Die Beur­tei­lung teilam­pu­tier­ter Fin­ger

Für die Beur­tei­lung der Min­de­rung der Erwerbs­fä­hig­keit ist ein schmerz­be­ding­ter Nicht­ein­satz der Fin­ger in der Funk­ti­ons­ein­schrän­kung einer Ampu­ta­ti­on gleich­zu­stel­len.

Die Beur­tei­lung teilam­pu­tier­ter Fin­ger

So hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall ent­schie­den. Der 1952 gebo­re­ne Klä­ger erlitt am 25. Novem­ber 2005 als Mon­ta­ge­hel­fer (Draht­zie­her) bei der Fir­ma G. eine Abtren­nung des dista­len Fin­ger­an­teils des rech­ten Zei­ge­fin­gers sowie des End­glieds des rech­ten Mit­tel­fin­gers mit lang­stre­cki­gem Aus­riss des Gefäß­ner­ven­bün­dels. Der Klä­ger war an der Draht­zie­her­ma­schi­ne in eine Draht­schlin­ge gera­ten und beim Zuzie­hen der Draht­schlin­ge wur­den die Fin­ger abge­trennt. Er bean­trag­te die Gewäh­rung einer Ren­te. Die Beklag­te bewil­lig­te dem Klä­ger eine vor­läu­fi­ge Ent­schä­di­gung für den Zeit­raum vom 6. Febru­ar bis 31. August 2006 nach einer MdE von 20 v. H. Auf den Wei­ter­zah­lungs­an­trag des Klä­gers gewähr­te die Beklag­te dem Klä­ger mit Bescheid vom 11. April 2007 Ren­te als vor­läu­fi­ge Ent­schä­di­gung nach einer MdE von 20 v. H..Nach erfolg­lo­sem Wider­spruch hat der Klä­ger beim Sozi­al­ge­richt Reut­lin­gen Kla­ge erho­ben und gel­tend gemacht, es sei eine MdE um min­des­tens 40 v. H. gerecht­fer­tigt. Mit Bescheid vom 15. Sep­tem­ber 2008 lehn­te die Beklag­te die Gewäh­rung einer Ren­te auf unbe­stimm­te Zeit ab und ent­zog die vor­läu­fi­ge Ren­te ab 1. Okto­ber 2008. Das Sozi­al­ge­richt hat die Beklag­te unter Abän­de­rung der ange­foch­te­nen Beschei­de ver­ur­teilt, dem Klä­ger Ver­letz­ten­ren­te nach einer MdE von 20 v. H. über den 1. Okto­ber 2008 hin­aus fort­zu­zah­len und im Übri­gen die Kla­ge abge­wie­sen. Hier­ge­gen ist Beru­fung ein­ge­legt wor­den.

Nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts ist die Beklag­te zu Recht vom Sozi­al­ge­richt ver­ur­teilt wor­den, dem Klä­ger Ver­letz­ten­ren­te nach einer MdE von 20 v. H. über den 1. Okto­ber 2008 hin­aus zu gewäh­ren.

Rechts­grund­la­ge für die vom Klä­ger erstreb­te Leis­tung ist § 56 SGB VII. Danach haben Ver­si­cher­te, deren Erwerbs­fä­hig­keit infol­ge eines Ver­si­che­rungs­falls über die 26. Woche nach dem Ver­si­che­rungs­fall hin­aus um wenigs­tens 20 v. H. gemin­dert ist, Anspruch auf eine Ren­te (§ 56 Abs. 1 Satz 1 SGB VII). Ist die Erwerbs­fä­hig­keit infol­ge meh­re­rer Ver­si­che­rungs­fäl­le gemin­dert und errei­chen die Vom­hun­dert­sät­ze zusam­men wenigs­tens die Zahl 20, besteht für jeden, auch für einen frü­he­ren Ver­si­che­rungs­fall, Anspruch auf Ren­te (§ 56 Abs. 1 Satz 2 SGB VII). Die Fol­gen eines Ver­si­che­rungs­falls sind dabei nach § 56 Abs. 1 Satz 3 SGB VII nur zu berück­sich­ti­gen, wenn sie die Erwerbs­fä­hig­keit um wenigs­tens 10 v. H. min­dern.

