Asyl­be­wer­ber­leis­tun­gen – und die Sub­si­dia­ri­tät der Ver­fas­sungs­be­schwer­de

Nach dem Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät aus § 90 Abs. 2 BVerfGG 1 müs­sen vor Erhe­bung einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de alle zur Ver­fü­gung ste­hen­den pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten ergrif­fen wer­den, um die jeweils gel­tend gemach­te Grund­rechts­ver­let­zung in dem unmit­tel­bar mit ihr zusam­men­hän­gen­den sach­nächs­ten Ver­fah­ren zu ver­hin­dern oder zu besei­ti­gen.

Asyl­be­wer­ber­leis­tun­gen – und die Sub­si­dia­ri­tät der Ver­fas­sungs­be­schwer­de

Wer­den mit einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen eine fach­ge­richt­li­che Eil­ent­schei­dung aus­schließ­lich Grund­rechts­ver­let­zun­gen gerügt, die sich auf die Haupt­sa­che bezie­hen, bie­tet das Ver­fah­ren der Haupt­sa­che regel­mä­ßig die Chan­ce, der ver­fas­sungs­recht­li­chen Beschwer abzu­hel­fen.

Ent­schei­dun­gen im vor­läu­fi­gen Rechts­schutz kom­men daher als Gegen­stand der Ver­fas­sungs­be­schwer­de regel­mä­ßig nur in Betracht, soweit sie eine selb­stän­di­ge ver­fas­sungs­recht­li­che Beschwer ent­hal­ten, die sich nicht mit der­je­ni­gen durch die spä­te­re Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che deckt 2.

Im hier ent­schie­de­nen Fall mach­te der Beschwer­de­füh­rer jedoch kei­ne Rechts­ver­let­zung gel­tend, die gera­de das Eil­ver­fah­ren betrifft. Ein Abwar­ten der Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che war hier nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht aus­nahms­wei­se unzu­mut­bar:

Das könn­te der Fall sein, wenn das Haupt­sa­che­ver­fah­ren vor dem Hin­ter­grund ent­ge­gen­ste­hen­der Recht­spre­chung der Fach­ge­rich­te von vorn­her­ein aus­sichts­los wäre 3. Zu der hier mit­tel­bar auf­ge­wor­fe­nen Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit von § 1a Abs. 4 Satz 2 Asyl­bLG liegt bis­lang jedoch weder Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vor, noch lässt sich ver­öf­fent­lich­te Recht­spre­chung der Lan­des­so­zi­al­ge­rich­te fin­den. Die bis­lang ver­öf­fent­lich­te 4 oder im Rah­men des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens bekannt gewor­de­ne Recht­spre­chung 5 betrifft sämt­lich Ver­fah­ren des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes. Dabei hat sich etwa das Sozi­al­ge­richt Sta­de nicht abschlie­ßend geäu­ßert, son­dern es – anders als das Sozi­al­ge­richt Cott­bus im vor­lie­gend ange­grif­fe­nen Beschluss – als "hin­rei­chend wahr­schein­lich" ange­se­hen, dass "die Rechts­fol­ge des neu­en § 1a Abs. 4 Asyl­bLG ver­fas­sungs­wid­rig" sei 6. Damit kann die Durch­füh­rung des Haupt­sa­che­ver­fah­rens hier nicht von vorn­her­ein als aus­sichts­los ange­se­hen wer­den. Das gilt auch ange­sichts der Tat­sa­che, dass die Fach­ge­rich­te der gerüg­ten Grund­rechts­ver­let­zung nicht selbst abhel­fen könn­ten, son­dern zur Besei­ti­gung des gel­tend gemach­ten Ver­fas­sungs­ver­sto­ßes nur durch eine Vor­la­ge zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gemäß Art. 100 Abs. 1 GG bei­tra­gen könn­ten, denn die vor­ran­gi­ge Befas­sung der Fach­ge­rich­te behält auch dann ihren Sinn 7.

Das Abwar­ten der Haupt­sa­che ist auch nicht unzu­mut­bar, weil die Beur­tei­lung der auf­ge­wor­fe­nen Fra­ge von kei­ner wei­te­ren tat­säch­li­chen und recht­li­chen Auf­klä­rung abhin­ge und die Vor­aus­set­zun­gen gege­ben wären, unter denen das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gemäß § 90 Abs. 2 Satz 2 BVerfGG sofort ent­schei­den könn­te 8.

