Beschäf­ti­gung in der Behin­der­ten­werk­statt – und der Anspruchs­über­gang gegen den Schä­di­ger

Zwi­schen den von der Bun­des­agen­tur für Arbeit erbrach­ten Maß­nah­me­kos­ten für die Beschäf­ti­gung eines geschä­dig­ten behin­der­ten Men­schen im Ein­gangs­ver­fah­ren und Berufs­bil­dungs­be­reich einer Werk­statt für behin­der­te Men­schen und des­sen Anspruch auf Ersatz sei­nes nach der Pro­gno­se ent­ge­hen­den Ver­diens­tes fehlt die für den Anspruchs­über­gang nach § 116 Abs. 1 SGB X erfor­der­li­che sach­li­che Kon­gru­enz.

Beschäf­ti­gung in der Behin­der­ten­werk­statt – und der Anspruchs­über­gang gegen den Schä­di­ger

Der Anspruch des behin­der­ten Geschä­dig­ten gegen den Schä­di­ger (hier: gegen den Kran­ken­haus­trä­ger wegen eines ärzt­li­chen Feh­lers bei der Geburt) auf Ersatz sei­nes Ver­dienst­aus­fall­scha­dens nicht gemäß § 116 Abs. 1 Satz 1, Abs. 10 SGB X im Hin­blick auf die von der Bun­des­agen­tur für Arbeit erbrach­ten Leis­tun­gen für die Beschäf­ti­gung des Behin­der­ten im Ein­gangs­ver­fah­ren und im Berufs­bil­dungs­be­reich einer Werk­statt für behin­der­te Men­schen (vgl. hier­zu §§ 40, 42 Abs. 1 Nr. 1 SGB IX sowie § 117 Abs. 2 SGB III nF bzw. § 102 Abs. 2 SGB III aF) über­ge­gan­gen ist.

Inso­weit ver­neint der Bun­des­ge­richts­hof eine sach­li­che Kon­gru­enz der Erbrin­gung der Maß­nah­me­kos­ten sei­tens der Bun­des­agen­tur für Arbeit mit dem Ver­dienst­aus­fall­scha­den des Behin­der­ten i.S.d. § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X.

Sach­li­che Kon­gru­enz besteht, wenn sich die Ersatz­pflicht des Schä­di­gers und die Leis­tungs­ver­pflich­tung des Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers ihrer Bestim­mung nach decken. Hier­von ist aus­zu­ge­hen, wenn die Leis­tung des Ver­si­che­rungs­trä­gers und der vom Schä­di­ger zu leis­ten­de Scha­dens­er­satz dem Aus­gleich der­sel­ben Ein­bu­ße des Geschä­dig­ten die­nen. Es genügt, wenn der Sozi­al­ver­si­che­rungs­schutz sei­ner Art nach den Scha­den umfasst, für den der Schä­di­ger ein­ste­hen muss; es kommt nicht dar­auf an, ob auch der ein­zel­ne Scha­dens­pos­ten vom Ver­si­che­rungs­schutz gedeckt ist 1.

An einer sol­chen sach­li­chen Kon­gru­enz fehlt es hier.

Dabei kann aller­dings dahin­ste­hen, ob die Maß­nah­me­kos­ten für die Beschäf­ti­gung des Behin­der­ten im Ein­gangs­ver­fah­ren und im Berufs­bil­dungs­be­reich der Werk­statt der Scha­dens­grup­pe der ver­mehr­ten Bedürf­nis­se oder des Erwerbs­scha­dens, zu des­sen Fall­grup­pe der Ver­dienst­aus­fall­scha­den rech­net 2, zuzu­ord­nen sind 3 oder die Kri­te­ri­en bei­der Fall­grup­pen erfül­len 4.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits betont hat, ist die Sicht­wei­se der sog. "Grup­pen­theo­rie", wonach im All­ge­mei­nen die für den Regress des Leis­tungs­trä­gers erfor­der­li­che sach­li­che Kon­gru­enz von Leis­tung und Scha­den­er­satz­an­spruch schon dann bejaht wird, wenn bei­de der­sel­ben Scha­dens­grup­pe die­nen, auf die Auf­ga­be beschränkt, die Scha­dens­re­gu­lie­rung zu erleich­tern 5. Das macht aber nicht die Prü­fung ent­behr­lich, ob Sinn und Zweck des § 116 SGB X die Gel­tend­ma­chung des Ersatz­an­spruchs durch den Leis­tungs­trä­ger anstel­le des Geschä­dig­ten recht­fer­ti­gen 6. Ohne die­ses Kor­rek­tiv könn­te das unbil­li­ge Ergeb­nis ein­tre­ten, dass der Geschä­dig­te, wenn für ihn ein Ver­si­che­rungs­trä­ger ein­tritt, trotz eines unein­ge­schränk­ten Ersatz­an­spruchs gegen den Schä­di­ger kei­ne voll­stän­di­ge Scha­dens­de­ckung erreicht, wenn die Leis­tun­gen des Ver­si­che­rungs­trä­gers sich zwar der Art nach auf den Scha­den bezie­hen, die­sen aber nur zu einem Teil abde­cken 7.

