Apo­the­ken­prei­se für Arz­nei­mit­tel und die Zuzah­lung

Kann eine Apo­the­ke ein ver­trags­ärzt­lich ver­ord­ne­te Arz­nei­mit­tel in der auf dem Rezept ver­merk­ten Packungs­grö­ße nicht lie­fern, ist sie nach § 6 Abs. 1 Satz 1 des Rah­men­ver­tra­ges über die Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung berech­tigt (und ver­pflich­tet), die Packung aus dem nächst­klei­ne­ren Bereich abzu­ge­ben. Nach die­ser tat­säch­lich abge­ge­be­nen Anzahl und Grö­ße der Packung rich­tet sich auch die zu leis­ten­de Zuzah­lung gesetz­lich Kran­ken­ver­si­cher­ter bei Arz­nei­mit­teln.

Apo­the­ken­prei­se für Arz­nei­mit­tel und die Zuzah­lung

So hat das Sozi­al­ge­richt Aachen in dem hier vor­lie­gen­den Fall ent­schie­den und die Kla­ge einer Apo­the­ken­in­ha­be­rin abge­wie­sen, die sich mit einer Kran­ken­ver­si­che­rung über die Höhe einer zu leis­ten­den Zuzah­lung gesetz­lich Kran­ken­ver­si­cher­ter gestrit­ten hat. Die Klä­ge­rin ist Inha­be­rin einer Apo­the­ke, Mit­glied im Apo­the­ker­ver­band Nord­rhein und zur Abga­be ver­ord­ne­ter Arz­nei­mit­tel an Ver­si­cher­te gesetz­li­cher Kran­ken­kas­sen berech­tigt und ver­pflich­tet. Am 10.12.2012 leg­te ein Ver­si­cher­ter der Beklag­ten eine am sel­ben Tag aus­ge­stell­te ver­trags­ärzt­li­che Ver­ord­nung von drei ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln, näm­lich – Atma­disc 50µg/​250µg Dis­kus PUL N3 3 x 60 ST, – Bero­tec N 100 µg DOS N1 10 ML, – Pred­ni­HEXAL 5mg Tablet­ten TAB N1 20 ST in der Apo­the­ke der Klä­ge­rin vor. Zu die­sem Zeit­punkt war die 3er-Packung (N3) des Arz­nei­mit­tels „Atma­disc 50/​250 Dis­kus PUL“ nicht vor­rä­tig und weder sei­tens des Phar­ma­groß­han­dels noch sei­tens des Her­stel­lers bis 31.12.2012 lie­fer­bar. Da der Ver­si­cher­te das Medi­ka­ment umge­hend benö­tig­te, gab die Apo­the­ke anstel­le der rezep­tier­ten Packungs­grö­ße drei Ein­zel­pa­ckun­gen (N1) „Atma­disc 50/​250 Dis­kus PUL“, dazu die bei­den ande­ren ver­ord­ne­ten Arz­nei­mit­tel an den Ver­si­cher­ten ab. Sie ver­merk­te auf dem Rezept bezüg­lich Atma­disc: „3er z. Zt. v. Herst. defekt; da sofort nötig 3 x OP“. Am Abga­be­tag (10.12.2012) betru­gen für das Arz­nei­mit­tel der Apo­the­ken­ab­ga­be­preis der Zuzah­lungs­be­trag Atma­disc (N3) 150,05 EUR 10,00 EUR Bero­tec (N1) 16,49 EUR 5,00 EUR Pred­ni­Hexal (N1) 11,36 EUR 5,00 EUR 177,90 EUR 20,00 EUR. Die Klä­ge­rin for­der­te von dem – nicht zuzah­lungs­be­frei­ten – Ver­si­cher­ten jedoch nicht den Zuzah­lungs­be­trag von 26,98 EUR, wie er sich für die abge­ge­be­nen Arz­nei­mit­tel­pa­ckun­gen errech­ne­te, son­dern den Zuzah­lungs­be­trag von 20,00 EUR, wie er zu zah­len gewe­sen wäre, wenn alle Arz­nei­mit­tel in den rezep­tier­ten Packungs­grö­ßen lie­fer­bar gewe­sen wären. Auf dem Rezept druck­te sie in den ent­spre­chen­den Fel­dern die Phar­ma­zen­tral­num­mern (PZN) und die Abga­be­prei­se der abge­ge­be­nen Arz­nei­mit­tel­pa­ckun­gen aus, im Feld „Zuzah­lung“ jedoch den Betrag von 20,00 EUR für die ver­ord­ne­ten Packungs­grö­ßen. Die Klä­ge­rin leg­te das Rezept vom 10.12.2012 ihrem Apo­the­ken­re­chen­zen­trum vor, das den Beleg mit wei­te­ren Daten an das für die Beklag­te täti­ge Abrech­nungs­zen­trum Emmen­din­gen wei­ter­lei­te­te; die For­de­rung der Apo­the­ke wur­de zunächst – unter Ver­rech­nung der ein­be­hal­te­nen Zuzah­lung des Ver­si­cher­ten von 20,00 EUR und nach Abzug der Apo­the­ken- und Her­stel­ler­ra­bat­te – begli­chen. Nach Prü­fung der Abrech­nung teil­te das Abrech­nungs­zen­trum der Klä­ge­rin mit Schrei­ben vom 11.06.2013 mit, dass ein Zuzah­lungs­feh­ler vor­lie­ge und von dem abge­rech­ne­ten Betrag 6,98 EUR abzu­set­zen sei­en; die­ser Berich­ti­gungs­be­trag wer­de mit der nächs­ten Zah­lung ver­rech­net. Dage­gen leg­te die Klä­ge­rin am 08.07.2013 Ein­spruch ein. Das Abrech­nungs­zen­trum wies den Ein­spruch zurück. Dar­auf­hin hat die Klä­ge­rin am 16.07.2013 Kla­ge gegen die Kran­ken­kas­se des Ver­si­cher­ten erho­ben. Sie ist unter Bezug­nah­me auf § 31 Abs. 3 SGB V der Auf­fas­sung, die vom Ver­si­cher­ten zu leis­ten­de Zuzah­lung errech­ne sich aus der ver­ord­ne­ten Arz­nei­mit­tel­pa­ckungs­grö­ße.

