Die Berufs­be­klei­dung eines Kochs – und das Job­cen­ter

Unab­hän­gig von der gesetz­li­chen Schul­be­darfs­pau­scha­le hat das Job­cen­ter die Anschaf­fungs­kos­ten für Berufs­be­klei­dung voll­stän­dig zu über­neh­men, denn ansons­ten ist wegen einer evi­den­te Bedarfs­un­ter­de­ckung kein men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum zu gewähr­leis­ten.

Die Berufs­be­klei­dung eines Kochs – und das Job­cen­ter

Mit die­ser Begrün­dung hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men in dem hier vor­lie­gen­den Fall das Job­cen­ter dazu ver­ur­teilt, voll­stän­dig die Kos­ten für Berufs­be­klei­dung zu über­neh­men. Gleich­zei­tig ist das Urteil des Sozi­al­ge­richts Han­no­ver [1] geän­dert wor­den. Zur Kla­ge war es gekom­men, weil ein damals 17-jäh­ri­ger Schü­ler aus Han­no­ver, des­sen Fami­lie Hartz-IV-Leis­tun­gen bezieht, sich für den Koch­be­ruf inter­es­sier­te und zu Beginn der Berufs­ein­stiegs­schu­le eine Beklei­dungs­gar­ni­tur brauch­te. Ein neu­es Set kos­te­te 115 € von Müt­ze bis Schuh. Eine Lei­he war nicht mög­lich. Den Kauf­preis woll­te der Schü­ler erstat­tet haben, da er den zusätz­li­chen Bedarf nicht anders decken konn­te. Die­sem Begeh­ren hat das Job­cen­ter nicht ent­spro­chen: Denn der jun­ge Mann habe bereits Pau­schal­be­trä­ge für den Schul­be­darf erhal­ten. Hier­von sei­en sämt­li­che Gegen­stän­de erfasst, die für den Schul­be­such erfor­der­lich sei­en. Wei­te­re Bei­hil­fen sei­en gesetz­lich nicht vor­ge­se­hen. Alles Wei­te­re müs­se aus dem Regel­be­darf bestrit­ten wer­den.

Dage­gen hat der Schü­ler Kla­ge erho­ben. Vom Sozi­al­ge­richt Han­no­ver [1] ist die Kla­ge mit der Begrün­dung abge­wie­sen wor­den, dass die streit­be­fan­ge­nen Kos­ten für die Berufs­klei­dung von der Schul­be­darfs­pau­scha­le erfasst sei­en. Sein Ziel hat der Schü­ler mit der ein­ge­leg­ten Beru­fung wei­ter ver­folgt und sie u.a. mit einer Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nie­der­sach­sen-Bre­men zum Anspruch auf zusätz­li­che SGB II-Leis­tun­gen für die Anschaf­fung von Schul­bü­chern [2] begrün­det.

Zur Begrün­dung hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men deut­lich erklärt, dass die Anschaf­fungs­kos­ten für schu­li­sche Berufs­klei­dung nicht aus­kömm­lich vom Regel­be­darf gedeckt sei­en. Ein hil­fe­be­dürf­ti­ger 17-Jäh­ri­ger erhal­te eine monat­li­che Regel­leis­tung von 306 €. Davon lie­ßen sich die Kos­ten nicht anspa­ren. Es lie­ge daher eine offen­sicht­li­che und evi­den­te Bedarfs­un­ter­de­ckung vor, womit das men­schen­wür­di­ge Exis­tenz­mi­ni­mum nicht gewähr­leis­tet wer­de.

Außer­dem wer­de Berufs­klei­dung auch nicht von der Schul­be­darfs­pau­scha­le erfasst. Denn hier­zu zähl­ten nur per­sön­li­che Aus­stat­tung wie Ran­zen und Turn­zeug sowie Gebrauchs­ma­te­ri­al zum Schrei­ben, Rech­nen und Zeich­nen.

Die hier­nach ver­blei­ben­de Bedarfs­lü­cke sei durch eine ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung des Geset­zes zu schlie­ßen. Denn der Gesetz­ge­ber sei erkenn­bar gewillt gewe­sen, das Exis­tenz­mi­ni­mum von Schü­lern zu decken. Da dies mit dem Wort­laut des Geset­zes nicht mög­lich sei, müs­se die Lücke vom Gericht geschlos­sen wer­den. So hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt das zustän­di­ge Job­cen­ter zur Über­nah­me der Kos­ten für die Berufs­be­klei­dung ver­ur­teilt.

Wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung ist die Revi­si­on zuge­las­sen wor­den.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men, Urteil vom 26. Mai 2020 – L 11 AS 793/​18

  1. SG Han­no­ver, Urteil vom 13.08.2018 – S 30 AS 36/​17[][]
  2. LSG Nieders.-Bremen, Urteil vom 11.12.2017 – L 11 AS 349/​17[]