Wel­ches Eltern­teil ent­schei­det über die Wahl der Schu­le beim gemein­sa­men Sor­ge­recht ?

Üben die Eltern eines Kin­des das gemein­sa­me Sor­ge­recht aus, wer­den sich aber in der Fra­ge der Ein­schu­lung nicht einig, hat das Gericht nicht dar­über zu ent­schei­den, wel­che Schul­art für S. die am bes­ten geeig­ne­te ist, son­dern wel­cher Eltern­teil in Bezug auf das Wohl des Kin­des am ehes­ten zur Ent­schei­dung geeig­net ist.

Wel­ches Eltern­teil ent­schei­det über die Wahl der Schu­le beim gemein­sa­men Sor­ge­recht ?

Mit die­ser Begrün­dung hat das Amts­ge­richt Fran­ken­thal in dem hier vor­lie­gen­den Fall in der Fra­ge über die Schul­wahl bei der Ein­schu­lung die Ent­schei­dungs­be­fug­nis auf die Mut­ter über­tra­gen. Die Eltern des sechs­jäh­ri­gen Kin­des sind und waren nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­tet und üben die elter­li­che Sor­ge für das Kind S. gemein­sam aus. Das Kind soll zu Beginn des Schul­jah­res nach den Som­mer­fe­ri­en 2020 in die ers­te Klas­se einer Grund­schu­le ein­ge­schult wer­den. Bezüg­lich des Schul­typs sind die Eltern unter­schied­li­cher Auf­fas­sung. Wäh­rend der Vater (Antrag­stel­ler) das Kind auf einer Regel­grund­schu­le anmel­den möch­te und hier die Regel­grund­schu­le bevor­zugt, wo das Kind auch wohnt, ten­diert die Mut­ter zur Ein­schu­lung auf der Wal­dorf­schu­le. Der Vater ist der Auf­fas­sung, dass die Wal­dorf­schu­le für S. kei­ne geeig­ne­te Schul­form sei. Er hat grund­sätz­lich Beden­ken gegen die­se Schul­form und meint, dass es bes­ser für S. wäre, wenn sie gleich lernt, wie es in einer Regel­schu­le abläuft, sich gegen­über ande­ren auch durch­zu­set­zen und in Wett­be­werb um Noten zu tre­ten. Dem­ge­gen­über argu­men­tiert die Mut­ter, das Kon­zept der Wal­dorf­päd­ago­gik sei für S. beson­ders sinn­voll. Zudem sei dort eine gute Nach­mit­tags­be­treu­ung gewähr­leis­tet und S. wol­le auch auf die­se Schu­le.

