Ableh­nung eines Rich­ters

Der Beschluss eines Sozi­al­ge­richts, mit dem ein Ableh­nungs­ge­such gegen einen Rich­ter zurück­ge­wie­sen wur­de, kann gemäß § 172 Abs. 2 SGG nicht mit der Beschwer­de ange­foch­ten wer­den 1.

Ableh­nung eines Rich­ters

So die Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall der Beschwer­de eines Antrag­stel­lers gegen den Beschluss des Sozi­al­ge­richts Frei­burg vom 13. Juni 2012, mit dem ein Ableh­nungs­ge­such, das vom Sozi­al­ge­richt dahin­ge­hend aus­ge­legt wor­den ist, dass es sich zuläs­si­ger­wei­se (vgl. nur § 60 SGG) gegen eine Gerichts­per­son (hier: Rich­ter) wen­det.

In sei­ner Begrün­dung führt das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg aus, dass gem.§ 172 Abs. 2 SGG in der ab 1. April 2008 gel­ten­den Fas­sung des Geset­zes zur Ände­rung des SGG und des Arbeits­ge­richts­ge­setz vom 26. März 2008 2 Beschlüs­se über die Ableh­nung von Gerichts­per­so­nen nicht mit der Beschwer­de ange­foch­ten wer­den kön­nen. Die­se ein­deu­ti­ge Norm wird in ihrem Rege­lungs­ge­halt nicht dadurch in Zwei­fel gezo­gen, dass sie zunächst nur in Aus­nah­me­kon­stel­la­tio­nen gegen­über der vor­aus­ge­hen­den Rechts­la­ge eine Ände­rung erbracht hat 3 und erst durch das Vier­te Gesetz zur Ände­rung des SGB IV und ande­rer Geset­ze vom 22. Dezem­ber 2011 4 einen umfas­sen­den Anwen­dungs­be­reich dadurch erhielt, dass nun­mehr über Ableh­nungs­ge­su­che gegen Rich­ter des Sozi­al­ge­richts ein ande­rer Rich­ter des sel­ben Sozi­al­ge­richts durch Beschluss (§ 60 Abs. 1 SGG i.V.m. § 46 Abs. 1 ZPO) ent­schei­det (§ 60 Abs. 1 SGG i.V.m. § 45 Abs. 1, Abs. 2 Satz 1 ZPO).

Eben­so wenig ver­mag die gene­rel­le Ver­wei­sung des § 60 Abs. 1 SGG auf die Vor­schrif­ten der ZPO zur Aus­schlie­ßung und Ableh­nung der Gerichts­per­so­nen (1. Buch, 1. Abschnitt, 4. Titel der ZPO; §§ 41 bis 49 ZPO) und damit auch auf § 46 Abs. 2 ZPO, nach der gegen den Beschluss, durch den das Ableh­nungs­ge­such für unbe­grün­det erklärt wird, die sofor­ti­ge Beschwer­de statt­fin­det, die Rege­lung des § 172 Abs. 2 SGG zu ver­drän­gen 5. Zwar ist § 60 Abs. 1 SGG gegen­über § 172 Abs. 2 SGG das neue­re Recht, das das älte­re Recht nach den Grund­sät­zen der all­ge­mei­nen inter­tem­po­ra­len Kol­li­si­ons­re­geln 6 ver­drän­gen könn­te. Doch soll­te das Gesetz vom 22. Dezem­ber 2011 zur Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung bei­tra­gen 7, wes­halb der Gesetz­ge­ber kei­nes­falls eine zusätz­li­che Ent­schei­dung eines wei­te­ren Gerich­tes vor­se­hen woll­te; denn damit wäre sogar eine Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung ver­bun­den. Selbst wenn der Gesetz­ge­ber nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len, a.a.O., feh­ler­haft davon aus­ge­gan­gen wäre, dass § 172 Abs. 2 SGG gegen­über der Ver­wei­sung des § 60 Abs. 1 SGG auf § 46 Abs. 2 ZPO die spe­zi­el­le­re Norm sei, müss­te – auch wenn der Gesetz­ge­ber auf „Unstim­mig­kei­ten“ 8 hin­ge­wie­sen wor­den ist – die­ser ver­meint­li­che Feh­ler durch das Gericht dadurch kor­ri­giert wer­den, dass es gera­de die ein­deu­ti­ge Rege­lung des § 172 Abs. 2 SGG anwen­det, die der Gesetz­ge­ber beab­sich­tigt hat. Ob – wie das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len, a.a.O., meint – die Ver­wei­sung des § 60 Abs. 1 SGG auf § 46 Abs. 2 ZPO, der eine im sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens­recht völ­lig unbe­kann­te sofor­ti­ge Beschwer­de anführt, wirk­lich mit der durch § 172 SGG ange­ord­ne­ten Rechts­fol­ge – dia­me­tral – kon­kur­riert, kann daher dahin gestellt blei­ben.

Nach alle­dem ist die Beschwer­de gegen einen Beschluss des Sozi­al­ge­richts, der über ein Ableh­nungs­ge­such gegen einen Rich­ter ent­schie­den hat, nicht statt­haft 9, wor­auf bereits das Sozi­al­ge­richt in sei­nem Beschluss hin­ge­wie­sen hat.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 2. Juli 2012 – L 13 AS 2584/​12 B

  1. a.A. LSG NRW, L 11 KR 206/​12 B und L 11 KR 299/​12 B[]
  2. BGBl. I S. 444[]
  3. vgl. hier­zu Mey­er- Ladewig/​Kel­ler/​Leitherer, Kom­men­tar zum SGG, 10. Auf­la­ge, § 172 SGG Rdnr. 6e[]
  4. BGBl. I S. 3057[]
  5. so aber LSG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 29.05.2012 – L 11 KR 206/​12 B und L 11 KR 299/​12 B[]
  6. lex pos­te­rior dero­gat legi prio­ri, vgl. BSG, Urteil vom 06.03.2012 – B 1 KR 10/​11 R[]
  7. BT-Druck­sa­che 17/​6764 S. 27[]
  8. s. LSG Nord­rhein-West­fa­len, a.a.O.[]
  9. so auch Mey­er-Lade­wi­g/Kel­ler/­Leit­he­rer, a.a.O., § 172 SGG Rdnr. 6e[]