Betrieb einer ver­trags­ärzt­li­chen Zweig­pra­xis

Rechts­grund­la­ge für die Füh­rung von Zweig­pra­xen ist § 24 Abs 3 Satz 1 Nr 1 und 2 Ärz­te-ZV. Die­se Rege­lung, die ihre gesetz­li­che Grund­la­ge in § 98 Abs 2 Nr 13 SGB V hat, setzt vor­aus, dass die Ver­sor­gung der Ver­si­cher­ten an dem wei­te­ren Ort ver­bes­sert und die ord­nungs­ge­mä­ße Ver­sor­gung der Ver­si­cher­ten am Ort des Ver­trags­arzt­sit­zes nicht beein­träch­tigt wird (mit gering­fü­gi­ger Modi­fi­zie­rung durch Anfü­gung eines zwei­ten Halb­sat­zes in § 24 Abs 3 Satz 1 Nr 2 Ärz­te-ZV durch Art 9 Nr 8 Buchst b aa des GKV-Ver­sor­gungs­struk­tur­ge­set­zes vom 22.12.2011 [1]: „gering­fü­gi­ge Beein­träch­ti­gun­gen für die Ver­sor­gung am Ort des Ver­trags­arzt­sit­zes sind unbe­acht­lich, wenn sie durch die Ver­bes­se­rung der Ver­sor­gung an dem wei­te­ren Ort auf­ge­wo­gen wer­den“).

Betrieb einer ver­trags­ärzt­li­chen Zweig­pra­xis

Nach Satz 5 und 6 der Vor­schrift hat der Arzt bei Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen des Sat­zes 1 Anspruch auf Geneh­mi­gung des Betriebs der Zweig­pra­xis durch sei­ne KÄV bzw im Fall einer Zweig­pra­xis in einem ande­ren KÄV-Bezirk Anspruch auf eine Ermäch­ti­gung durch den dor­ti­gen Zulas­sungs­aus­schuss.

Im Rah­men der Prü­fung, ob der Betrieb einer Zweig­pra­xis eine Ver­sor­gungs­ver­bes­se­rung bewir­ken kann, bestehen in dem Fall, dass der Bewer­ber die Zweig­pra­xis allein zur Erbrin­gung eines Leis­tungs­spek­trums betrei­ben will, für das er eine spe­zi­el­le Geneh­mi­gung – hier die­je­ni­ge nach § 121a SGB V zur Erbrin­gung repro­duk­ti­ons­me­di­zi­ni­scher Leis­tun­gen – benö­tigt, Beson­der­hei­ten. In die­sem Fall muss die­se spe­zi­el­le Geneh­mi­gung zuvor vor­lie­gen, ehe der Betrieb der Zweig­pra­xis gestat­tet wer­den kann. Eine Ver­sor­gungs­ver­bes­se­rung im Sin­ne des § 24 Abs 3 Satz 1 Nr 1 Ärz­te-ZV, wie sie Vor­aus­set­zung für die Gestat­tung einer Zweig­pra­xis ist, kann nur dann ein­tre­ten, wenn der Zweig­pra­xis­be­wer­ber die Befug­nis hat, die betref­fen­den Leis­tun­gen zu erbrin­gen. Das Inein­an­der­grei­fen der Vor­schrif­ten des ver­trags­ärzt­li­chen Zulas­sungs­rechts und des § 121a SGB V ist dahin auf­zu­lö­sen, dass vor­ran­gig die Ent­schei­dung gemäß § 121a SGB V zu tref­fen ist.

Wegen die­ses Vor­rangs dür­fen die Zulas­sungs­gre­mi­en über die zulas­sungs­recht­li­che Posi­ti­on grund­sätz­lich erst ent­schei­den, nach­dem die LÄK über die Geneh­mi­gung gemäß § 121a SGB V ent­schie­den hat. Nicht die zulas­sungs­recht­li­che Posi­ti­on ist Vor­aus­set­zung für die Ertei­lung der Geneh­mi­gung gemäß § 121a SGB V, son­dern die­se Geneh­mi­gung muss vor­lie­gen, bevor die KÄV bzw der Zulas­sungs­aus­schuss über den Zugang des Antrag­stel­lers zur ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung an dem geplan­ten Stand­ort ent­schei­den kann.