Nach Auf­fas­sung des Sozi­al­ge­richts Aachen stand der Klä­ge­rin für die auf­grund der ver­trags­ärzt­li­chen Ver­ord­nung vom 10.12.2012 am sel­ben Tag abge­ge­be­nen Arz­nei­mit­tel nicht der Betrag zu, den sie über ihr Apo­the­ken­re­chen­zen­trum von dem im Auf­trag der Beklag­ten täti­gen Abrech­nungs­zen­trum gefor­dert hat­te und der ihr dar­auf­hin bezahlt wor­den war, son­dern eine um 6,98 EUR nied­ri­ge­re Ver­gü­tung. Die Beklag­te hat daher zu Recht durch das Abrech­nungs­zen­trum die ent­spre­chen­de Abrech­nung des Rezepts vom 10.12.2012 bean­stan­det und sodann die Reta­xie­rung in Höhe von 6,98 EUR vor­ge­nom­men.

Der Anspruch der Klä­ge­rin auf Ver­gü­tung der von ihr am 10.12.2012 an den Ver­si­cher­ten der Beklag­ten abge­ge­be­nen Arz­nei­mit­tel ergibt sich aus § 129 SGB V i.V.m. dem zwi­schen dem GKV-Spit­zen­ver­band und dem Deut­schen Apo­the­ker­ver­band e.V. geschlos­se­nen „Rah­men­ver­trag über die Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung nach § 129 Abs. 2 SGB V“ vom 15.06.2012 (im Fol­gen­den: Rah­men­ver­trag) und dem zwi­schen den Apo­the­ker­ver­bän­den Nord­rhein e.V. sowie West­fa­len-Lip­pe e.V. und den gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen nach § 129 Abs. 5 Satz 1 SGB V geschlos­se­nen Arz­nei­mit­tel­lie­fe­rungs­ver­trag für Nord­rhein-West­fa­len (ALV NW). § 129 SGB V begrün­det im Zusam­men­spiel mit den ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen eine öffent­lich-recht­li­che Leis­tungs­be­rech­ti­gung und –ver­pflich­tung für die Apo­the­ken zur Abga­be von ver­trags­ärzt­lich ver­ord­ne­ten Arz­nei­mit­teln an die Ver­si­cher­ten gesetz­li­cher Kran­ken­kas­sen [1]. Durch die Annah­me einer ord­nungs­ge­mä­ßen gül­ti­gen ver­trags­ärzt­li­chen Ver­ord­nung kommt ein Ver­trag zwi­schen Kran­ken­kas­se und Apo­the­ke zustan­de (§ 3 Abs. 1 Satz 1 Rah­men­ver­trag).

