Das SGB II-Rechts­ver­ein­fa­chungs­ge­setz vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat eine augen­schein­lich for­mu­lar­mä­ßig erho­be­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen das Neun­te Gesetz zur Ände­rung des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch (SGB II-Rechts­ver­ein­fa­chungs­ge­setz)

Das SGB II-Rechts­ver­ein­fa­chungs­ge­setz vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt

Wer Ver­fas­sungs­be­schwer­de unmit­tel­bar gegen ein Gesetz erhe­ben will, muss kon­kret dar­le­gen, inwie­fern das Gesetz bereits für den Beschwer­de­füh­rer unmit­tel­bar, selbst und gegen­wär­tig eine Ver­let­zung in Grund­rech­ten bewirkt. Das gilt auch bei Nut­zung einer im Inter­net ver­füg­ba­ren "Vor­la­ge" für eine Rechts­satz­ver­fas­sungs­be­schwer­de.

Der Beschwer­de­füh­rer bezieht ergän­zend Arbeits­lo­sen­geld II. Die von ihm erho­be­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de beruht im Wesent­li­chen auf einer im Inter­net ver­brei­te­ten "Vor­la­ge" für eine Rechts­satz­ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen das Rechts­ver­ein­fa­chungs­ge­setz. Mit ihr wen­det er sich gegen die gesetz­li­chen Grund­la­gen für die Gewäh­rung von Grund­si­che­rung.

Der Zuläs­sig­keit steht zwar nicht ent­ge­gen, sich mit Blick auf die Pflicht zur hin­rei­chend sub­stan­ti­ier­ten Begrün­dung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de (§ 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG) an einer im Rah­men poli­ti­scher Dis­kus­sio­nen um ein Gesetz erstell­ten "Vor­la­ge" für Rechts­satz­ver­fas­sungs­be­schwer­den zu ori­en­tie­ren. Jedoch muss auch dann kon­kret dar­ge­legt wer­den, inwie­fern die Mög­lich­keit besteht, dass Beschwer­de­füh­ren­de durch die ange­grif­fe­ne Maß­nah­me in einem Grund­recht oder grund­rechts­glei­chen Recht selbst, unmit­tel­bar und gegen­wär­tig ver­letzt sein sol­len 1. Schon dar­an fehlt es hier.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de wird dem Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät nicht gerecht (§ 90 Abs. 2 BVerfGG). Danach müs­sen vor Ein­le­gung einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de alle zur Ver­fü­gung ste­hen­den pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten ergrif­fen wer­den, um eine Kor­rek­tur der gel­tend gemach­ten Ver­fas­sungs­ver­let­zung zu erwir­ken oder eine Grund­rechts­ver­let­zung zu ver­hin­dern 2. Daher ist eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de unzu­läs­sig, wenn in zumut­ba­rer Wei­se Rechts­schutz durch die Anru­fung der Fach­ge­rich­te erlangt wer­den kann. Dies ist sogar dann zu ver­lan­gen, wenn das Gesetz kei­nen Aus­le­gungs, Ermes­sens- oder Beur­tei­lungs­spiel­raum offen lässt, der es den Fach­ge­rich­ten erlau­ben wür­de, die gel­tend gemach­te Grund­rechts­ver­let­zung kraft eige­ner Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz zu ver­mei­den 3. Obwohl dann die fach­ge­richt­li­che Prü­fung für die Beschwer­de­füh­ren­den güns­tigs­ten­falls dazu füh­ren kann, dass die ihnen nach­tei­li­ge gesetz­li­che Rege­lung gemäß Art. 100 Abs. 1 GG dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor­ge­legt wird, ist sie regel­mä­ßig gebo­ten, um zu ver­mei­den, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf unge­si­cher­ter Tat­sa­chen- und Rechts­grund­la­ge weit­rei­chen­de Ent­schei­dun­gen trifft 4. Hier sind auch kei­ne Anhalts­punk­te dafür ersicht­lich, dass es dem Beschwer­de­füh­rer aus­nahms­wei­se unzu­mut­bar sein könn­te, Rechts­schutz durch die Anru­fung der Sozi­al­ge­rich­te zu erlan­gen. Ein ver­lo­re­ner Rechts­streit in der Ver­gan­gen­heit, auf den der Beschwer­de­füh­rer auch nur pau­schal ver­weist, ist kein Grund, die Gerich­te nicht in ande­rer Sache zu einem ande­ren Zeit­punkt erneut in Anspruch zu neh­men.

Soweit mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de bean­stan­det wird, der Gesetz­ge­ber habe mit dem Neun­ten Gesetz zur Ände­rung des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Rechts­än­de­run­gen unter­las­sen, greift der Beschwer­de­füh­rer Nor­men des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch in unver­än­dert geblie­be­ner Fas­sung an und wahrt damit nicht die Frist des § 93 Abs. 3 BVerfGG.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 4. Okto­ber 2016 – 1 BvR 1704/​16

  1. vgl. BVerfGE 108, 370, 386 f.; 130, 1, 21; 131, 66, 79 ff.[]
  2. vgl. BVerfGE 123, 148, 172; 134, 242, 285 Rn. 150; stRspr[]
  3. vgl. BVerfGE 123, 148, 173[]
  4. vgl. BVerfGE 123, 148, 173 m.w.N.; BVerfG, Beschluss vom 14.01.2015 – 1 BvR 931/​12[]