Sinn und Zweck des § 116 Abs. 1 SGB X gebie­ten hier die Gel­tend­ma­chung des Ver­dienst­aus­fall­scha­dens durch den Ver­si­che­rungs­trä­ger nicht.

Die Legal­zes­si­on des § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X soll bewir­ken, dass der Leis­tungs­trä­ger, durch des­sen Leis­tun­gen der Geschä­dig­te scha­dens­frei gestellt wird, Rück­griff neh­men kann; der Schä­di­ger soll durch die Sozi­al­leis­tun­gen nicht unver­dient ent­las­tet wer­den, zugleich soll eine dop­pel­te Ent­schä­di­gung des Geschä­dig­ten ver­mie­den wer­den 8.

Ein Über­gang des Anspruchs des Behin­der­ten auf Ersatz sei­nes Ver­dienst­aus­fall­scha­dens auf die Bun­des­agen­tur für Arbeit wegen deren Leis­tun­gen für die Beschäf­ti­gung des Behin­der­ten im Ein­gangs­ver­fah­ren und im Berufs­bil­dungs­be­reich der Werk­statt nach §§ 40, 42 Abs. 1 Nr. 1 SGB IX wür­de ent­ge­gen die­ser Inten­ti­on dazu füh­ren, dass der inso­weit nicht scha­dens­frei gestell­te Behin­der­te sei­nen Ver­dienst­aus­fall­scha­den man­gels Aktiv­le­gi­ti­ma­ti­on nicht gel­tend machen könn­te.

Ein Geschä­dig­ter kann einer­seits als Erwerbs­scha­den alle wirt­schaft­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen gel­tend machen, die er erlei­det, weil und soweit er sei­ne Arbeits­kraft ver­let­zungs­be­dingt nicht ver­wer­ten kann, die also der Man­gel der vol­len Ein­satz­fä­hig­keit sei­ner Per­son mit sich bringt 9. Hier­zu zählt der vom Behin­der­ten gefor­der­te Ver­dienst­aus­fall­scha­den.

Ersatz­fä­hig sind ande­rer­seits aber auch – unab­hän­gig von der Zuord­nung zu einer Scha­dens­grup­pe – die Leis­tun­gen der Bun­des­agen­tur für Arbeit für die Beschäf­ti­gung des Behin­der­ten im Ein­gangs­ver­fah­ren und im Berufs­bil­dungs­be­reich einer Werk­statt für behin­der­te Men­schen. Denn die mit der Beschäf­ti­gung des Geschä­dig­ten in der Werk­statt ver­bun­de­nen Kos­ten die­nen der Akti­vie­rung der ver­blie­be­nen Arbeits­kraft des Behin­der­ten und in die­sem Sin­ne der Wie­der­her­stel­lung eines dem Lebens­zu­schnitt, der ohne das schä­di­gen­de Ereig­nis bestün­de, mög­lichst nahe kom­men­den Zustan­des. Sie stel­len sich des­halb als mate­ri­el­ler Scha­den dar 10.

Von den Auf­wen­dun­gen für die Beschäf­ti­gung in der Werk­statt für behin­der­te Men­schen wird der Behin­der­te dadurch, dass die Bun­des­agen­tur für Arbeit die­se Leis­tun­gen erbringt, scha­dens­frei gestellt. Zugleich kann die Bun­des­agen­tur für Arbeit auf­grund des Anspruchs­über­gangs nach § 116 Abs. 1 Satz 1, Abs. 10 SGB X ihre hier­für ent­stan­de­nen Kos­ten beim Schä­di­ger gel­tend machen. An der sach­li­chen Kon­gru­enz der Leis­tung der Bun­des­agen­tur für Arbeit mit die­sem Scha­dens­er­satz­an­spruch des Behin­der­ten kann kein Zwei­fel bestehen, sind bei­de doch in Zweck und Umfang gleich.

Der gel­tend gemach­te Ver­dienst­aus­fall des Behin­der­ten wird durch die Leis­tun­gen der Bun­des­agen­tur für Arbeit für sei­ne Beschäf­ti­gung im Ein­gangs­ver­fah­ren und im Berufs­bil­dungs­be­reich der Werk­statt jedoch nicht kom­pen­siert. Er stellt viel­mehr einen wei­te­ren Scha­den dar, der nicht in zusätz­li­chen Auf­wen­dun­gen, son­dern viel­mehr in gerin­ge­ren Ein­nah­men auf­grund sei­nes scha­dens­be­ding­ten Gesund­heits­zu­stands besteht.