Sodann kon­kre­ti­siert § 129 Abs. 1 SGB V für den Bereich der Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung das all­ge­mei­ne Wirt­schaft­lich­keits­ge­bot des § 12 Abs. 1 SGB V („Die Leis­tun­gen müs­sen aus­rei­chend, zweck­mä­ßig und wirt­schaft­lich sein; sie dür­fen das Maß des Not­wen­di­gen nicht über­schrei­ten. Leis­tun­gen, die nicht not­wen­dig oder unwirt­schaft­lich sind, kön­nen Ver­si­cher­te nicht bean­spru­chen, dür­fen die Leis­tungs­er­brin­ger nicht bewir­ken und die Kran­ken­kas­sen nicht bewil­li­gen“). Danach ist der Apo­the­ker als Leis­tungs­er­brin­ger der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV) ver­pflich­tet, Arz­nei­mit­tel u.a. preis­güns­tig und in wirt­schaft­li­chen Ein­zel­men­gen abzu­ge­ben. Ein­zel­hei­ten hier­zu und zu einer Viel­zahl ande­rer Vor­ga­ben des Gesetz­ge­bers regelt der Rah­men­ver­trag. § 6 Abs. 1 Satz 1 des Rah­men­ver­tra­ges bestimmt, dass, sofern bei einer Ver­ord­nung unter Anga­be der N‑Bezeichnung kei­ne Packung, die dem ver­ord­ne­ten N‑Bereich ent­spricht, im Han­del ist, eine Packung aus dem nächst klei­ne­ren N‑Bereich abzu­ge­ben ist; falls eine sol­che Packung nicht im Han­del ist, ist die kleins­te im Han­del befind­li­che Packung abzu­ge­ben. Die „Ver­ord­nung über die Bestim­mung und Kenn­zeich­nung von Packungs­grö­ßen für Arz­nei­mit­tel in der ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung“ (Packungs­grö­ßen­ver­ord­nung) sieht in § 1 drei Packungs­grö­ßen vor: – N1 (klei­ne Packungs­grö­ße) für die Akut­the­ra­pie oder zur The­ra­pie­ein­stel­lung, – N2 (mitt­le­re Packungs­grö­ße) für die Dau­er­the­ra­pie, die einer beson­de­ren ärzt­li­chen Beglei­tung bedarf, – N3 (gro­ße Packungs­grö­ße) für die Dau­er­the­ra­pie.

Da die Klä­ge­rin am 10.12.2012 das ver­trags­ärzt­lich ver­ord­ne­te Arz­nei­mit­tel „Atma­disc 50/​250 Dis­kus PUL“ in der auf dem Rezept ver­merk­ten Packungs­grö­ße N3 nicht lie­fern konn­te, weil sie die­se nicht vor­rä­tig hat­te und der Her­stel­ler sie (noch bis zum 31.12.2012) nicht lie­fern konn­te, war die Apo­the­ke nach § 6 Abs. 1 Satz 1 des Rah­men­ver­tra­ges berech­tigt (und ver­pflich­tet), die Packung aus dem nächst­klei­ne­ren N‑Bereich abzu­ge­ben. Da es „Atma­disc 50/​250 Dis­kus PUL“ nicht in der Packungs­grö­ße N2 gibt, hat sie drei der kleins­ten N1-Packung abge­ge­ben. Die­se drei Packun­gen mit jeweils 60 Stück ent­spra­chen der ver­ord­ne­ten Men­ge von drei­mal 60 Stück, die sich in einer N3-Packung befin­den.

