Betriebs­ren­ten – und die Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht

Ren­ten­zah­lun­gen von Pen­si­ons­kas­sen sind nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen in der gesetz­li­chen Kran­ken- und sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung nicht bei­trags­pflich­tig.

Betriebs­ren­ten – und die Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht

Es ver­stößt gegen das Gleich­heits­ge­bot, wenn für die Berech­nung der Bei­trä­ge von Rent­nern zur gesetz­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung sol­che Zah­lun­gen berück­sich­tigt wer­den, die auf einem nach Ende des Arbeits­ver­hält­nis­ses geän­der­ten oder ab die­sem Zeit­punkt neu abge­schlos­se­nen Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag zwi­schen einer Pen­si­ons­kas­se in der Rechts­form eines Ver­si­che­rungs­ver­eins auf Gegen­sei­tig­keit und dem frü­he­ren Arbeit­neh­mer beru­hen, wäh­rend Erträ­ge aus pri­va­ten Lebens­ver­si­che­run­gen von pflicht­ver­si­cher­ten Rent­nern nicht zur Berech­nung her­an­ge­zo­gen wer­den. Vor­aus­set­zung ist aber, dass der frü­he­re Arbeit­ge­ber an dem Ver­si­che­rungs­ver­trag nach Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses nicht mehr betei­ligt ist und nur der ver­si­cher­te Arbeit­neh­mer die Bei­trä­ge ein­ge­zahlt hat. Die Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen betrieb­li­cher und pri­va­ter Alters­ver­sor­gung und einer dar­aus resul­tie­ren­den Bei­trags­pflicht zur gesetz­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung ist nicht allein nach der aus­zah­len­den Insti­tu­ti­on vor­zu­neh­men. Es ist viel­mehr nach der Ver­trags­ge­stal­tung nach Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses zu dif­fe­ren­zie­ren.

Mit die­ser Begrün­dung hat aktu­ell das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zwei Ver­fas­sungs­be­schwer­den von pflicht­ver­si­cher­ten Rent­nern gegen die Bei­trags­pflicht statt­ge­ge­ben.

Kran­ken­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge auf Ren­ten­zah­lun­gen[↑]

Die Kran­ken­ver­si­che­rung der Rent­ner wird seit dem Gesetz über die Anpas­sung der Ren­ten der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung im Jahr 1982 vom 01.12 19811 unter ande­rem durch Bei­trä­ge der ver­si­cher­ten Rent­ner finan­ziert. Seit­dem wird außer der Ren­te aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung und dem Arbeits­ein­kom­men auch der Zahl­be­trag der der Ren­te ver­gleich­ba­ren Ein­nah­men (Ver­sor­gungs­be­zü­ge) zur Berech­nung der Bei­trä­ge her­an­ge­zo­gen. Als Ver­sor­gungs­be­zü­ge gel­ten nach § 229 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 SGB V unter ande­rem Ren­ten der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung, soweit sie wegen einer Ein­schrän­kung der Erwerbs­fä­hig­keit oder zur Alters- oder Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung erzielt wer­den. Die Rege­lun­gen gel­ten eben­so für die Bei­trags­be­mes­sung in der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung.

Die Aus­gangs­sach­ver­hal­te[↑]

Bei­de Beschwer­de­füh­rer waren in ihrem Erwerbs­le­ben vor­über­ge­hend bei einem Unter­neh­men des Bank­ge­wer­bes beschäf­tigt. Ihr jewei­li­ger Arbeit­ge­ber mel­de­te sie 1984 zur Pen­si­ons­kas­se der Bank- und Finanz­bran­che, die als Ver­si­che­rungs­ver­ein auf Gegen­sei­tig­keit aus­ge­stal­tet war, an.

