Die elek­trisch betrie­be­ne mobi­le Trep­pen­steig­hil­fe für einen Roll­stuhl

Ein in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ver­si­cher­ter Behin­der­ter hat kei­nen Anspruch nach § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V dar­auf, auf Kos­ten der Kran­ken­kas­se mit einer Trep­pen­steig­hil­fe ver­sorgt zu wer­den, und zwar unab­hän­gig davon, ob es um die Über­eig­nung oder die leih­wei­se Über­las­sung des Geräts geht und auch unab­hän­gig davon, ob das Gerät fabrik­neu oder schon gebraucht ist. Der Ver­sor­gungs­an­spruch besteht bereits vom Grund­satz her nicht.

Die elek­trisch betrie­be­ne mobi­le Trep­pen­steig­hil­fe für einen Roll­stuhl

So urteil­te das Bun­des­so­zi­al­ge­richt, dass die Kran­ken­kas­se nicht ver­pflich­tet ist, einer bei ihr ver­si­cher­ten Klä­ge­rin die Über­win­dung der Kel­ler­trep­pe im Hau­se sowie der zum Gar­ten füh­ren­den Trep­pe durch Aus­stat­tung mit einer Trep­pen­steig­hil­fe zu ermög­li­chen. Die Kran­ken­kas­sen sind nicht für sol­che Hilfs­mit­tel ein­tritts­pflich­tig, die ein dau­er­haft behin­der­ter Ver­si­cher­ter allein wegen sei­ner indi­vi­du­el­len Wohn­si­tua­ti­on benö­tigt.

Anspruchs­grund­la­ge für das Kla­ge­be­geh­ren ist § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V 1. Danach haben Ver­si­cher­te Anspruch auf Ver­sor­gung mit Hör­hil­fen, Kör­per­er­satz­stü­cken, ortho­pä­di­schen und ande­ren Hilfs­mit­teln, wenn sie nicht als all­ge­mei­ne Gebrauchs­ge­gen­stän­de des täg­li­chen Lebens oder nach § 34 Abs 4 SGB V aus der GKV-Ver­sor­gung aus­ge­schlos­sen und im Ein­zel­fall erfor­der­lich sind, um den Erfolg der Kran­ken­be­hand­lung zu sichern, einer dro­hen­den Behin­de­rung vor­zu­beu­gen oder eine Behin­de­rung aus­zu­glei­chen. Der Anspruch umfasst nach § 33 Abs 1 Satz 4 SGB V auch die not­wen­di­ge Ände­rung, Instand­set­zung und Ersatz­be­schaf­fung von Hilfs­mit­teln, die Aus­bil­dung in ihrem Gebrauch und, soweit zum Schutz der Ver­si­cher­ten vor unver­tret­ba­ren gesund­heit­li­chen Risi­ken erfor­der­lich, die nach dem Stand der Tech­nik zur Erhal­tung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit und der tech­ni­schen Sicher­heit not­wen­di­gen War­tun­gen und tech­ni­schen Kon­trol­len. Dabei besteht ein Anspruch auf Ver­sor­gung mit Blick auf die "Erfor­der­lich­keit im Ein­zel­fall" nur, soweit das begehr­te Hilfs­mit­tel geeig­net, aus­rei­chend, zweck­mä­ßig und wirt­schaft­lich ist und das Maß des Not­wen­di­gen nicht über­schrei­tet; dar­über hin­aus­ge­hen­de Leis­tun­gen darf die Kran­ken­kas­se gemäß § 12 Abs 1 SGB V nicht bewil­li­gen 2. Die Vor­aus­set­zun­gen des Ver­sor­gungs­an­spruchs nach § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V sind hier nicht erfüllt. Der mit der Bereit­stel­lung der mobi­len Trep­pen­steig­hil­fe bezweck­te zusätz­li­che Behin­de­rungs­aus­gleich betrifft nicht die – von der Gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung allein geschul­de­te – medi­zi­ni­sche Reha­bi­li­ta­ti­on der Klä­ge­rin, son­dern deren sozia­le bzw gesell­schaft­li­che Inte­gra­ti­on und Reha­bi­li­ta­ti­on, die in den Zustän­dig­keits­be­reich ande­rer Sozi­al­leis­tungs­trä­ger fällt, wobei vor allem die Sozi­al­hil­fe zu nen­nen ist.