Nach § 129 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 SGB V i.V.m. § 8 Satz 1 des Rah­men­ver­tra­ges sind die Apo­the­ken bei der Abga­be ver­ord­ne­ter Arz­nei­mit­tel an Ver­si­cher­te ver­pflich­tet, den für den Tag der Abga­be gel­ten­den Apo­the­ken­ab­ga­be­preis zu berech­nen und grund­sätz­lich auf der Arz­nei­mit­tel­pa­ckung anzu­ge­ben. Für Fer­tig­arz­nei­mit­tel, die – wie vor­lie­gend Atma­disc – zur Anwen­dung beim Men­schen bestimmt sind, errech­net sich der „Apo­the­ken­ab­ga­be­preis“ zum maß­geb­li­chen Stich­tag 10.12.2012 aus dem bei Belie­fe­rung des Groß­han­dels gel­ten­den Abga­be­prei­sen des phar­ma­zeu­ti­schen Unter­neh­mers ohne die Umsatz­steu­er zuzüg­lich des dar­auf ent­fal­len­den Groß­han­dels­höchst­zu­schlags (Net­to-Ein­kaufs­preis) plus einem Fest­zu­schlag von 3 %, einem wei­te­ren Zuschlag von 8,10 EUR sowie der Umsatz­steu­er (§ 3 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Nr. 1 der Arz­nei­mit­tel­preis­ver­ord­nung – AMPreisV – in der maß­geb­li­chen bis 31.12.2012 gel­ten­den Fas­sung). Da die Apo­the­ken­zu­schlä­ge gemäß § 3 AMPreisV für „Fer­tig­arz­nei­mit­tel“, das sind nach der Legal­de­fi­ni­ti­on des § 1 Abs. 1 AMPreisV „Arz­nei­mit­tel, die im Vor­aus her­ge­stellt und in einer zur Abga­be an den Ver­brau­cher bestimm­ten Packung in den Ver­kehr gebracht wer­den“, erho­ben wer­den, ent­ste­hen sie für jede abge­ge­be­ne Packung. Für die Abga­be eines Fer­tig­arz­nei­mit­tels steht der Apo­the­ke eine Ver­gü­tung in Höhe des um den Apo­the­ken­ab­schlag gemäß § 130 Abs. 1 Satz 1 SGB V (zum hier maß­geb­li­chen Zeit­punkt 2,05 EUR je Packung) gemin­der­ten Apo­the­ken­ab­ga­be­preis zu.

Aller­dings kann die Apo­the­ke die Ver­gü­tung regel­mä­ßig nicht in vol­ler Höhe bei der Kran­ken­kas­se gel­tend machen. Viel­mehr hat sie die Ver­gü­tungs­for­de­rung um die von Ver­si­cher­ten zu leis­ten­den Zuzah­lun­gen zu min­dern. Denn gemäß § 43b Abs. 1 Satz 1 SGB V und § 11 ALV NW haben Leis­tungs­er­brin­ger – wie Apo­the­ken – Zah­lun­gen, die Ver­si­cher­te zu ent­rich­ten haben, ein­zu­zie­hen und mit ihrem Ver­gü­tungs­an­spruch gegen­über der Kran­ken­kas­se zu ver­rech­nen. § 31 Abs. 3 Satz 1 SGB V bestimmt, dass Ver­si­cher­te, die das 18. Lebens­jahr voll­endet haben, an die abge­ben­de Stel­le zu jedem zu Las­ten der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ver­ord­ne­ten Arz­nei­mit­tel als Zuzah­lung den sich nach § 61 Satz 1 erge­ben­den Betrag leis­ten, jedoch jeweils nicht mehr als die Kos­ten des Mit­tels. Nach § 61 Satz 1 SGB V betra­gen Zuzah­lun­gen, die Ver­si­cher­te zu leis­ten haben, 10 vom Hun­dert des Abga­be­prei­ses, min­des­tens jedoch 5,00 EUR und höchs­tens 10,00 EUR, aller­dings jeweils nicht mehr als die Kos­ten des Mit­tels.

Anknüp­fungs­punk­te für die Zuzah­lung sind hier­nach das „ver­ord­ne­te Arz­nei­mit­tel“ und der „Abga­be­preis“. Das ver­ord­ne­te Arz­nei­mit­tel im Sin­ne von § 31 Abs. 3 Satz 1 SGB V war im vor­lie­gen­den Fall „Atma­disc 50/​250 Dis­kus PUL“. Ob und in wel­cher Art sich die Packungs­grö­ße auf die Zuzah­lungs­ver­pflich­tung der Ver­si­cher­ten aus­wirkt, ergibt sich unmit­tel­bar weder aus § 31 Abs. 3 SGB V noch aus § 61 Satz 1 SGB V. Mit­tel­bar ist die Packungs­grö­ße jedoch im Rah­men des für die Höhe der Zuzah­lung maß­geb­li­chen Abga­be­prei­ses von Bedeu­tung. § 61 Satz 1 ent­hält kei­ne Legal­de­fi­ni­ti­on des dort ver­wen­de­ten Begriffs „Abga­be­preis“. Das SGB V ver­wen­det die­sen Begriff auch in ande­ren Vor­schrif­ten und in unter­schied­li­chem Zusam­men­hang, z.B. – „Apo­the­ken­ab­ga­be­preis“ in § 129 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 SGB V und § 3 Abs. 1 AmPreis­VO, – „für den Ver­si­cher­ten maß­geb­li­cher Arz­nei­mit­tel­ab­ga­be­preis“ in § 129 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2, Abs. 5a und § 130 Abs. 1 Satz 1 SGB V, -„Abga­be­preis des phar­ma­zeu­ti­schen Unter­neh­mers“ in § 129 Abs. 5a und § 130a SGB V.