Die Sat­zungs­re­ge­lun­gen und Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen der Pen­si­ons­kas­se sahen vor, dass mit dem Abschluss des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges sowohl die ver­trag­schlie­ßen­den Unter­neh­men als auch deren bei der Pen­si­ons­kas­se ver­si­cher­te Ange­stell­te eine Mit­glied­schaft in der Pen­si­ons­kas­se sowie die Stel­lung als Ver­si­che­rungs­neh­mer erwer­ben. Beim Aus­schei­den aus dem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis wan­del­te sich die Ver­si­che­rung in eine bei­trags­freie um, sofern sie nicht frei­wil­lig fort­ge­setzt wur­de. In letz­te­rem Fall wur­de der Ver­si­cher­te Ein­zel­mit­glied in der Pen­si­ons­kas­se und allei­ni­ger Ver­si­che­rungs­neh­mer.

Nach dem Aus­schei­den des 1952 gebo­re­nen Beschwer­de­füh­rers des ers­ten Ver­fah­rens2 aus dem Arbeits­ver­hält­nis mit dem Unter­neh­men des Bank­ge­wer­bes zahl­te er ab dem 1.01.1987 selbst Bei­trä­ge in einen Ver­si­che­rungs­ver­trag mit der Pen­si­ons­kas­se ein. Die Pen­si­ons­kas­se gewährt dem Beschwer­de­füh­rer seit dem 1.07.2005 Ren­te wegen Berufs­un­fä­hig­keit, anfäng­lich in Höhe von 406, 86 € monat­lich. Auf den Ein­zah­lun­gen des Beschwer­de­füh­rers vom 01.01.1987 bis zum 30.06.2005 beruh­ten zu die­sem Zeit­punkt 303, 38 € der monat­li­chen Ren­ten­zah­lun­gen. Der Beschwer­de­füh­rer ist seit dem 4.05.2006 als Rent­ner pflicht­ver­si­cher­tes Mit­glied in einer gesetz­li­chen Kran­ken­kas­se sowie in einer Pfle­ge­kas­se. Die Pen­si­ons­kas­se führt monat­lich Bei­trä­ge an die Kran­ken­kas­se und deren Pfle­ge­kas­se ab, die sie aus der gesam­ten Ren­ten­zah­lung errech­net. Die Kran­ken­kas­se lehn­te, auch für die Pfle­ge­kas­se han­delnd, die Bei­trags­frei­heit der Leis­tun­gen, die auf Ein­zah­lun­gen des Beschwer­de­füh­rers ab dem 1.01.1987 beru­hen, und die Erstat­tung der dar­auf basie­ren­den Bei­trä­ge ab, da es sich bei den Ren­ten­zah­lun­gen der Pen­si­ons­kas­se ins­ge­samt um Ver­sor­gungs­be­zü­ge in Form von Ren­ten der betrieb­li­chen Alters­vor­sor­ge im Sin­ne von § 229 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 SGB V han­de­le. Nach dem statt­ge­ben­den erst­in­stanz­li­chen Urteils des Sozi­al­ge­richts bestä­tig­ten das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Rhein­land-Pfalz3 und das Bun­des­so­zi­al­ge­richt4 die Auf­fas­sung der Kran­ken­kas­se.

Nach dem Aus­schei­den des 1945 gebo­re­nen Beschwer­de­füh­rers des zwei­ten Ver­fah­rens5 aus dem Arbeits­ver­hält­nis mit dem Unter­neh­men des Bank­ge­wer­bes zahl­te er ab dem 1.10.1985 selbst Bei­trä­ge in einen Ver­si­che­rungs­ver­trag mit der Pen­si­ons­kas­se ein. Zum 1.01.2001 schloss der Beschwer­de­füh­rer mit der Pen­si­ons­kas­se eine Höher­ver­si­che­rung ab, die nur in Ver­bin­dung mit einer lau­fen­den Ver­si­che­rung zuläs­sig war. Der Beschwer­de­füh­rer ist seit dem 1.02.2008 als Rent­ner pflicht­ver­si­cher­tes Mit­glied in einer gesetz­li­chen Kran­ken­kas­se. Seit dem 1.01.2010 erhält er neben der gesetz­li­chen Alters­ren­te und ande­ren Ver­sor­gungs­be­zü­gen von der Pen­si­ons­kas­se monat­li­che Zah­lun­gen in Höhe von 518, 27 €. Hier­von beru­hen 55, 35 € auf Ein­zah­lun­gen im Zeit­raum des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses mit der Bank und 462, 92 € auf Ein­zah­lun­gen ab dem 1.10.1985. Die Pen­si­ons­kas­se führt monat­lich Bei­trä­ge an die Kran­ken­kas­se ab, die sie aus der gesam­ten Ren­ten­zah­lung errech­net. Die Kran­ken­kas­se lehn­te die Erstat­tung der abge­führ­ten Bei­trä­ge, die sich aus dem über 55, 35 € hin­aus­ge­hen­den Anteil der monat­li­chen Zah­lung der Pen­si­ons­kas­se erge­ben, ab, da es sich bei den Ren­ten­zah­lun­gen der Pen­si­ons­kas­se ins­ge­samt um Ver­sor­gungs­be­zü­ge in Form von Ren­ten der betrieb­li­chen Alters­vor­sor­ge im Sin­ne von § 229 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 SGB V han­de­le. Das Kla­ge­ver­fah­ren vor dem Sozi­al­ge­richt Köln6 und dem Bun­des­so­zi­al­ge­richt7 blieb erfolg­los.

