Beru­fungs­ein­le­gung per elek­tro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on – und die Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Die Rechts­mit­tel­be­leh­rung eines sozi­al­ge­richt­li­chen Urteils ist nach der­zei­ti­ger Sach- und Rechts­la­ge nicht „unrich­tig“ im Sin­ne von § 66 Abs 2 S 1 SGG, wenn sie die Mög­lich­keit der Beru­fungs­ein­le­gung durch Über­mitt­lung eines elek­tro­ni­schen Doku­ments nicht erwähnt, obwohl für das betref­fen­de Lan­des­so­zi­al­ge­richt (oder das eben­falls in der Rechts­mit­tel­be­leh­rung benann­te SG, vgl § 151 Abs 2 S 1 SGG) nach § 65a Abs 1 SGG in Ver­bin­dung mit einer Ver­ord­nung der dort näher bezeich­ne­ten zustän­di­gen Stel­le die Über­mitt­lung elek­tro­ni­scher Doku­men­te zuge­las­sen ist.

Beru­fungs­ein­le­gung per elek­tro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on – und die Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Letz­te­res ist hier der Fall: Das Land Hes­sen hat von der in § 65a Abs 1 S 1 SGG eröff­ne­ten Befug­nis Gebrauch gemacht und gemäß § 1 in Ver­bin­dung mit Anl 1 Nr 77 der Ver­ord­nung des Hes­si­schen Minis­ters der Jus­tiz über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr bei hes­si­schen Gerich­ten und Staats­an­walt­schaf­ten [1] (ElR­Ver­kV Hes­sen) ab 17.12.2007 die Ein­rei­chung elek­tro­ni­scher Doku­men­te in allen beim Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt geführ­ten Ver­fah­ren zuge­las­sen (das­sel­be gilt gemäß Anl 1 Nr 81 ElR­Ver­kV Hes­sen auch für das Sozi­al­ge­richt Kas­sel).

Gemäß § 66 Abs 1 SGG [2] beginnt die Frist für ein Rechts­mit­tel oder einen ande­ren Rechts­be­helf nur dann zu lau­fen, wenn der Betei­lig­te über den Rechts­be­helf, die Ver­wal­tungs­stel­le oder das Gericht, bei denen der Rechts­be­helf anzu­brin­gen ist, den Sitz und die ein­zu­hal­ten­de Frist schrift­lich oder elek­tro­nisch belehrt wor­den ist. Ist die Beleh­rung unter­blie­ben oder, was hier allein in Fra­ge kommt, „unrich­tig“ erteilt, so ist nach § 66 Abs 2 S 1 SGG – von hier nicht ein­schlä­gi­gen Aus­nah­men abge­se­hen – die Ein­le­gung des Rechts­be­helfs nur inner­halb eines Jah­res seit Zustel­lung, Eröff­nung oder Ver­kün­dung der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung zuläs­sig.

Unrich­tig im Sin­ne des § 66 Abs 2 S 1 SGG ist jede Rechts­be­helfs­be­leh­rung, die nicht zumin­dest die­je­ni­gen Merk­ma­le zutref­fend wie­der­gibt, die § 66 Abs 1 SGG als Bestand­tei­le der Beleh­rung aus­drück­lich nennt:

  1. den statt­haf­ten Rechts­be­helf als sol­chen (also sei­ne Bezeich­nung der Art nach),
  2. die Ver­wal­tungs­stel­le oder das Gericht, bei denen der Rechts­be­helf anzu­brin­gen ist,
  3. deren bzw des­sen Sitz und
  4. die ein­zu­hal­ten­de Frist [3].

Über den Wort­laut der Vor­schrift hin­aus ist nach ihrem Sinn und Zweck, den Betei­lig­ten ohne Geset­zes­lek­tü­re die ers­ten Schrit­te zur (frist­ge­rech­ten) Wah­rung ihrer Rech­te zu ermög­li­chen [4], aber auch

  1. eine Beleh­rung über den wesent­li­chen Inhalt der bei Ein­le­gung des Rechts­be­helfs zu beach­ten­den Form­vor­schrif­ten erfor­der­lich [5].

