BAföG – und das zu nied­rig ange­setz­te Ein­kom­men

Eine Nicht­be­rück­sich­ti­gung von Ein­kom­men des Aus­zu­bil­den­den im Sin­ne von § 20 Abs. 1 S. 1 Nr. 3 BAföG ist auch dann gege­ben, wenn sei­tens der Behör­de von Anfang an ein unzu­tref­fend nied­ri­ges Ein­kom­men des Aus­zu­bil­den­den ange­setzt wor­den ist 1.

BAföG – und das zu nied­rig ange­setz­te Ein­kom­men

Der vor­lie­gen­de Fall ist dadurch gekenn­zeich­net, dass die Klä­ge­rin von Beginn des in Streit ste­hen­den Bewil­li­gungs­zeit­raums an eine monat­li­che Aus­bil­dungs­ver­gü­tung bezo­gen hat, deren Höhe ihren jewei­li­gen monat­li­chen Bedarf als Schü­le­rin einer Kran­ken­pfle­ge­schu­le im Rah­men ihrer Aus­bil­dung zur Gesund­heits- und Kran­ken­pfle­ge­rin nach den ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen des § 12 BAföG über­stieg.

Danach ist eine Sach­la­ge gege­ben, in der eine Gewäh­rung von Aus­bil­dungs­för­de­rung nach dem BAföG von vorn­her­ein aus­zu­schei­den hat. Denn gem. § 1 BAföG besteht ein Rechts­an­spruch auf indi­vi­du­el­le Aus­bil­dungs­för­de­rung nur dann, wenn dem Aus­zu­bil­den­den die für sei­nen Lebens­un­ter­halt und sei­ne Aus­bil­dung erfor­der­li­chen Mit­tel (vgl. § 11 Abs. 1 BAföG) ander­wei­tig nicht zur Ver­fü­gung ste­hen. Weil einem Aus­zu­bil­den­den jeden­falls wenigs­tens sein eige­nes monat­lich zur Ver­fü­gung ste­hen­des Ein­kom­men gewär­tig zu sein hat, sieht § 20 Abs. 1 S. 1 Nr. 3 BAföG vor, dass – außer in den Fäl­len der §§ 44 bis 50 SGB X – ein Bewil­li­gungs­be­scheid auf­zu­he­ben und der Aus­zu­bil­den­de den ihm gewähr­ten För­de­rungs­be­trag zu erstat­ten hat, als er Ein­kom­men im Sin­ne des § 21 BAföG erzielt hat, das bei der Bewil­li­gung von Aus­bil­dungs­för­de­rung nicht berück­sich­tigt wor­den ist, sofern die Vor­aus­set­zun­gen für die Leis­tung von Aus­bil­dungs­för­de­rung an kei­nem Tag des Kalen­der­mo­nats, für den sie gezahlt wor­den ist, vor­ge­le­gen haben. Die­se Rege­lung stellt eine gegen­über den Bestim­mun­gen des SGB X über die Rück­nah­me und die Auf­he­bung begüns­ti­gen­der Ver­wal­tungs­ak­te und die Erstat­tung zu Unrecht erbrach­ter Leis­tun­gen vor­ge­hen­de Son­der­re­ge­lung dar. Der Hin­weis auf die Fäl­le der §§ 44 bis 50 SGB X soll nicht etwa die Anwen­dung des § 20 Abs. 1 S. 1 BAföG für die Fäl­le ein­schrän­ken, in denen zugleich die Auf­he­bungs- und Erstat­tungs­tat­be­stän­de der §§ 44 bis 50 SGB X vor­lie­gen; er soll viel­mehr zum Aus­druck brin­gen, dass die­se unbe­rührt blei­ben und zusätz­lich zu § 20 Abs. 1 S. 1 BAföG zum Zuge kom­men kön­nen 2.

