Blin­den­geld – für in ande­ren EU-Staa­ten leben­de Rentner

Eine frü­her in Deutsch­land leben­de Rent­ne­rin erhält auch dann deut­sches Blin­den­geld, wenn sie inzwi­schen in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on wohnt. 

Blin­den­geld – für in ande­ren EU-Staa­ten leben­de Rentner

In dem hier vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall wohn­te die zwi­schen­zeit­lich erblin­de­te Rent­ne­rin in Sach­sen, bis sie vor meh­re­ren Jah­ren nach Öster­reich ver­zog. Sie bezieht ihre Ren­te aus Deutsch­land und ist wei­ter­hin in Deutsch­land kran­ken­ver­si­chert. In Öster­reich hat­te sich die Rent­ne­rin ver­geb­lich bemüht, nach dor­ti­gem Recht Pfle­ge­geld für Blin­de zu erhal­ten. Ihren (Über­prü­fungs-)Antrag auf Leis­tun­gen nach dem Säch­si­schen Lan­des­blin­den­geld­ge­setz (LBlindG) lehn­te der Vogt­land­kreis ab, da für Leis­tun­gen wegen Blind­heit allein der Wohn­mit­glied­staat sei.

Die sodann erho­be­ne Kla­ge blieb sowohl vor dem Sozi­al­ge­richt Chem­nitz1 wie auch vor dem Säch­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt2 ohne Erfolg, da, wie das Lan­des­so­zi­al­ge­richt zur Begrün­dung anführ­te, die all­ge­mei­nen Kol­li­si­ons­re­ge­lun­gen der EG-Ver­ord­nung Nr 883/​2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit für Rent­ner die Zustän­dig­keit des Wohn­mit­glied­staats – hier also Öster­reich – vor­sä­hen. Mit ihrer Revi­si­on rügt die Rent­ne­rin eine Ver­let­zung des § 1 Abs 1 LBlindG iVm VO (EG) Nr 883/​2004. Aus der Recht­spre­chung des EuGH erge­be sich, dass das Lan­des­blin­den­geld eine Geld­leis­tung bei Krank­heit sei. Für sol­che Leis­tun­gen sehe die VO Son­der­re­ge­lun­gen vor. Danach dür­fe der Anspruch auf Blin­den­geld nicht vom Wohn­ort des Berech­tig­ten abhän­gen. Viel­mehr müs­se der Beklag­te ihr Blin­den­geld gewäh­ren, weil sie in Deutsch­land kran­ken­ver­si­chert sei (vgl Art 7, 29 VO Nr 883/​2004). Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt gab der Rent­ne­rin nun­mehr Recht und ver­ur­teil­te den Vogt­land­kreis, ihr Leis­tun­gen nach dem LBlindG zu gewähren:

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Trotz der Ver­le­gung des Wohn­sit­zes von Sach­sen nach Öster­reich ist nach dem Urteil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts nach der VO (EG) Nr 883/​2004 wei­ter­hin deut­sches und hier säch­si­sches (Lan­des-) Recht anwendbar.

Die Leis­tun­gen wegen Blind­heit sind nach der VO (EG) Nr 883/​2004 als Geld­leis­tun­gen bei Krank­heit zu qua­li­fi­zie­ren, die grund­sätz­lich grenz­über­schrei­tend expor­tier­bar sind. Bei grenz­über­schrei­ten­den Sach­ver­hal­ten koor­di­niert die Ver­ord­nung im Bereich der sozia­len Sicher­heit inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on das jeweils anwend­ba­re natio­na­le Recht in der Wei­se, dass Ange­hö­ri­ge eines Mit­glied­staats nur dem Recht eines ein­zi­gen Mit­glied­staats unter­lie­gen. Das ist bei Geld­leis­tun­gen wegen Krank­heit an Rent­ner mit einer Ren­te aus einem Mit­glied­staat nicht das Recht des Wohn­mit­glied­staats, son­dern das des „ande­ren Mit­glied­staats“, in dem der bei Krank­heit zustän­di­ge Sach­leis­tungs­kos­ten­trä­ger sei­nen Sitz hat.

Hier­aus ergibt sich im Fal­le der Rent­ne­rin, die eine deut­sche Ren­te bezieht und bei der All­ge­mei­nen Orts­kran­ken­kas­se Rheinland/​Ham­burg kran­ken­ver­si­chert ist, die Anwend­bar­keit des deut­schen Rechts und in deren Fol­ge die Anwend­bar­keit des LBlindG.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 10. Juni 2021 – B 9 BL 1/​20 R

  1. SG Chem­nitz, Urteil vom 01.08.2018 – S 16 BL 8/​18[]
  2. Sächs. LSG, Urteil vom 10.10.2019 – L 9 BL 1/​18[]

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