Die MdE rich­tet sich nach dem Umfang der sich aus der Beein­träch­ti­gung des kör­per­li­chen und geis­ti­gen Leis­tungs­ver­mö­gens erge­ben­den ver­min­der­ten Arbeits­mög­lich­kei­ten auf dem Gesamt­ge­biet des Erwerbs­le­bens (§ 56 Abs. 2 Satz 1 SGB VII). Die Bemes­sung der MdE hängt also von zwei Fak­to­ren ab 1, den ver­blie­be­nen Beein­träch­ti­gun­gen des kör­per­li­chen und geis­ti­gen Leis­tungs­ver­mö­gens und dem Umfang der dadurch ver­schlos­se­nen Arbeits­mög­lich­kei­ten. Ent­schei­dend ist nicht der Gesund­heits­scha­den als sol­cher, son­dern viel­mehr der Funk­ti­ons­ver­lust unter medi­zi­ni­schen, juris­ti­schen, sozia­len und wirt­schaft­li­chen Gesichts­punk­ten. Ärzt­li­che Mei­nungs­äu­ße­run­gen dar­über, inwie­weit der­ar­ti­ge Beein­träch­ti­gun­gen sich auf die Erwerbs­fä­hig­keit aus­wir­ken, haben kei­ne ver­bind­li­che Wir­kung, sie sind aber eine wich­ti­ge und viel­fach unent­behr­li­che Grund­la­ge für die rich­ter­li­che Schät­zung der MdE, vor allem soweit sie sich dar­auf bezie­hen, in wel­chem Umfang die kör­per­li­chen und geis­ti­gen Fähig­kei­ten des Ver­letz­ten durch die Unfall­fol­gen beein­träch­tigt sind. Erst aus der Anwen­dung medi­zi­ni­scher und sons­ti­ger Erfah­rungs­sät­ze über die Aus­wir­kun­gen bestimm­ter kör­per­li­cher und see­li­scher Beein­träch­ti­gun­gen auf die ver­blie­be­nen Arbeits­mög­lich­kei­ten des Betrof­fe­nen auf dem Gesamt­ge­biet des Erwerbs­le­bens und unter Berück­sich­ti­gung der gesam­ten Umstän­de des Ein­zel­fal­les kann die Höhe der MdE im jewei­li­gen Ein­zel­fall geschätzt wer­den. Die­se zumeist in jahr­zehn­te­lan­ger Ent­wick­lung von der Recht­spre­chung sowie dem ver­si­che­rungs­recht­li­chen und ver­si­che­rungs­me­di­zi­ni­schen Schrift­tum her­aus­ge­ar­bei­te­ten Erfah­rungs­sät­ze sind bei der Beur­tei­lung der MdE zu beach­ten; sie sind zwar nicht für die Ent­schei­dung im Ein­zel­fall bin­dend, bil­den aber die Grund­la­ge für eine glei­che, gerech­te Bewer­tung der MdE in zahl­rei­chen Par­al­lel­fäl­len der täg­li­chen Pra­xis und unter­lie­gen einem stän­di­gen Wan­del.

In Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze hat das Sozi­al­ge­richt aus­führ­lich begrün­det dar­ge­legt, war­um für den vom Klä­ger infol­ge des Unfalls erlit­te­nen Ver­lust des Zei­ge­fin­gers im kör­per­na­hen Anteil des Mit­tel­glie­des und des Mit­tel­fin­gers in der Mit­te des Mit­tel­glie­des von einer MdE von 20 v. H. aus­zu­ge­hen ist. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt schließt sich die­sen Aus­füh­run­gen nach eige­ner Wür­di­gung an und sieht inso­weit von einer wei­te­ren Dar­stel­lung der Ent­schei­dungs­grün­de nach § 153 Abs. 2 SGG ab.