Dem ent­spricht im Ergeb­nis weit­ge­hend die neue­re Rspr des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts und des Bun­des­fi­nanz­hofs, nach der eine Rechts­be­helfs­be­leh­rung auch dann unrich­tig ist, wenn sie geeig­net ist, bei dem Betrof­fe­nen einen Irr­tum über die for­mel­len oder mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen des in Betracht kom­men­den Rechts­be­helfs her­vor­zu­ru­fen und ihn dadurch abzu­hal­ten, den Rechts­be­helf über­haupt, recht­zei­tig oder in der rich­ti­gen Form ein­zu­le­gen [6]. Die Not­wen­dig­keit einer Beleh­rung auch über die Form des Rechts­be­helfs hat der Gesetz­ge­ber zudem in § 36 SGB X, § 6 Wehr­dis­zi­pli­nar­ord­nung und § 50 Abs 2 OWiG sowie in § 9 Abs 5 S 3 ArbGG, § 39 S 1 FamFG, § 48 Abs 2 S 2 des Geset­zes über das gericht­li­che Ver­fah­ren in Land­wirt­schafts­sa­chen, § 35a S 1 StPO und – künf­tig – in § 232 S 1 ZPO [7] zum Aus­druck gebracht (vgl auch § 195 Abs 2 Nr 3 BEG für Beschei­de der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de sowie § 360 Abs 1 Nr 2 BGB für die Wider­rufs­be­leh­rung bei Ver­brau­cher­ver­trä­gen). Es sind kei­ne Anhalts­punk­te dafür ersicht­lich, dass für die Betei­lig­ten des sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens ein gerin­ge­res Schutz­ni­veau maß­geb­lich sein soll, als es in den soeben genann­ten Vor­schrif­ten vor­ge­ge­ben ist.

Die hier­nach not­wen­di­ge Beleh­rung auch über den wesent­li­chen Inhalt der bei Ein­le­gung des Rechts­be­helfs zu beach­ten­den Form­vor­schrif­ten erfor­dert es der­zeit jedoch nicht, dass auch auf die für das betref­fen­de Gericht durch Rechts­ver­ord­nung bereits zuge­las­se­ne Mög­lich­keit der Über­mitt­lung ver­fah­rens­be­stim­men­der Schrift­sät­ze in der Form eines elek­tro­ni­schen Doku­ments hin­ge­wie­sen wird.

Dies folgt aller­dings nicht dar­aus, dass die „elek­tro­ni­sche Form“ (genau­er: die elek­tro­ni­sche Über­mitt­lung von Erklä­run­gen an das Gericht in Gestalt eines elek­tro­ni­schen Doku­ments) ledig­lich einen Unter­fall bzw eine Son­der­form der Schrift­form dar­stell­te, wie dies zum Teil ver­tre­ten wird [8]. Es han­delt sich viel­mehr bei der elek­tro­ni­schen Form im Sin­ne des § 65a SGG um eine eigen­stän­di­ge Form, die der Gesetz­ge­ber „als zusätz­li­che Opti­on neben der bis­he­ri­gen schrift­li­chen Form“ ein­ge­führt hat [9]. Dies soll­te den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten die Mög­lich­keit eröff­nen, „elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men gleich­be­rech­tigt neben der – her­kömm­lich papier­ge­bun­de­nen – Schrift­form oder der münd­li­chen Form“ rechts­wirk­sam zu ver­wen­den [10]. Die hier­durch geschaf­fe­ne Tri­as gleich­ran­gi­ger pro­zes­sua­ler For­men – schrift­lich, in elek­tro­ni­scher Form oder zur Nie­der­schrift des Urkund­s­be­am­ten der Geschäfts­stel­le – kommt auch im Wort­laut des § 158 S 1 SGG zum Aus­druck. Das schließt es aus, die (pro­zes­sua­le) elek­tro­ni­sche Form ledig­lich als Unter­fall der Schrift­form anzu­se­hen und des­halb eine Beleh­rung über die Schrift­form so zu behan­deln, als umfas­se sie zugleich eine Beleh­rung hin­sicht­lich der Über­mitt­lung in elek­tro­ni­scher Form (als elek­tro­ni­sches Doku­ment) erstell­ter Erklä­run­gen.

