Voll­stre­ckung eines tür­ki­sches Urteil zum Tren­nungs­un­ter­halt

Hat das in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu voll­stre­cken­de (tür­ki­sche) Urteil nur den Tren­nungs­un­ter­halt gere­gelt, ist im Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren die Rechts­kraft der Ehe­schei­dung als Ein­wen­dung im Sin­ne von § 767 ZPO zu berück­sich­ti­gen und die Voll­streck­bar­keit auf die Zeit bis zur deren Ein­tritt zu beschrän­ken, wie jetzt der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied. [1].

Voll­stre­ckung eines tür­ki­sches Urteil zum Tren­nungs­un­ter­halt

Anwend­bar­keit des Haa­ger Über­ein­kom­mens von 1973[↑]

Nach Art. 13 des Haa­ger Über­ein­kom­mens über die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Unter­halts­ent­schei­dun­gen (HUVÜ 73) [2] rich­tet sich das Ver­fah­ren der Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung der Ent­schei­dung nach dem Recht des Voll­stre­ckungs­staa­tes, hier also nach dem deut­schen Pro­zess­recht als lex fori. Zur Aus­füh­rung zwi­schen­staat­li­cher Ver­trä­ge und zur Durch­füh­rung von Ver­ord­nun­gen und Abkom­men der Euro­päi­schen Gemein­schaft auf dem Gebiet der Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung in Zivil- und Han­dels­sa­chen hat die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land das AVAG erlas­sen, das nach sei­nem § 1 Abs. 1 Nr. 1 c auch für das HUVÜ 73 gilt.

Das Haa­ger Über­ein­kom­men über die inter­na­tio­na­le Gel­tend­ma­chung der Unter­halts­an­sprü­che von Kin­dern und ande­ren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen vom 23. Novem­ber 2007 ist hin­ge­gen nicht anwend­bar, weil es nach sei­nem Art. 60 erst am Tage des Monats in Kraft tritt, der auf einen Zeit­ab­schnitt von drei Mona­ten nach der Hin­ter­le­gung der zwei­ten Ratifikations‑, Annah­me- oder Geneh­mi­gungs­ur­kun­de durch einen Mit­glied­staat folgt. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen noch nicht vor, da bis­lang ledig­lich die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka das Über­ein­kom­men rati­fi­ziert haben. Nach Art. 56 fin­det das Über­ein­kom­men nur auf sol­che Ersu­chen Anwen­dung, die nach sei­nem Inkraft­tre­ten in den betei­lig­ten Län­dern ein­ge­gan­gen sind.

Ein­wen­dun­gen im Rah­men der Voll­streck­bar­er­klä­rung[↑]

Nach Art. 12 HUVÜ 73 darf eine aus­län­di­sche Ent­schei­dung im Rah­men der Voll­streck­bar­er­klä­rung nicht auf ihre Gesetz­mä­ßig­keit nach­ge­prüft wer­den, sofern das Über­ein­kom­men nicht etwas ande­res bestimmt. Aller­dings kann der Unter­halts­pflich­ti­ge mit sei­ner Beschwer­de nach § 12 Abs. 1 AVAG auch rechts­ver­nich­ten­de und rechts­hem­men­de Ein­wen­dun­gen im Sin­ne des § 767 Abs. 1 ZPO gegen den titu­lier­ten Anspruch gel­tend machen, sofern die Rechts­kraft des aus­län­di­schen Urteils unbe­rührt bleibt und die Grün­de, auf denen sie beru­hen, erst nach Erlass der aus­län­di­schen Ent­schei­dung ent­stan­den sind; ein Ver­stoß gegen den Grund­satz des Ver­bots der révi­si­on au fond liegt dann nicht vor [3].

Urteil wegen Tren­nungs­un­ter­halt[↑]

Das gilt auch, wenn der Unter­halts­schuld­ner die rechts­ver­nich­ten­de Ein­wen­dung im Sin­ne des § 767 ZPO vor­trägt, der Unter­halts­ti­tel erstre­cke sich von vorn­her­ein nur auf den Tren­nungs­un­ter­halt und nicht auf den nach­ehe­li­chen Unter­halt [4]. Weil der Titel nach der Ein­wen­dung des Unter­halts­schuld­ners dann schon von Beginn an ent­spre­chend begrenzt ist, bedarf es kei­ner nach­träg­li­chen Ände­rung der Ver­hält­nis­se, son­dern die rechts­kräf­ti­ge Ehe­schei­dung bringt den Titel zum Erlö­schen [5]. Um eine sol­che Ein­wen­dung han­delt es sich hier.