So ent­spricht es denn der, nach dem Inkraft­tre­ten des Sechs­ten Geset­zes zur Ände­rung des Bun­des­aus­bil­dungs­för­de­rungs­ge­set­zes vom 16.07.1979, BGBl. I S. 1037 3, gebil­de­ten nahe­zu ein­hel­li­gen Auf­fas­sung in der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit, dass der Rück­for­de­rungs­an­spruch des § 20 Abs. 1 S. 1 Nr. 3 BAföG ohne Ver­let­zung von Ver­fas­sungs­recht, ins­be­son­de­re des all­ge­mei­nen Gleich­heits­grund­sat­zes und des Grund­sat­zes des Ver­trau­ens­schut­zes, allein zwei objek­ti­ve Umstän­de erfor­dert. Vor­aus­set­zung ist ledig­lich, dass der Aus­zu­bil­den­de Ein­kom­men erzielt und die Behör­de die­ses Ein­kom­men bei der Bewil­li­gung der Aus­bil­dungs­för­de­rung nicht berück­sich­tigt hat. Ohne Bedeu­tung ist es, ob der Aus­zu­bil­den­de oder die Behör­de gewusst hat oder hät­te wis­sen müs­sen, der Aus­zu­bil­den­de habe wäh­rend des Bewil­li­gungs­zeit­raums Ein­kom­men erzielt oder wer­de in die­sem Zeit­raum Ein­kom­men erzie­len. Eben­so wenig kommt es dar­auf an, ob dem Aus­zu­bil­den­den vor­werf­bar ist, er habe die Behör­de auf die Ein­kom­mens­er­zie­lung nicht hin­ge­wie­sen, oder ob es in den Ver­ant­wor­tungs­be­reich der Behör­de fällt, dass sie das Ein­kom­men bei der Bewil­li­gung unbe­rück­sich­tigt gelas­sen hat. Ins­be­son­de­re ist eine Nicht­be­rück­sich­ti­gung von Ein­kom­men im Sin­ne des § 20 Abs. 1 S. 1 Nr. 3 BAföG auch dann gege­ben, wenn von Anfang an ein unzu­tref­fend nied­ri­ges Ein­kom­men des Aus­zu­bil­den­den ange­setzt wor­den ist 4.

Soweit das Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart mit sei­nem Urteil vom 13.12.2010 5 die hier­von abwei­chen­de Auf­fas­sung ver­tre­ten hat, § 20 Abs. 1 S. 1 Nr. 3 BAföG fin­de nur Anwen­dung bei einer nach­träg­li­chen Ver­än­de­rung der Ver­hält­nis­se, die bei Erlass des Bewil­li­gungs­be­scheids vor­ge­le­gen hät­ten, und set­ze daher eine Ein­kom­mens­ver­än­de­rung nach Erlass des Bewil­li­gungs­be­scheids vor­aus, miss­ver­steht es die – ohne eine wei­te­re Begrün­dung – für sei­ne Auf­fas­sung ange­führ­te Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts aus dem Jahr 1992 6. Die­se hat­te eine nach § 20 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 BAföG a.F. zu beur­tei­len­de Sach­la­ge zum Gegen­stand, wel­che zwi­schen­zeit­lich nach den Rege­lun­gen des SGB X zu behan­deln ist und bei der die nach­träg­li­che Erhö­hung von Ein­künf­ten eines Bru­ders des Aus­zu­bil­den­den die zen­tra­le Rol­le spiel­te. Allein in jenem Zusam­men­hang stell­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt dar, dass "im Recht der Aus­bil­dungs­för­de­rung eine von Ver­trau­ens­schutz­er­wä­gun­gen im Ein­zel­fall unab­hän­gi­ge Rück­ab­wick­lung der För­de­rungs­ver­hält­nis­ses nur bei nach­träg­li­chen Ver­än­de­run­gen des Ein­kom­mens des Aus­zu­bil­den­den selbst, sei­ner Eltern oder sei­nes Ehe­gat­ten" – und eben gera­de nicht von wei­te­ren Ange­hö­ri­gen – zuge­las­sen wer­de. Die in dem vor­lie­gen­den Fall zu betrach­ten­de Sach­la­ge einer bereits von Anfang an unzu­tref­fen­den Ein­kom­mens­be­rech­nung des Ein­kom­mens des Aus­zu­bil­den­den selbst war von die­ser Dar­stel­lung ersicht­lich nicht erfasst 7. Der Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Stutt­gart kann dar­über hin­aus bereits des­we­gen nicht gefolgt wer­den, weil sie zu dem Ergeb­nis füh­ren wür­de, dass in dem Fall, in dem zunächst eine rich­ti­ge Ent­schei­dung ergan­gen ist, die durch nach­träg­li­che Ein­kom­mens­än­de­run­gen unrich­tig wird, kein Ver­trau­ens­schutz gewährt wer­den wür­de, wäh­rend im Fal­le der anfäng­li­chen Feh­ler­haf­tig­keit der Grund­satz des Ver­trau­ens­schut­zes grei­fen wür­de. Dass aber der­je­ni­ge, des­sen Bewil­li­gungs­be­scheid von Anfang an rechts­wid­rig ist, höhe­ren Schutz genie­ßen soll als der­je­ni­ge, des­sen Bescheid zunächst recht­mä­ßig gewe­sen ist, ver­mag nicht ein­zu­leuch­ten.