Den­noch ist es – jeden­falls nach der­zei­ti­ger Sach- und Rechts­la­ge – nach § 66 Abs 1 SGG nicht gebo­ten, in Rechts­be­helfs­be­leh­run­gen hin­sicht­lich der Form der Ein­le­gung des Rechts­be­helfs dann, wenn für das betref­fen­de Gericht die elek­tro­ni­sche Form durch Rechts­ver­ord­nung zuge­las­sen ist, stets auch auf die Mög­lich­keit der Ver­wen­dung die­ser Form und ihre Vor­aus­set­zun­gen hin­zu­wei­sen. Ent­ge­gen der Rechts­mei­nung des LSG führt allein die Ein­ord­nung der elek­tro­ni­schen Form als gleich­ran­gi­ge pro­zes­sua­le Form nicht auto­ma­tisch dazu, dass die­se schon des­halb und schon jetzt als „Regel­weg“ im Sin­ne von § 66 Abs 1 SGG anzu­se­hen ist. Das ergibt sich aus fol­gen­den Erwä­gun­gen:

Auch nach der Ände­rung bzw Ergän­zung der sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens­ord­nung durch das JKomG fin­det in den spe­zi­fi­schen Vor­schrif­ten des SGG, die nähe­re Vor­ga­ben zur Art und Wei­se der Ein­le­gung von Rechts­be­hel­fen oder Rechts­mit­teln machen, die elek­tro­ni­sche Form kei­ne Erwäh­nung. Das gilt für die Kla­ge­er­he­bung (§ 90 SGG: „schrift­lich oder zur Nie­der­schrift“) eben­so wie für die Ein­le­gung der Beru­fung (§ 151 Abs 1 und 2 SGG: „schrift­lich oder zur Nie­der­schrift“), der Beru­fungs-Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de (§ 145 Abs 1 S 2 SGG: „schrift­lich oder zur Nie­der­schrift“), der Revi­si­on (§ 164 Abs 1 S 1 SGG: „schrift­lich“), der Revi­si­ons-Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de (§ 160a Abs 1 S 3 SGG: „Beschwer­de­schrift“), der sons­ti­gen Beschwer­den (§ 173 S 1 und 2 SGG: „schrift­lich oder zur Nie­der­schrift“), der Erin­ne­rung gegen Ent­schei­dun­gen des ersuch­ten oder beauf­trag­ten Rich­ters oder des Urkund­s­be­am­ten (§ 178 S 2 in Ver­bin­dung mit § 173 SGG: „schrift­lich oder zur Nie­der­schrift“) sowie der Anhö­rungs­rü­ge (§ 178a Abs 2 S 4 SGG: „schrift­lich oder zur Nie­der­schrift“), in glei­cher Wei­se aber auch für Anträ­ge auf Tat­be­stands­be­rich­ti­gung (§ 138 SGG), Urteils­er­gän­zung (§ 140 SGG) oder auf Erlass von Anord­nun­gen im einst­wei­li­gen Rechts­schutz (§ 86b SGG). Ledig­lich am Ran­de ist in § 160a Abs 1 S 3 bzw in § 164 Abs 1 S 3 SGG bestimmt, dass die Soll-Vor­schrift zur Bei­fü­gung einer Aus­fer­ti­gung oder beglau­big­ten Abschrift des ange­foch­te­nen Urteils nicht gilt, „soweit nach § 65a elek­tro­ni­sche Doku­men­te über­mit­telt wer­den“.

Die­se allen­falls bei­läu­fi­ge Ein­be­zie­hung der elek­tro­ni­schen Form in die Grund­nor­men des SGG zur Art und Wei­se der Ein­le­gung von Rechts­be­hel­fen belegt, dass der Gesetz­ge­ber die­se Form zwar grund­sätz­lich auch hier­für erlau­ben woll­te. Er hat aber offen­kun­dig noch kei­ne Ver­an­las­sung gese­hen, sie neben der Schrift­form und der münd­li­chen Form (zur Nie­der­schrift) als gleich gewich­ti­ge Form und wei­te­ren Regel­weg zu nor­mie­ren. Wäre dies der Fall gewe­sen, hät­te es das aus dem Rechts­staats­prin­zip her­zu­lei­ten­de Pos­tu­lat der Rechts­mit­tel­klar­heit erfor­dert, die elek­tro­ni­sche Form auch in die ein­zel­nen Bestim­mun­gen über die for­ma­len Anfor­de­run­gen an die Ein­le­gung der jewei­li­gen Rechts­be­hel­fe auf­zu­neh­men, um den Recht­su­chen­den den Weg zur gericht­li­chen Über­prü­fung einer Ent­schei­dung mit der gebo­te­nen Klar­heit vor­zu­zeich­nen [11]. Dies ist jedoch nicht gesche­hen. Die Vor­schrift des § 65a SGG zur elek­tro­ni­schen Form befasst sich nicht ein­mal aus­drück­lich mit der Ein­le­gung von Rechts­be­hel­fen oder Rechts­mit­teln.