Nach dem Sinn und Zweck der Vor­schrift des § 61 Satz 1 SGB V ist mit dem dort genann­ten Begriff „Abga­be­preis“ der für den Ver­si­cher­ten maß­geb­li­che Arz­nei­mit­tel­ab­ga­be­preis, das ist der „Apo­the­ken­ab­ga­be­preis“, gemeint. Davon geht auch die Klä­ge­rin aus. Gemäß § 3 Abs. 1 Satz 1 AMPreisV in der hier anzu­wen­den­den bis 31.12.2012 gel­ten­den Fas­sung ist jedoch bei Fer­tig­arz­nei­mit­teln der Apo­the­ken­ab­ga­be­preis die Sum­me aus dem Net­to-Ein­kaufs­preis, einem Fest­zu­schlag von 3 %, wei­te­ren 8,10 EUR und der Umsatz­steu­er je Packung, nicht je ver­ord­ne­tem Arz­nei­mit­tel. Andern­falls wäre nicht nur die Zuzah­lung, son­dern kon­se­quen­ter­wei­se auch die Apo­the­ken­zu­schlä­ge (3 % und 8,10 EUR) sowie der Apo­the­ken­ra­batt (2,05 EUR) nicht nach der abge­ge­be­nen Packung, son­dern dem ver­ord­ne­ten Arz­nei­mit­tel zu bemes­sen. Denn auch § 3 Abs. 1 AMPreisV und § 130 Abs. 1 Satz 1 SGB V bezie­hen sich im Text nicht auf die „Packung“, son­dern das „Arz­nei­mit­tel“. Die­se Kon­se­quenz ihrer Auf­fas­sung zieht die Klä­ge­rin aber nicht. Sie wäre auch nicht mit Gesetz und Ver­ord­nung in Ein­klang zu brin­gen, weil sich der „Apo­the­ken­preis“ für Fer­tig­arz­nei­mit­tel – wie auf­ge­zeigt – auch nach der „Packung“ (vgl. § 1 Abs. 1 i.V.m. § 3 Abs. 1 AMPreisV) rich­tet und zwar nach den tat­säch­lich – nicht fik­tiv – abge­ge­be­nen Arz­nei­mit­tel­pa­ckun­gen. Somit war für die drei abge­ge­be­nen N1-Packun­gen „Atma­disc 50/​250 Dis­kus PUL“, deren Abga­be­preis jeweils 56,62 EUR betrug, je Packung eine Zuzah­lung von 5,66 EUR, zusam­men 16,98 EUR zu leis­ten; da der Abga­be­preis für die bei­den ande­ren in je einer Packung abge­ge­be­nen Arz­nei­mit­tel jeweils unter 50,00 EUR lag, war hier­für die Min­dest­zu­zah­lung von je 5,00 EUR zu leis­ten. Ins­ge­samt hat­te der Ver­si­cher­te für die am 10.12.2012 ver­ord­ne­ten und abge­ge­be­nen Arz­nei­mit­tel also eine Zuzah­lung von 26,98 EUR zu leis­ten.

