Das Ver­letz­ten­geld für den selb­stän­di­gen Unter­neh­mer und der Erwerbs­scha­den

Macht ein Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger wegen der Zah­lung eines Ver­letz­ten­gel­des einen nach § 116 Abs. 1 SGB X über­ge­gan­ge­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch gel­tend, ist der kon­gru­en­te Erwerbs­scha­den eines selb­stän­di­gen Unter­neh­mers nach den Grund­sät­zen für die Ermitt­lung des ent­gan­ge­nen Gewinns zu schät­zen.

Das Ver­letz­ten­geld für den selb­stän­di­gen Unter­neh­mer und der Erwerbs­scha­den

Ein auf ande­ren gesetz­li­chen Vor­schrif­ten beru­hen­der Anspruch auf Ersatz eines Scha­dens geht nach § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X auf den Ver­si­che­rungs­trä­ger über, soweit die­ser auf­grund des Scha­dens­er­eig­nis­ses Sozi­al­leis­tun­gen zu erbrin­gen hat, die der Behe­bung eines Scha­dens der glei­chen Art die­nen und sich auf den­sel­ben Zeit­raum wie der vom Schä­di­ger zu leis­ten­de Scha­dens­er­satz bezie­hen. Ein Ersatz­an­spruch kann also nach die­ser Vor­schrift nur über­ge­hen, soweit dem Geschä­dig­ten ein gesetz­li­cher Anspruch auf Ersatz des ihm durch die Schä­di­gung ver­ur­sach­ten Scha­dens gegen Drit­te zusteht. Auch beim For­de­rungs­über­gang auf den Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger ist Gegen­stand der Ersatz­pflicht nur der Scha­den des Ver­letz­ten. Der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger kann den Ersatz­pflich­ti­gen nicht auf Ersatz des eige­nen „Scha­dens“ in Gestalt sei­ner durch den Ver­si­che­rungs­fall aus­ge­lös­ten, vom Gesetz­ge­ber ange­ord­ne­ten Leis­tungs­pflich­ten in Anspruch neh­men, son­dern eine Erstat­tung sei­ner Auf­wen­dun­gen nur inso­weit ver­lan­gen, als sie auf einen Scha­den des Ver­si­cher­ten zu erbrin­gen sind.

Die Leis­tungs­pflicht des Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers ist hin­sicht­lich Ver­letz­ten­geld und -ren­te zeit­lich und sach­lich kon­gru­ent zum Scha­dens­er­satz­an­spruch der Geschä­dig­ten wegen ihres Erwerbs­scha­dens (§§ 842, 843 BGB, § 11 StVG). Dies gilt nach § 116 Abs. 1 Satz 2 SGB X auch für die abzu­füh­ren­den Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge gilt [1].

Der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger hat jedoch einen kon­kre­ten Erwerbs­scha­den der Geschä­dig­ten dar­zu­le­gen. Inso­weit ist zu beach­ten, dass für den nach § 116 Abs. 1 SGB X über­ge­hen­den Scha­dens­er­satz­an­spruch nicht die Auf­wen­dun­gen des Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers, son­dern der Erwerbs­scha­den ihres ver­letz­ten Mit­glieds maß­geb­lich ist, und das gezahl­te Ver­letz­ten­geld trotz der Kon­gru­enz zu dem ent­stan­de­nen Erwerbs­scha­den nicht mit die­sem gleich­zu­set­zen ist.

Das Ver­letz­ten­geld wird nach § 45 Abs. 1 Nr. 1 SGB VII unter ande­rem erbracht, wenn Ver­si­cher­te infol­ge des Ver­si­che­rungs­falls arbeits­un­fä­hig sind. Die Höhe des Ver­letz­ten­gel­des rich­tet sich bei Arbeit­neh­mern und bei Unter­neh­mern mit Arbeits­ein­kom­men gemäß § 47 Abs. 1 SGB VII grund­sätz­lich nach deren Regel­ent­gelt. Beson­de­re Rege­lun­gen gel­ten unter ande­rem für Ver­si­cher­te, die – wie die Geschä­dig­te in dem jetzt vom BGH ent­schie­de­nen Rechts­streits – den Ver­si­che­rungs­fall infol­ge einer Tätig­keit als Unter­neh­mer erlit­ten haben. Sie erhal­ten nach § 47 Abs. 5 SGB VII „abwei­chend von Absatz 1“ Ver­letz­ten­geld je Kalen­der­tag in Höhe des 450. Teils des Jah­res­ar­beits­ver­diens­tes; ist es für einen gan­zen Kalen­der­mo­nat zu zah­len, ist die­ser mit 30 Tagen anzu­set­zen. Unter ande­rem für kraft Geset­zes ver­si­cher­te selb­stän­dig Täti­ge und für kraft Sat­zung ver­si­cher­te Unter­neh­mer hat die Sat­zung des Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gers die Höhe des Jah­res­ar­beits­ver­diens­tes zu bestim­men (§ 83 Satz 1 SGB VII). Die­se Rege­lung soll die bei Selb­stän­di­gen regel­mä­ßig schwie­ri­ge Ermitt­lung des tat­säch­li­chen jähr­li­chen Arbeits­ver­diens­tes erüb­ri­gen, indem durch Sat­zungs­re­ge­lung, bei deren Abfas­sung dem Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger wie auch sonst in die­sem Bereich ein wei­ter Gestal­tungs­spiel­raum zusteht, ein bestimm­ter Betrag als Bemes­sungs­grund­la­ge für die Zah­lung von Ver­letz­ten­geld fest­ge­setzt wird – im Streit­fall gemäß § 42 Abs. 1 der Sat­zung der Klä­ge­rin ein Jah­res­ein­kom­men von 20.000 € [2].