Nichts ande­res ergibt sich aus der Rege­lung in § 158 S 1 SGG. Zwar sind hier die drei pro­zes­sua­len For­men aus­drück­lich neben­ein­an­der­ge­stellt („nicht schrift­lich oder nicht in elek­tro­ni­scher Form oder nicht zur Nie­der­schrift“). Die genann­te Vor­schrift wen­det sich jedoch von vorn­her­ein nicht an die Recht­su­chen­den, son­dern ent­hält Vor­ga­ben für das Gericht. Zudem ist sie im Ver­gleich zu ent­spre­chen­den Bestim­mun­gen ande­rer Pro­zess­ord­nun­gen über die Behand­lung unzu­läs­si­ger Rechts­mit­tel (zB § 125 Abs 2 S 1 VwGO, § 522 Abs 1 ZPO; s auch § 169 SGG für die Revi­si­on) hin­sicht­lich der „gesetz­li­chen Form“ wesent­lich detail­lier­ter (und inso­weit sin­gu­lär); nur aus die­sem Grund bedurf­te sie bei Ein­füh­rung der elek­tro­ni­schen Form einer redak­tio­nel­len Anpas­sung, weil sie ansons­ten unvoll­stän­dig gewor­den wäre [12]. Eine wei­ter­ge­hen­de Rege­lungs­ab­sicht, nament­lich die Eta­blie­rung der elek­tro­ni­schen Form als gleich gewich­ti­ger Regel­form, hat der Gesetz­ge­ber damit jedoch nicht ver­folgt.

Das Erfor­der­nis einer Beleh­rung auch über die Form des Rechts­be­helfs ist, wie bereits aus­ge­führt, aus einer am Sinn und Zweck der Vor­schrift ori­en­tier­ten erwei­tern­den Aus­le­gung des § 66 Abs 1 SGG her­zu­lei­ten. In Umset­zung des ver­fas­sungs­recht­li­chen Gebots zur Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes (Art 19 Abs 4 S 1 GG) [13] soll die Rege­lung in § 66 SGG ver­hü­ten hel­fen, dass jemand aus Unkennt­nis den Rechts­weg nicht aus­schöpft. Ziel einer jeden Rechts­be­helfs­be­leh­rung muss es dem­nach sein, den Emp­fän­ger über den wesent­li­chen Inhalt der zu beach­ten­den Vor­schrif­ten zu unter­rich­ten und es ihm so zu ermög­li­chen, ohne Geset­zes­lek­tü­re die ers­ten Schrit­te zur ord­nungs­ge­mä­ßen Ein­le­gung des Rechts­be­helfs ein­zu­lei­ten [4]. Aus­ge­rich­tet auf die­ses Ziel genügt es, über den wesent­li­chen Inhalt der bei Ein­le­gung des Rechts­be­helfs zu beach­ten­den Form­vor­schrif­ten zu infor­mie­ren [14]. Infol­ge­des­sen muss eine „rich­ti­ge“ Beleh­rung nicht stets allen tat­säch­li­chen und recht­li­chen Gege­ben­hei­ten und Mög­lich­kei­ten Rech­nung tra­gen; es reicht aus, wenn sie die Betei­lig­ten in die rich­ti­ge Rich­tung lenkt [15].

