Dar­le­hen für Miet­kau­ti­on bei not­wen­di­gem Umzug

Ein Dar­le­hen für eine Miet­kau­ti­on gem. § 22 Abs. 3 SGB II darf nicht allein mit der Begrün­dung abge­lehnt wer­den, dass eine Woh­nung bei einer Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft ange­mie­tet wird. Mit die­ser Ent­schei­dung in einem einst­wei­li­gen Rechts­schutz­ver­fah­ren stell­te sich das Sozi­al­ge­richt Bre­men jetzt gegen die ein­schlä­gi­ge Ver­wal­tungs­an­wei­sung zu § 22 SGB II der Bre­mer Sena­to­rin für Arbeit, Frau­en, Gesund­heit, Jugend und Sozia­les [1]

Dar­le­hen für Miet­kau­ti­on bei not­wen­di­gem Umzug

Die Bre­mer Arbeits­ge­mein­schaft für Inte­gra­ti­on und Sozia­les (BAgIS) hat­te es gegen­über einer allein erzie­hen­den Mut­ter mit zwei klei­nen Kin­dern, die Arbeits­lo­sen­geld II bezie­hen, abge­lehnt, im Rah­men des not­wen­di­gen Umzu­ges in eine grö­ße­re Woh­nung die erfor­der­li­che Miet­kau­ti­on in Höhe von 650,- Euro dar­le­hens­wei­se zu über­neh­men. Sie sah sich hier­an u.a. durch die Ver­wal­tungs­an­wei­sung der Bre­mer Sozi­al­se­na­to­rin gehin­dert, wonach bei Woh­nun­gen im Eigen­tum von Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten aus­schließ­lich eine Miet­über­nah­me­be­schei­ni­gung aus­zu­stel­len ist.

Das Sozi­al­ge­richt Bre­men hat die BAgIS im Wege des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes ver­pflich­tet, der allein erzie­hen­den Mut­ter und ihren bei­den Kin­dern die Miet­kau­ti­on als Dar­le­hen zu gewäh­ren. Dabei ist das Gericht davon aus­ge­gan­gen, dass es heu­te all­ge­mein üblich ist, dass Woh­nun­gen nur noch gegen Zah­lung einer Miet­kau­ti­on ver­mie­tet wer­den. So ver­zich­te auch in Bre­men nur ein ein­zi­ger Woh­nungs­bau­trä­ger bei Arbeits­lo­sen­geld II-Emp­fän­gern auf die Zah­lung der Miet­si­cher­heit, alle ande­ren jedoch nicht.

Die bis­he­ri­ge Ver­wal­tungs­an­wei­sung der Bre­mer Sena­to­rin für Arbeit, Frau­en, Gesund­heit, Jugend und Sozia­les steht nach Auf­fas­sung des Gerichts dem Anspruch auf dar­le­hens­wei­se Über­nah­me der Miet­kau­ti­on nicht ent­ge­gen. Denn die Rege­lung, dass bei Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten kei­ne Miet­kau­tio­nen über­nom­men wer­den, ste­he in deut­li­chem Wider­spruch zur Geset­zes­la­ge. Es sei auch kein sach­li­cher Grund ersicht­lich, wes­halb die Mie­ter bei Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten in kei­nem Fal­le Miet­kau­tio­nen erhal­ten soll­ten. Im Übri­gen sei die Sena­to­rin recht­lich nicht befugt, die (bundes-)gesetzlichen Rege­lun­gen über die Gewäh­rung von Arbeits­lo­sen­geld II zu beschrän­ken. Das Gericht ist an die Ver­wal­tungs­an­wei­sun­gen ohne­hin nicht gebun­den.

Die Antrag­stel­ler haben gemäß § 22 Abs. 3 SGB II Anspruch auf die Gewäh­rung eines Dar­le­hens für die Zah­lung der Miet­kau­ti­on. Die­se Vor-schrift bestimmt, dass Woh­nungs­be­schaf­fungs­kos­ten und Umzugs­kos­ten bei vor­he­ri­ger Zusi­che­rung durch den bis zum Umzug ört­lich zustän­di­gen kom­mu­na­len Trä­ger über­nom­men wer­den kön­nen; ein Miet­kau­ti­on kann bei vor­he­ri­ger Zusi­che­rung durch den am Ort der neu­en Unter­kunft zustän­di­gen kom­mu­na­len Trä­ger über­nom­men wer­den (§ 22 Abs. 3 Satz 1 SGB II). Die Zusi­che­rung soll erteilt wer­den, wenn der Umzug durch den kom­mu­na­len Trä­ger ver­an­lasst oder aus ande­ren Grün­den not­wen­dig ist und wenn ohne die Zusi­che­rung eine Unter­kunft in einem ange­mes­se­nen Zeit­raum nicht gefun­den wer­den kann (§ 22 Abs. 3 Satz 2 SGB II). Die Miet­kau­ti­on soll als Dar­le­hen erbracht wer­den (§ 22 Abs. 3 Satz 3 SGB II).

