Alters­schät­zung bei einem min­der­jäh­ri­gen Aus­län­der

Muss das Jugend­amt über die Inob­hut­nah­me unbe­glei­te­ten Aus­län­ders ent­schei­den, der nach sei­nen eige­nen Anga­ben noch min­der­jäh­rig ist, so ist das Jugend­amt nicht an das im Aus­län­der­zen­tral­re­gis­ter regis­trier­te Geburts­da­tum gebun­den. Das Jugend­amt muss viel­mehr von Amts wegen in eige­ner Ver­ant­wor­tung die Alters­an­ga­ben des Aus­län­ders prü­fen.

Alters­schät­zung bei einem min­der­jäh­ri­gen Aus­län­der

Auch bei der Anwen­dung des § 33a Abs. 2 Nr. 2 SGB I ist die Rich­tig­keit eines in einer Urkun­de ange­ge­be­nen Geburts­da­tums im Rah­men der gericht­li­chen Über­zeu­gungs­bil­dung zu prü­fen. Ein ech­ter aus­län­di­scher Rei­se­pass sowie ein Visum bewei­sen dabei nicht zwin­gend die Rich­tig­keit des in dem Rei­se­pass bzw. dem Visum ange­ge­be­nen Geburts­da­tums.

Gegen­stand des Beschei­des in dem hier vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg ent­schie­de­nen Ver­fah­ren des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes ist die Been­di­gung der auf der Grund­la­ge von § 42 SGB VIII erfolg­ten Inob­hut­nah­me des nach eige­nen Anga­ben aus Nige­ria stam­men­den, am 3.10.1998 gebo­re­nen Antrag­stel­lers, weil die­ser aus­weis­lich eines im Ori­gi­nal bei der Aus­län­der­be­hör­de vor­lie­gen­den Rei­se­pas­ses sowie eines in die­sem Rei­se­pass befind­li­chen Visums des deut­schen Gene­ral­kon­su­lats in Lagos am 2.12.1994 gebo­ren ist und dem­nach zwi­schen­zeit­lich das 18. Lebens­jahr voll­endet hat.

Die Been­di­gung der Inob­hut­nah­me beruht auf § 48 Abs. 1 Satz 1 SGB X. Hier­nach ist ein Ver­wal­tungs­akt mit Dau­er­wir­kung für die Zukunft auf­zu­he­ben, wenn in den bei sei­nem Erlass vor­lie­gen­den tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen eine wesent­li­che Ände­rung ein­tritt. Die Inob­hut­nah­me setzt gemäß § 42 Abs. 1 Satz 1 SGB VIII vor­aus, dass es sich bei der in Obhut genom­me­nen Per­son um ein Kind oder einen Jugend­li­chen han­delt. Das kann hier nach Ansicht des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg nicht mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit aus­ge­schlos­sen wer­den.

Das Jugend­amt hat für ihre Ent­schei­dun­gen maß­geb­lich auf die Vor­schrift des § 33a SGB I abge­stellt. Gemäß Absatz 1 die­ser Rege­lung ist, wenn Rech­te oder Pflich­ten davon abhän­gig sind, dass eine bestimm­te Alters­gren­ze erreicht oder nicht über­schrit­ten ist, das Geburts­da­tum maß­ge­bend, das sich aus der ers­ten Anga­be gegen­über einem Sozi­al­leis­tungs­trä­ger ergibt; eine Abwei­chung hier­von ist nur dann zuläs­sig, wenn ein Schreib­feh­ler vor­liegt oder sich aus einer vor dem Zeit­punkt die­ser Anga­be erstell­ten Urkun­de ein ande­res Geburts­da­tum ergibt (§ 33a Abs. 2 Buchst. a und b SGB I). Es kann dahin­ste­hen, ob die­se Vor­schrift auf den vor­lie­gen­den Fall über­haupt anwend­bar ist, obwohl bei der Inob­hut­nah­me nach § 42 SGB VIII nicht nur das Recht des Berech­tig­ten, son­dern auch die Kom­pe­tenz des Leis­tungs­trä­gers zur Inob­hut­nah­me von einem bestimm­ten Alter abhän­gen [1] bzw. ob Sinn und Zweck der Rege­lung, einen unbe­rech­tig­ten Leis­tungs­be­zug zu ver­hin­dern, der Anwen­dung ent­ge­gen­ste­hen [2].