Nach die­ser gesetz­li­chen Kon­struk­ti­on ist bei einem Unter­neh­mer der für das Ver­letz­ten­geld anzu­set­zen­de Jah­res­ar­beits­ver­dienst nicht nach den tat­säch­li­chen Ein­künf­ten des Unter­neh­mers zu bestim­men. Als Jah­res­ar­beits­ver­dienst gilt viel­mehr der nach der Sat­zung des Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gers bestimm­te fik­ti­ve Betrag [3].

Das für einen Unter­neh­mer zu zah­len­de Ver­letz­ten­geld ist inso­weit mit der Ver­letz­ten­ren­te (§ 56 SGB VII) ver­gleich­bar. Anders als im zivil­recht­li­chen Scha­dens­er­satz­recht, in dem nicht der Weg­fall der Arbeits­kraft und Erwerbs­fä­hig­keit als Scha­den im haf­tungs­recht­li­chen Sin­ne ange­se­hen wird, son­dern nur der dadurch ent­stan­de­ne Aus­fall der Arbeits­leis­tung [4], stellt die Ver­letz­ten­ren­te – wie das für einen Unter­neh­mer zu zah­len­de Ver­letz­ten­geld – nicht den Ersatz für einen im Ein­zel­fall kon­kret nach­weis­ba­ren Scha­den dar. Auch bei der Ver­letz­ten­ren­te wird nicht der tat­säch­li­che Min­der­ver­dienst aus­ge­gli­chen; viel­mehr bemisst sich die Ren­te nach dem Unter­schied der auf dem Gebiet des Erwerbs­le­bens bestehen­den Erwerbs­mög­lich­kei­ten des Ver­letz­ten vor und nach dem Unfall. Uner­heb­lich ist ins­be­son­de­re, ob und gege­be­nen­falls in wel­chem Umfang die Fol­gen des Unfalls zu einem Ein­kom­mens­ver­lust geführt haben; die Ren­te wird beim Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen auch gewährt, wenn der Ver­letz­te wei­ter­hin eine Erwerbs­tä­tig­keit aus­üben kann, durch die er Ein­künf­te bezieht [5]. Inso­weit hat der Bun­des­ge­richts­hof hin­sicht­lich der Ver­letz­ten­ren­te aus­ge­führt, der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger kön­ne in den Fäl­len, in denen es an einem kon­kre­ten Erwerbs­scha­den feh­le und er mit den Ren­ten­leis­tun­gen wirt­schaft­lich end­gül­tig belas­tet blei­be, die­sen Auf­wand nicht über die Indi­vi­du­al­haf­tung auf den Schä­di­ger abwäl­zen. Die wirt­schaft­lich end­gül­ti­ge Belas­tung des Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers sei näm­lich eine Fol­ge der Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers für ein Ver­si­che­rungs­sys­tem, das sei­ne sozia­len Anlie­gen auf einer abs­trak­ten Bemes­sungs­grund­la­ge los­ge­löst von einer kon­kre­ten Scha­dens­be­trach­tung ver­wirk­li­che [6].