Die­ser Vor­rang einer qua­li­fi­ka­ti­ons- bzw stand­ort­be­zo­ge­nen Geneh­mi­gung trägt dem Umstand Rech­nung, dass immer dann, wenn Ver­trags­ärz­te ver­trags­ärzt­li­che Leis­tun­gen außer­halb ihres Pra­xis­stand­or­tes erbrin­gen möch­te und Nicht­ver­trags­ärz­te über eine Son­der­be­darfs­zu­las­sung oder Ermäch­ti­gung Zugang zur ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung erhal­ten wol­len, Aspek­te des Ver­sor­gungs­be­darfs der Ver­si­cher­ten eine Rol­le spie­len. Nur wer die­sen – unter­stell­ten – Bedarf mit den dafür vor­aus­ge­setz­ten tat­säch­li­chen und recht­li­chen Anfor­de­run­gen zu decken ver­mag, kann die erfor­der­li­che zulas­sungs­recht­li­che Posi­ti­on erhal­ten. Soweit die Bedarfs­de­ckung eine zusätz­li­che Geneh­mi­gung oÄ erfor­dert, muss die­se nach­ge­wie­sen sein, bevor die zulas­sungs­recht­li­che Posi­ti­on bewil­ligt wer­den kann.

Das hat der Senat in der Ver­gan­gen­heit schon mehr­fach in ande­ren Kon­stel­la­tio­nen ent­schie­den. Danach muss der (Krankenhaus-)Arzt, der eine Ermäch­ti­gung zur Erbrin­gung spe­zia­li­sier­ter Leis­tun­gen erlan­gen will, die hier­für ggf erfor­der­li­che spe­zi­el­le Berech­ti­gung vor­wei­sen: Eine Ermäch­ti­gung zur Erbrin­gung von Groß­ge­rä­te-Leis­tun­gen konn­te, solan­ge für das Betrei­ben von sog Groß­ge­rä­ten der Stand­ort „abge­stimmt“ sein muss­te, erst in Betracht kom­men, wenn der Stand­ort abge­stimmt war (vgl die dama­li­ge Fas­sung des § 122 SGB V [2], in Kraft bis zum 30.06.1997)), und eine Ermäch­ti­gung zu ande­ren spe­zia­li­sier­ten Leis­tun­gen erfor­dert, dass der Antrag­stel­ler die ggf erfor­der­li­che fach­ge­biet­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on (zB Schwer­punkt­be­zeich­nung) und nöti­gen­falls auch eine wei­te­re zusätz­li­che beson­de­re Qua­li­fi­ka­ti­on erlangt haben muss. Die Vor­la­ge ent­spre­chen­der Nach­wei­se ist jeweils Vor­aus­set­zung, um eine auf die Erbrin­gung die­ser Leis­tun­gen bezo­ge­ne zulas­sungs­recht­li­che Posi­ti­on erhal­ten zu kön­nen. Zusam­men­ge­fasst bedeu­tet dies, dass die Zuer­ken­nung einer zulas­sungs­recht­li­chen Posi­ti­on nur in Betracht kom­men kann, wenn und soweit der Arzt „tat­säch­lich und recht­lich in der Lage (ist), die Leis­tun­gen … zu erbrin­gen“ [3]. Ent­spre­chend die­ser Recht­spre­chung ist in dem Fall, dass ein Arzt die Geneh­mi­gung bzw Ermäch­ti­gung für den Betrieb einer Zweig­pra­xis zur Erbrin­gung eines geneh­mi­gungs­pflich­ti­gen Leis­tungs­spek­trums begehrt, für die Gestat­tung des Betriebs der Zweig­pra­xis erfor­der­lich, dass der Arzt bereits die Befug­nis zur Erbrin­gung der Leis­tun­gen erlangt hat. Sonst kann das Erfor­der­nis einer Ver­sor­gungs­ver­bes­se­rung im Sin­ne des § 24 Abs 3 Satz 1 Nr 1 Ärz­te-ZV nicht bejaht wer­den. Die Fra­ge, ob eine Befug­nis zur Erbrin­gung der betrof­fe­nen Leis­tun­gen besteht, muss des­halb vor­ran­gig geklärt wer­den vor der Ent­schei­dung über die Zuer­ken­nung der dafür erfor­der­li­chen zulas­sungs­recht­li­chen Posi­ti­on.

