Arzt­pra­xis mit Hygie­ne­de­fi­zi­te

Der sofor­ti­ge Voll­zug des Wider­ru­fes der Geneh­mi­gung eines Arz­tes für die Durch­füh­rung von Dia­ly­se­be­hand­lun­gen ist recht­mä­ßig, wenn auch mil­de­re Mit­tel, wie eine wei­te­re Bera­tung des Arz­tes oder Behand­lungs­auf­la­gen ange­sichts der grund­sätz­li­chen Unge­eig­net­heit des Arz­tes nicht aus­rei­chend sind, um die Gesund­heit der Pati­en­ten zu gewähr­leis­ten.

Arzt­pra­xis mit Hygie­ne­de­fi­zi­te

So die Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nie­der­sach­sen-Bre­men in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Eil­ver­fah­rens eines Fach­arz­tes für Inne­re Medi­zin dem nach Über­prü­fung der Dia­ly­se­pra­xis die Geneh­mi­gung zur Durch­füh­rung von Dia­ly­se­be­hand­lun­gen mit sofor­ti­ger Wir­kung ent­zo­gen wor­den ist. Der Fach­arzt für Inne­re Medi­zin mit dem Schwer­punkt Nephrolo­gie (die Nie­ren betref­fend) hat­te die Geneh­mi­gung zur Aus­füh­rung und Abrech­nung von Dia­ly­se­leis­tun­gen. Bei einer Über­prü­fung der Dia­ly­se­pra­xis hat­te die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung Nie­der­sach­sen (KVN) kri­ti­siert, dass der Arzt auch Pati­en­ten mit dem Dia­ly­se­ver­fah­ren behan­delt, bei denen die­ses gar nicht not­wen­dig und daher gesund­heits­schäd­lich sei. Die Not­wen­dig­keit sei vor allem an einem bestimm­ten Labor­wert (Kre­ar­ti­nin-Clearan­ce-Wert) abzu­le­sen. Die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung Nie­der­sach­sen hat­te dar­auf­hin die Geneh­mi­gung des Nephrolo­gen zur Durch­füh­rung der Dia­ly­se­be­hand­lung mit sofor­ti­ger Wir­kung wider­ru­fen.

Das Sozi­al­ge­richt Han­no­ver hat mit Beschluss vom 24. Mai 2012 im Rah­men eines Eil­ver­fah­rens die sofor­ti­ge Wir­kung des Wider­rufs für die Pati­en­ten­grup­pe bestä­tigt, die Labor­wer­te über dem frag­li­chen Wert auf­wie­sen und damit vor­aus­sicht­lich gar kei­ne Dia­ly­se benö­tig­ten. Für die ande­ren Pati­en­ten hat es die auf­schie­ben­de Wir­kung des Wider­spruchs gegen den Wider­ruf der Geneh­mi­gung ange­ord­net und damit dem Arzt ermög­licht, die rest­li­chen Pati­en­ten vor­läu­fig wei­ter zu behan­deln. Die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung Nie­der­sach­sen hat dage­gen Beschwer­de beim Lan­des­so­zi­al­ge­richt ein­ge­legt.

Nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nie­der­sach­sen-Bre­men ist der sofor­ti­ge Voll­zug des Wider­ru­fes der Geneh­mi­gung recht­mä­ßig. Der Sofort­voll­zug des Wider­rufs habe zwar vor­aus­sicht­lich zur Fol­ge, das der Arzt ‑selbst wenn er in dem noch durch­zu­füh­ren­den Kla­ge­ver­fah­ren gewin­nen soll­te- die Pra­xis wirt­schaft­lich wahr­schein­lich nicht mehr wei­ter füh­ren kön­ne. Ihm wer­de zwar nur die Geneh­mi­gung zur Dia­ly­se­be­hand­lung ent­zo­gen, er kön­ne daher grund­sätz­lich ver­trags­ärzt­lich wei­ter­be­han­deln, aber durch die bis­he­ri­ge Spe­zia­li­sie­rung auf die Dia­ly­se ver­blei­be ihm nur ein gerin­ger Tätig­keits­be­reich, der es ver­mut­lich nicht ermög­li­chen wer­de, die Pra­xis auf­recht zu erhal­ten. Hier sei das Recht der Pati­en­ten auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit vor­ran­gig, da zur Über­zeu­gung des Sena­tes fest­ste­he, dass den jet­zi­gen und zukünf­ti­gen Pati­en­ten des Nephrolo­gen bei Behand­lung durch die­sen Arzt kon­kre­te Gesund­heits­ge­fah­ren dro­hen. Die­ser ken­ne nach der gegen­wär­tig erkenn­ba­ren Sach­la­ge die Vor­aus­set­zun­gen zur Durch­füh­rung der Dia­ly­se nicht voll­stän­dig.

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat wei­ter aus­ge­führt, dass der Arzt zei­ge, dass er sich auch zukünf­tig nicht an die ver­trags­ärzt­li­chen Vor­schrif­ten hal­ten wer­de. Er ver­su­che, die Bedeu­tung der Labor­wer­te zu rela­ti­vie­ren, obwohl die ver­trags­ärzt­li­chen Vor­schrif­ten vor allem auf die­se Wer­te abstel­len. Dar­über hin­aus las­se sein bis­he­ri­ger Vor­trag nicht erken­nen, dass der Arzt ein Kon­zept für eine zukünf­ti­ge sach­ge­rech­te Behand­lung ent­wi­ckelt habe. Dage­gen sei­en von den Behand­lun­gen des Arz­tes eine Viel­zahl von Pati­en­ten betrof­fen, denen durch even­tu­el­le fal­sche Behand­lun­gen irrepa­ra­ble gesund­heit­li­che Schä­den dro­hen. Auch sei ein Ver­sor­gungs­eng­pass durch den Wider­ruf der Geneh­mi­gung nicht zu befürch­ten. Die Pati­en­ten könn­ten unter Mit­wir­kung ihrer Kran­ken­kas­sen durch ande­re Ärz­te behan­delt wer­den. Schließ­lich beru­he die wirt­schaft­li­che Exis­tenz­ge­fähr­dung auf der Ent­schei­dung des Arz­tes, sich in die­sem gro­ßen Umfang zu spe­zia­li­sie­ren. Auch mil­de­re Mit­tel, wie eine wei­te­re Bera­tung des Arz­tes oder Behand­lungs­auf­la­gen sei­en ange­sichts der grund­sätz­li­chen Unge­eig­net­heit des Arz­tes nicht aus­rei­chend, um die Gesund­heit der Pati­en­ten zu gewähr­leis­ten.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 16. Juli 2012 – L 3 KA 48/​12 B ER