Das ist bei einer Rechts­mit­tel­be­leh­rung, die sich hin­sicht­lich der for­ma­len Anfor­de­run­gen auf die „klas­si­schen“ und all­ge­mein gebräuch­li­chen Mög­lich­kei­ten einer schrift­li­chen oder münd­li­chen (zur Nie­der­schrift des Urkund­s­be­am­ten der Geschäfts­stel­le) Ein­le­gung der Beru­fung beschränkt, jeden­falls der­zeit noch ersicht­lich der Fall. Sie zeigt den Betei­lig­ten die regel­mä­ßig allen Bür­gern – auch soweit sie nicht über infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Spe­zi­al­kennt­nis­se und eine spe­zi­fi­sche tech­ni­sche Aus­stat­tung ver­fü­gen – offen­ste­hen­den Wege für die Ein­le­gung des Rechts­mit­tels klar und deut­lich auf [16]. Die hier in Rede ste­hen­de Rechts­mit­tel­be­leh­rung trägt auch in kei­ner Wei­se zu einer form­wid­ri­gen oder ver­spä­te­ten Ein­le­gung des Rechts­be­helfs bei [17]. Sie ent­hält kei­ne Inhal­te, die – bei abs­trak­ter Betrach­tungs­wei­se – geeig­net sein könn­ten, den Infor­ma­ti­ons­wert der rich­ti­gen Anga­ben zu min­dern oder, was hier von beson­de­rer Bedeu­tung ist, die Betei­lig­ten von Erkun­di­gun­gen über mög­li­cher­wei­se im Ein­zel­fall bestehen­de wei­te­re Mög­lich­kei­ten abzu­hal­ten. Sie macht ins­be­son­de­re kei­ne Anga­ben, die von Recht­su­chen­den dahin­ge­hend ver­stan­den wer­den könn­ten, dass eine Beru­fungs­ein­le­gung auf elek­tro­ni­schem Weg aus­ge­schlos­sen sei.

Die Mög­lich­keit, Schrift­sät­ze in gericht­li­chen Ver­fah­ren als elek­tro­ni­sches Doku­ment dem Gericht elek­tro­nisch zu über­mit­teln, hat allein durch ihre recht­li­che Zulas­sung in § 65a SGG in Ver­bin­dung mit einer aus­fül­len­den Rechts­ver­ord­nung noch kei­ne sol­che prak­ti­sche Bedeu­tung erlangt, dass es gebo­ten wäre, die Betei­lig­ten zum Schutz vor Rechts­nach­tei­len durch Unwis­sen­heit [16] auch auf die­se Form not­wen­dig hin­zu­wei­sen. Dies ergibt sich vor allem dar­aus, dass der mit einer rechts­wirk­sa­men elek­tro­ni­schen Über­mitt­lung von Schrift­sät­zen an das Gericht gemäß § 65a SGG ver­bun­de­ne Auf­wand bei Wei­tem den­je­ni­gen über­steigt, der mit einer Über­mitt­lung auf her­kömm­li­che Wei­se (schrift­lich oder zur Nie­der­schrift) ein­her­geht. Auch wenn die erfor­der­li­chen IT-Gerä­te und ein aus­rei­chend leis­tungs­fä­hi­ger Zugang zum Inter­net mitt­ler­wei­le in brei­ten Bevöl­ke­rungs­krei­sen zur Ver­fü­gung ste­hen [18], wird zusätz­lich nach § 2 in Ver­bin­dung mit Anl 2 Nr 1 ElR­Ver­kV Hes­sen eine spe­zi­el­le Zugangs- und Über­tra­gungs­soft­ware (Elek­tro­ni­sches Gerichts- und Ver­wal­tungs­post­fach – EGVP) benö­tigt. Die­se wird zwar von der Jus­tiz­ver­wal­tung kos­ten­frei zur Ver­fü­gung gestellt, doch muss der Nut­zer ihre feh­ler­freie Instal­la­ti­on, Kon­fi­gu­ra­ti­on und Bedie­nung selbst bewerk­stel­li­gen. Außer­dem ist zur Anbrin­gung der für die Rechts­mit­tel­ein­le­gung vor­ge­schrie­be­nen qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Signa­tur (§ 65a Abs 1 S 3 SGG in Ver­bin­dung mit § 2 und Anl 2 Nr 2 ElR­Ver­kV Hes­sen) nicht nur ein Kar­ten­le­se­ge­rät, son­dern auch eine gül­ti­ge Signa­tur­kar­te erfor­der­lich, die – kos­ten­pflich­tig – in einem zeit­in­ten­si­ven Iden­ti­fi­zie­rungs­ver­fah­ren bei einem zuge­las­se­nen Anbie­ter erwor­ben wer­den muss.

