Das arbeits­tei­li­ge Heim

Der Umstand, dass meh­re­re selb­stän­di­ge juris­ti­sche Per­so­nen die für den Heim­be­griff nach § 1 Abs. 1 Satz 2 HeimG kon­sti­tu­ie­ren­den Merk­ma­le der Wohn­raum­über­las­sung und der Betreu­ung und Pfle­ge über­neh­men, steht der Ein­ord­nung einer Ein­rich­tung als Heim nicht zwin­gend ent­ge­gen. Viel­mehr kann das Heim­ge­setz auch bei Vor­lie­gen der in § 1 Abs. 2 Satz 1 und 2 HeimG genann­ten Kri­te­ri­en zur Anwen­dung kom­men, sofern ergän­zen­de, die Anwen­dung des Heim­ge­set­zes nach § 1 Abs. 1 Satz 2 HeimG begrün­den­de Umstän­de vor­lie­gen.

Das arbeits­tei­li­ge Heim

Nach § 1 Abs. 1 Satz 2 HeimG sind Hei­me im Sin­ne die­ses Geset­zes Ein­rich­tun­gen, die dem Zweck die­nen, älte­re Men­schen oder pfle­ge­be­dürf­ti­ge oder behin­der­te Voll­jäh­ri­ge auf­zu­neh­men, ihnen Wohn­raum zu über­las­sen sowie Betreu­ung und Ver­pfle­gung zur Ver­fü­gung zu stel­len oder vor­zu­hal­ten, und die in ihrem Bestand von Wech­sel und Zahl der Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner unab­hän­gig sind und ent­gelt­lich betrie­ben wer­den. Bereits aus dem Wort­laut die­ser Vor­schrift folgt, dass es auf den Zweck ankommt, dem die Ein­rich­tung dient, nicht auf den Zweck, den der Trä­ger aus­ge­spro­chen oder unaus­ge­spro­chen mit der Ein­rich­tung ver­folgt, wenn die­ser nicht in den objek­ti­ven Gege­ben­hei­ten, nament­lich der säch­li­chen und per­so­nel­len Aus­stat­tung der Ein­rich­tung sowie den erbrach­ten Leis­tun­gen gegen­über den Bewoh­nern, zum Aus­druck kommt1. Die­ser nach den objek­ti­ven Gege­ben­hei­ten zu bestim­men­de Zweck muss neben der Unter­brin­gung auf eine Betreu­ung und Ver­pfle­gung im Sin­ne einer „heimmä­ßi­gen“ Ver­sor­gung gerich­tet sein. Dies bedeu­tet, dass der Trä­ger des Heims eine Ver­sor­gungs­ga­ran­tie – auch für den Fall der Ver­schlech­te­rung des Gesund­heits­zu­stan­des – über­nimmt und der Bewoh­ner eines Heims dar­auf ver­trau­en kann, dass er Hil­fe in allen Berei­chen der Daseins­vor­sor­ge erhält, selbst wenn sich sei­ne Bedürf­nis­se stark ändern2.