Der hier­von abwei­chen­den Auf­fas­sung der Klä­ge­rin, die von den Ver­si­cher­ten zu leis­ten­de Zuzah­lung müs­se sich nach dem Abga­be­preis rich­ten, der maß­geb­lich wäre, wenn das ver­ord­ne­te Arz­nei­mit­tel in der auf dem Rezept ver­merk­ten Packungs­grö­ße abge­ge­ben wor­den wäre (dies wären für eine N3-Packung „Atma­disc 50/​250 Dis­kus PUL“, aus­ge­hend von einem Abga­be­preis von 150,05 EUR, ledig 10,00 EUR, zusam­men mit der Zuzah­lung für die bei­den ande­ren Arz­nei­mit­tel also 20,00 EUR gewe­sen), ste­hen nicht nur die dar­ge­leg­ten rechts­sys­te­ma­ti­schen Erwä­gun­gen ent­ge­gen. Die Klä­ge­rin führt für ihre Ansicht an, dass es gel­te, Nach­tei­le für die Ver­si­cher­ten zu ver­mei­den, die aus Lie­fer­schwie­rig­kei­ten erwach­sen. Die­ses – auf den ers­ten Blick ver­ständ­li­che – Ein­tre­ten für die Inter­es­sen der Ver­si­cher­ten, die zugleich die Kun­den der Apo­the­ke sind, spie­gelt jedoch nur die eine Sei­te der Medail­le wie­der. Die ande­re Sei­te ist die der abge­ben­den Apo­the­ke. Tat­säch­lich war es hier näm­lich so, dass die Lie­fer­schwie­rig­kei­ten und die dar­aus resul­tie­ren­de Abga­be von drei N1-Packun­gen anstatt einer N3-Packung „Atma­disc 50/​250 Dis­kus PUL“ zu einem um 8,73 EUR brut­to höhe­ren Ver­gü­tungs­an­spruch der Klä­ge­rin gegen­über der Kran­ken­kas­se geführt hat. Wür­de die Klä­ge­rin ihren aus dem Rezept vom 10.12.2012 resul­tie­ren­den Ver­gü­tungs­an­spruch nicht mit der auf den Abga­be­preis der drei abge­ge­be­nen N1-Packun­gen des Arz­nei­mit­tels Atma­disc zu ent­rich­ten­den Zuzah­lungs­be­trag von 16,98 EUR ver­rech­nen müs­sen, son­dern – wie sie es zu Guns­ten der Ver­si­cher­ten für rich­tig hält – nur mit dem Zuzah­lungs­be­trag von 10,00 EUR, wie er sich fik­tiv aus der vom Arzt auf dem Rezept ver­merk­ten, aber nicht lie­fer­ba­ren Packungs­grö­ße N3 errech­net, ergä­be sich für die Klä­ge­rin sogar ein um 15,71 EUR brut­to höhe­rer Ver­gü­tungs­an­spruch. Hät­te die beklag­te Kran­ken­kas­se also das Rezept vom 10.12.2012 nach der Vor­stel­lung der Klä­ge­rin abzu­rech­nen, wür­den die dama­li­gen Lie­fer­schwie­rig­kei­ten zwar den Ver­si­cher­ten nicht belas­ten, die Apo­the­ke aber zusätz­lich ver­die­nen las­sen.

Gegen eine Aus­le­gung der Zuzah­lungs­re­ge­lung der §§ 31 Abs. 3, 61 Satz 1 SGB V im Sin­ne der Klä­ge­rin spricht zuletzt auch, dass sie das Pro­blem der – eigent­lich vom phar­ma­zeu­ti­schen Unter­neh­mer zu ver­tre­te­nen – Lie­fer­schwie­rig­kei­ten zu Guns­ten der Ver­si­cher­ten und hier auch der Apo­the­ke auf die Kran­ken­kas­se abwälzt, die jedoch die Lie­fer­schwie­rig­kei­ten genau­so wenig wie die Vor­ge­nann­ten zu ver­tre­ten hat. Die Lösung des im vor­lie­gen­den Fall auf­ge­zeig­ten Pro­blems, dass durch Lie­fer­schwie­rig­kei­ten u.U. höhe­re Zuzah­lun­gen als bei Lie­fer­fä­hig­keit anfal­len, obliegt nicht den Gerich­ten durch eine zwei­fel­haf­te, inter­es­sen­ge­lei­te­te Aus­le­gung der Vor­schrift des § 61 Satz 1 SGB V gegen deren Wort­laut („Abga­be­preis“), son­dern allen­falls dem Gesetz­ge­ber.

Das Sozi­al­ge­richt Aachen hat die im Hin­blick auf den Wert des Beschwer­de­ge­gen­stan­des an sich nicht statt­haf­te Beru­fung und auch die Sprung­re­vi­si­on zuge­las­sen, weil sie der Rechts­sa­che grund­sätz­li­che Bedeu­tung bei­misst (§§ 144 Abs. 2 Nr. 1, 161 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 1, 160 Abs. 2 Nr. 1 SGG).

Sozi­al­ge­richt Aachen, Urteil vom 22. Okto­ber 203 – S 13 KR 223/​13

  1. BSG, Urtei­le vom 17.12.2009 – B 3 KR 13/​08 R; vom 28.09.2010 – B 1 KR 3/​10 R[]