Die Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts[↑]

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hielt in den ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen an sei­ner Recht­spre­chung zur insti­tu­tio­nel­len Abgren­zung bei der Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen pri­va­ter zu betrieb­li­cher Alters­ver­sor­gung und die dar­an anknüp­fen­de Bewer­tung der Bei­trags­pflicht fest. Es hat den Begriff der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung unab­hän­gig von der Legal­de­fi­ni­ti­on in § 1 Abs. 1 Satz 1 BetrAVG im Sin­ne des Bei­trags­rechts aus­ge­legt. Nach der soge­nann­ten "insti­tu­tio­nel­len Abgren­zung" gehö­ren zu den Ren­ten der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung alle Zah­lun­gen von Insti­tu­tio­nen oder aus Ver­si­che­rungs­ver­trä­gen, bei denen typi­scher­wei­se ein Zusam­men­hang zwi­schen der Zuge­hö­rig­keit zu die­sem Ver­sor­gungs­sys­tem und dem Erwerbs­le­ben besteht. Die Moda­li­tä­ten des indi­vi­du­el­len Rechts­er­werbs blei­ben dabei eben­so unbe­rück­sich­tigt wie die Fra­ge, auf wes­sen Bei­trä­gen die Zah­lun­gen beru­hen8. Leis­tun­gen einer Pen­si­ons­kas­se sei­en stets der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung zuzu­rech­nen, da deren gesetz­li­cher Zweck auf betrieb­li­che Ver­sor­gungs­leis­tun­gen fest­ge­legt sei und mit Beschrän­kun­gen der Leis­tungs­hö­he, des Leis­tungs­zeit­punkts sowie der Leis­tungs­emp­fän­ger im Todes­fall ein­her­ge­he. Ver­trä­ge mit Pen­si­ons­kas­sen könn­ten nie voll­stän­dig aus dem betrieb­li­chen Bezug gelöst wer­den. Durch die Ein­be­zie­hung von Ver­sor­gungs­be­zü­gen in die Bei­trags­pflicht sol­le nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers deren Gleich­be­hand­lung mit Ren­ten der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung unter dem Gesichts­punkt der bei­den Leis­tun­gen inne­woh­nen­den Ein­kom­mens­er­satz­funk­ti­on her­ge­stellt wer­den. Die­ser Grund genü­ge für die Nicht­vor­nah­me einer Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Leis­tun­gen einer Pen­si­ons­kas­se, die auf vor und nach dem Aus­schei­den aus dem Arbeits­ver­hält­nis geleis­te­ten Bei­trä­gen beru­hen, und recht­fer­ti­ge die damit ein­her­ge­hen­de Ungleich­be­hand­lung im Ver­gleich zur Eigen­vor­sor­ge bei einem nicht allein Zwe­cken der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung ver­pflich­te­ten Lebens­ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­den zur Ent­schei­dung ange­nom­men und ihnen statt­ge­ge­ben.

