Der behin­der­ten­ge­rech­ter Auto-Umbau – das Roll­stuhl­ver­la­de­sys­tem

Rechts­grund­la­ge des Anspruchs auf Erstat­tung der Kos­ten für Anschaf­fung und Ein­bau des Roll­stuhl­ver­la­de­sys­tems ist § 19 Abs 3 Satz 1 SGB XII iVm §§ 53, 54 Abs 1 Satz 1 SGB XII und § 55 Abs 2 Nr 1 SGB IX iVm § 9 Abs 2 Nr 11 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO1. Rich­tet sich der gel­tend gemach­te Anspruch – wie hier – auf eine Geld­leis­tung, ist es recht­lich uner­heb­lich, ob die Klä­ge­rin den Auf­trag für den Ein­bau des Roll­stuhl­ver­la­de­sys­tems zeit­lich ggf sogar vor Erlass des Ableh­nungs­be­scheids vom 08.08.2007 erteilt hat; ins­be­son­de­re ste­hen §§ 2, 18 SGB XII (Nach­rang der Sozi­al­hil­fe, Leis­tung erst ab Kennt­nis des Sozi­al­hil­fe­trä­gers) einer Leis­tungs­ge­wäh­rung nicht ent­ge­gen2.

Der behin­der­ten­ge­rech­ter Auto-Umbau – das Roll­stuhl­ver­la­de­sys­tem

Nach § 53 Abs 1 SGB XII erhal­ten Per­so­nen, die durch eine Behin­de­rung im Sin­ne von § 2 Abs 1 Satz 1 SGB IX wesent­lich in ihrer Fähig­keit, an der Gesell­schaft teil­zu­ha­ben, ein­ge­schränkt oder von einer sol­chen wesent­li­chen Behin­de­rung bedroht sind, Leis­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe, wenn und solan­ge nach der Beson­der­heit des Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re nach Art oder Schwe­re der Behin­de­rung, Aus­sicht besteht, dass die Auf­ga­be der Ein­glie­de­rungs­hil­fe erfüllt wer­den kann. Die Klä­ge­rin ist teil­wei­se gelähmt und des­halb auf einen Roll­stuhl ange­wie­sen und damit wesent­lich in ihrer Fähig­keit ein­ge­schränkt, an der Gesell­schaft teil­zu­ha­ben (s. § 1 Nr 1 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO), sodass es sich bei der Ein­glie­de­rung um eine Pflicht­leis­tung han­delt.

Die Leis­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe wer­den durch § 54 Abs 1 SGB XII iVm §§ 26, 33, 41 und 55 SGB IX und die auf Grund­la­ge der Ermäch­ti­gung des § 60 SGB XII erlas­se­ne Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO kon­kre­ti­siert. Nach § 54 Abs 1 SGB XII iVm § 55 Abs 2 Nr 1 SGB IX gehört zu den Teil­ha­be­leis­tun­gen ins­be­son­de­re die Ver­sor­gung mit ande­ren als den in § 31 SGB IX (Leis­tun­gen zur medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on) genann­ten Hilfs­mit­teln oder den in § 33 SGB IX (Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben) genann­ten Hil­fen. § 9 Abs 1 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO kon­kre­ti­siert den Begriff des „ande­ren Hilfs­mit­tels”. Danach sind ande­re Hilfs­mit­tel im Sin­ne des § 54 Abs 1 Satz 1 SGB XII iVm mit den §§ 26, 33 und 55 SGB IX nur sol­che Hilfs­mit­tel, die dazu bestimmt sind, zum Aus­gleich der durch die Behin­de­rung beding­ten Män­gel bei­zu­tra­gen. Nach § 9 Abs 2 Nr 11 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO gehö­ren zu den ande­ren Hilfs­mit­teln im Sin­ne des Abs 1 auch beson­de­re Bedie­nungs­ein­rich­tun­gen und Zusatz­ge­rä­te für Kraft­fahr­zeu­ge, wenn der behin­der­te Mensch wegen Art und Schwe­re sei­ner Behin­de­rung auf ein Kraft­fahr­zeug ange­wie­sen ist; soweit die Ein­glie­de­rungs­hil­fe ein Kraft­fahr­zeug betrifft, muss der behin­der­te Mensch das Hilfs­mit­tel nicht selbst bedie­nen kön­nen3. Das Roll­stuhl­ver­la­de­sys­tem kann des­halb ein Hilfs­mit­tel im Sin­ne von § 9 Abs 1 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO sein.

Ob ein Behin­der­ter im Sin­ne des § 9 Abs 2 Nr 11 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO auf ein Kraft­fahr­zeug „ange­wie­sen” ist, beur­teilt sich in ers­ter Linie nach dem Sinn und Zweck der Ein­glie­de­rungs­hil­fe, eine vor­han­de­ne Behin­de­rung oder deren Fol­gen zu besei­ti­gen oder zu mil­dern und die behin­der­ten Men­schen in die Gesell­schaft ein­zu­glie­dern. Hier­zu gehört es ins­be­son­de­re, den behin­der­ten Men­schen die Teil­nah­me am Leben in der Gemein­schaft zu ermög­li­chen oder zu erleich­tern (§ 53 Abs 3 SGB XII). Die For­mu­lie­rung ver­deut­licht, dass es ins­ge­samt aus­reicht, die Begeg­nung und den Umgang mit ande­ren Men­schen im Sin­ne einer ange­mes­se­nen Lebens­füh­rung zu för­dern. Maß­geb­lich sind im Aus­gangs­punkt die Wün­sche des behin­der­ten Men­schen (§ 9 Abs 2 SGB XII); wie sich aus § 9 Abs 3 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO ergibt („im Ein­zel­fall”), gilt ein indi­vi­du­el­ler und per­so­nen­zen­trier­ter Maß­stab, der regel­mä­ßig einer pau­scha­lie­ren­den Betrach­tung des Hil­fe­falls ent­ge­gen­steht4.