Voll­stre­ckungs­hin­der­nis­se[↑]

Dar­über hin­aus darf eine in der ers­ten Instanz nach § 6 AVAG ohne Anhö­rung des Antrags­geg­ners ange­ord­ne­te Voll­streck­bar­er­klä­rung im Rechts­mit­tel­ver­fah­ren nach § 11 AVAG (Beschwer­de) und § 15 (Rechts­be­schwer­de) AVAG ledig­lich auf Voll­stre­ckungs­hin­der­nis­se nach Art. 5 HUVÜ 73 über­prüft wer­den. Sol­che Voll­stre­ckungs­hin­der­nis­se hat das Ober­lan­des­ge­richt auf der Grund­la­ge des ein­ge­schränk­ten Inhalts der zu voll­stre­cken­den Ent­schei­dung im Ergeb­nis zu Recht ver­neint.

Tren­nungs­un­ter­halt und nach­ehe­li­cher Unter­halt im tür­ki­schen Recht[↑]

Der tür­ki­sche Unter­halts­ti­tel wirkt auch nicht als sol­cher über den nach­ehe­li­chen Unter­halt über die Rechts­kraft der Ehe­schei­dung fort. Das ergibt sich aus dem vom tür­ki­schen Fami­li­en­ge­richt ange­wand­ten tür­ki­schen Unter­halts­recht, das – eben­so wie das deut­sche Recht [6] – zwi­schen Tren­nungs­un­ter­halt und nach­ehe­li­chem Unter­halt unter­schei­det. Nach Art. 186 Abs. 3 tür­ki­sches ZGB tra­gen die Ehe­gat­ten gemein­sam, ein jeder nach sei­nen Kräf­ten, unter Ein­satz von Arbeit und Ver­mö­gen zu den Aus­ga­ben der Lebens­ge­mein­schaft bei. Das gilt auch für die Tren­nungs­zeit der Par­tei­en [7]. Bei begrün­de­ter Auf­he­bung der ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft regelt der Rich­ter nach Art. 197 Abs. 2 ZGB auf Antrag eines Ehe­gat­ten den Unter­halts­bei­trag eines Ehe­gat­ten an den ande­ren [8]. Dem­ge­mäß hat das tür­ki­sche Fami­li­en­ge­richt hier trotz Abwei­sung des Schei­dungs­an­trags der Antrag­stel­le­rin einen "Vor­sor­ge­un­ter­halt" zuge­spro­chen. Dabei han­delt es sich nicht um nach­ehe­li­chen Unter­halt, der sich im wei­tes­ten Sin­ne aus mate­ri­el­lem Scha­dens­er­satz (Art. 174 Abs. 1 tür­ki­sches ZGB), imma­te­ri­el­lem Scha­dens­er­satz zur Genug­tu­ung (Art. 174 Abs. 2 tür­ki­sches ZGB) und – falls der Scha­dens­er­satz nicht aus­reicht – aus Bedürf­tig­keits­un­ter­halt (Art. 175 tür­ki­sches ZGB) zusam­men­setzt [9]. Dafür, dass der tür­ki­sche Unter­halts­ti­tel trotz gleich­zei­ti­ger Abwei­sung des Schei­dungs­an­trags des Antrags­geg­ners auch einen sol­chen Scha­dens­er­satz oder Bedürf­tig­keits­un­ter­halt umfasst, ist nichts ersicht­lich. Ins­be­son­de­re ist der zuge­spro­che­ne Unter­halt auch weder als mate­ri­el­ler oder imma­te­ri­el­ler Scha­dens­er­satz noch als nach­ehe­li­cher Bedürf­tig­keits­un­ter­halt bezeich­net wor­den. Auch die Vor­schrift des § 169 tür­ki­sches ZGB lässt einst­wei­li­ge Maß­nah­men zum Unter­halt wäh­rend der Tren­nungs­zeit ledig­lich für die Dau­er des Schei­dungs­ver­fah­rens und nicht für die nach­ehe­li­che Zeit zu.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. März 2010 – XII ZB 193/​07

  1. im Anschluss an BGHZ 180, 88[]
  2. vom 2. Okto­ber 1973, BGBl. 1986 II S. 826[]
  3. BGHZ 171, 310 = FamRZ 2007, 989, Tz. 26 ff.; und BGHZ 180, 88 = FamRZ 2009, 858, Tz. 12 ff.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 14.01.1981 – IVb ZR 575/​80, FamRZ 1981, 242, 244[]
  5. vgl. BGHZ 38, 259, 264 f. = WM 1963, 196[]
  6. vgl. inso­weit BGH, Urteil vom 14.01.1981 – IVb ZR 575/​80, FamRZ 1981, 242, 243 f.; BGH, Beschluss vom 21.04.1999 – XII ZB 158/​98, FamRZ 1999, 1497; Wendl/​Pauling aaO § 4 Rdn. 14[]
  7. Rumpf IPRax 1983, 114, 115[]
  8. vgl. Wendl/​Dose, a.a.O., § 9 Rdn. 195[]
  9. Wendl/​Dose, a.a.O., § 9 Rdn. 197 ff.[]