Aus­kunfts­an­spruch gegen die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung

Einem in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung Ver­si­cher­ten steht gegen die jewei­li­ge Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung ein Anspruch auf Aus­kunft über sei­ne von ihr gespei­cher­ten Sozi­al­da­ten zu. Die­ser Anspruch folgt nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts aus § 83 Abs 1 Satz 1 Nr 1, Abs 2 und 4 SGB X.

Aus­kunfts­an­spruch gegen die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung

§ 83 Abs 1 SGB X begrün­det ein Aus­kunfts­recht Betrof­fe­ner über die zu ihrer Per­son gespei­cher­ten Sozi­al­da­ten, wel­ches durch das Aus­kunfts­recht nach § 305 Abs 1 SGB V nicht ver­drängt wird. Schon nach ihrem Wort­laut sind § 83 Abs 1 SGB X und § 305 Abs 1 SGB V neben­ein­an­der anwend­bar. Dem ent­spre­chen Ent­ste­hungs­ge­schich­te, Rege­lungs­sys­tem und Rege­lungs­zweck. Die dage­gen gerich­te­ten Angrif­fe der Beklag­ten grei­fen nicht durch. Die Vor­aus­set­zun­gen des Aus­kunfts­rechts des Klä­gers sind auch erfüllt.

§ 83 SGB X macht das Aus­kunfts­recht nicht davon abhän­gig, dass kein Fall des § 305 SGB V gege­ben ist. Auch § 305 Abs 1 SGB V schließt die Anwend­bar­keit des § 83 SGB X nicht aus. Viel­mehr unter­rich­ten – so der Wort­laut des § 305 Abs 1 Satz 1 SGB V – die Kran­ken­kas­sen die Ver­si­cher­ten auf deren Antrag über die im jeweils letz­ten Geschäfts­jahr in Anspruch genom­me­nen Leis­tun­gen und deren Kos­ten.

Schon bei der Ein­füh­rung der ers­ten Fas­sung des § 305 SGB V ver­deut­lich­ten die Geset­zes­ma­te­ria­li­en, dass die Rege­lung die Trans­pa­renz der Leis­tungs­er­brin­gung und Leis­tungs­ab­rech­nung erhö­hen und hier­durch einen Bei­trag zur Stei­ge­rung des Kos­ten­be­wusst­seins der Ver­si­cher­ten leis­ten und dass § 83 SGB X unbe­rührt blei­ben soll 1. Dar­an hat sich in der Fol­ge­zeit nichts geän­dert.

§ 83 SGB X will dem­ge­gen­über unter bereichs­spe­zi­fi­scher Über­tra­gung der daten­schutz­recht­li­chen Aus­kunfts­rech­te des § 19 BDSG die Rech­te der Betrof­fe­nen in den Sozi­al­leis­tungs­be­rei­chen ver­stär­ken, ins­be­son­de­re durch erwei­ter­te Aus­kunfts­rech­te; so soll der Betrof­fe­ne sich die Kennt­nis von der Ver­ar­bei­tung sei­ner Sozi­al­da­ten ver­schaf­fen kön­nen, etwa um die Zuläs­sig­keit der Ver­ar­bei­tung und Rich­tig­keit der Daten über­prü­fen zu kön­nen 2.

Auch das Rege­lungs­sys­tem ist auf eine par­al­le­le Anwen­dung der Aus­kunfts­rech­te aus § 83 Abs 1 SGB X und § 305 Abs 1 SGB V aus­ge­rich­tet. Für Sozi­al­da­ten ste­hen die ein­schlä­gi­gen Rege­lun­gen des SGB I und X grund­sätz­lich gleich­ran­gig neben den übri­gen Büchern des SGB, um einen umfas­sen­den Schutz zu schaf­fen. Sozi­al­da­ten defi­niert § 67 Abs 1 Satz 1 SGB X als Ein­zel­an­ga­ben über per­sön­li­che oder sach­li­che Ver­hält­nis­se einer bestimm­ten oder bestimm­ba­ren natür­li­chen Per­son (Betrof­fe­ner), die von einer in § 35 SGB I genann­ten Stel­le im Hin­blick auf ihre Auf­ga­ben nach die­sem Gesetz­buch erho­ben, ver­ar­bei­tet oder genutzt wer­den. Wäh­rend nach § 37 Satz 1 SGB I das Ers­te und Zehn­te Buch SGB für alle Sozi­al­leis­tungs­be­rei­che die­ses Gesetz­buchs gel­ten, "soweit sich aus den übri­gen Büchern nichts Abwei­chen­des ergibt", gilt nach § 37 Satz 2 SGB I der Vor­be­halt ua nicht für § 35 SGB I.