Schließ­lich sieht § 14a BAföG i.V.m. den Bestim­mun­gen der Ver­ord­nung über Zusatz­leis­tun­gen in Här­te­fäl­len nach dem Bun­des­aus­bil­dungs­för­de­rungs­ge­setz – Här­teV- kei­ne wei­te­re Leis­tung für die Klä­ge­rin vor. Ins­be­son­de­re gel­ten die §§ 6 und 7 der Här­teV nur für Inter­na­te oder sons­ti­ge Wohn­hei­me, in denen der Aus­zu­bil­den­de auch außer­halb der Unter­richts­zeit päd­ago­gisch betreut wird, was indes bei einem Schwes­tern­wohn­heim nicht anzu­neh­men ist und von der Klä­ge­rin auch nicht gel­tend gemacht wird. Indes kön­nen Bezie­her von Aus­bil­dungs­för­de­rung nach § 12 Abs. 2 BAföG einen Zuschuss zu ihren ange­mes­se­nen Auf­wen­dun­gen für Unter­kunft und Hei­zung nach den Vor­schrif­ten des SGB II bean­tra­gen (vgl. §§ 7a Abs. 5, 22 Abs.1 S. 1, 27 Abs. 1 und 3 SGB II bzw. 22 Abs. 7 SGB II a.F.), was aber kei­nen Ein­fluss auf den in dem vor­lie­gen­den Ver­fah­ren streit­ge­gen­ständ­li­chen Anspruch der Klä­ge­rin auf Bewil­li­gung von Aus­bil­dungs­för­de­rung hat.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 30. April 2015 – 12 S 1871/​14

  1. ent­ge­gen VG Stutt­gart, Urteil vom 13.12.2010 – 11 K 1902/​10[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 17.09.1987 – 5 C 26.84, BVerw­GE 78, 101 = NVwZ 1988, 829; Ramsauer/​Stallbaum, BAföG, 5. Aufl., § 20 RN 6; Rothe/​Blanke, BAföG, 5. Aufl., EL Juli 2006, § 20 RN 3.1; Wink­ler in Beck’scher Online­kom­men­tar Sozi­al­recht, Stand 9/​2014, § 20 RN 1[]
  3. vgl. zur Ände­rungs­his­to­rie des § 20 BAföG Rothe/​Blanke, a.a.O., RN 1 bis 1.3, und ins­be­son­de­re die Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs der Bun­des­re­gie­rung zum 6. BAfö­GÄndG, BT-Drs. 8/​2467, S. 6 und 16 f.[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 22.10.1981 – 5 C 61.79 – DÖV 1982, 779, Urteil vom 17.09.1987 – 5 C 16.86, Buch­holz 436.36 § 20 BAföG Nr. 29, Urteil vom 08.06.1989 – 5 C 38.86Fam­RZ 1998, 1363; VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 18.07.1997 – 7 S 1350/​97; OVG Ber­lin, Beschluss vom 24.04.1985 – 7 B 86.83 – juris; OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 25.03.2014 – 6 N 63.12 – juris; Bay­er. VGH, Beschluss vom 24.02.2014 – 12 ZB 13.780BeckRS 2014, 48496; OVG Ham­burg, Beschluss vom 20.03.1985 – OVG Bs I 14/​85 – Fam­RZ 1986, 111; VG Frei­burg, Urteil vom 12.11.2009 – 6 K 642/​07, Gerichts­be­scheid vom 24.02.2014 – 6 K 1629/​12; VG Greifs­wald, Urteil vom 17.12.2013 – 2 A 242/​13 – juris; Ramsauer/​Stallbaum, a.a.O. § 20 RN 11 ff. und 26 ff.; Rothe/​Blanke, a.a.O. § 20 RN 13; Wink­ler in Beck’scher Online­kom­men­tar Sozi­al­recht, Stand 9/​2014, § 20 RN 2[]
  5. VG Stutt­gart, Urteil vom 13.12.2010 – 11 K 1902/​10[]
  6. BVerwG, Urteil vom 19.03.1992 – 5 C 41.88, Fam­RZ 1992, 1479[]
  7. vgl. auch OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 25.03.2014 – 6 N 63.12 []