Jeden­falls bestehen nach der im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nur gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Prü­fung erheb­li­che Zwei­fel dar­an, dass der bei der Aus­län­der­be­hör­de vor­lie­gen­de Rei­se­pass und das Visum das kor­rek­te Geburts­da­tum des Antrag­stel­lers aus­wei­sen. Ob der Urkun­de ein hin­läng­li­cher Beweis­wert zukommt, hat das Gericht im Rah­men sei­ner Über­zeu­gungs­bil­dung zu prü­fen, wobei der Art der Urkun­de beson­de­re Bedeu­tung zukommt [3].

Zwar spricht für die Echt­heit des Pas­ses, dass das Gene­ral­kon­su­lat, wie sich nicht nur aus dem ent­spre­chen­den Sicht­ver­merk in dem Rei­se­pass, son­dern auch aus einer auf Anfra­ge erstell­ten Visa-Aus­kunft des Bun­des­ver­wal­tungs­am­tes ergibt, dem Antrag­stel­ler unter dem Namen R… ein Visum erteilt hat. Weder der Rei­se­pass noch das Visum erbrin­gen aller­dings den Beweis für die Rich­tig­keit des dort ange­ge­be­nen Geburts­da­tums. Die Reich­wei­te der Beweis­kraft öffent­li­cher Urkun­den – auch aus­län­di­scher öffent­li­cher Urkun­den i.S.v. § 438 ZPO – ergibt sich aus den gesetz­li­chen Beweis­re­geln der §§ 415, 417 und 418 ZPO. Die Beweis­kraft eines Rei­se­pas­ses, der weder eine öffent­li­che Urkun­de über Erklä­run­gen i.S.d. § 415 ZPO noch eine öffent­li­che Urkun­de über eine amt­li­che Anord­nung, Ver­fü­gung oder Ent­schei­dung i.S.d. § 417 ZPO dar­stellt, bestimmt sich nach § 418 Abs. 3 ZPO. Danach erbringt er nur inso­weit den vol­len Beweis für die in ihm bezeug­ten Tat­sa­chen, als die­se auf eige­nen Hand­lun­gen oder Wahr­neh­mun­gen der Urkund­s­per­son beru­hen [4]. Das Visum stellt eine öffent­li­che Urkun­de i.S.d. § 417 ZPO dar, erbringt mit­hin ledig­lich Beweis über den Inhalt der getrof­fe­nen Ent­schei­dung, nicht aber die ihr zu Grun­de lie­gen­den Tat­sa­chen [5].

Den vor­lie­gen­den Urkun­den kann zwar den­noch im Rah­men der nach § 33a SGB I vor­zu­neh­men­den Wür­di­gung maß­geb­li­che Bedeu­tung zukom­men. Der Annah­me, dass sie das kor­rek­te Geburts­da­tum aus­wei­sen, steht aller­dings ent­ge­gen, dass, wie der Antrag­stel­ler zutref­fend vor­ge­tra­gen hat, in Nige­ria kei­ne Urkun­den­si­cher­heit besteht. Wie einem Merk­blatt des Gene­ral­kon­su­lats der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in Lagos, Nige­ria, Stand 1.11.2012 zu ent­neh­men ist, muss­te aus die­sem Grund das Lega­li­sa­ti­ons­ver­fah­ren für öffent­li­che Urkun­den im Mai 2000 ein­ge­stellt wer­den; es besteht ledig­lich die Mög­lich­keit einer Über­prü­fung nige­ria­ni­scher Urkun­den durch ver­trau­ens­an­walt­li­che Über­prü­fung, die aber nicht in jedem Fall zu einer zwei­fels­frei­en Klä­rung der Iden­ti­tät der Urkun­den­in­ha­ber führt. Dass vor der Ertei­lung des Visums eine der­ar­ti­ge Über­prü­fung statt­ge­fun­den hät­te, ist nicht ersicht­lich.