Da unter ande­rem § 83 SGB X im Zwei­ten Kapi­tel des SGB X steht, ist die­se Rege­lung vom Schutz­be­reich des § 35 SGB I erfasst. Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gun­gen gehö­ren zu den in § 35 Abs 1 Satz 4 SGB I genann­ten Stel­len, wie auch die Beklag­te selbst nicht in Zwei­fel zieht. Sie sind im Sin­ne der Rege­lung eine der "in die­sem Gesetz­buch genann­ten öffent­lich-recht­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen", weil die §§ 75 ff SGB V ihnen Rech­te zuer­ken­nen und Pflich­ten auf­er­le­gen.

Soweit sich die Anwen­dungs­be­rei­che des SGB I, X und V hin­sicht­lich des Sozi­al­da­ten­schut­zes so über­schnei­den, dass abwei­chend vom dar­ge­leg­ten Grund­satz par­al­le­ler Anwen­dung ande­re Kol­li­si­ons­re­geln gel­ten, sieht das Gesetz dies aus­drück­lich vor. So ver­wei­sen zB § 284 Abs 1 Satz 5 SGB V und § 284 Abs 4 Satz 5 SGB V "im Übri­gen" auf das SGB I und SGB X in Bezug auf die Ver­wen­dung von Sozi­al­da­ten durch die Kran­ken­kas­sen und die Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen, weil sie gera­de an das auf­ge­zeig­te Rege­lungs­sys­tem anknüp­fen. Danach läßt § 305 SGB V die Rech­te der Ver­si­cher­ten aus § 83 SGB X und die damit kor­re­spon­die­ren­de Aus­kunfts­pflicht der dar­in genann­ten Stel­len über gespei­cher­te Daten unbe­rührt 3.

Die dage­gen erho­be­nen Ein­wen­dun­gen grei­fen nicht durch. Die Anwen­dung des § 83 SGB X ist nicht etwa durch eine vor­ran­gi­ge Anwen­dung von Bestim­mun­gen des BDSG aus­ge­schlos­sen. Wie schon das SG aus­ge­führt hat, sind viel­mehr umge­kehrt die Daten­schutz­re­ge­lun­gen der §§ 67 ff SGB X bereichs­spe­zi­fi­sches Daten­schutz­recht bezo­gen auf den Gel­tungs­be­reich des SGB im Sin­ne von § 1 Abs 3 Satz 1 BDSG und daher vor­ran­gig 4.