Dass ein Heim im Sin­ne der vor­ge­nann­ten Begriffs­be­stim­mung auch dann vor­lie­gen kann, wenn die Ver­mie­tungs- und Betreu­ungs­leis­tun­gen von unter­schied­li­chen Anbie­tern erbracht wer­den, ergibt sich aus § 1 Abs. 2 HeimG. Die­se Vor­schrift ent­hält Aus­le­gungs­re­geln zur Abgren­zung von Hei­men von Ein­rich­tun­gen des sog. „Betreu­ten Woh­nens“, die vom Anwen­dungs­be­reich des Heim­ge­set­zes aus­ge­nom­men wer­den sol­len3. Wenn – wie in § 1 Abs. 2 Satz 1 und 2 HeimG vor­aus­ge­setzt – ein Ver­mie­ter von Wohn­raum durch Ver­trä­ge mit Drit­ten oder auf ande­re Wei­se sicher­stellt, dass den Mie­tern Betreu­ung und Ver­pfle­gung ange­bo­ten wer­den, begrün­det die­ser Umstand allein zwar nicht die Anwen­dung des Heim­ge­set­zes, die Annah­me, dass ein Heim im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Satz 2 HeimG vor­liegt, ist in der­ar­ti­gen Kon­stel­la­tio­nen nach der gesetz­li­chen Aus­le­gungs­re­gel jedoch nicht aus­ge­schlos­sen. Die Vor­schrift des § 1 Abs. 2 Satz 3 HeimG sieht die Anwen­dung des Heim­ge­set­zes sogar aus­drück­lich in den Fäl­len vor, in denen die Mie­ter ver­trag­lich ver­pflich­tet sind, Ver­pfle­gung und wei­ter­ge­hen­de Betreu­ungs­leis­tun­gen von bestimm­ten Anbie­tern anzu­neh­men. In die­ser Kon­stel­la­ti­on, in wel­cher Wohn­raum und Betreu­ungs- und Pfle­ge­leis­tun­gen eben­falls von unter­schied­li­chen Anbie­tern zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, ist nach der gesetz­li­chen Aus­le­gungs­re­gel vom Vor­lie­gen eines Hei­mes im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Satz 2 HeimG aus­zu­ge­hen. Folg­lich steht der Umstand, dass meh­re­re selb­stän­di­ge juris­ti­sche Per­so­nen die für den Heim­be­griff kon­sti­tu­ie­ren­den Merk­ma­le der Wohn­raum­über­las­sung und der Betreu­ung und Pfle­ge über­neh­men, der Ein­ord­nung einer Ein­rich­tung als Heim nicht zwin­gend ent­ge­gen4. Viel­mehr kann das Heim­ge­setz auch bei Vor­lie­gen der in § 1 Abs. 2 Satz 1 und 2 HeimG genann­ten Kri­te­ri­en zur Anwen­dung kom­men, sofern ergän­zen­de, die Anwen­dung des Heim­ge­set­zes nach § 1 Abs. 1 Satz 2 HeimG begrün­den­de Umstän­de vor­lie­gen5. Der in § 1 Abs. 1 Satz 2 HeimG all­ge­mein defi­nier­te Heim­be­griff bleibt daher maß­geb­lich. Ent­schei­dend für das Vor­lie­gen eines auf die „heimmä­ßi­ge“ Ver­sor­gung gerich­te­ten Zwecks ist dem­nach, ob unter Berück­sich­ti­gung der in § 1 Abs. 2 HeimG genann­ten Aus­le­gungs­kri­te­ri­en nach den objek­ti­ven Gege­ben­hei­ten das Ange­bot für Unter­kunft, Betreu­ung und Ver­pfle­gung Bestand­teil einer dem Bewoh­ner der Anla­ge gewähr­ten Ver­sor­gungs­ga­ran­tie und Rund­um­ver­sor­gung im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Satz 2 HeimG ist.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 25. Mai 2011 – 4 LA 306/​08

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 12.02.2004 – 6 B 70.03, GewArch 2004, 485 []
  2. vgl. die Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs der Bun­des­re­gie­rung zum Drit­ten Gesetz zur Ände­rung des Heim­ge­set­zes in BT-Drucks. 14/​5399, S. 18 []
  3. vgl. dazu im Ein­zel­nen die Geset­zes­be­grün­dung in BT-Drucks. 14/​5399, Sei­te 18 f. []
  4. eben­so Gie­se in Dahlem/​Giese/​Igl, Heim­recht des Bun­des und der Län­der, Stand: April 2011, § 1 Rn 9 []
  5. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 12.09.2003 – 14 S 718/​03, ESVGH 54, 65; fer­ner Kunz/​Butz/​Wiedemann, Heim­ge­setz, 10. Aufl., § 1 Rn 16 []