Hier ist nicht ersicht­lich, dass dem Beschwer­de­füh­rer bei Abwar­ten der Ent­schei­dung im Haupt­sa­che­ver­fah­ren ein schwe­rer und unab­wend­ba­rer Nach­teil im Sin­ne von § 90 Abs. 2 BVerfGG droh­te. Zwar ist eine schnel­le Ent­schei­dung zur Siche­rung des ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­ten Exis­tenz­mi­ni­mums regel­mä­ßig not­wen­dig. Doch genügt allein der Umstand, dass Grund­leis­tun­gen der sozia­len Siche­rung betrof­fen sind, nicht, um gene­rell einen unab­wend­ba­ren Nach­teil im ver­fas­sungs­pro­zess­recht­li­chen Sinn anneh­men zu kön­nen. Ein sol­cher ist nur gege­ben, wenn durch eine spä­te­re Ent­schei­dung nicht mehr kor­ri­gier­ba­re, irrepa­ra­ble Schä­den dro­hen. Dazu ist hier nichts vor­ge­tra­gen und aus den vor­ge­leg­ten Unter­la­gen auch nichts zu erken­nen.

Im Übri­gen sind die ein­fach­recht­li­chen Fra­gen und die tat­säch­li­chen Aus­wir­kun­gen der gesetz­li­chen Rege­lung noch nicht aus­rei­chend fach­ge­richt­lich vor­ge­klärt. Nur eine sol­che fach­ge­richt­li­che Klä­rung ver­hin­dert, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt genö­tigt wäre, auf unge­si­cher­ter Grund­la­ge weit­rei­chen­de Ent­schei­dun­gen zu tref­fen 9. Auch wenn sozi­al­recht­li­che Grund­leis­tun­gen betrof­fen sind, ist es grund­sätz­lich unab­ding­bar, dass die fach­na­hen Sozi­al­ge­rich­te zunächst die rele­van­ten tat­säch­li­chen und recht­li­chen Fra­gen beant­wor­ten und die anwend­ba­ren Rege­lun­gen ver­fas­sungs­recht­lich über­prü­fen 10. Dies ist bis­lang durch die nur ver­ein­zelt und in einst­wei­li­gen Rechts­schutz­ver­fah­ren mit der Fra­ge einer etwai­gen Ver­fas­sungs­wid­rig­keit von § 1a Abs. 4 Satz 2 Asyl­bLG befass­te Recht­spre­chung nicht erfolgt. So fehlt es an einer Klä­rung, wie die Berech­nung des not­wen­di­gen Bedarfs nach § 3 Asyl­bLG erfolgt und wel­cher Anteil auf die in § 1a Abs. 4 Satz 2 in Ver­bin­dung mit Abs. 2 Asyl­bLG genann­ten noch zu decken­den Bedar­fe ent­fällt. Nähe­rer Betrach­tung bedarf zudem etwa das Zusam­men­spiel mit der durch die Ver­wei­sung auf Absatz 2 auch in Bezug genom­me­nen Rege­lung des § 1a Abs. 2 Satz 3 Asyl­bLG, wonach im Ein­zel­fall auch ande­re Leis­tun­gen im Sin­ne von § 3 Abs. 1 Satz 1 Asyl­bLG gewährt wer­den kön­nen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 19. Sep­tem­ber 2017 – 1 BvR 1719/​17

  1. vgl. BVerfGE 107, 395, 414[]
  2. vgl. BVerfGE 77, 381, 400 f.; 79, 275, 278 f.; 104, 65, 70 f.; stRspr[]
  3. vgl. BVerfGE 79, 275, 279; 104, 65, 71; dazu auch BVerfG, Beschluss vom 10.05.2016 – 1 BvR 2322/​14, Rn. 12[]
  4. SG Leip­zig, Beschluss vom 02.12 2016 – S 5 AY 13/​16 ER[]
  5. SG Sta­de, Beschluss vom 10.05.2017 – S 19 AY 19/​17 ER – sowie der hier ange­grif­fe­ne Beschluss: SG Cott­bus, Beschluss vom 26.04.2017 – S 21 AY 4/​17 ER[]
  6. SG Sta­de, Beschluss vom 10.05.2017 – S 19 AY 19/​17 ER[]
  7. vgl. nur BVerfGE 58, 81, 104 f.; 72, 39, 43 f.; Beschluss vom 14.08.2013 – 2 BvR 1601/​13 3; stRspr[]
  8. vgl. BVerfG, Beschluss vom 30.07.2013 – 1 BvR 2062/​13, Rn. 7 ff.; BVerfG, Beschluss vom 10.05.2016 – 1 BvR 2322/​14, Rn. 12 m.w.N.[]
  9. vgl. BVerfGE 86, 15, 26 f.[]
  10. vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.02.2005 – 1 BvR 199/​05, Rn. 10[]
  11. vgl. BVerfGE 107, 395, 414[]