Die­sem Vor­rang der Geneh­mi­gung gemäß § 121a SGB V vor der Prü­fung der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 24 Abs 3 Satz 1 Ärz­te-ZV müs­sen die KÄV bzw die Zulas­sungs­gre­mi­en zunächst durch die Gestal­tung der bei ihnen anhän­gi­gen Ver­fah­ren, aber auch inhalt­lich im Rah­men ihrer Ent­schei­dung Rech­nung tra­gen.

Die zur Ent­schei­dung über den Zweig­pra­xis­an­trag beru­fe­nen Insti­tu­tio­nen – KÄV bzw Zulas­sungs­gre­mi­en – müs­sen grund­sätz­lich die Ent­schei­dung der nach § 121a Abs 1 Satz 1 iVm Abs 4 SGB V im jewei­li­gen Bun­des­land zustän­di­gen Behör­de abwar­ten. Die Ertei­lung der zulas­sungs­recht­li­chen Posi­ti­on darf nicht schon des­halb abge­lehnt wer­den, weil noch kei­ne Geneh­mi­gung gemäß § 121a SGB V vor­liegt. Solan­ge das Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren gemäß § 121a SGB V noch anhän­gig ist und ernst­haft betrie­ben wird und das Begeh­ren nicht offen­sicht­lich aus­sichts­los ist, haben die Zulas­sungs­gre­mi­en mit ihrer Ent­schei­dung über die zulas­sungs­recht­li­che Posi­ti­on grund­sätz­lich zuzu­war­ten.

Nur in Aus­nah­me­kon­stel­la­tio­nen, etwa wenn das Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren gemäß § 121a SGB V nicht (mehr) ernst­haft betrie­ben wird oder wenn der Antrag auf Geneh­mi­gung gemäß § 121a SGB V offen­sicht­lich, auf den ers­ten Blick – zB bei Feh­len der Schwer­punkt­qua­li­fi­ka­ti­on für Repro­duk­ti­ons­me­di­zin – ohne jede Erfolgs­aus­sicht ist, sind die KÄV bzw die Zulas­sungs­gre­mi­en befugt, auch ohne Vor­lie­gen einer Ent­schei­dung der nach § 121a Abs 1 Satz 1 iVm Abs 4 SGB V zustän­di­gen Behör­de zu ent­schei­den und die Zweig­pra­xis­ge­neh­mi­gung bzw ‑ermäch­ti­gung abzu­leh­nen. Eben­so darf unab­hän­gig von dem Ver­fah­ren gemäß § 121a SGB V über den Zweig­pra­xis­an­trag ent­schie­den wer­den, wenn sich die KÄV bzw die Zulas­sungs­gre­mi­en dabei aus­schließ­lich auf Gesichts­punk­te stüt­zen, mit den sich die gemäß § 121a SGB V zustän­di­ge Behör­de weder befasst noch aus kom­pe­tenz­recht­li­chen Grün­den befas­sen darf; so dür­fen sie eine Ver­sa­gung eigen­stän­dig dar­auf stüt­zen, dass der Betrieb der Zweig­pra­xis die Ver­sor­gung am Ort der Haupt­pra­xis in unzu­läs­si­gem Umfang beein­träch­ti­gen wür­de (vgl § 24 Abs 3 Satz 1 Nr 2 SGB V) [4].

Ist ein sol­cher Aus­nah­me­fall nicht gege­ben, so müs­sen die KÄV bzw der Zulas­sungs­aus­schuss dem Vor­rang des Geneh­mi­gungs­ver­fah­rens dadurch Rech­nung tra­gen, dass sie den Aus­gang des Ver­fah­rens auf Geneh­mi­gung gemäß § 121a SGB V abwar­ten. Sie kön­nen ihr Ver­fah­ren ent­we­der im Ein­ver­ständ­nis mit dem Antrag­stel­ler still­schwei­gend oder aus­drück­lich ruhen las­sen (ent­spre­chend § 202 Satz 1 SGG iVm § 251 Satz 1 ZPO) [5], oder sie kön­nen das Ver­fah­ren wegen vor­greif­li­cher Ent­schei­dung einer ande­ren Behör­de aus­set­zen (ent­spre­chend § 114 Abs 2 Satz 1 Vari­an­te 2 SGG) [6].

