Brül­len im Erör­te­rungs­ter­min

"Unmuts­äu­ße­run­gen" eines Rich­ters kön­nen in Extrem­fäl­len die Besorg­nis der Befan­gen­heit begrün­den – aber nicht, wenn die betrof­fe­ne Par­tei hier­über zunächst ein­mal ein paar Wochen dar­über nach­den­ken muss:

Brül­len im Erör­te­rungs­ter­min

In dem sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren der Klä­ge­rin wur­de am 16. Juni 2009 ein Erör­te­rungs­ter­min durch­ge­führt. Aus­weis­lich der über den Erör­te­rungs­ter­min gefer­tig­ten Nie­der­schrift gab die Klä­ge­rin in dem Ter­min Erklä­run­gen ab und ließ sich zur Sache ein. Erst mehr als zwei Wochen spä­ter mach­te sie schrift­lich gel­tend, der Vor­sit­zen­de habe in dem Erör­te­rungs­ter­min mit Nach­druck von ihr ver­langt, ein Teil­an­er­kennt­nis der Beklag­ten anzu­neh­men. Er habe sie ange­brüllt und sei aggres­siv und unbe­herrscht gewe­sen. Sie kön­ne daher nicht auf ein fai­res Ver­fah­ren hof­fen.

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt wies das Gesuch der Klä­ge­rin, den Rich­ter wegen der Besorg­nis der Befan­gen­heit abzu­leh­nen, zurück. Ein Pro­zess­be­tei­lig­ter müs­se einen im Ver­hal­ten eines Rich­ters wäh­rend eines Erör­te­rungs­ter­mins lie­gen­den Ableh­nungs­grund bis zum Ende der Sit­zung gel­tend macht, wenn er nicht sein Recht, den Rich­ter wegen die­ses Ver­hal­tens wegen der Besorg­nis der Befan­gen­heit abzu­leh­nen, ver­lie­ren will. Denn das Gericht und die übri­gen Betei­lig­ten sind nur dann in der Lage, das Gesche­hen einer münd­li­chen Ver­hand­lung zuver­läs­sig zu rekon­stru­ie­ren und zu doku­men­tie­ren, wenn sich eine Not­wen­dig­keit, die Erin­ne­rung dar­an fest­zu­hal­ten, in unmit­tel­ba­rem zeit­li­chen Zusam­men­hang mit die­sem Gesche­hen ergibt.

Im Übri­gen sah das Lan­des­so­zi­al­ge­richt auch einen Ableh­nungs­grund nicht als gege­ben an. Die in der Sit­zung eben­falls anwe­sen­de Ver­tre­te­rin der Beklag­ten hat den Vor­trag der Klä­ge­rin nicht bestä­tigt.

Unab­hän­gig hier­von, berech­ti­gen Unmuts­äu­ße­run­gen des Rich­ters nur dann zur Ableh­nung, wenn sie gänz­lich unan­ge­mes­sen sind und den Ein­druck der Vor­ein­ge­nom­men­heit erwe­cken.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 5. Okto­ber 2009 – L 1 SF 21/​09