Aus die­ser sys­te­ma­ti­schen Stel­lung der Ver­letz­ten­ren­te ist ersicht­lich, dass die im Sozi­al­recht vor­ge­nom­me­ne abs­trak­te Berech­nung des Erwerbs­scha­dens nicht auf den für den For­de­rungs­über­gang nach § 116 Abs. 1 SGB X maß­geb­li­chen zivil­recht­li­chen Scha­dens­er­satz­an­spruch des Geschä­dig­ten über­tra­gen wer­den kann, viel­mehr hier nach haft­pflicht­recht­li­chen Grund­sät­zen auf den tat­säch­lich ein­ge­tre­te­nen Erwerbs­scha­den abzu­stel­len ist [7]. Dies muss auch für das Ver­letz­ten­geld eines Unter­neh­mers gel­ten, bei dem der Jah­res­ar­beits­ver­dienst nach der Sat­zung des Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gers fik­tiv fest­ge­setzt wird. Mit­hin sind im Streit­fall für den über­gangs­fä­hi­gen Erwerbs­scha­den des Mit­glieds N. der Klä­ge­rin die haft­pflicht­recht­li­chen Grund­sät­ze für die Ermitt­lung des ent­gan­ge­nen Gewinns der Geschä­dig­ten zugrun­de zu legen. Die Höhe des zum gezahl­ten Ver­letz­ten­geld kon­gru­en­ten Scha­dens­er­satz­an­spruchs der Geschä­dig­ten aus § 842 BGB, §§ 7 Abs. 1, 11 StVG ist unter Berück­sich­ti­gung der durch §§ 287 Abs. 1 ZPO, 252 Satz 2 BGB gewähr­ten Erleich­te­run­gen fest­zu­stel­len. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs dür­fen dabei zwar im All­ge­mei­nen für die schwie­ri­ge Dar­le­gung der hypo­the­ti­schen Ent­wick­lung des Geschäfts­be­triebs eines Selb­stän­di­gen kei­ne zu stren­gen Maß­stä­be ange­legt wer­den [8]. Für die Schät­zung des Erwerbs­scha­dens müs­sen aber hin­rei­chen­de Anknüp­fungs­tat­sa­chen dar­ge­legt wer­den. Es bedarf grund­sätz­lich der Dar­le­gung kon­kre­ter Anhalts­punk­te für die Scha­dens­er­mitt­lung, um eine aus­rei­chen­de Grund­la­ge für die sach­lich-recht­li­che Wahr­schein­lich­keits­pro­gno­se des § 252 BGB und in der Fol­ge für eine gericht­li­che Scha­dens­schät­zung nach § 287 ZPO zu haben, weil sich der Aus­fall oder die Beein­träch­ti­gung der Arbeits­fä­hig­keit sicht­bar im Erwerbs­er­geb­nis kon­kret aus­ge­wirkt haben muss [9]. Auch die erleich­ter­te Scha­dens­be­rech­nung nach § 252 Satz 2 BGB in Ver­bin­dung mit § 287 Abs. 1 ZPO lässt eine völ­lig abs­trak­te Berech­nung eines Erwerbs­scha­dens nicht zu [10]. Soweit im Bereich der Behand­lungs­kos­ten eine Pau­scha­lie­rung im Regress des Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers in § 116 Abs. 8 SGB X zuge­las­sen ist, han­delt es sich um eine gesetz­li­che Aus­nah­me­re­ge­lung, die auf den Erwerbs­scha­den nicht über­trag­bar ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Febru­ar 2010 – VI ZR 331/​08

  1. vgl. BGHZ 109, 291, 293 ff.; 153, 113, 120 ff.; BGH, Urteil vom 02.12.2008 – VI ZR 312/​07, VersR 2009, 230 Rn. 11[]
  2. vgl. BSG, Urtei­le vom 19.12.2000 – B 2 U 36/​99 RSozR 3–2700 § 83 Nr. 1 S. 3; vom 13.12.2005 – B 2 U 25/​04 RSozR 4–2700 § 47 Nr. 2 Rn. 16[]
  3. vgl. BSG, Urteil vom 19.12.2000 – B 2 U 36/​39 R – aaO[]
  4. vgl. BGHZ 54, 45, 50 ff.; st.Rspr.[]
  5. vgl. BGHZ 153, 113, 125 f.; BSGE 43, 208, 209[]
  6. vgl. BGHZ 153, 113, 123; BGH, Urteil vom 09.03.1982 – VI ZR 317/​80VersR 1982, 552 f.[]
  7. vgl. BGHZ 153, 113, 125; BGH, Urtei­le vom 20.05.1958 – VI ZR 130/​57VersR 1958, 454, 456; und vom 09.03.1982 – VI ZR 317/​80 – aaO[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 16.03.2004 – VI ZR 138/​03VersR 2004, 874, 875 m.w.N.[]
  9. vgl. BGHZ 54, 45, 49 ff.; 90, 334, 336 f.; BGH, Urtei­le vom 22.12.1987 – VI ZR 6/​87, VersR 1988, 466, 467; vom 17.01.1995 – VI ZR 62/​94, VersR 1995, 422, 424[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 16.03.2004 – VI ZR 138/​03 – aaO m.w.N.[]