Die Berufs­krank­heit und die Rechts­kraft eines sozi­al­ge­richt­li­chen Urteils

Weist das Sozi­al­ge­richt eine Kla­ge auf gericht­li­che Fest­stel­lung einer bestimm­ten Berufs­krank­heit (§ 55 SGG) ab, steht mit Rechts­kraft die­ses Urteils (§ 141 SGG) das Gegen­teil der begehr­ten Fest­stel­lung fest, näm­lich dass die­se Berufs­krank­heit beim Ver­si­cher­ten nicht vor­liegt. Die­se Rechts­kraft­wir­kung ist – anders als bei Anfech­tungs- und Ver­pflich­tungs- bzw. Leis­tungs­kla­gen – nicht durch § 44 SGB X ein­ge­schränkt. Dies bedeu­tet zugleich, dass der zuvor ergan­ge­ne, die­se Berufs­krank­heit eben­falls ableh­nen­de Bescheid nicht rechts­wid­rig war und somit nicht nach § 44 SGB X zurück­zu­neh­men ist.

Die Berufs­krank­heit und die Rechts­kraft eines sozi­al­ge­richt­li­chen Urteils

Mit der Abwei­sung einer auf Fest­stel­lung eines Rechts­ver­hält­nis­ses gerich­te­ten Kla­ge steht das Gegen­teil der begehr­ten Fest­stel­lung, näm­lich das Nicht­be­stehen des Rechts­ver­hält­nis­ses fest [1]. Auf Grund der Rechts­kraft­wir­kung (vgl. § 322 Abs. 1 ZPO: „Urtei­le sind der Rechts­kraft … fähig, als … über den Anspruch ent­schie­den ist“) ist dies – das Nicht­be­stehen des zur Fest­stel­lung begehr­ten Rechts­ver­hält­nis­ses – auch für spä­te­re Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu berück­sich­ti­gen. Denn aus dem Lebens­sach­ver­halt, der der (abge­wie­se­nen) Fest­stel­lungs­kla­ge zu Grun­de lag, kann wegen der Rechts­kraft­wir­kung auch künf­tig nichts her­ge­lei­tet wer­den [2].

Im sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gilt Glei­ches. Denn auch hier bin­den gemäß § 141 Abs. 1 Nr. 1 SGG rechts­kräf­ti­ge Urtei­le die Betei­lig­ten, soweit über den Streit­ge­gen­stand ent­schie­den wor­den ist. Ein sozi­al­ge­richt­li­ches Urteil über eine Kla­ge auf Fest­stel­lung eines Ver­si­che­rungs­fal­les in der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung (Arbeits­un­fäl­le und Berufs­krank­hei­ten, § 7 Abs. 1 SGB VII) ist eben­falls nicht nur der for­mel­len, son­dern auch der mate­ri­el­len Rechts­kraft fähig [3]. Mit der rechts­kräf­ti­gen Abwei­sung einer auf Fest­stel­lung gerich­te­ten Kla­ge ist somit auch im sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren das Gegen­teil der begehr­ten Fest­stel­lung fest­ge­stellt [4]. Dies bedeu­tet im hier ent­schie­de­nen Fall, dass mit Rechts­kraft des Urteils des Sozi­al­ge­richts über die Abwei­sung der Kla­ge auf Fest­stel­lung der Leber­er­kran­kung als Berufs­krank­heit Nr. 1101, 1302, 1306, 1316, hilfs­wei­se als Wie-BK, rechts­kräf­tig und damit für die Betei­lig­ten und das Gericht ver­bind­lich fest steht, dass es sich bei der Leber­er­kran­kung des Klä­gers um weder eine BK Nr. 1101, 1302, 1306, 1316 noch um eine Wie-BK han­delt.

Die­se Rechts­kraft­wir­kung ist – anders als bei kom­bi­nier­ten Anfech­tungs- und Ver­pflich­tungs- bzw. Leis­tungs­kla­gen [5] – nicht durch §§ 44 ff. SGB X „ein­ge­schränkt“. Denn mit der Fest­stel­lung­kla­ge wird nicht über den Rege­lungs­ge­gen­stand eines (mit Ver­pflich­tungs- bzw. Leis­tungs­kla­ge zum Erlass begehr­ten) Ver­wal­tungs­ak­tes über Ansprü­che (z.B. auf bestimm­te Leis­tun­gen, aber auch all­ge­mein auf Aner­ken­nung eines Ver­si­che­rungs­fal­les oder von gesund­heit­li­chen Fol­gen eines Ver­si­che­rungs­fal­les, zum sub­jek­tiv öffent­li­chen Recht auf „Aner­ken­nung“ [6]), des­sen Bestand­kraft nach den §§ 44 ff. SGB X durch­bro­chen wer­den kann, son­dern über das Rechts­ver­hält­nis als sol­ches ent­schie­den. Dem ent­spre­chend stellt sich die Rechts­po­si­ti­on der Betei­lig­ten wegen der Rechts­kraft­wir­kung gericht­li­cher Fest­stel­lungs­ur­tei­le im Gegen­satz zur durch­bre­chungs­fä­hi­gen Bin­dungs­wir­kung fest­stel­len­der oder eine Fest­stel­lung ableh­nen­der Ver­wal­tungs­ak­te – was die Durch­bre­chungs­fä­hig­keit anbe­langt – anders dar [7].

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 16. Febru­ar 2012 – L 10 U 3886/​10

  1. BGH, Urteil vom 16.01.2008 – XII ZR 216/​05[]
  2. BGH, a.a.O. für eine Leis­tungs­kla­ge nach rechts­kräf­tig abge­wie­se­ner Fest­stel­lung­kla­ge[]
  3. BSG, Urteil vom 28.06.1984 – 2 RU 64/​83[]
  4. BSG a.a.O.: mit der Abwei­sung einer Kla­ge auf Aner­ken­nung von Wir­bel­säu­len­be­schwer­den als Fol­gen eines Arbeits­un­fal­les steht fest, dass die Wir­bel­säu­len­be­schwer­den kei­ne Unfall­fol­gen sind[]
  5. s. hier­zu Kel­ler in Mey­er-Lade­wig, SGG, 9. Auf­la­ge, § 141 Rdnrn. 11 ff.[]
  6. s. BSG, Urteil vom 05.07.2011- B 2 U 17/​10 R[]
  7. BSG, Urteil vom 27.04.2010 – B 2 U 23/​09 R; und Urtei­le vom 09.11.2010 – B 2 U 6/​10 R und B 2 U 14/​10 R, für Fal­le der Statt­ga­be der Fest­stel­lungs­kla­ge[]