Ihre Annah­me ist zur Durch­set­zung des Grund­rechts der Beschwer­de­füh­rer aus Art. 3 Abs. 1 GG ange­zeigt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die für die Beur­tei­lung der Ver­fas­sungs­be­schwer­den maß­geb­li­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Fra­gen bereits ent­schie­den. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Bei­trags­pflicht für Ver­sor­gungs­be­zü­ge als mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ange­se­hen9. Danach dür­fen Bei­trä­ge pflicht­ver­si­cher­ter Rent­ner, die neben ihrer Ren­te noch ande­re, eben­falls aus einer frü­he­ren beruf­li­chen Betä­ti­gung her­rüh­ren­de und der Sicher­stel­lung der Alters­ver­sor­gung die­nen­de Ein­nah­men haben, nicht allein nach der Höhe der Ren­te bemes­sen wer­den10. Die zuläs­si­gen Ver­fas­sungs­be­schwer­den sind offen­sicht­lich begrün­det (§ 93c Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 93a Abs. 2 Buch­sta­be b BVerfGG).

Die bei der Aus­le­gung von § 229 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 SGB V durch die Gerich­te vor­ge­nom­me­ne Typi­sie­rung ist mit Art. 3 Abs. 1 GG unver­ein­bar, soweit sie dazu führt, dass Zah­lun­gen, die auf einem nach Ende des Arbeits­ver­hält­nis­ses geän­der­ten oder ab die­sem Zeit­punkt neu abge­schlos­se­nen Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag zwi­schen einer Pen­si­ons­kas­se in der Rechts­form eines Ver­si­che­rungs­ver­eins auf Gegen­sei­tig­keit und dem frü­he­ren Arbeit­neh­mer beru­hen, an dem der frü­he­re Arbeit­ge­ber nicht mehr betei­ligt ist und in den nur der Ver­si­cher­te Bei­trä­ge ein­be­zahlt hat, als betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung zu Bei­trä­gen der Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung der Rent­ner her­an­ge­zo­gen wer­den, obwohl der Gesetz­ge­ber Erträ­ge aus pri­va­ten Lebens­ver­si­che­run­gen pflicht­ver­si­cher­ter Rent­ner kei­ner Bei­trags­pflicht unter­wirft.

Bei­trags­pflicht und Gleich­be­hand­lungs­grund­satz[↑]

Abs. 1 GG ver­bie­tet nicht nur die Ungleich­be­hand­lung von wesent­lich Glei­chem, son­dern auch die Gleich­be­hand­lung von wesent­lich Unglei­chem11. Zu einer Dif­fe­ren­zie­rung bei unglei­chen Sach­ver­hal­ten ist der Gesetz­ge­ber aller­dings nur ver­pflich­tet, wenn die tat­säch­li­che Ungleich­heit so groß ist, dass sie bei einer am Gerech­tig­keits­ge­dan­ken ori­en­tier­ten Betrach­tungs­wei­se nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben darf12. Bei der Ord­nung von Mas­sen­er­schei­nun­gen ist der Gesetz­ge­ber berech­tigt, gene­ra­li­sie­ren­de, typi­sie­ren­de und pau­scha­lie­ren­de Rege­lun­gen zu ver­wen­den, ohne allein wegen der damit ver­bun­de­nen Här­ten gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz zu ver­sto­ßen. Aller­dings setzt eine zuläs­si­ge Typi­sie­rung vor­aus, dass die­se Här­ten nur unter Schwie­rig­kei­ten ver­meid­bar wären13, ledig­lich eine ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne Zahl von Per­so­nen betref­fen und der Ver­stoß gegen den Gleich­heits­satz nicht sehr inten­siv ist14. Bei der Fra­ge, unter wel­chen Schwie­rig­kei­ten die­se Här­ten ver­meid­bar wären, sind auch prak­ti­sche Erfor­der­nis­se der Ver­wal­tung von Gewicht15.