Der Ver­sor­gungs­an­spruch nach § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V besteht nicht allein des­halb, weil die begehr­te Trep­pen­steig­hil­fe ver­trags­ärzt­lich ver­ord­net (§ 73 Abs 2 Satz 1 Nr 7 SGB V) wor­den und im HMV (§ 139 SGB V) ver­zeich­net ist. Den Kran­ken­kas­sen steht ein eige­nes Ent­schei­dungs­recht zu, ob ein Hilfs­mit­tel nach Maß­ga­be des § 33 SGB V zur medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on, also zur Siche­rung des Erfol­ges der Kran­ken­be­hand­lung, zur Vor­beu­gung gegen eine dro­hen­de Behin­de­rung oder zum Aus­gleich einer bestehen­den Behin­de­rung, im Ein­zel­fall erfor­der­lich ist; dabei kön­nen die Kran­ken­kas­sen zur Klä­rung medi­zi­nisch-the­ra­peu­ti­scher Fra­gen den Medi­zi­ni­schen Dienst der Kran­ken­ver­si­che­rung (MDK) ein­schal­ten (vgl § 275 Abs 3 Nr 1 SGB V). Eine ver­trags­ärzt­li­che Ver­ord­nung wäre nur dann für die Kran­ken­kas­sen ver­bind­lich, soweit sie für bestimm­te Hilfs­mit­tel auf ein Prü­fungs- und Geneh­mi­gungs­recht gene­rell ver­zich­tet haben, was zum Bei­spiel durch diver­se ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen mit Leis­tungs­er­brin­gern bzw. deren Ver­bän­den mög­lich ist (§ 127 SGB V). Eine sol­che Ver­ein­ba­rung ist für Trep­pen­steig­hil­fen nicht geschlos­sen wor­den.

Die Trep­pen­steig­hil­fe ist auch nicht schon des­halb zu gewäh­ren, weil die Klä­ge­rin wegen ihrer Geh­un­fä­hig­keit mit zwei Roll­stüh­len ver­sorgt wor­den ist und das Gerät die aus­schließ­li­che Funk­ti­on hat, einen geh­un­fä­hi­gen Ver­si­cher­ten im Roll­stuhl sit­zend und ohne Not­wen­dig­keit des Umsit­zens (aber nicht aus eige­ner Kraft, son­dern nur mit Hil­fe einer Begleit­per­son, die das Gerät bedient) Trep­pen über­win­den zu las­sen und so Orte errei­chen zu kön­nen, die ihnen sonst ver­wehrt blei­ben oder die nur auf ande­re, beschwer­li­che­re Wei­se erreicht wer­den könn­ten. Obwohl eine Trep­pen­steig­hil­fe also nur in Kom­bi­na­ti­on mit einem Roll­stuhl eine Funk­ti­on hat und inso­fern als "Zusatz­ge­rät" zum Roll­stuhl bezeich­net wer­den kann, folgt aus der medi­zi­ni­schen Not­wen­dig­keit des Roll­stuhls noch nicht die Not­wen­dig­keit der Trep­pen­steig­hil­fe. Die­ses Gerät hat im Rah­men des – hier allein in Betracht kom­men­den – Behin­de­rungs­aus­gleichs (3. Vari­an­te des § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V) für einen geh­un­fä­hi­gen Ver­si­cher­ten eine eigen­stän­di­ge Bedeu­tung, weil es die Bewe­gungs­mög­lich­kei­ten mit dem Roll­stuhl erwei­tert, indem Trep­pen kein unüber­wind­li­ches Hin­der­nis mehr dar­stel­len, um bestimm­te Orte auf­zu­su­chen. Eine Trep­pen­steig­hil­fe hat also von ihrer Kon­struk­ti­on und ihrem Ver­wen­dungs­zweck her einen eigen­stän­di­gen Nut­zen für den Ver­si­cher­ten und sei­ne Begleit­per­son. Die­ser Gebrauchs­vor­teil muss den Kri­te­ri­en der Ver­sor­gung mit einem "ande­ren Hilfs­mit­tel" im Sin­ne des § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V zum Zwe­cke des Behin­de­rungs­aus­gleichs genü­gen und ver­langt somit eine geson­der­te, von der Not­wen­dig­keit der Ver­sor­gung mit einem Roll­stuhl unab­hän­gi­ge Prü­fung der Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen.

