Bäcke­rei­en und Kon­di­to­rei­en in der Unfall­ver­si­che­rung

Von Bäcke­rei­en und Kon­di­to­rei­en dür­fen in der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung glei­che Bei­trä­ge gefor­dert wer­den. Der ent­spre­chen­de Gefahr­ta­rif der Berufs­ge­nos­sen­schaft Nah­rungs­mit­tel und Gast­ge­wer­be (BGN) wur­de jetzt vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt gebil­ligt.

Bäcke­rei­en und Kon­di­to­rei­en in der Unfall­ver­si­che­rung

Vor dem Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat­ten letzt­in­stanz­lich zwei Unter­neh­men des Kon­di­torei­ge­wer­bes geklagt. Eine Klä­ge­rin stellt Kon­di­tor­ei­wa­ren in indus­tri­el­ler Fer­ti­gung, die ande­re als hand­werk­lich gepräg­ter Betrieb her. Bei­de Unter­neh­men wur­den von der beklag­ten Berufs­ge­nos­sen­schaft für Nah­rungs­mit­tel und Gast­ge­wer­be (BGN) für das Jahr 2005 nach dem neu­en Gefahr­ta­rif zu der Gefahr­ta­rif­stel­le 1 mit Gefahr­klas­se 6,0 ver­an­lagt. In dem Gefahr­ta­rif wur­den die Gewer­be­zwei­ge "Her­stel­lung von Back- und Kon­di­tor­ei­wa­ren" erst­mals zusam­men­ge­fasst, was bei den "Nur-Kon­di­to­ren" zu einer erheb­li­chen Bei­trags­stei­ge­rung führ­te. Hier­ge­gen wand­ten sich die Klä­ge­rin­nen und mach­ten gel­tend, der Gefahr­ta­rif sei rechts­wid­rig, weil bei­de Gewer­be­zwei­ge zu der­sel­ben Tarif­stel­le ver­an­lagt wer­den. Die­se sei­en wei­ter­hin getrennt zu ver­an­la­gen, weil die Risi­ken signi­fi­kant von­ein­an­der abwi­chen.

Doch das Bun­des­so­zi­al­ge­richt bil­lig­te jetzt den Gefahr­ta­rif 2005 der beklag­ten Berufs­ge­nos­sen­schaft BGN:

Die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger set­zen die Gefahr­klas­sen durch ihre Ver­tre­ter­ver­samm­lun­gen als auto­no­mes Recht in einem Gefahr­ta­rif fest (§ 157 Abs 1 SGB VII, § 33 Abs 1 SGB IV).Bei der Bil­dung von Gefahr­klas­sen steht der Ver­tre­ter­ver­samm­lung als Sat­zungs­ge­ber ein selb­stän­dig aus­zu­fül­len­der Ent­schei­dungs- und Gestal­tungs­spiel­raum zu. Die hier mit­tel­bar ange­grif­fe­ne Rege­lung im Gefahr­ta­rif 2005 hält sich noch im Rah­men die­ses Gestal­tungs­spiel­raums. Sie ent­spricht den Vor­ga­ben der gesetz­li­chen Ermäch­ti­gungs­nor­men (§§ 157, 158 SGB VII, 33, 34 SGB IV). Wer­den in einer Tarif­stel­le ver­schie­de­ne Gewer­be­zwei­ge zusam­men­ge­fasst, dür­fen die Belas­tungs­zif­fern der ein­zel­nen Zwei­ge sta­tis­tisch nicht signi­fi­kant von der durch­schnitt­li­chen Belas­tungs­zif­fer der Tarif­stel­le abwei­chen. Das ist hier (noch) nicht der Fall. Für den Gefahr­ta­rif 2005 wäre bei getrenn­ter Ver­an­la­gung für die Her­stel­lung von Kon­di­tor­ei­wa­ren die Gefahr­klas­se 4,0 vor­zu­se­hen gewe­sen. Die Abwei­chung der Gefähr­dungs­ri­si­ken der Kon­di­to­rei­en zu der fest­ge­setz­ten Gefahr­klas­se errei­che zwar ein Aus­maß von ca. einem Drit­tel. Damit hält sich der Norm­ge­ber unter Berück­sich­ti­gung eines ver­si­che­rungs­mä­ßi­gen Aus­gleichs aber gera­de noch im Rah­men sei­nes Rege­lungs­spiel­raums.

Auch die Grund­rech­te der Klä­ge­rin­nen sind nicht ver­letzt. Der Schutz der all­ge­mei­nen wirt­schaft­li­chen Hand­lungs­frei­heit (Art 2 Abs 1 GG) schließt eine Zusam­men­füh­rung von Tarif­stel­len oder die Über­füh­rung von sich wan­deln­den Gewer­be­zwei­gen in ande­re Tarif­stel­len grund­sätz­lich nicht aus. Auch war bei der Prü­fung, ob den Klä­ge­rin­nen Ver­trau­ens­schutz gemäß Art 2 Abs 1 GG iVm Art 20 Abs 3 GG zustand, zu berück­sich­ti­gen, dass der Gefahr­ta­rif jeweils nach Ablauf sei­ner Gel­tungs­dau­er zwin­gend neu fest­zu­le­gen ist und das Gesetz selbst eine maxi­ma­le Gel­tungs­dau­er eines Gefahr­ta­rifs von 6 Jah­ren vor­sieht. Die Rege­lun­gen des Gefahr­ta­rifs hal­ten sich auch in den durch Art 3 Abs 1 GG gesetz­ten Gren­zen einer zuläs­si­gen Typi­sie­rung.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urtei­le vom 11. April 2013 – B 2 U 4/​12 R und B 2 U 8/​12 R