Eine Ver­let­zung von Art. 3 Abs. 1 GG durch die Recht­spre­chung liegt auch vor, wenn die Gerich­te im Wege der Aus­le­gung gesetz­li­cher Vor­schrif­ten oder der Lücken­fül­lung zu einer dem Gesetz­ge­ber ver­wehr­ten Dif­fe­ren­zie­rung oder zu einer dem Gesetz­ge­ber ver­wehr­ten Gleich­be­hand­lung von Unglei­chem gelan­gen16. Könn­te der Gesetz­ge­ber ohne Ver­let­zung von Art. 3 Abs. 1 GG eine Rechts­la­ge nicht schaf­fen, die dem Ergeb­nis der ange­grif­fe­nen Recht­spre­chung ent­spricht, so ver­stößt die Recht­spre­chung gegen Art. 3 Abs. 1 GG.

Das Betriebs­ren­ten­recht qua­li­fi­ziert auch aus­schließ­lich arbeit­neh­mer­fi­nan­zier­te Leis­tun­gen einer Ein­rich­tung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung als betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung unter der Vor­aus­set­zung, dass die vom Arbeit­neh­mer ein­ge­zahl­ten Bei­trä­ge von der Ver­sor­gungs­zu­sa­ge des Arbeit­ge­bers umfasst sind. Es ist im Rah­men einer Typi­sie­rung nicht zu bean­stan­den, wenn das Bun­des­so­zi­al­ge­richt pri­va­te Bei­trä­ge des Arbeit­neh­mers als betrieb­lich ver­an­lasst ein­stuft, solan­ge der insti­tu­tio­nel­le Rah­men des Betriebs­ren­ten­rechts genutzt wird. Daher schei­det eine Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen pri­va­ter und betrieb­li­cher Alters­ver­sor­gung allein nach der die Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge finan­zie­ren­den Per­son aus. Es liegt mit der insti­tu­tio­nel­len Abgren­zung ein for­mal ein­fach zu hand­ha­ben­des Kri­te­ri­um vor, das ohne Rück­griff auf arbeits­recht­li­che Abspra­chen, ins­be­son­de­re dar­auf, ob die vom Arbeit­neh­mer ein­ge­zahl­ten Bei­trä­ge von der Ver­sor­gungs­zu­sa­ge des Arbeit­ge­bers umfasst waren, eine Abschich­tung betrieb­li­cher von pri­va­ter Alters­ver­sor­gung erlaubt17. Eine Pen­si­ons­kas­se wird in einem lau­fen­den Arbeits­ver­hält­nis typi­scher­wei­se zur Erfül­lung einer Ver­sor­gungs­zu­sa­ge des Arbeit­ge­bers genutzt. Eine Typi­sie­rung der Leis­tun­gen die­ser Ein­rich­tung, die auf Bei­trä­gen aus einem bestehen­den Arbeits­ver­hält­nis beru­hen, als betrieb­lich ver­an­lasst und die dar­aus fol­gen­de Bei­trags­pflicht in der Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung ver­stößt nicht gegen Art. 3 Abs. 1 GG. Ins­be­son­de­re prak­ti­sche Belan­ge der Ver­wal­tung bei der Fra­ge, unter wel­chen Schwie­rig­kei­ten die­se Här­te ver­meid­bar wäre, sind hier von Gewicht18.

Aus­ge­hend hier­von über­schrei­tet die Typi­sie­rung als betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung aus­schließ­lich nach der aus­zah­len­den Insti­tu­ti­on bei Pen­si­ons­kas­sen in der Rechts­form eines Ver­si­che­rungs­ver­eins auf Gegen­sei­tig­keit ihre zuläs­si­ge Gren­ze, wenn – wie hier – die Zah­lun­gen auf einem nach Ende des Arbeits­ver­hält­nis­ses geän­der­ten oder ab die­sem Zeit­punkt neu abge­schlos­se­nen Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag zwi­schen der Pen­si­ons­kas­se und dem Ver­si­cher­ten beru­hen, an dem der frü­he­re Arbeit­ge­ber nicht mehr betei­ligt ist und in den nur der Ver­si­cher­te Bei­trä­ge ein­be­zahlt hat. Obwohl der frü­he­re Arbeit­neh­mer nach dem Ende des Arbeits­ver­hält­nis­ses wei­ter­hin eine Ein­rich­tung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung nutzt, wird in die­sem Fall der insti­tu­tio­nel­le Rah­men des Betriebs­ren­ten­rechts ver­las­sen und der Ver­si­che­rungs­ver­trag nach Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses aus dem Betriebs­be­zug gelöst. Die Ein­zah­lun­gen des Ver­si­cher­ten auf die­sen Ver­trag(-steil) unter­schei­den sich nur unwe­sent­lich von Ein­zah­lun­gen auf anfäng­lich pri­vat abge­schlos­se­ne Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trä­ge.

