Der Arbeits­un­fall beim Anhe­ben eines Leich­nams

Das Ver­he­bet­rau­ma, das ein Bestat­ter wäh­rend der beruf­li­chen Tätig­keit – Anhe­ben der Lei­che – erlei­det, erfüllt die gesetz­li­che Anfor­de­rung an Arbeits­un­fäl­le.

Der Arbeits­un­fall beim Anhe­ben eines Leich­nams

Mit die­ser Begrün­dung hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall einen Arbeits­un­fall fest­ge­stellt. Der Klä­ger, ein 39jähriger Ver­si­cher­ter arbei­tet seit 2002 als Fried­hofs­mit­ar­bei­ter (Bestat­tungs­hel­fer). Er ist u.a. für die Abho­lung von Ver­stor­be­nen zustän­dig. Im August 2016 woll­te er mit einem Kol­le­gen den Leich­nam einer ver­stor­be­nen Frau abho­len. Die Tote soll­te vom Bett auf die am Boden ste­hen­de Tra­ge geho­ben wer­den. Hier­zu begab sich der Klä­ger an das Kopf­en­de neben das Bett, wäh­rend sein Kol­le­ge die Füße neh­men soll­te, sich des­we­gen ans Fußen­de des Bet­tes stell­te, wobei sich bei­de etwas seit­lich ver­ren­ken muss­ten. Beim Anhe­ben der Lei­che ver­spür­te der Klä­ger ein "Kna­cken“ im rech­ten Ober­arm und einen bren­nen­den Schmerz direkt ober­halb des Ellen­bo­gens, ein Wulst war sicht­bar. Ein noch­ma­li­ges Anhe­ben der Lei­che war ihm nicht mög­lich. Im Kran­ken­haus wur­de ein deut­li­cher Kraft­ver­lust im Bereich der Bizeps­mus­ku­la­tur, Druck­schmerz und ein Mus­kel­bauch am rech­ten dista­len Ober­arm fest­ge­stellt. Ein zunächst dia­gnos­ti­zier­ter Bizeps­seh­nen­ab­riss hat sich spä­ter nicht bestä­tigt. Der Ver­si­cher­te war 4 Wochen arbeits­un­fä­hig.

Der beklag­te Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger lehn­te man­gels äuße­rer Kraft­ein­wir­kung und unkla­rem Gesund­heits­erst­scha­den die Aner­ken­nung eines Arbeits­un­falls ab. Durch die Wil­lens- und Kraft­an­stren­gung bei dem Vor­fall habe ein inne­res und vom Klä­ger gesteu­er­tes Gesche­hen vor­ge­le­gen. Außer­dem stün­den Vor­gän­ge, die "üblich und selbst­ver­ständ­lich“ sei­en, nicht unter dem Schutz der Unfall­ver­si­che­rung.

Der Ver­si­cher­te hat den Vor­fall wie folgt geschil­dert: Beim Anhe­ben des Leich­nams habe er arbeits­be­dingt eine Zwangs­hal­tung ein­ge­nom­men, denn er habe seit­lich neben einem nied­ri­gen Bett ste­hend vorn­über­ge­beugt eine 80 kg schwe­re, ca. 161 bis 171 m lan­ge und ca. 70 cm brei­te Last am obe­ren Ende so anhe­ben müs­sen, dass er dabei den rech­ten Arm vom Kör­per wei­ter weg hät­te stre­cken müs­sen als den lin­ken Arm, um dabei die Last so anzu­he­ben, dass die­se nicht umkip­pe. Er habe sich wäh­rend der Ver­rich­tung sei­ner Arbeits­tä­tig­keit ver­letzt. Nach­dem das Sozi­al­ge­richt Reut­lin­gen dem Klä­ger Recht gege­ben hat und einen Arbeits­un­fall fest­stell­te, hat sich die Unfall­ver­si­che­rung mit der Beru­fung gegen die Ent­schei­dung gewehrt.

Nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg erfüllt das Ver­he­bet­rau­ma, das der Bestat­ter wäh­rend der beruf­li­chen Tätig­keit – Anhe­ben der Lei­che – erlit­ten hat, die gesetz­li­che Anfor­de­rung an Arbeits­un­fäl­le "von außen auf den Kör­per ein­wir­ken­des Ereig­nis, das zu einem Gesund­heits­scha­den führt“. Die dabei statt­ge­fun­de­ne (mecha­ni­sche) Kraft­ein­wir­kung rech­net zu den äuße­ren Ursa­chen. Die von der Unfall­ver­si­che­rung ange­nom­me­ne "inne­re Ursa­che“ – dies wären z.B. Kreis­lauf­kol­laps oder Herz­in­farkt – hat nicht vor­ge­le­gen.

Ein Ver­si­cher­ter, der auf aus­drück­li­che oder still­schwei­gen­de Anord­nung sei­nes Arbeit­ge­bers zur Aus­übung sei­ner ver­si­cher­ten Tätig­keit eine der­ar­ti­ge Kraft­an­stren­gung unter­nimmt und dabei einen Gesund­heits­scha­den erlei­det, steht unter dem Schutz der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung. Geschützt sind nach dem Geset­zes­zweck alle Ver­rich­tun­gen, die in einem sach­li­chen, inne­ren Zusam­men­hang mit der ver­si­cher­ten Tätig­keit ste­hen. Eine Dif­fe­ren­zie­rung in nicht ver­si­cher­te "übli­che“ und ver­si­cher­te "unüb­li­che“ Tätig­kei­ten gibt es nicht.

Dass sich die ursprüng­li­che Dia­gno­se eines Bizeps­seh­nen­ab­ris­ses nicht bestä­tigt hat, ist für die Fest­stel­lung eines bestimm­ten Ereig­nis­ses als Arbeits­un­fall irrele­vant. Der ins­be­son­de­re sogleich fest­ge­stell­te Mus­kel­bauch am rech­ten dista­len Ober­arm reicht für den erfor­der­li­chen Gesund­heits­erst­scha­den alle­mal aus. Die zeit­lich begrenz­te, äuße­re Kraft­ein­wir­kung bei dem Anhe­be­ver­such (Unfall­ereig­nis) war auch die wesent­li­che Ursa­che für die­sen Gesund­heits­erst­scha­den.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 19. Juli 2018 – L 6 U 1695/​18