Die Fra­ge, ob die Zulas­sungs­gre­mi­en mit ihrer Ent­schei­dung auch dann noch wei­ter­hin war­ten müs­sen, wenn die Ent­schei­dung der ande­ren Behör­de – hier: der LÄK – zwar vor­liegt, aber gericht­lich ange­foch­ten wor­den ist, ist nach all­ge­mei­nen Ver­fah­rens­grund­sät­zen zu beur­tei­len. Han­delt es sich um ein gericht­li­ches Ver­fah­ren gegen die Ableh­nung einer Geneh­mi­gung gemäß § 121a SGB V, so ist Kla­ge­art die Ver­pflich­tungs­kla­ge auf Erlass eines begüns­ti­gen­den Ver­wal­tungs­akts, die kei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung ent­fal­tet (§§ 86a, 86b Abs 1 SGG betref­fen allein Wider­spruch und Anfech­tungs­kla­ge, also Rechts­be­hel­fe gegen belas­ten­de Ver­wal­tungs­ak­te). Erwirkt der Antrag­stel­ler kei­ne einst­wei­li­ge Anord­nung (§ 86b Abs 2 SGG), so ist die Geneh­mi­gungs­ab­leh­nung einst­wei­len zu beach­ten. Dies gibt den Zulas­sungs­gre­mi­en die Befug­nis, dar­auf gestützt, den Betrieb einer Zweig­pra­xis abzu­leh­nen, was durch den betrof­fe­nen Arzt eben­falls ange­foch­ten wer­den kann.

Ent­ge­gen der Ansicht der Klä­ge­rin liegt kei­ne Kon­stel­la­ti­on vor, die wegen des Inein­an­der­grei­fens der Rege­lun­gen des § 24 Abs 3 Satz 1 Nr 1 Ärz­te-ZV und des § 121a SGB V den Zulas­sungs­gre­mi­en Anlass geben könn­te, einen Ermäch­ti­gungs­be­scheid unter dem Vor­be­halt, dass die LÄK die Geneh­mi­gung gemäß § 121a SGB V erteilt (zB Bedin­gung oder sons­ti­ge Neben­be­stim­mung), zu erlas­sen. Eine Neben­be­stim­mung, die im Sin­ne des § 32 Abs 1 SGB X sicher­stel­len soll, dass die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des Ver­wal­tungs­akts erfüllt wer­den, kann nur in Betracht kom­men, wenn ledig­lich noch gering­fü­gi­ge tat­be­stand­li­che Vor­aus­set­zun­gen feh­len. Die wesent­li­chen Vor­aus­set­zun­gen müs­sen erfüllt sein [7]. In einem Fall der vor­lie­gen­den Art indes­sen sind als Fol­ge der noch nicht ent­schie­de­nen Fra­ge der Geneh­mi­gungs­er­tei­lung gemäß § 121a SGB V zugleich noch wesent­li­che Ele­men­te des Vor­lie­gens einer Ver­sor­gungs­ver­bes­se­rung im Sin­ne des § 24 Abs 3 Satz 1 Nr 1 Ärz­te-ZV offen.

Der Vor­rang des Ver­fah­rens gemäß § 121a SGB V bedeu­tet inhalt­lich, dass die KÄV bzw die Zulas­sungs­gre­mi­en sich bei Vor­lie­gen der Ent­schei­dung über die Geneh­mi­gung gemäß § 121a SGB V sich nicht in Wider­spruch zu den­je­ni­gen Fest­stel­lun­gen und Erwä­gun­gen set­zen darf, auf die die­se Ent­schei­dung gestützt ist. Soweit zB die Ent­schei­dung gemäß § 121a SGB V Aus­füh­run­gen zur Bedarfs­ge­rech­tig­keit und/​oder Leis­tungs­fä­hig­keit im Sin­ne des § 121a Abs 2 Nr 2 SGB V ent­hält, dür­fen die KÄV bzw die Zulas­sungs­gre­mi­en bei ihrer Beur­tei­lung, ob eine Ver­sor­gungs­ver­bes­se­rung im Sin­ne des § 24 Abs 3 Satz 1 Nr 1 Ärz­te-ZV vor­liegt, davon nicht abwei­chen. Sie müs­sen die Aus­füh­run­gen viel­mehr zugrun­de legen und kön­nen dar­an anknüp­fen.