Die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für den Anspruch sind – inso­weit in dem vom SG Bre­men ent­schie­de­nen Fall unstrei­tig – gege­ben. Die Kos­ten der neu­en Woh­nung sind auch ange­mes­sen [2]. Es ist auch davon aus­zu­ge­hen, dass in einem ange­mes­se­nen Zeit­raum kei­ne Woh­nung gefun­den wer­den konn­te, die ohne Miet­kau­ti­on anzu­mie­ten gewe­sen wäre. Dies folgt bereits dar­aus, dass es heu­te all­ge­mein üblich ist, dass Woh­nun­gen nur noch gegen Zah­lung einer Miet­kau­ti­on ver­mie­tet wer­den. Dies gilt – wie auch der BAgIS aus der täg­li­chen Pra­xis bekannt ist – auch in Bre­men und auch bezüg­lich der Leis­tungs­emp­fän­ger nach dem SGB II. In Bre­men ver­zich­tet nur ein ein­zi­ger Woh­nungs­bau­trä­ger (Gewo­ba) bei Leis­tungs­emp­fän­gern nach dem SGB II auf die Zah­lung der Miet­si­cher­heit. Alle ande­ren Woh­nungs­bau­trä­ger – und auch die BREBAU – ver­zich­ten regel­mä­ßig nicht auf die Zah­lung der Kau­ti­on.

Über­dies liegt zwar kei­ne vor­he­ri­ge Zusi­che­rung der BAgIS im Sin­ne des § 22 Abs. 3 SGB II vor. Eine sol­che ist jedoch ent­behr­lich, wenn – wie hier – die Über­nah­me der Kos­ten recht­zei­tig bean­tragt wur­de. Ansons­ten hät­te es der Grund­si­che­rungs­trä­ger selbst in der Hand, die Rea­li­sie­rung even­tu­el­ler Ansprü­che zu ver­ei­teln. Lie­gen – wie hier – die Vor­aus­set­zun­gen für einen Anspruch auf Zah­lung der Miet­kau­ti­on vor, so kann der Grund­si­che­rungs­trä­ger die Zah­lung nur in aty­pi­schen Aus­nah­me­fäl­len ver­wei­gern („soll … erteilt wer­den“). Sol­che Aus­nah­me­fäl­le sind nicht ersicht­lich.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der BAgIS folgt, so das Sozi­al­ge­richt Bre­men, auch nichts ande­res aus der Ver­wal­tungs­an­wei­sung zu § 22 SGB II der Bre­mer Sena­to­rin für Arbeit, Frau­en, Gesund­heit, Jugend und Sozia­les. Die Ver­wal­tungs­an­wei­sung bestimmt zwar aus­drück­lich, dass bei Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten kei­ne Miet­kau­tio­nen über­nom­men wer­den. Die­se Rege­lung steht aber, sofern, wie hier, die Vor­aus­set­zun­gen für die Leis­tungs­ge­wäh­rung erfüllt sind, in deut­li­chem Wider­spruch zur Geset­zes­la­ge. Es ist auch kein sach­li­cher Grund ersicht­lich, wes­halb die Mie­ter bei Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten in kei­nem Fal­le Miet­kau­tio­nen erhal­ten soll­ten. Ein sol­cher Grund ist jeden­falls nicht dar­in zu sehen, dass Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten von den Leis­tungs­emp­fän­gern kei­ne Kau­tio­nen ver­lan­gen. Denn dies ist – wie dar­ge­stellt – in Bre­men regel­mä­ßig nicht der Fall. Im Übri­gen ist die Sena­to­rin recht­lich nicht befugt, die (bun­des-) gesetz­li­chen Rege­lun­gen über die Leis­tun­gen nach dem SGB II zu beschrän­ken. Das Gericht ist ohne­hin an die Ver­wal­tungs­an­wei­sun­gen nicht gebun­den.

Sozi­al­ge­richt Bre­men, Beschluss vom 12. Mai 2009 – Az. S 23 AS 779/​09 ER (rechts­kräf­tig)

  1. Ver­wal­tungs­an­wei­sung zu § 22 SGB II der Bre­mer Sena­to­rin für Arbeit, Frau­en, Gesund­heit, Jugend und Sozia­les, Stand 1. Sep­tem­ber 2008, dort Zif­fer 9.4[]
  2. sog. unge­schrie­be­ne Geset­zes-vor­aus­set­zung, s. Lang/​Link, in: Eicher/​Spellbrink, SGB II, 2. Aufl. 2008, § 22 Rn. 82[]