Der Behin­de­rungs­aus­gleich nach § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V (vgl. jetzt auch § 31 Abs 1 Nr 3 SGB IX) hat zwei­er­lei Ziel­rich­tung:

Im Vor­der­grund steht der Aus­gleich der aus­ge­fal­le­nen oder beein­träch­tig­ten Kör­per­funk­ti­on selbst, wie es zum Bei­spiel ins­be­son­de­re bei Pro­the­sen der Fall ist. Bei die­sem sog unmit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleich gilt das Gebot eines mög­lichst weit­ge­hen­den Aus­gleichs des Funk­ti­ons­de­fi­zits, und zwar unter Berück­sich­ti­gung des aktu­el­len Stands des medi­zi­ni­schen und tech­ni­schen Fort­schritts. Dabei kann die Ver­sor­gung mit einem fort­schritt­li­chen, tech­nisch wei­ter­ent­wi­ckel­ten Hilfs­mit­tel nicht mit der Begrün­dung abge­lehnt wer­den, der bis­her erreich­te Ver­sor­gungs­stan­dard sei aus­rei­chend, solan­ge ein Aus­gleich der Behin­de­rung nicht voll­stän­dig im Sin­ne des Gleich­zie­hens mit einem nicht behin­der­ten Men­schen erreicht ist 3. Die Wirt­schaft­lich­keit eines dem unmit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleich die­nen­den Hilfs­mit­tels ist grund­sätz­lich zu unter­stel­len und erst zu prü­fen, wenn zwei tat­säch­lich gleich­wer­ti­ge, aber unter­schied­lich teu­re Hilfs­mit­tel zur Wahl ste­hen.