Der insti­tu­tio­nel­le Rah­men des Betriebs­ren­ten­rechts kann nach Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses bei Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trä­gen mit einer Pen­si­ons­kas­se in der Rechts­form eines Ver­si­che­rungs­ver­eins auf Gegen­sei­tig­keit ver­las­sen wer­den. Es han­delt sich bei der Pen­si­ons­kas­se zwar um eine Ein­rich­tung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung. Der Zweck der Ein­rich­tung schließt hin­ge­gen die Betrei­bung pri­va­ter Alters­vor­sor­ge nicht aus, wie sich am Fort­set­zungs­recht nach § 1b Abs. 5 Satz 1 Nr. 2 BetrAVG und der Beschrän­kung des BetrAVG auf Antei­le, die von einer Ver­sor­gungs­zu­sa­ge des Arbeit­ge­bers gedeckt sind, zeigt. Mit dem Fort­set­zungs­recht beab­sich­tig­te der Gesetz­ge­ber einen Anreiz zur Eigen­vor­sor­ge des Arbeit­neh­mers in Ergän­zung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung zu set­zen19. Die Pen­si­ons­kas­se unter­liegt zwar stets den Vor­ga­ben des § 232 des Geset­zes über die Beauf­sich­ti­gung der Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men (VAG), wodurch wei­ter­hin eine Beschrän­kung der Ver­trags­ge­stal­tung, etwa beim Leis­tungs­zeit­punkt und bei den Leis­tungs­emp­fän­gern auf den Todes­fall des Ver­si­cher­ten, besteht. Die­se Beschrän­kun­gen stel­len jedoch übli­che Rege­lun­gen eines von Beginn an pri­va­ten Lebens­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges dar, zumal sich der Ver­si­cher­te die­sen Bedin­gun­gen bei einer Wei­ter­ver­si­che­rung nach Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses frei­wil­lig, ohne arbeits­ver­trag­li­che Pflich­ten, unter­wirft. Die Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trä­ge mit Pen­si­ons­kas­sen unter­schei­den sich dies­be­züg­lich kaum von anfäng­lich pri­va­ten Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trä­gen.

Der insti­tu­tio­nel­le Rah­men des Betriebs­ren­ten­rechts kann nach Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses auch bei Ver­trä­gen mit einer regu­lier­ten Pen­si­ons­kas­se ver­las­sen wer­den. Der beschränk­te Zugang zu einer sol­chen Pen­si­ons­kas­se, der ein Arbeits­ver­hält­nis zu einem bestimm­ten Arbeit­ge­ber anstatt zu einem belie­bi­gen Arbeit­ge­ber wie bei einer Direkt­ver­si­che­rung oder dere­gu­lier­ten Pen­si­ons­kas­se vor­aus­setzt, recht­fer­tigt es nicht, nach Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses aus­schließ­lich auf die aus­zah­len­de Insti­tu­ti­on zur Abgren­zung von betrieb­li­cher zu pri­va­ter Alters­ver­sor­gung abzu­stel­len. Trotz der zumeist wei­ter­be­stehen­den mit­glied­schaft­li­chen Betei­li­gung des frü­he­ren Arbeit­ge­bers an der regu­lier­ten Pen­si­ons­kas­se folgt hier­aus nicht die Gel­tung des Betriebs­ren­ten­rechts. § 233 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 VAG setzt für die Regu­lie­rung einer Pen­si­ons­kas­se die Mög­lich­keit der Fort­füh­rung des Ver­si­che­rungs­ver­hält­nis­ses nach Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses vor­aus. Gera­de bei regu­lier­ten Pen­si­ons­kas­sen hat der Gesetz­ge­ber somit pri­va­te Eigen­vor­sor­ge des Arbeit­neh­mers in Ergän­zung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung vor­ge­se­hen. Durch die Anknüp­fung an die aus­zah­len­de Insti­tu­ti­on bei Ver­trä­gen nach Been­di­gung eines Arbeits­ver­hält­nis­ses wür­den durch die fol­gen­de Bei­trags­pflicht sogar Fehl­an­rei­ze gesetzt, die­se Ver­trä­ge für die pri­va­te Alters­si­che­rung nicht zu nut­zen. Dies wider­spricht dem vom Gesetz­ge­ber vor­ge­ge­be­nen Zweck des Fort­set­zungs­rechts20. Die Inten­ti­on, einen Anreiz zur Eigen­vor­sor­ge zu schaf­fen, ist nicht durch eine aus­blei­ben­de Reak­ti­on des Gesetz­ge­bers auf die Aus­le­gung des Begriffs der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung durch das Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­fal­len.

