwar unab­hän­gig davon, ob es um Unter­halts­zeit­räu­me vor dem 18.06.2011 oder danach geht 3.

Vor­lie­gend ist aller­dings die durch Ent­schei­dung der Recht­bank Gel­der­land vom 11.02.2014 in den Nie­der­lan­den erfolg­te Abän­de­rung der zu voll­stre­cken­den Ent­schei­dung der Recht­bank Arn­hem bereits im Ver­fah­ren der Voll­streck­bar­er­klä­rung zu berück­sich­ti­gen.

Die Prü­fung im Rechts­be­helfs­ver­fah­ren umfasst all die­je­ni­gen Vor­aus­set­zun­gen der Voll­streck­bar­er­klä­rung, die auch das erst­in­stanz­li­che Gericht hät­te prü­fen dür­fen 4. Dies ist in der EuUnth­VO – eben­so wie in der Brüs­sel I-VO – zwar nicht aus­drück­lich gere­gelt, ergibt sich aber not­wen­di­ger­wei­se dar­aus, dass dem Antrags­geg­ner im ers­ten Rechts­zug hier­zu kein recht­li­ches Gehör gewährt wird 5. Gegen­stand die­ser Prü­fung ist dabei ins­be­son­de­re die for­mel­le Voll­streck­bar­keit des Titels im Ursprungs­staat. Dies beruht auf dem all­ge­mei­nen Grund­satz, dass einer aus­län­di­schen Ent­schei­dung im Voll­stre­ckungs­staat kei­ne Rechts­wir­kun­gen bei­gelegt wer­den kön­nen, die sie im Ursprungs­staat selbst nicht hat 6.

Aus die­sem Grun­de hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits aus­ge­spro­chen, dass die mit den Rechts­be­hel­fen im Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren befass­ten Gerich­te bis zum rechts­kräf­ti­gen Abschluss des Exe­qua­tur­ver­fah­rens unein­ge­schränkt zu prü­fen haben, ob und gege­be­nen­falls inwie­weit die aus­län­di­sche Ent­schei­dung im Ursprungs­staat bereits auf­ge­ho­ben 7 oder abge­än­dert wor­den ist 8. Dies gilt auch für das dem Ver­fah­ren nach Art. 32 ff. Brüs­sel I‑VO nach­emp­fun­de­ne Ver­fah­ren für die Voll­streck­bar­er­klä­rung exe­qua­tur­be­dürf­ti­ger Titel nach Art. 23 ff. EuUnth­VO.

Die­se Sicht­wei­se gebie­tet im Übri­gen auch § 67 AUG, der in sei­nem Anwen­dungs­be­reich an die Stel­le von § 27 AVAG getre­ten ist. § 67 Abs. 1 AUG stellt dem Schuld­ner eines exe­qua­tur­be­dürf­ti­gen Unter­halts­ti­tels ein beson­de­res ver­ein­fach­tes Ver­fah­ren zur Ver­fü­gung, wenn das Exe­qua­tur bereits erteilt, der für voll­streck­bar erklär­te Titel im Ursprungs­staat aber auf­ge­ho­ben oder geän­dert wor­den ist und der Titel­schuld­ner "die­se Tat­sa­che in dem Ver­fah­ren zur Zulas­sung der Zwangs­voll­stre­ckung nicht mehr gel­tend machen" konn­te. Mit­hin geht auch der Gesetz­ge­ber des AUG davon aus, dass der Titel­schuld­ner schon im lau­fen­den Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren damit gehört wer­den kann, dass der aus­län­di­sche Titel wegen Auf­he­bung oder Ände­rung sei­ne Voll­streck­bar­keit im Ursprungs­staat ver­lo­ren hat 9.

Hier­aus folgt im vor­lie­gen­den Fall, dass die Ent­schei­dung der Recht­bank Arn­hem vom 24.09.2009 für den Unter­halts­zeit­raum seit dem 1.01.2014 nicht für voll­streck­bar erklärt wer­den kann, weil es ihr im Hin­blick auf die rechts­kräf­ti­ge Abän­de­rungs­ent­schei­dung der Recht­bank Gel­der­land vom 11.02.2014 inso­weit schon an der for­mel­len Voll­streck­bar­keit in den Nie­der­lan­den fehlt.

Soweit der Antrags­geg­ner nach der Ent­schei­dung der Recht­bank Gel­der­land für den Zeit­raum seit dem 1.01.2014 zur Zah­lung eines monat­li­chen Unter­halts in Höhe von jeweils 100 € für jedes Kind an die Antrag­stel­le­rin ver­pflich­tet bleibt, kommt die Ertei­lung einer Voll­stre­ckungs­klau­sel eben­falls nicht in Betracht. Denn das zur Abän­de­rung der Aus­gangs­ent­schei­dung füh­ren­de (Erkenntnis)Verfahren vor der Recht­bank Gel­der­land ist nach den vom Antrags­geg­ner vor­ge­leg­ten Unter­la­gen durch eine Antrags­schrift ("ver­zo­ek­schrift") vom 28.10.2013 und damit nach dem Inkraft­tre­ten der EuUnth­VO am 18.06.2011 ein­ge­lei­tet wor­den. Der Beschluss der Recht­bank Gel­der­land vom 11.02.2014 ist daher kein Titel, der dem Kapi­tel – IV Abschnitt 2 der EuUnth­VO unter­liegt; er ist viel­mehr wegen der dar­in ent­hal­te­nen Unter­halts­ver­pflich­tung nach Art. 17 EuUnth­VO ohne Exe­qua­tur ipso iure voll­streck­bar 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Sep­tem­ber 2015 – XII ZB 234/​15

  1. vom 18.12 2008, ABl. EU Nr. L 7 vom 10.01.2009, S. 1[]
  2. ABl. EU Nr. L 12 vom 16.01.2001, S. 1; Brüs­sel I‑VO[]
  3. OLG Karls­ru­he Fam­RZ 2014, 864; Andrae/​Schimrick in Rau­scher EuZPR/​EuIPR 4. Aufl. Art. 75 EG-Unt­VO Rn. 8; vgl. auch BGH, Beschluss BGHZ 203, 372 = Fam­RZ 2015, 479 Rn. 13[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 12.12 2007 XII ZB 240/​05 , Fam­RZ 2008, 586 Rn. 15 zur Brüs­sel I‑VO[]
  5. Münch­Komm-FamFG/­Lipp 2. Aufl. Art. 34 EuUnth­VO Rn. 6; Andrae/​Schimrick in Rau­scher EuZPR/​EuIPR 4. Aufl. Art. 34 EG-Unt­VO Rn. 2[]
  6. vgl. EuGH Urtei­le vom 13.10.2011 – C139/​10 , NJW 2011, 3506 Rn. 38 – Prism Invest­ments; und vom 28.04.2009 – C420/​07, Slg. 2009, I3571 Rn. 66 – Apos­to­li­dis[]
  7. vgl. BGH, Beschluss BGHZ 171, 310 = Fam­RZ 2007, 989 Rn. 15[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 02.03.2011 – XII ZB 156/​09 , Fam­RZ 2011, 802 Rn. 14; BGH Beschluss vom 30.04.1980 – VIII ZB 34/​78 , Fam­RZ 1980, 672, 673[]
  9. vgl. auch BGH Beschluss vom 11.03.2010 – IX ZB 94/​07 , NJW-RR 2010, 1079 Rn. 9 zu § 27 AVAG[]
  10. vgl. Wendl/​Dose Das Unter­halts­recht in der fami­li­en­rich­ter­li­chen Pra­xis 9. Aufl. § 9 Rn. 678[]