Die Recht­spre­chung des 6. Senats des Bun­des­so­zi­al­ge­richts 5 eig­net sich eben­falls nicht zum Beleg dafür, dass der sozi­al­da­ten­schutz­recht­li­che Aus­kunfts­an­spruch des Klä­gers gegen die Beklag­te nach § 83 SGB X aus­ge­schlos­sen wäre. Das Urteil betraf die Abrech­nung einer Kran­ken­haus­trä­ge­rin von ambu­lan­ten Not­fall­be­hand­lun­gen mit Hil­fe eines pri­vat­ärzt­li­chen Ver­rech­nungs­un­ter­neh­mens gegen­über einer Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung. Soweit es ent­schied, dass die Wei­ter­ga­be von Pati­en­ten­da­ten durch Leis­tungs­er­brin­ger an pri­va­te Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men zum Zwe­cke der Leis­tungs­ab­rech­nung nach der sei­ner­zeit gel­ten­den Rechts­la­ge nicht erlaubt war, hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt auf das Feh­len einer dafür erfor­der­li­chen gesetz­li­chen Grund­la­ge abge­stellt; nur in Bezug auf die betrof­fe­ne Leis­tungs­er­brin­ge­rin hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt in die­sem Zusam­men­hang die Her­an­zie­hung der daten­schutz­recht­li­chen Bestim­mun­gen des SGB I und SGB X ver­neint, wäh­rend – abwei­chend davon und wie oben beschrie­ben – die im vor­lie­gen­den Rechts­streit beklag­te Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung eine von § 35 Abs 1 Satz 4 SGB I erfass­te öffent­lich-recht­li­che Ver­ei­ni­gung ist, für die gera­de die bereichs­spe­zi­fi­schen Daten­schutz­re­ge­lun­gen des SGB Anwen­dung fin­den.

Auch die all­ge­mei­nen rechts­sys­te­ma­ti­schen Erwä­gun­gen der Beklag­ten füh­ren zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis. Ihre Argu­men­ta­ti­on mit dem Ver­hält­nis der Nor­men des ers­ten Kapi­tels des SGB X – etwa § 25, § 44 und § 48 SGB X – zum SGB V ver­fängt nicht, weil für die­se Rege­lun­gen im ers­ten Kapi­tel des SGB X – wie oben dar­ge­legt – gera­de der in § 37 Satz 1 SGB I for­mu­lier­te Vor­be­halt greift: Bestim­mun­gen des Ver­trags­arzt­rechts kön­nen als Rege­lun­gen des SGB V (in Ver­bin­dung mit ergän­zen­dem unter­ge­setz­li­chem Recht) als einem beson­de­ren Teil des SGB zB den genann­ten all­ge­mei­nen Rege­lun­gen des SGB X über das Ver­wal­tungs­ver­fah­ren vor­ge­hen. § 284 Abs 1 Satz 5 SGB V und § 284 Abs 4 Satz 5 SGB V knüp­fen dage­gen – wie dar­ge­legt – hin­sicht­lich der Ver­wen­dung von Sozi­al­da­ten gera­de an das auf­ge­zeig­te Rege­lungs­sys­tem an.

Nach alle­dem ist das Aus­kunfts­recht des Klä­gers aus § 83 SGB X anwend­bar. Auch die Vor­aus­set­zun­gen der Rege­lung sind erfüllt. Der Klä­ger hat als Betrof­fe­ner Aus­kunft über die zu sei­ner Per­son gespei­cher­ten Sozi­al­da­ten bei der Beklag­ten bean­tragt. Es ist hier­für ohne Belang, dass er sich zunächst nur an sei­ne Kran­ken­kas­se wand­te, die sei­nen Antrag an die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung wei­ter­lei­te­te. Denn er hat mit sei­nem wei­te­ren Begeh­ren klar zu erken­nen gege­ben, dass er die Aus­kunft über die gespei­cher­ten Behand­lungs­da­ten von der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung zu erhal­ten wünsch­te, was die­se auch ver­stan­den hat 6. Die bei der Kas­senärt­zli­chen Ver­ei­ni­gung gespei­cher­ten Daten über die ver­trags­ärzt­li­che Behand­lung des Klä­gers, die Gegen­stand sei­nes Aus­kunfts­be­geh­rens sind, sind Sozi­al­da­ten im Sin­ne des § 67 Abs 1 Satz 1 SGB X.