Indem der Ver­si­cher­te nach Ende des Arbeits­ver­hält­nis­ses mit der Pen­si­ons­kas­se in der Rechts­form eines Ver­si­che­rungs­ver­eins auf Gegen­sei­tig­keit einen Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag ohne Betei­li­gung des Arbeit­ge­bers abschließt oder einen bestehen­den Ver­trag dahin­ge­hend ändert und die Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen selbst finan­ziert, wird der insti­tu­tio­nel­le Rah­men des Betriebs­ren­ten­rechts ver­las­sen. In die­ser Kon­stel­la­ti­on liegt dem Ver­trag kei­ne Ver­sor­gungs­zu­sa­ge mehr zugrun­de, da der erfor­der­li­che Zusam­men­hang zwi­schen der Ver­sor­gungs­zu­sa­ge und dem Arbeits­ver­hält­nis fehlt. Die Ein­zah­lun­gen des frü­he­ren Arbeit­neh­mers auf die­sen Vertrag(-steil) unter­lie­gen nicht dem Schutz des Betriebs­ren­ten­rechts. Sie unter­schei­den sich unwe­sent­lich von Ein­zah­lun­gen auf anfäng­lich pri­vat abge­schlos­se­ne Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trä­ge. Dem­ge­gen­über wird bei einer unver­än­der­ten Fort­set­zung des vor­he­ri­gen Ver­tra­ges nach Ende des Arbeits­ver­hält­nis­ses21 oder einem Neu­ab­schluss einer Lebens­ver­si­che­rung mit einer Pen­si­ons­kas­se in der Rechts­form eines Ver­si­che­rungs­ver­eins auf Gegen­sei­tig­keit unter Betei­li­gung des Arbeit­ge­bers der insti­tu­tio­nel­le Rah­men des Betriebs­ren­ten­rechts hin­ge­gen wei­ter genutzt.

Die Unter­schei­dung von betrieb­li­cher zu pri­va­ter Alters­ver­sor­gung nach Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses unter Aus­schluss einer Betei­li­gung des Arbeit­ge­bers ist für die Kran­ken- und Pfle­ge­kas­sen ohne gro­ßen Auf­wand nach­voll­zieh­bar und daher die Här­te der Bei­trags­pflicht ohne beson­de­re Schwie­rig­kei­ten ver­meid­bar22. Die Pen­si­ons­kas­sen in Rechts­form eines Ver­si­che­rungs­ver­eins auf Gegen­sei­tig­keit kön­nen die Aus­zah­lung in einen betrieb­li­chen und pri­va­ten Teil ohne prak­ti­sche Schwie­rig­kei­ten tren­nen. Deren Sat­zun­gen sehen für Ver­si­che­run­gen in lau­fen­den Arbeits­ver­hält­nis­sen und für nach deren Been­di­gung fort­ge­setz­te Ver­trä­ge unter­schied­li­che Rege­lun­gen vor, anhand derer die Berech­nung ein­fach vor­zu­neh­men ist. Eine Über­prü­fung durch die Kran­ken- und Pfle­ge­kas­sen ist anhand der Ver­si­che­rungs­un­ter­la­gen, ins­be­son­de­re ohne Rück­griff auf die Ver­sor­gungs­zu­sa­ge, ohne unzu­mut­ba­ren Auf­wand mög­lich. Auch unter Berück­sich­ti­gung der Erfor­der­nis­se der Ver­wal­tung23 kann die Bei­trags­pflicht für die Zah­lun­gen, die auf einem Vertrag(-steil) beru­hen, der aus dem betrieb­li­chen Bezug gelöst wor­den ist, unschwer ver­mie­den wer­den.