Die­ser einer elek­tro­ni­schen Über­mitt­lung in gericht­li­chen Ver­fah­ren not­wen­dig vor­aus­ge­hen­de Zusatz­auf­wand von erheb­li­chem Aus­maß – ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Signa­tur – hat nach Ein­schät­zung der Bun­des­re­gie­rung dazu geführt, dass die Nut­zung des elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehrs mit den Gerich­ten auch zehn Jah­re nach des­sen Ein­füh­rung „weit hin­ter den Erwar­tun­gen zurück­ge­blie­ben ist“ [19], sodass auch heu­te noch die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Jus­tiz „fast aus­schließ­lich auf Papier“ basiert [20]. Vor die­sem Hin­ter­grund kann jeden­falls Ende 2010 und auch der­zeit noch nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass zur Gewähr­leis­tung eines effek­ti­ven Rechts­schut­zes zwin­gend eine Beleh­rung auch über die Mög­lich­kei­ten einer elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Gerich­ten erfor­der­lich ist. Dies gilt umso mehr, als Bür­ger oder Behör­den in der Zugangs- und Über­tra­gungs­soft­ware EGVP ohne­hin ein Ver­zeich­nis der­je­ni­gen Gerich­te vor­fin­den, mit denen die elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on mög­lich ist.

Aber auch auf Sei­ten der Gerich­te ist die Fähig­keit zur elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on noch längst nicht über­all gege­ben [21]. Zu dem hier maß­geb­li­chen Zeit­punkt der Zustel­lung des SG-Urteils im Novem­ber 2010 war im Bereich der Sozi­al­ge­richts­bar­keit ledig­lich in fünf von sech­zehn Län­dern (in Ber­lin, Bran­den­burg, Bre­men, Hes­sen und Rhein­land-Pfalz) sowie beim Bun­des­so­zi­al­ge­richt die Über­mitt­lung elek­tro­ni­scher Doku­men­te zuge­las­sen. Dar­an hat sich bis heu­te nichts Grund­le­gen­des geän­dert. Seit­her ist die elek­tro­ni­sche Form zusätz­lich nur für die Sozi­al­ge­rich­te in Sach­sen [22] sowie in Nord­rhein-West­fa­len [23] zuge­las­sen wor­den. Mit­hin kann auch jetzt noch in ledig­lich sie­ben von sech­zehn Län­dern die elek­tro­ni­sche Form im Sozi­al­ge­richts­pro­zess genutzt wer­den, wobei so bevöl­ke­rungs­rei­che Län­der wie Bay­ern, Baden-Würt­tem­berg und Nie­der­sach­sen die­se Form noch nicht eröff­net haben. Dies belegt, dass es jeden­falls der­zeit nicht gerecht­fer­tigt ist, bei Betrach­tung des gesam­ten Gel­tungs­be­reichs des SGG die Mög­lich­keit der Ein­le­gung von Rechts­be­hel­fen in elek­tro­ni­scher Form als „Regel­weg“ der Rechts­mit­tel­ein­le­gung im Sin­ne der Schutz­vor­schrift des § 66 Abs 2 SGG anzu­se­hen. Ob dies anders zu beur­tei­len ist, sobald alle Gerich­te durch Bun­des­ge­setz ver­pflich­tet sind, ab einem bestimm­ten Zeit­punkt die elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ermög­li­chen, ist hier nicht zu ent­schei­den, zumal die ent­spre­chen­den Rege­lun­gen gemäß dem Ent­wurf eines Geset­zes zur För­de­rung des elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehrs mit den Gerich­ten [24] noch nicht ver­ab­schie­det sind.