Aus ande­ren Grün­den hin­ge­gen, die nicht Gegen­stand der (vor­ran­gi­gen) Prü­fung im Rah­men des § 121a SGB V sind, dür­fen sie eine Ver­bes­se­rung der Ver­sor­gung im Sin­ne des § 24 Abs 3 Satz 1 Nr 1 Ärz­te-ZV beja­hen oder ver­nei­nen. So sind die KÄV bzw die Zulas­sungs­gre­mi­en zB nicht gehin­dert, den Betrieb einer Zweig­pra­xis aus spe­zi­fisch ver­trags­arzt­recht­li­chen Erwä­gun­gen zu ver­sa­gen, mit den sich die gemäß § 121a SGB V zustän­di­ge Behör­de weder befasst noch aus kom­pe­tenz­recht­li­chen Grün­den befas­sen darf. Das betrifft etwa den bereits erwähn­ten Gesichts­punkt, dass der Betrieb der Zweig­pra­xis die Ver­sor­gung am Ort der Haupt­pra­xis in unzu­läs­si­gem Umfang beein­träch­ti­gen wür­de. In einem sol­chen Fall „inhalt­li­cher Unab­hän­gig­keit“ der Ent­schei­dung über den Zweig­pra­xis­an­trag darf die­se auch vor­ge­zo­gen erge­hen.

Die Recht­mä­ßig­keit der Ableh­nung der Zweig­pra­xis­er­mäch­ti­gung erfor­dert zusätz­lich, dass der Bescheid des Beklag­ten den Anfor­de­run­gen ent­spricht, die sich inhalt­lich aus § 24 Abs 3 Satz 1 Nr 1 und 2 Ärz­te-ZV erge­ben. Die inhalt­li­che Bewer­tung, ob sich durch den Betrieb der Zweig­pra­xis eine Ver­sor­gungs­ver­bes­se­rung am Ort der geplan­ten Zweig­pra­xis und/​oder eine Ver­sor­gungs­be­ein­träch­ti­gung am Ort der Haupt­pra­xis erge­ben, erfor­dert Abwä­gun­gen, bei denen der KÄV bzw den Zulas­sungs­gre­mi­en ein Beur­tei­lungs­spiel­raum ein­ge­räumt ist [8]. Die dabei abzu­wä­gen­den Gesichts­punk­te hat der Senat näher umschrie­ben.

Der Senat hat her­aus­ge­stellt, dass Gesichts­punk­te der Bedarfs­pla­nung im Sin­ne der Bedarfs­pla­nungs-Richt­li­nie kei­ne Rol­le spie­len. Er hat wei­ter aus­ge­führt, dass das blo­ße Hin­zu­tre­ten eines wei­te­ren Behand­lers – unge­ach­tet der damit ver­bun­de­nen Erwei­te­rung der Mög­lich­kei­ten der Arzt­wahl – jeden­falls in nicht unter­ver­sorg­ten Gebie­ten noch kei­ne Ver­bes­se­rung der Ver­sor­gung dar­stellt. Eine qua­li­ta­ti­ve Ver­sor­gungs­ver­bes­se­rung kann bei­spiels­wei­se vor­lie­gen, wenn der in der Zweig­pra­xis täti­ge Arzt im Ver­gleich zu den bereits vor Ort täti­gen Ärz­ten über wei­te­re qua­li­fi­ka­ti­ons­ge­bun­de­ne Geneh­mi­gun­gen ver­fügt oder ein dif­fe­ren­zier­te­res Leis­tungs­spek­trum anbie­tet. Eine quan­ti­ta­ti­ve Erwei­te­rung des bestehen­den Ver­sor­gungs­an­ge­bots kommt dann als Ver­bes­se­rung im Sin­ne des § 24 Abs 3 Satz 1 Nr 1 Ärz­te-ZV in Betracht, wenn durch das erhöh­te Leis­tungs­an­ge­bot War­te­zei­ten ver­rin­gert oder wenn Abend- und Wochen­end-Sprech­stun­den ange­bo­ten wer­den, uU auch dann, wenn die Zweig­pra­xis bes­ser erreich­bar ist als die bereits bestehen­den Pra­xen [9].

