Voll­stre­ckung aus­län­di­scher Unter­halts­ti­tel

Aus­län­di­sche Unter­halts­ent­schei­dun­gen kön­nen grund­sätz­lich in einem inner­staat­li­chen Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren durch Beschluss nach § 110 Abs. 2 Satz 1 FamFG für voll­streck­bar erklärt wer­den.

Voll­stre­ckung aus­län­di­scher Unter­halts­ti­tel

Soweit aller­dings der Anwen­dungs­be­reich einer völ­ker­recht­li­chen Aner­ken­nungs- und Voll­stre­ckungs­ver­ein­ba­rung betrof­fen ist, geht die­se Kon­ven­ti­on gemäß § 97 Abs. 1 Satz 1 FamFG den Vor­schrif­ten des auto­no­men Rechts vor. Bean­sprucht die Kon­ven­ti­on jedoch selbst kei­nen abso­lu­ten Vor­rang gegen­über dem deut­schen Recht, son­dern lässt sie einen Rück­griff auf das inner­staat­li­che Recht des Voll­stre­ckungs­staa­tes zu (hier: Art. 23 des Haa­ger Über­ein­kom­men über die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Unter­halts­ent­schei­dun­gen vom 02.10.1973 1, steht auch § 97 Abs. 1 FamFG einem sol­chen Rück­griff nicht ent­ge­gen.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war das Ver­fah­ren allein dar­auf gerich­tet, die Zah­lungs­pflich­ten aus dem tür­ki­schen Schei­dungs­ur­teil auf der Grund­la­ge des auto­no­men deut­schen Rechts zur Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von aus­län­di­schen Ent­schei­dun­gen und somit im Beschluss­ver­fah­ren nach § 110 Abs. 2 Satz 1 FamFG für voll­streck­bar erklä­ren zu las­sen. Über die­sen Antrag ent­schei­det das Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges in einem kon­tra­dik­to­risch geführ­ten Haupt­sa­che­ver­fah­ren durch Beschluss. Zwar ist auch das ver­ein­fach­te Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­ren nach §§ 3 ff. AVAG, wel­ches der Aus­füh­rung der Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung aus­län­di­scher Ent­schei­dun­gen auf uni­ons­recht­li­cher oder völ­ker­ver­trag­li­cher Grund­la­ge dient, ein Beschluss­ver­fah­ren. Es wird indes­sen in ers­ter Instanz ohne Betei­li­gung des Antrags­geg­ners und damit ein­sei­tig geführt (§ 6 Abs. 1 AVAG). Einen kon­tra­dik­to­ri­schen Cha­rak­ter erlangt die­ses Ver­fah­ren erst­mals mit der Beschwer­de eines Betei­lig­ten 2.

Es ent­spricht all­ge­mei­ner Ansicht, dass auch aus­län­di­sche Unter­halts­ent­schei­dun­gen in einem FamFG-Ver­fah­ren durch Beschluss nach § 110 Abs. 2 Satz 1 FamFG für voll­streck­bar erklärt wer­den kön­nen 3. Soweit aller­dings der Anwen­dungs­be­reich einer völ­ker­recht­li­chen Ver­ein­ba­rung betrof­fen ist, geht die­se Kon­ven­ti­on gemäß § 97 Abs. 1 Satz 1 FamFG den Vor­schrif­ten des auto­no­men Rechts – hier also den §§ 98 ff. FamFG – vor. Ande­rer­seits wird das inter­na­tio­na­le Zivil­ver­fah­rens­recht durch das Güns­tig­keits­prin­zip beherrscht, weil zwi­schen­staat­li­che Abkom­men die Aner­ken­nung aus­län­di­scher Ent­schei­dun­gen erleich­tern und nicht erschwe­ren sol­len. Soweit nach die­sem Prin­zip das Kon­ven­ti­ons­recht selbst kei­nen Vor­rang gegen­über inner­staat­li­chem Recht bean­sprucht und daher den Rück­griff auf ein (aner­ken­nungs­freund­li­che­res) natio­na­les Recht grund­sätz­lich zulässt, kann auch § 97 Abs. 1 Satz 1 FamFG einem sol­chen Rück­griff nicht ent­ge­gen­ste­hen 4. Einen abso­lu­ten Vor­rang gegen­über inner­staat­li­chem Recht bean­sprucht das HUVÜ 73 nicht. Viel­mehr fin­det das Güns­tig­keits­prin­zip sei­nen aus­drück­li­chen Nie­der­schlag in Art. 23 HUVÜ 73, wonach die Vor­schrif­ten des Über­ein­kom­mens nicht aus­schlie­ßen, dass eine ande­re inter­na­tio­na­le Über­ein­kunft zwi­schen dem Ursprungs­staat und dem Voll­stre­ckungs­staat oder das nicht­ver­trag­li­che Recht des Voll­stre­ckungs­staats ange­wen­det wird, um die Aner­ken­nung oder Voll­stre­ckung einer Ent­schei­dung oder eines Ver­gleichs zu erwir­ken.