Bei die­ser Sach­la­ge kann die stets vor­ge­tra­ge­ne Behaup­tung des Antrag­stel­lers, dass Rei­se­pass und Visum auf einen Ali­as-Namen lau­ten und nicht das kor­rek­te Geburts­da­tum aus­wei­sen, ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts nicht als unplau­si­bel bewer­tet wer­den. Etwas ande­res ergibt sich auch nicht dar­aus, dass das in Rei­se­pass und Visum ange­ge­be­ne Geburts­da­tum mit der im Rah­men der Erst­be­fra­gung des Antrag­stel­lers am 17.10.2012 gewon­ne­nen und im Zuge der erneu­ten Inau­gen­sch­ein­nah­me am 23.10.2012 bestä­tig­ten Ein­schät­zung der Mit­ar­bei­ter des Antrags­geg­ners über­ein­stimmt, dass es sich um einen rei­fen Jugend­li­chen oder jun­gen Her­an­wach­sen­den han­de­le. Wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg in stän­di­ger Recht­spre­chung [6] aus­ge­führt hat, stel­len die in sol­chen Gesprä­chen gewon­ne­nen Ein­drü­cke von äuße­ren Merk­ma­len wie Fal­ten oder die Art der Fra­ge­be­ant­wor­tung (Ges­tik, Mimik, Habi­tus o.ä.) kei­ne aner­kann­ten und gericht­lich nach­prüf­ba­ren Kri­te­ri­en der Alters­be­stim­mung dar.

Da nach alle­dem eine über­wie­gen­de Wahr­schein­lich­keit dafür, dass der Antrag­stel­ler das 18. Lebens­jahr bereits voll­endet hat, nicht besteht, erweist sich die Been­di­gung der Inob­hut­nah­me nach sum­ma­ri­scher Prü­fung nicht als recht­mä­ßig. Das Jugend­amt ist dem­ge­mäß ver­pflich­tet, den Sach­ver­halt von Amts wegen auf­zu­klä­ren, den Antrag­stel­ler also sei­ner stän­di­gen Ver­wal­tungs­pra­xis fol­gend wie­der in Obhut zu neh­men und ein medi­zi­ni­sches Gut­ach­ten zur Alters­dia­gnos­tik durch­zu­füh­ren. Dabei ist das Jugend­amt nicht an das im Aus­län­der­zen­tral­re­gis­ter regis­trier­te Geburts­da­tum gebun­den mit der Fol­ge, dass er sei­ner Pflicht zur Amts­er­mitt­lung ent­ho­ben wäre; hier­für besteht kei­ne Rechts­grund­la­ge [7].

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 4. März 2013 – OVG 6 S 3.13, OVG 6 M 5.13

  1. ableh­nend Just in Hauck/​Noftz, SGB I, Stand Dezem­ber 2012, § 33a Rn. 7[]
  2. so VG Müns­ter, Urteil vom 18.02.2005 – 9 K 58/​03[]
  3. BSG, Urteil vom 05.04.2001 – B 13 RJ 35/​00 R, BSGE 88, 89[]
  4. vgl. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 30.04.2012 – OVG 2 N 16.11,; Gei­mer in Zöl­ler, ZPO, 29. Aufl. § 418 Rn. 3 m.w.N.[]
  5. vgl. Gei­mer a.a.O. § 417 Rn. 3[]
  6. vgl. etwa OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 16.10.2009 – OVG 6 S 36.09[]
  7. vgl. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 19.10.2011 – OVG 6 S 51.11/​OVG 6 M 63.11[]