Der Senat hat wei­ter aus­ge­führt, dass regel­mä­ßig auch zu berück­sich­ti­gen ist, ob eine Zweig­pra­xis außer gewis­sen Ver­bes­se­run­gen nicht auch zugleich Nach­tei­le mit sich bringt: Da der Arzt in sei­ner Zweig­pra­xis nur zeit­lich eng limi­tiert für die Ver­sor­gung zur Ver­fü­gung steht und dadurch die von ihm betreu­ten Pati­en­tin­nen für evtl erfor­der­li­che Nach­be­hand­lun­gen und ggf auch Not­fall­be­hand­lun­gen ande­re Ärz­te auf­su­chen müs­sen, die die bereits erho­be­nen Befun­de nicht ken­nen und die­se des­halb neu erhe­ben müs­sen, ent­ste­hen zusätz­li­cher Auf­wand und Kos­ten, was Unwirt­schaft­lich­keit bedeu­ten kann [10]. Sind der­ar­ti­ge Nach­tei­le gege­ben, so hat eine Sal­die­rung der Vor- und Nach­tei­le zu erfol­gen, wobei die Zulas­sungs­gre­mi­en in Anwen­dung ihres Beur­tei­lungs­spiel­raums die Vor- und die Nach­tei­le zu gewich­ten und gegen­ein­an­der abzu­wä­gen haben [11].

Leis­tungs­an­ge­bo­te eines MVZ sind nicht etwa nach­ran­gig, wie sich aus der grund­sätz­li­chen gesetz­li­chen Gleich­stel­lung ergibt (vgl hier­zu § 72 Abs 1 Satz 2, § 95 Abs 1 SGB V). Wie bereits aus­ge­führt, stellt das blo­ße Hin­zu­tre­ten eines wei­te­ren Behand­lers – unge­ach­tet der damit ver­bun­de­nen Erwei­te­rung der Mög­lich­kei­ten der Arzt­wahl – noch kei­ne Ver­bes­se­rung der Ver­sor­gung dar [12].

Hin­zu kommt, dass der Betrieb einer Zweig­pra­xis durch die Klä­ge­rin auch Nach­tei­le unter den Aspek­ten der Ver­sor­gungs­qua­li­tät und ‑kon­ti­nui­tät mit sich brin­gen wür­de [13]. Die Pla­nung der Klä­ge­rin, wie sie vor allem aus den von ihr im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren vor­ge­leg­ten Ver­sor­gungs­kon­zep­ten deut­lich wird, auf die sie im Gerichts­ver­fah­ren wie­der­holt Bezug genom­men hat, geht dahin, die Leis­tun­gen der Repro­duk­ti­ons­me­di­zin nur zum Teil in K. in Hes­sen zu erbrin­gen und die Pati­en­tin­nen im Übri­gen in ihre Haupt­pra­xis in G. in Nie­der­sach­sen kom­men zu las­sen. Sie stün­de mit­hin in K. nur zeit­lich eng limi­tiert für die Ver­sor­gung zur Ver­fü­gung. Dadurch müss­ten die von ihr betreu­ten Pati­en­tin­nen für evtl unvor­her­ge­se­hen erfor­der­li­che Nach­be­hand­lun­gen ande­re Ärz­te auf­su­chen. Ergän­zen­de Ver­sor­gun­gen durch ande­re Ärz­te erschei­nen indes­sen gera­de in einer Arzt-Pati­en­ten-Bezie­hung pro­ble­ma­tisch, die – wie die Klä­ge­rin selbst gel­tend macht – eng ist und in beson­de­rem Maße Fra­gen der Intim­sphä­re berührt. Auch unter dem Gesichts­punkt der Wirt­schaft­lich­keit stel­len ergän­zen­de Ver­sor­gun­gen durch ande­re Ärz­te kei­nen gleich­wer­ti­gen Ersatz für ein feh­len­des voll­stän­di­ges eige­nes Leis­tungs­an­ge­bot dar [14]. Ob ein Split­ting in der Betreu­ung etwa dann hin­zu­neh­men wäre, wenn sonst – etwa im länd­li­chen Raum – über­haupt kei­ne Leis­tun­gen gemäß §§ 27a, 121a SGB V ange­bo­ten wür­den, ist hier nicht zu ent­schei­den, weil eine sol­che Lage in K. nicht besteht.

Schließ­lich kann ein Ver­sor­gungs­be­darf in K. nicht damit begrün­det wer­den, dass – wie die Klä­ge­rin gel­tend macht – bereits jetzt vie­le Pati­en­tin­nen aus K. und Umge­bung in ihre (Haupt-)Praxis in G. kämen. Die Fra­ge der Ver­sor­gungs­ver­bes­se­rung ist nicht für die spe­zi­el­le Pati­en­ten­schaft einer Pra­xis zu beur­tei­len, son­dern abs­trakt bezo­gen auf die im Ein­zugs­be­reich leben­den Ver­si­cher­ten als sol­che [15].