Zu berück­sich­ti­gen ist auch, dass die Anfor­de­run­gen des § 66 Abs 1 SGG an Rechts­be­helfs­be­leh­run­gen nicht nur für sol­che in gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen, son­dern eben­so für Rechts­be­helfs­be­leh­run­gen in (Widerspruchs-)Bescheiden maß­geb­lich sind. Wäh­rend von einem SG erwar­tet wer­den kann, dass es den lan­des­recht­li­chen Bestim­mun­gen zur Eröff­nung der elek­tro­ni­schen Form in die­sem Gerichts­zweig zeit­nah Rech­nung trägt, ist dies bei Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern mit Sitz außer­halb des betref­fen­den Lan­des fak­tisch sehr viel schwie­ri­ger zu gewähr­leis­ten. Auch sol­che – ins­be­son­de­re bun­des­weit zustän­di­ge – Trä­ger haben aber viel­fach Beleh­run­gen zur Ein­le­gung von Rechts­be­hel­fen bei Gerich­ten ande­rer Län­der als dem­je­ni­gen ihres Sit­zes zu ertei­len (vgl die Rege­lung zur ört­li­chen Zustän­dig­keit in § 57 Abs 1 und 2 SGG). Des­halb wür­de es zu einer Häu­fung unrich­ti­ger Rechts­be­helfs­be­leh­run­gen und damit zu einer Bin­dung der Betei­lig­ten an ent­spre­chen­de Beschei­de (§ 77 SGG) erst nach Ablauf der Jah­res­frist des § 66 Abs 2 SGG füh­ren, sähe man zwin­gend eine Beleh­rung über die elek­tro­ni­sche Form als wei­te­ren Regel­weg auch für den Fall vor, dass die­se noch vor einer bun­des­weit ein­heit­li­chen Ein­füh­rung im Rah­men der „Öff­nungs­klau­sel“ des § 65a Abs 1 SGG bereits lokal zuge­las­sen wur­de. Dass der Gesetz­ge­ber des § 65a SGG die­se Aus­wir­kun­gen gewollt oder in Kauf genom­men hät­te, ist nicht ersicht­lich.

Soweit sich die oberst­ge­richt­li­che Recht­spre­chung bis­lang damit befasst hat, sieht auch sie kei­ne Not­wen­dig­keit, in Rechts­be­helfs­be­leh­run­gen über die Mög­lich­keit einer Ein­le­gung in elek­tro­ni­scher Form zu beleh­ren. So hat der 11. Senat des BSG in einem Fall, in dem die Rechts­mit­tel­be­leh­rung des LSG, Urteils kei­nen Hin­weis auf die Mög­lich­keit der Ein­le­gung einer Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de in elek­tro­ni­scher Form ent­hielt, trotz Rüge einer des­we­gen feh­ler­haf­ten Beleh­rung die Monats­frist – wenn auch ohne nähe­re Begrün­dung – für maß­geb­lich gehal­ten [25]. Der 3. Senat des BFH hat ent­schie­den, dass die Fami­li­en­kas­sen in ihren Beschei­den auch dann nicht auf die Mög­lich­keit der Ein­spruchs­ein­le­gung in elek­tro­ni­scher Form hin­wei­sen müs­sen, wenn sie durch Anga­be einer E‑Mail-Adres­se kon­klu­dent einen Zugang im Sin­ne von § 87a Abs 1 S 1 AO eröff­net haben [26]. In die­sem Sin­ne hat auch der 1. Senat des BFH im Rah­men eines Streits über die Aus­set­zung der Voll­zie­hung eines Steu­er­be­scheids nach sum­ma­ri­scher Prü­fung erkannt, dass eine Rechts­be­helfs­be­leh­rung nicht unrich­tig im Sin­ne von § 356 Abs 2 AO ist, wenn sie zwar auf die Not­wen­dig­keit der Ein­spruchs­ein­le­gung in Schrift­form oder zur Nie­der­schrift, nicht aber zugleich auf die Mög­lich­keit der elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on (§ 87a AO) hin­weist [27].

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 14. März 2013 – B 13 R 19/​12 R