Die­se Bei­trags­be­las­tung betrifft nicht ledig­lich eine ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne Zahl von Per­so­nen24. Bei der Pen­si­ons­kas­se der Beschwer­de­füh­rer ver­fü­gen 15 % der Anwär­ter und Rent­ner über Zeit­räu­me frei­wil­li­ger Bei­trags­zah­lung. Die Über­tra­gung die­ser Quo­te auf die Gesamt­zahl von Anwär­tern und Rent­nern von Pen­si­ons­kas­sen im Jahr 2016 (laut der Sta­tis­tik "Pen­si­ons­kas­sen 2016" der Bun­des­an­stalt für Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht 8,9 Mio.) ergibt eine Anzahl von über 1, 3 Mil­lio­nen mög­li­cher betrof­fe­ner Per­so­nen. Es ist zwar davon aus­zu­ge­hen, dass die­se nicht alle Mit­glie­der der gesetz­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung sind und die Anzahl Ver­si­cher­te bei Pen­si­ons­kas­sen in der Rechts­form von Akti­en­ge­sell­schaf­ten ent­hält, trotz­dem ist der Kreis der betrof­fe­nen Per­so­nen nicht so klein, dass er ver­nach­läs­sigt wer­den könn­te. Der Ver­stoß gegen den Gleich­heits­satz ist zudem inten­siv25, da die Bei­trags­be­las­tung der Leis­tun­gen aus den Lebens­ver­si­che­run­gen mit dem vol­len Bei­trags­satz zur gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung sowie zur sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung erheb­lich ist.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 27. Juni 2018 – 1 BvR 100/​15, 1 BvR 249/​15

  1. BGBl I S. 1205 []
  2. BVerfG – 1 BvR 249/​15 []
  3. LSG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 23.07.2012 – L 5 KR 78/​12 []
  4. BSG, Urteil vom 22.07.2014 – B 12 KR 26/​12 R []
  5. BVerfG – 1 BvR 100/​15 []
  6. SG Köln, Urteil vom 09.11.2012 – S 26 KR 1041/​11 []
  7. BSG, Urteil vom 23.07.2014 – B 12 KR 28/​12 R []
  8. BSG, SozR 4 – 2500 § 229 Nr. 7 []
  9. vgl. BVerfGE 79, 223 ff. []
  10. vgl. BVerfGE 79, 223, 237 []
  11. vgl. BVerfGE 84, 133, 158; 98, 365, 385 []
  12. vgl. BVerfGE 98, 365, 385 []
  13. vgl. BVerfGE 84, 348, 360; 87, 234, 255 f.; stRspr []
  14. vgl. BVerfGE 63, 119, 128; 84, 348, 360; 143, 246, 379 Rn. 362 []
  15. vgl. BVerfGE 9, 20, 31 f.; 63, 119, 128 []
  16. vgl. BVerfGE 58, 369, 374; 69, 188, 205; 70, 230, 240; 84, 197, 199 []
  17. vgl. BVerfGK 18, 4, 9 []
  18. vgl. BVerfGE 9, 20, 31 f.; 63, 119, 128 []
  19. BT-Drs. 7/​1281, S. 26 []
  20. vgl. BVerfGK 18, 99, 105 []
  21. vgl. BVerfGK 18, 4 ff. []
  22. vgl. BVerfGE 84, 348, 360; 87, 234, 255 f.; stRspr []
  23. vgl. BVerfGE 9, 20, 31 f.; 63, 119, 128 []
  24. vgl. BVerfGE 84, 348, 360; 143, 246, 379 Rn. 362 []
  25. vgl. BVerfGE 63, 119, 128; 143, 246, 379 Rn. 362 []