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 5. Juni 2013 – B 6 KA 29/​12 R

  1. BGBl I 2983 ff, 3017[]
  2. vom 21.12.1992, BGBl I 2266[]
  3. so zum Stand­ort-Erfor­der­nis als Vor­aus­set­zung für eine Ermäch­ti­gung zur Erbrin­gung von Groß­ge­rä­te-Leis­tun­gen BSG SozR 3–2500 § 116 Nr 14 S 76; eben­so zB zur Fach­ge­biets­zu­ge­hö­rig­keit als Vor­aus­set­zung für die Ermäch­ti­gung eines Anäs­the­sis­ten zur Erbrin­gung schmerz­the­ra­peu­ti­scher Leis­tun­gen BSG SozR 3–2500 § 95 Nr 30 S 149: zum Groß­ge­rä­te-Befä­hi­gungs­nach­weis als Vor­aus­set­zung für die Ermäch­ti­gung zur Erbrin­gung von Groß­ge­rä­te-Leis­tun­gen BSGE 97, 158 = SozR 4–2500 § 135 Nr 10, RdNr 12 am Ende; zur Schwer­punkt­be­zeich­nung Pneu­mo­lo­gie als Vor­aus­set­zung für die Ermäch­ti­gung eines Inter­nis­ten zur Erbrin­gung pneu­mo­lo­gi­scher Leis­tun­gen BSGE 100, 154 = SozR 4–2500 § 87 Nr 16, RdNr 15; vgl auch zur Vor­aus­set­zung der LÄK-Kin­der­zahn­fach­kun­de für die Geneh­mi­gung eines dar­auf bezo­ge­nen Zweig­pra­xis­be­triebs BSG SozR 4–5525 § 24 Nr 1 RdNr 21 und 27[]
  4. dazu BSG SozR 4–5520 § 24 Nr 5 RdNr 12 ff[]
  5. unstrei­tig, vgl zB BSG SozR 4–1300 § 63 Nr 1 RdNr 11; BSG SozR 4–2500 § 106 Nr 28 RdNr 49 und Nr 29 RdNr 40; von Wul­f­fen, SGB X, 7. Aufl 2010, § 8 RdNr 5[]
  6. unstrei­tig, vgl BSG SozR 4–4200 § 22 Nr 53 RdNr 25 mwN; von Wul­f­fen aaO[]
  7. vgl BSGE 89, 62, 64 f = SozR 3–2500 § 85 Nr 42 S 344 = Juris RdNr 19[]
  8. BSGE 105, 10 = SozR 4–5520 § 24 Nr 3, RdNr 53 f; BSGE 107, 230 = SozR 4–5525 § 24 Nr 2, RdNr 22 iVm 27; BSG SozR 4–5520 § 24 Nr 5 RdNr 12[]
  9. vgl zu alle­dem BSGE 107, 230 = SozR 4–5525 § 24 Nr 2, RdNr 18 f[]
  10. zu alle­dem vgl BSGE 107, 230 = SozR 4–5525 § 24 Nr 2, RdNr 27–30, 32; BSG SozR 4–5520 § 24 Nr 5 RdNr 12–14[]
  11. vgl BSG SozR 4–5520 § 24 Nr 5 RdNr 12 am Ende[]
  12. BSGE 107, 230 = SozR 4–5525 § 24 Nr 2, RdNr 18[]
  13. zur Mit­be­rück­sich­ti­gung von Nach­tei­len vgl oben RdNr 27 am Ende unter Hin­weis auf BSG SozR 4–5520 § 24 Nr 5 RdNr 12[]
  14. mit Hin­weis auf BSGE 107, 230 = SozR 4–5525 § 24 Nr 2, RdNr 27–30, 32; BSG SozR 4–5520 § 24 Nr 5 RdNr 13 f und 21[]
  15. vgl die Rspr-Zusam­men­fas­sung in BSG vom 06.02.2013 – B 6 KA 38/​12 B – RdNr 8 f zur Fra­ge einer Ver­sor­gungs­ver­bes­se­rung[]