Die im vor­lie­gen­den Fall von der Klä­ge­rin aus­ge­üb­te ehren­amt­li­che Tätig­keit gehört in beson­de­rer Wei­se zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft. Dies ver­deut­licht § 11 Abs 2 Satz 2 SGB XII; danach umfasst die akti­ve Teil­nah­me am Leben in der Gemein­schaft auch ein gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment. Es spielt mit­hin kei­ne Rol­le, dass durch etwai­ge Ein­glie­de­rungs­hil­fe­leis­tun­gen die ehren­amt­li­che Tätig­keit mit­tel­bar „geför­dert” wird; denn in ers­ter Linie soll der Umbau des Fahr­zeugs die Mobi­li­tät der Klä­ge­rin erhö­hen oder her­stel­len und ihr die Teil­ha­be­mög­lich­keit eröff­nen. Ob die Teil­ha­be­mög­lich­keit in der Aus­übung einer ehren­amt­li­chen Tätig­keit oder dem Besuch von Sport­ver­an­stal­tun­gen oder Musik­auf­füh­run­gen besteht oder mit einer (sons­ti­gen) akti­ven Ver­eins­mit­glied­schaft zusam­men­hängt, obliegt der Ent­schei­dung des Behin­der­ten. Er bestimmt selbst, was er in sei­ner Frei­zeit tut und wel­che Mög­lich­kei­ten zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft er ergreift. Gera­de älte­re, aus dem Arbeits­le­ben aus­ge­schie­de­ne Men­schen haben ein beson­de­res Bedürf­nis, neue sozia­le Kon­tak­te zu fin­den oder alte auf­recht­zu­er­hal­ten, und nut­zen die Mög­lich­keit, dies in ehren­amt­li­chen Tätig­kei­ten zu tun, um ihre Fähig­kei­ten sinn­voll und gewinn­brin­gend ein­zu­set­zen und nicht auf das „Abstell­gleis gescho­ben” zu wer­den.

Dabei lässt es das Bun­des­so­zi­al­ge­richt dahin­ge­stellt, ob die Anwen­dung von § 8 Abs 1 Satz 2 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO eine regel­mä­ßi­ge Nut­zung des Fahr­zeugs5 im Sin­ne einer annä­hernd täg­li­chen Nut­zung vor­aus­setzt; denn § 8 Abs 1 Satz 2 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO ist nicht bei der Aus­le­gung von § 9 Abs 2 Nr 11 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO her­an­zu­zie­hen. Nach § 8 Abs 1 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO gilt die Hil­fe zur Beschaf­fung eines Kraft­fahr­zeugs als Leis­tung zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben und zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft im Sin­ne des § 54 Abs 1 Satz 1 SGB XII iVm den §§ 33 und 55 SGB IX. Sie wird in ange­mes­se­nem Umfang gewährt, wenn der behin­der­te Mensch wegen Art oder Schwe­re sei­ner Behin­de­rung ins­be­son­de­re zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben auf die Benut­zung eines Kraft­fahr­zeugs ange­wie­sen ist. Bereits der Wort­laut der Vor­schrift zeigt, dass von die­ser Hil­fe­art nur die „Beschaf­fung” eines Kraft­fahr­zeugs „ins­be­son­de­re zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben” betrof­fen ist, wäh­rend § 9 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO wei­ter gefasst ist und Hilfs­mit­tel betrifft, die zum Aus­gleich der durch die Behin­de­rung beding­ten Män­gel die­nen und nicht in ers­ter Linie zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben gewährt wer­den. § 9 Abs 1 und 2 Nr 11 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO knüpft ins­be­son­de­re nicht an die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen des § 8 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO an, son­dern bestimmt sei­ne Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen unab­hän­gig selbst. Des­halb ist (auch) der Anspruch auf Hil­fe für beson­de­re Bedie­nungs­ein­rich­tun­gen und Zusatz­ge­rä­te für ein bereits vor­han­de­nes Kraft­fahr­zeug allein nach § 9 Abs 1 und Abs 2 Nr 11 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO – unab­hän­gig von § 8 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO – zu beur­tei­len6.

Die­sem Ver­ständ­nis ent­spricht nicht zuletzt Art 20 des – aller­dings erst am 26.03.2009 rati­fi­zier­ten – Über­ein­kom­mens über die Rech­te von Men­schen mit Behin­de­run­gen (UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on), wonach die Ver­trags­staa­ten wirk­sa­me Maß­nah­men tref­fen, um für Men­schen mit Behin­de­run­gen „per­sön­li­che Mobi­li­tät mit größt­mög­li­cher Unab­hän­gig­keit” sicher­zu­stel­len, ohne dies auf den Per­so­nen­kreis beschäf­tig­ter Behin­der­ter zu beschrän­ken.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 23. August 2013 – B 8 SO 24/​11 R

  1. zur Unan­wend­bar­keit von § 15 Abs 1 Satz 4 SGB IX BSG SozR 4 – 5910 § 39 Nr 1 RdNr 20
  2. BSG, aaO, RdNr 21
  3. BSG SozR 4 – 5910 § 39 Nr 1 RdNr 25; BVerw­GE 55, 31, 33 f
  4. BSG SozR 4 – 5910 § 39 Nr 1 RdNr 25, 26; SozR 4 – 3500 § 54 Nr 6 RdNr 22
  5. zur Beschaf­fung eines Kraft­fahr­zeugs: BVerw­GE 55, 31 und 111, 328
  6. BVerwG, Beschluss vom 20.12.1990 – 5 B 113/​89