Auch das Beru­fungs­vor­brin­gen der Beklag­ten begrün­det kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Soweit die Beklag­te dar­auf ver­wie­sen hat, dass den Schmer­zen des Klä­gers bereits aus­rei­chend mit einer MdE von 15 v. H. Rech­nung getra­gen wor­den sei, so steht dem ent­ge­gen, dass der Sach­ver­stän­di­ge Dr. C. über die nor­ma­len Schmer­zen hin­aus eine erheb­li­che Berüh­rungs­emp­find­lich­keit über den Stümp­fen des Zei­ge- und Mit­tel­fin­gers der­ge­stalt fest­ge­stellt hat, dass die Stümp­fe auf­grund der Berüh­rungs­emp­find­lich­keit nicht mehr ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Die Haut über den Stümp­fen ist kaum ver­schieb­lich. Es besteht ein Druck­schmerz über dem Zei­ge­fin­ger­stumpf im Sin­ne eines schmerz­haf­ten Miss­emp­fin­dens, hin­ge­gen kein Bewe­gungs­schmerz. Die Schmerz­haf­tig­keit selbst liegt an den zu kur­zen Ampu­ta­ti­ons­stümp­fen.

Die dadurch begrün­de­ten Funk­ti­ons­ein­schrän­kun­gen sind glaub­haft begrün­det. Betrof­fen ist der Grob‑, Schlüs­sel- und Spitz­griff. Der Umstand, dass der Klä­ger die teilam­pu­tier­ten Fin­ger schmerz­be­dingt nicht mehr ein­set­zen kann, ist funk­tio­nell einer Ampu­ta­ti­on bei­der Fin­ger gleich­zu­set­zen. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt ent­nimmt dies dem Gut­ach­ten von Dr. C.. Danach kann der Klä­ger tat­säch­lich auf Grund des schmerz­haf­ten Gefühl­emp­fin­dens bei­de Fin­ger über­haupt nicht mehr ein­set­zen, son­dern ersetzt die­se bei vie­len Bewe­gun­gen durch Zuhil­fe­nah­me der gan­zen Hand oder der übri­gen Fin­ger. Das erklärt auch, war­um die Nar­ben selbst reiz­los waren. Denn die Stümp­fe wer­den nicht benutzt und des­we­gen geschont.

Dass Hin­wei­se auf eine Min­der­be­las­tung der rech­ten Hand oder des Armes nicht bestehen, steht die­ser Fest­stel­lung nicht ent­ge­gen. Denn der Klä­ger hat die vor­be­schrie­be­nen Kom­pen­sa­ti­ons­me­cha­nis­men ent­wi­ckelt, um die rest­li­che Hand ein­zu­set­zen, sodass die Hand selbst wei­ter­ver­wen­det wer­den kann und wird, nicht hin­ge­gen die teilam­pu­tier­ten Fin­ger. Das ist auch dadurch objek­ti­vier­bar, dass der Klä­ger ver­schie­de­ne Grif­fe nicht aus­füh­ren kann und auch eine leicht ver­min­der­te Kraft­ent­fal­tung besteht.

Dass der Klä­ger bereits seit ca. zwei Wochen nach dem Unfall kei­ne Schmerz­mit­tel mehr ein­neh­men muss­te, steht dem eben­falls nicht ent­ge­gen. Denn Schmer­zen tre­ten nur bei Käl­te­wir­kung sowie dem Ein­set­zen der teilam­pu­tier­ten Glied­ma­ßen auf. Eine dau­er­haf­te Schmerz­me­di­ka­ti­on ist des­we­gen nicht erfor­der­lich und wäre sogar kon­tra­pro­duk­tiv, weil mit dem Risi­ko eines schmerz­mit­tel­in­du­zier­ten Schmer­zes ein­her­ge­hend.

Des­we­gen war auch für das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg wie für das Sozi­al­ge­richt das Gut­ach­ten von Dr. C. über­zeu­gend und die Beru­fung der Beklag­ten daher zurück­zu­wei­sen.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 11. April 2011 – L 6 U 1964/​10

  1. vgl. BSG, Urteil vom 22.06.2004 – B 2 U 14/​03 R, SozR 4 – 2700 § 56 Nr. 1[]