Ob aus dem Güns­tig­keits­prin­zip des Art. 23 HUVÜ 73 gleich­zei­tig folgt, dass der Berech­tig­te des aus­län­di­schen Unter­halts­ti­tels in Deutsch­land ein frei­es Wahl­recht zwi­schen einem Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­ren nach den Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen zum HUVÜ 73 einer­seits und einem Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren nach § 110 Abs. 2 Satz 1 FamFG ande­rer­seits hat 5 oder ob es für ein Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren nach inner­staat­li­chem Recht am Rechts­schutz­be­dürf­nis fehlt, wenn das ein­fa­che­re Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­ren nach den Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen zum HUVÜ 73 mit Sicher­heit zum glei­chen Erfolg füh­ren wür­de 6, braucht hier nicht wei­ter erör­tert zu wer­den. Denn das Rechts­schutz­be­dürf­nis für einen Antrag im Voll­streck­bar- erklä­rungs­ver­fah­ren nach § 110 Abs. 2 Satz 1 FamFG könn­te der Antrag­stel­le­rin unter den obwal­ten­den Umstän­den nicht abge­spro­chen wer­den. Es war gera­de strei­tig, ob die in dem Urteil des Fami­li­en­ge­richts Kar­tal vom 14.05.2008 titu­lier­ten Ent­schä­di­gungs- und Genug­tu­ungs­an­sprü­che unter­halts­recht­lich zu qua­li­fi­zie­ren sind 7 und der Anwen­dungs­be­reich des HUVÜ 73 inso­weit eröff­net war. Nach dem recht­li­chen Hin­weis des Land­ge­richts konn­te die Antrag­stel­le­rin nicht mehr davon aus­ge­hen, dass sie im ver­ein­fach­ten Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­ren nach §§ 3 ff. AVAG ohne wei­te­res Erfolg haben wür­de. Das inner­staat­li­che Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren nach § 110 Abs. 2 Satz 1 FamFG war für die Antrag­stel­le­rin des­halb auch in dem Sin­ne güns­ti­ger, dass eine Voll­streck­bar­er­klä­rung der im tür­ki­schen Schei­dungs­ur­teil titu­lier­ten Scha­den­er­satz­an­sprü­che nach inner­staat­li­chem Recht ohne Rück­sicht auf deren unter­halts­recht­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on erfol­gen konn­te 8.