Fän­de auch ein Über­gang des Anspruchs auf Ersatz des Ver­dienst­aus­fall­scha­dens auf die Bun­des­agen­tur für Arbeit im Hin­blick auf deren Leis­tun­gen für die Beschäf­ti­gung des Behin­der­ten in der Werk­statt für behin­der­te Men­schen statt, führ­te dies zu einer Schlech­ter­stel­lung des Geschä­dig­ten, wohin­ge­gen der Leis­tungs­trä­ger einen Anspruch inne­hät­te, dem kei­ne ent­spre­chen­den Auf­wen­dun­gen gegen­über­ste­hen.

Dahin­ste­hen kann, ob das von der Bun­des­agen­tur für Arbeit an den Behin­der­ten gezahl­te Aus­bil­dungs­geld nach §§ 122, 125 SGB III nF 11 sach­lich kon­gru­ent zu des­sen Ver­dienst­aus­fall ist 12 und inso­weit ein Über­gang nach § 116 Abs. 1 Satz 1, Abs. 10 SGB X statt­ge­fun­den hat. Denn die gezahl­ten Beträ­ge wie auch die Arbeit­neh­mer­an­tei­le für die Sozi­al­ver­si­che­run­gen hat der Behin­der­te vor­lie­gend bei der Berech­nung sei­nes Ver­dienst­aus­fall­scha­dens bereits in Abzug gebracht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. Juni 2015 – VI ZR 379/​14

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 25.06.2013 – VI ZR 128/​12, BGHZ 197, 316 Rn. 26; vom 03.05.2011 – VI ZR 61/​10, VersR 2011, 946 Rn. 14 mwN; vom 18.05.2010 – VI ZR 142/​09, VersR 2010, 1103 Rn. 15 mwN[]
  2. vgl. Münch-KommBG­B/­Wag­ner, BGB, 6. Aufl., §§ 842, 843 Rn. 27[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 27.01.2015 – VI ZR 54/​14, VersR 2015, 598 Rn. 18 f.[]
  4. vgl. Lan­ge­nick, NZV 2007, 105, 110[]
  5. BGH, Urteil vom 24.02.1981 – VI ZR 154/​79, VersR 1981, 477, 478 mwN; Kass-Kom­m/­Ka­ter, § 116 SGB X Rn. 105 (Stand: April 2015); Kreikebohm/​Waltermann, 3. Aufl., § 116 SGB X Rn. 35[]
  6. BGH, Urtei­le vom 24.02.1981 – VI ZR 154/​79, aaO mwN; vom 25.09.1973 – VI ZR 49/​72, VersR 1974, 162, 163; vom 20.03.1973 – VI ZR 19/​72, VersR 1973, 566, 567; KassKomm/​Kater, aaO; Kreikebohm/​Waltermann, aaO; Geigel/​Plagemann, Haft­pflicht­pro­zess, 26. Aufl., 30. Kap., Rn. 22; vgl. auch bereits BGH, Urteil vom 27.10.1970 – VI ZR 47/​69, BGHZ 54, 377, 381 ff.[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 10.04.1979 – VI ZR 268/​76, VersR 1979, 640; Greger/​Zwickel in Greger/​Zwickel, Haf­tungs­recht des Stra­ßen­ver­kehrs, 5. Aufl., § 32 Rn. 24[]
  8. BGH, Urtei­le vom 05.02.2013 – VI ZR 274/​12, BGHZ 196, 122 Rn. 12; vom 08.07.2003 – VI ZR 274/​02, BGHZ 155, 342, 349 f. mwN; vom 24.01.1989 – VI ZR 130/​88, BGHZ 106, 284, 288; vom 28.06.2011 – VI ZR 194/​10, VersR 2011, 1204 Rn. 21[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 25.06.2013 – VI ZR 128/​12, aaO Rn. 13; vom 08.04.2008 – VI ZR 49/​07, BGHZ 176, 109 Rn. 9; vom 20.03.1984 – VI ZR 14/​82, BGHZ 90, 334, 336 f.; sie­he auch BGH, Beschluss vom 20.10.2009 – VI ZB 53/​08, VersR 2010, 133 Rn. 7 mwN[]
  10. BGH, Urteil vom 27.01.2015 – VI ZR 54/​14, aaO Rn. 18; BGH, Beschluss vom 11.06.1991 – VI ZR 307/​90, NZV 1991, 387[]
  11. bzw. §§ 104, 107 SGB III aF[]
  12. so OLG Olden­burg, Urteil vom 05.06.2013 – 5 U 76/​12 97; Bie­resborn in von Wulffen/​Schütze, SGB X, 8. Aufl., § 116 Rn. 5b; Greger/​Zwickel in Greger/​Zwickel, Haf­tungs­recht des Stra­ßen­ver­kehrs, 5. Aufl., § 32 Rn. 31[]