  1. vom 26.10.2007, GVBl 699[]
  2. hier anzu­wen­den in der ab 1.04.2005 gel­ten­den Fas­sung von Art 4 Nr 4 des Geset­zes über die Ver­wen­dung elek­tro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men in der Jus­tiz vom 22.03.2005, BGBl I 837[]
  3. BSGE 69, 9, 11 = SozR 3–1500 § 66 Nr 1 S 3[]
  4. BSGE 79, 293, 294 = SozR 3–1500 § 66 Nr 6 S 24[][]
  5. stRspr, vgl BSGE 1, 194, 195; BSGE 1, 254, 255; BSGE 7, 1, 2; BSGE 11, 213, 215; BSG vom 26.01.1993 – 1 RK 33/​92; BSG SozR 3–1500 § 66 Nr 8 S 35 f[]
  6. BVerwG Urteil vom 21.03.2002 – 4 C 2/​01, Buch­holz 310 § 58 VwGO Nr 83; BFH Beschluss vom 12.12.2012 – I B 127/​12, BFH/​NV 2013, 434 RdNr 15, jeweils mwN; anders mög­li­cher­wei­se noch der 3. Senat des BFH: Beschluss vom 12.10.2012 – III B 66/​12, BFH/​NV 2013, 177 RdNr 22[]
  7. in der ab 01.01.2014 gel­ten­den Fas­sung des Geset­zes zur Ein­füh­rung einer Rechts­be­helfs­be­leh­rung im Zivil­pro­zess und zur Ände­rung ande­rer Vor­schrif­ten vom 05.12.2012, BGBl I 2418[]
  8. vgl Ellen­ber­ger in Palandt, BGB, 72. Aufl 2013, § 126a RdNr 1; Skro­botz, juris­PR-ITR 24/​2009 Anm 5; Braun, juris­PR-ITR 15/​2011 Anm 5; zur Rechts­la­ge vor Erlass des JKomG aus­führ­lich Skro­botz, Das elek­tro­ni­sche Ver­wal­tungs­ver­fah­ren, Diss Regens­burg 2004, S 148 ff, 180 f, 198, 210 ff[]
  9. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung für ein JKomG, BT-Drucks 15/​4067 S 27 f – unter VI.[]
  10. aaO S 24 – unter II.[]
  11. vgl BVerfG BVerfGE 107, 395, 416 f = SozR 4–1100 Art 103 Nr 1 RdNr 57; s auch BVerfG vom 22.05.2012 – 2 BvR 2207/​10: „Der Gesetz­ge­ber muss für die Rechts­mit­tel, die er bereit­stellt, die Vor­aus­set­zun­gen ihrer Zuläs­sig­keit in einer dem Grund­satz der Rechts­mit­tel­klar­heit ent­spre­chen­den Wei­se bestim­men.“[]
  12. vgl BT-Drucks 15/​4067 S 42 – zu Art 4, zu Nr 16 []
  13. s hier­zu zB BVerfGE 40, 272, 275[]
  14. BSG vom 26.01.1993 – 1 RK 33/​92 – Juris RdNr 6[]
  15. BSG SozR 4–1500 § 66 Nr 1 RdNr 6 am Ende[]
  16. vgl BSGE 42, 140, 144 = SozR 1500 § 84 Nr 1 S 4[][]
  17. vgl BSG SozR 4–1500 § 66 Nr 1 RdNr 6[]
  18. zur Berück­sich­ti­gung eines Inter­net-Anschlus­ses für die Nach­rich­ten­über­mitt­lung bei der Bemes­sung des Regel­be­darfs nach dem SGB II vgl BSG Urteil vom 12.07.2012 – B 14 AS 153/​11 R – RdNr 74, zur Ver­öf­fent­li­chung in SozR 4–4200 § 20 Nr 17 vor­ge­se­hen[]
  19. Ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zu einem Gesetz zur För­de­rung des elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehrs mit den Gerich­ten vom 06.03.2013, BT-Drucks 17/​12634 S 1 – unter A. []
  20. aaO[]
  21. vgl BT-Drucks 17/​12634 aaO[]
  22. zeit­lich gestaf­felt ab 1.04.2011, 1.07. bzw 1.10.2012, s § 1 in Ver­bin­dung mit Anl Nr 4, 5, 24, 35 der VO vom 06.07.2010, GVBl Sach­sen 190[]
  23. ab 1.01.2013, s § 1 in Ver­bin­dung mit Anl der VO vom 07.11.2012, GVBl Nord­rhein-West­fa­len 551[]
  24. BT-Drucks 17/​12634, s dort Art 4 Nr 1, Art 24 und 25[]
  25. BSG Beschluss vom 09.02.2010 – B 11 AL 194/​09 B – Juris RdNr 2; s auch RdNr 5[]
  26. BFH, Beschluss vom 02.02.2010, BFH/​NV 2010, 830 RdNr 5; Beschluss vom 12.10.2012, BFH/​NV 2013, 177 RdNr 22[]
  27. BFH, Beschluss vom 12.12.2012, BFH/​NV 2013, 434 RdNr 16 ff[]