Unter dem Gesichts­punkt der Meist­be­güns­ti­gung hät­te im Beschwer­de­ver­fah­ren allen­falls erör­tert wer­den kön­nen, ob das Amts­ge­richt sein Ver­fah­ren mit den sich für Fami­li­en­streit­sa­chen aus § 113 Abs. 1 FamFG erge­ben­den ver­fah­rens­recht­li­chen Modi­fi­ka­tio­nen hät­te durch­füh­ren dür­fen. Denn es ist im Ein­zel­nen strei­tig, ob das Ver­fah­ren zur Voll­streck­bar­er­klä­rung einer aus­län­di­schen Ent­schei­dung, wenn die­se nach deut­schem Rechts­ver­ständ­nis eine Fami­li­en­streit­sa­che zum Gegen­stand hat, sei­ner­seits kraft ver­fah­rens­recht­li­chen Zusam­men­hangs Fami­li­en­streit­sa­che ist 9. Wenn das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren nicht als Fami­li­en­streit­sa­che qua­li­fi­ziert wer­den könn­te, wäre die Auf­fas­sung des Beschwer­de­ge­richts, wonach die (frist­ge­rech­te) Begrün­dung der Beschwer­de kei­ne Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zung für das Rechts­mit­tel des Antrags­geg­ners sei, zumin­dest im Ergeb­nis rich­tig, weil § 117 Abs. 1 FamFG in die­sem Fall kei­ne Anwen­dung fän­de. Eine wei­te­re Befas­sung mit die­ser Fra­ge erüb­rigt sich jedoch an die­ser Stel­le, denn unab­hän­gig von der Qua­li­fi­ka­ti­on des Ver­fah­rens als Fami­li­en­streit­sa­che wäre als statt­haf­tes Rechts­mit­tel gegen die amts­ge­richt­li­che Ent­schei­dung allein die Beschwer­de nach § 58 FamFG in Fra­ge gekom­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Sep­tem­ber 2015 – XII ZB 75/​13

  1. BGBl.1986 – II S. 826), HUVÜ 73[]
  2. vgl. BGH Beschluss vom 04.02.2010 – IX ZB 57/​09 , NJW-RR 2010, 571 Rn. 7[]
  3. vgl. nur Prütting/​Helms/​Hau FamFG 3. Aufl. § 110 Rn. 16; Johannsen/​Henrich Fami­li­en­recht 6. Aufl. § 110 FamFG Rn.19; Rie­gner FPR 2013, 4, 7; Botur Fam­RZ 2010, 1860, 1863[]
  4. vgl. Prütting/​Helms/​Hau FamFG 3. Aufl. § 97 Rn. 6; Haußleiter/​Gomille FamFG § 97 Rn. 11; Münch­Komm-FamFG/­Rau­scher 2. Aufl. § 97 FamFG Rn. 6[]
  5. Wendl/​Dose Das Unter­halts­recht in der fami­li­en­rich­ter­li­chen Pra­xis 9. Aufl. § 9 Rn. 707; vgl. auch Wieczorek/​Schütze ZPO 4. Aufl. § 722 Rn. 10[]
  6. Geimer/​Schütze/​Baumann Inter­na­tio­na­ler Rechts­ver­kehr in Zivil- und Han­dels­sa­chen Band – IV Art. 23 HUVÜ 73 [Stand: Dezem­ber 1989] Anm. – III 2; Münch­Komm-ZPO/Gott­wald 3. Aufl. Art. 23 HUVÜ Rn. 3; vgl. auch KG Fam­RZ 1998, 383, 384; AG Gar­misch-Par­ten­kir­chen NJW 1971, 1235; Stein/​Jonas/​Münzberg ZPO 22. Aufl. § 722 Rn. 10; Mel­ler-Han­nich in Kind­l/­Mel­ler-Han­nich/­Wolf Das Recht der gesam­ten Zwangs­voll­stre­ckung 2. Aufl. Vor­be­mer­kung zu §§ 1 ff. AVAG Rn. 2[]
  7. vgl. dazu ein­ge­hend Wendl/​Dose Das Unter­halts­recht in der fami­li­en­rich­ter­li­chen Pra­xis 9. Aufl. § 9 Rn. 478 ff. mit Nach­wei­sen zum Streit­stand[]
  8. vgl. Prütting/​Helms/​Hau FamFG 3. Aufl. § 110 Rn. 16[]
  9. so etwa Thomas/​Putzo/​Hüßtege ZPO 35. Aufl. § 110 FamFG Rn. 5 f.; Hk-ZPO/K­em­per 6. Aufl. § 231 FamFG Rn. 6 für Unter­halts­sa­chen; dage­gen etwa Hoh­loch GS Wolf S. 429, 433[]