Die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung ist auch eine zur Aus­kunft ver­pflich­te­te "ver­ant­wort­li­che Stel­le" im Sin­ne der Norm. Nach dem auf­ge­zeig­ten Rege­lungs­zweck und ‑sys­tem sind dies alle Stel­len, die Sozi­al­da­ten des Betrof­fe­nen ver­ar­bei­tet haben kön­nen. Denn er soll sich – wie dar­ge­legt – mit­tels des Aus­kunfts­an­spruchs Kennt­nis von der Ver­ar­bei­tung sei­ner Sozi­al­da­ten ver­schaf­fen kön­nen, etwa um die Zuläs­sig­keit der Ver­ar­bei­tung und Rich­tig­keit der Daten über­prü­fen zu kön­nen. Die­se Aus­kunfts­ver­pflich­tung besteht unter Berück­sich­ti­gung der og Defi­ni­ti­on der Sozi­al­da­ten in § 67 Abs 1 Satz 1 SGB X jeden­falls nicht nur für Leis­tungs­trä­ger, son­dern für sämt­li­che der in § 35 SGB I genann­ten Stel­len 7. Die Kas­senärt­zli­che Ver­ei­ni­gung gehört – wie dar­ge­legt – zu den in § 35 Abs 1 Satz 4 SGB I genann­ten Stel­len.

Unab­hän­gig von der Fra­ge, ob vom Aus­kunfts­be­geh­ren Sozi­al­da­ten betrof­fen sind, die nur des­halb gespei­chert sind, weil sie auf­grund gesetz­li­cher, sat­zungs­mä­ßi­ger oder ver­trag­li­cher Auf­be­wah­rungs­vor­schrif­ten nicht gelöscht wer­den dür­fen, oder die aus­schließ­lich Zwe­cken der Daten­si­che­rung oder der Daten­schutz­kon­trol­le die­nen, liegt der Aus­schluss­grund nach § 83 Abs 2 SGB X nicht vor. Denn die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung hat nicht gel­tend gemacht, dass eine Aus­kunfts­er­tei­lung über die bei ihr elek­tro­nisch gespei­cher­ten Daten über den Klä­ger einen unver­hält­nis­mä­ßi­gen Auf­wand erfor­dern wür­de, die ent­spre­chen­den Daten sind bei ihr viel­mehr "ein­ge­scannt", in der EDV erfasst und auch noch nicht gelöscht wor­den. Aus­schluss­grün­de gemäß § 83 Abs 4 SGB X wer­den weder von der beklag­ten Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung vor­ge­tra­gen noch sind sie sonst ersicht­lich.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 2. Novem­ber 2010 – B 1 KR 12/​10 R

  1. so Begrün­dung der Frak­tio­nen der CDU/​CSU und FDP zum Ent­wurf eines Geset­zes zur Struk­tur­re­form im Gesund­heits­we­sen, BT-Drs. 11/​2237 S 235 und S 238 zu § 311 des Ent­wurfs[]
  2. vgl Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zur Ände­rung von Vor­schrif­ten des Sozi­al­ge­setz­buchs über den Schutz der Sozi­al­da­ten sowie zur Ände­rung ande­rer Vor­schrif­ten, BT-Drs. 12/​5187 S 1 unter B. I., S 27 unter A. I. 3. und S 42 zu § 83[]
  3. vgl U. Schnei­der in: Wagner/​Knittel, Sozia­le Krankenversicherung/​Pflegeversicherung, Stand Juni 2010, § 305 SGB V RdNr 7; Kra­nig in: Hauck/​Noftz, SGB V, Stand Okto­ber 2010, K § 305 RdNr 2; Hess in: Kas­se­ler Komm, Stand: Juli 2010, § 305 SGB V RdNr 3, Bers­ter­mann in: Peters, Hand­buch der Kran­ken­ver­si­che­rung, Stand: April 2010, § 305 SGB V RdNr 6[]
  4. vgl. BSGE 102, 134 = SozR 4 – 2500 § 295 Nr 2, RdNr 18, 33 ff mwN[]
  5. BSGE 102, 134 = SozR 4 – 2500 § 295 Nr 2[]
  6. zur Aus­le­gung eines Antrags vgl zB BSG SozR 4 – 2500 § 13 Nr 20 RdNr 15[]
  7. vgl auch Rom­bach in: Hauck/​Noftz, SGB X, Stand: Juli 2010, K § 83 RdNr 5[]