In sei­ner Ent­schei­dung hat das Amts­ge­richt Fran­ken­thal deut­lich zum Aus­druck gebracht, dass gemäß § 1628 Satz 1 BGB das Fami­li­en­ge­richt für den Fall, dass sich die Eltern in einer ein­zel­nen Ange­le­gen­heit oder in einer bestimm­ten Art von Ange­le­gen­hei­ten der elter­li­chen Sor­ge, deren Rege­lung für das Kind von erheb­li­cher Bedeu­tung ist, nicht eini­gen kön­nen, auf Antrag eines Eltern­teils die Ent­schei­dung einem Eltern­teil über­tra­gen kann. Die Vor­aus­set­zun­gen die­ser Vor­schrift lie­gen hier vor. Die betei­lig­ten Kindes­el­tern sind Inha­ber der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge. Sie sind der­zeit nicht in der Lage, sich in einer ein­zel­nen Ange­le­gen­heit betref­fend die elter­li­che Sor­ge – hier die Schul­art für die Ein­schu­lung der Toch­ter S. – zu eini­gen. Bei der Fra­ge des Schul­wech­sels und der Fra­ge, wel­che Schu­le das Kind künf­tig besu­chen soll han­delt es sich auch um eine Ange­le­gen­heit von erheb­li­cher Bedeu­tung für das Kind, die zunächst nicht der Allein­ent­schei­dungs­kom­pe­tenz der Antrags­geg­ne­rin gemäß § 1687 Abs. 1 Satz 2 BGB unter­fällt. Maß­stab für die Ent­schei­dung, wel­chem der bei­den Eltern­tei­le die allei­ni­ge Ent­schei­dungs­be­fug­nis des Schul­be­suchs der Toch­ter über­tra­gen wird, ist das Kin­des­wohl, § 1697a BGB. Es ist in der Sache die­je­ni­ge Ent­schei­dung zu tref­fen, die dem Wohl des Kin­des am bes­ten ent­spricht. § 1628 BGB ermäch­tigt die Gerich­te unter Wah­rung des Eltern­rechts aus Art. 6 II GG jedoch nur dazu, zur Her­bei­füh­rung einer not­wen­di­gen Ent­schei­dung bei Unei­nig­keit der Eltern einem Eltern­teil die Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz zu über­tra­gen. Trifft das Gericht an Stel­le des­sen eine eige­ne Sach­ent­schei­dung, ver­stößt es nicht nur gegen Geset­zes­recht, son­dern greift in ver­fas­sungs­wid­ri­ger Wei­se in das Recht der von der Ent­schei­dung betrof­fe­nen Eltern aus Art. 6 II 1 GG ein. Viel­mehr ist umfas­send zu prü­fen, wel­cher Eltern­teil am ehes­ten geeig­net ist, eine am Kin­des­wohl aus­ge­rich­te­te Ent­schei­dung zu tref­fen und dabei auch die Vor­stel­lun­gen der Eltern über die gewünsch­te Schu­le an die­sem Maß­stab zu mes­sen unter Ein­be­zie­hung der Fra­ge, wel­che Aus­wir­kun­gen die jewei­li­ge Schul­wahl auch auf das sozia­le Umfeld des Kin­des haben könn­te. Das Gericht hat des­halb zwi­schen den von den Kindes­el­tern vor­ge­schla­ge­nen Ent­schei­dun­gen für die rege­lungs­be­dürf­ti­ge Ange­le­gen­heit abzu­wä­gen, dabei die Inter­es­sen des Kin­des im ein­zel­nen zu beach­ten und so fest­zu­stel­len, wel­chem Ent­schei­dungs­vor­schlag zu fol­gen ist. Dabei sind auch die tat­säch­li­chen Betreu­ungs­mög­lich­kei­ten der Eltern­tei­le zu berück­sich­ti­gen .

Aus die­sen Grün­den und im Rah­men der Gesamt­ab­wä­gung ist der Antrags­geg­ne­rin die allei­ni­ge Ent­schei­dungs­be­fug­nis über den Schul­be­such des Kin­des zu über­tra­gen, weil dies dem Wohl von S. am bes­ten ent­spricht. Das Gericht hat inso­fern aus­drück­lich nicht dar­über zu ent­schei­den, wel­che Schul­art für S. die am bes­ten geeig­ne­te ist, son­dern wel­cher Eltern­teil in Anse­hung obi­ger Maß­stä­be am ehes­ten zur Ent­schei­dung geeig­net ist. Inso­fern hat das Gericht u. a. fol­gen­de Kri­te­ri­en gewür­digt: Die Mut­ter ist als Haupt­be­zugs­per­son von der Ent­schei­dung beson­ders betrof­fen und muss die Umset­zung über­wie­gend orga­ni­sie­ren. Sie hat sich im Vor­feld tie­fer­ge­hend mit der Fra­ge beschäf­tigt als der Vater. Das sozia­le Umfeld des Kin­des und der Schul­weg sind zu berück­sich­ti­gen. Der Wil­le des erst sechs­jäh­ri­gen Kin­des ist zu berück­sich­ti­gen, wenn­gleich die­sem in aller Regel alters­be­dingt kei­ne ent­schei­den­de Bedeu­tung zuzu­mes­sen ist. Kin­der im Alter von sechs Jah­ren sind in der Regel nicht in der Lage die Fol­gen der Wahl eines bestimm­ten Schul­typs abzu­se­hen und eine Ent­schei­dung hier­nach aus­zu­rich­ten. Die Wal­dorf­schu­le ist zudem eine staat­lich aner­kann­te Ersatz­schu­le. Die Wal­dorf­päd­ago­gik, der dahin­ter ste­hen­de Gedan­ke der Anthro­po­so­phen, die beson­de­re Schul­or­ga­ni­sa­ti­on usw. sind zwar dis­ku­ta­bel, aber kön­nen nicht per se als Gefahr für das Wohl des Kin­des ange­se­hen wer­den.

Die Ent­schei­dungs­be­fug­nis ist gem. §§ 1628 Satz 1 BGB, 49 ff. FamFG einst­wei­len auf die Mut­ter über­tra­gen wor­den.

Amts­ge­richt Fran­ken­thal, Beschluss vom 25. Juni 2020 – 71 F 79/​20 eA