Dane­ben kön­nen Hilfs­mit­tel den Zweck haben, die direk­ten und indi­rek­ten Fol­gen der Behin­de­rung aus­zu­glei­chen (sog mit­tel­ba­rer Behin­de­rungs­aus­gleich). In die­sem Rah­men ist die GKV aller­dings nur für den Basis­aus­gleich der Fol­gen der Behin­de­rung ein­tritts­pflich­tig. Es geht hier nicht um einen Aus­gleich im Sin­ne des voll­stän­di­gen Gleich­zie­hens mit den letzt­lich unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten eines gesun­den Men­schen. Denn Auf­ga­be der GKV ist in allen Fäl­len allein die medi­zi­ni­sche Reha­bi­li­ta­ti­on (vgl § 1 SGB V sowie § 6 Abs 1 Nr 1 iVm § 5 Nr 1 und 3 SGB IX), also die mög­lichst weit­ge­hen­de Wie­der­her­stel­lung der Gesund­heit und der Organ­funk­tio­nen ein­schließ­lich der Siche­rung des Behand­lungs­er­folgs, um ein selbst­stän­di­ges Leben füh­ren und die Anfor­de­run­gen des All­tags meis­tern zu kön­nen. Eine dar­über hin­aus­ge­hen­de beruf­li­che oder sozia­le Reha­bi­li­ta­ti­on ist hin­ge­gen Auf­ga­be ande­rer Sozi­al­leis­tungs­sys­te­me (vgl zB § 5 Nr 2 SGB IX: Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben und § 5 Nr 4 SGB IX: Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft). Ein Hilfs­mit­tel zum mit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleich ist von der GKV daher nur zu gewäh­ren, wenn es die Aus­wir­kun­gen der Behin­de­rung im gesam­ten täg­li­chen Leben besei­tigt oder mil­dert und damit ein all­ge­mei­nes Grund­be­dürf­nis des täg­li­chen Lebens betrifft. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung gehö­ren zu die­sen all­ge­mei­nen Grund­be­dürf­nis­sen des täg­li­chen Lebens das Gehen, Ste­hen, Sit­zen, Lie­gen, Grei­fen, Sehen, Hören, Nah­rungs­auf­neh­men, Aus­schei­den, die ele­men­ta­re Kör­per­pfle­ge, das selbst­stän­di­ge Woh­nen sowie das Erschlie­ßen eines gewis­sen kör­per­li­chen und geis­ti­gen Frei­raums 4. Zum Grund­be­dürf­nis der Erschlie­ßung eines geis­ti­gen Frei­raums gehört ua die Auf­nah­me von Infor­ma­tio­nen, die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ande­ren Men­schen sowie das Erler­nen eines lebens­not­wen­di­gen Grund­wis­sens bzw eines Schul­wis­sens 5. Zum kör­per­li­chen Frei­raum gehört – im Sin­ne eines Basis­aus­gleichs der ein­ge­schränk­ten Bewe­gungs­frei­heit – die Fähig­keit, sich in der eige­nen Woh­nung zu bewe­gen und die Woh­nung zu ver­las­sen, um bei einem kur­zen Spa­zier­gang "an die fri­sche Luft zu kom­men" oder um die – übli­cher­wei­se im Nah­be­reich der Woh­nung lie­gen­den – Stel­len zu errei­chen, an denen All­tags­ge­schäf­te zu erle­di­gen sind (z.B. Super­markt, Arzt, Apo­the­ke, Geld­in­sti­tut, Post), nicht aber die Bewe­gung außer­halb die­ses Nah­be­reichs. Soweit über­haupt die Fra­ge eines grö­ße­ren Radi­us über das zu Fuß Erreich­ba­re hin­aus auf­ge­wor­fen wor­den ist, sind schon immer zusätz­li­che qua­li­ta­ti­ve Momen­te ver­langt wor­den 6.

Im vor­lie­gen­den Fall geht es – wie bei der Aus­stat­tung mit einem Roll­stuhl – nicht um den unmit­tel­ba­ren, son­dern nur um einen mit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleich, weil durch das Hilfs­mit­tel nicht das Gehen selbst ermög­licht wird (wie z.B. bei einer Bein­pro­the­se). Aus­ge­gli­chen wer­den ledig­lich die Fol­gen der Funk­ti­ons­be­ein­träch­ti­gung der Bei­ne, hier in Form der Unfä­hig­keit, selbst und aus eige­ner Kraft – oder auch nur mit stüt­zen­der Hil­fe einer Begleit­per­son – eine Trep­pe hin­auf- und her­ab­zu­stei­gen. Das dabei betrof­fe­ne all­ge­mei­ne Grund­be­dürf­nis des täg­li­chen Lebens ist aber nicht das selbst­stän­di­ge Woh­nen, weil dies zum einen nur auf die Mög­lich­keit aus­ge­rich­tet ist, trotz der Behin­de­rung dau­er­haft in einer eige­nen Woh­nung zu leben, und zum ande­ren vor allem auf Hilfs­mit­tel abzielt, die vom Behin­der­ten selbst bedient wer­den und ihn von frem­der Hil­fe ganz oder teil­wei­se unab­hän­gig machen. Dies ist hier gera­de nicht der Fall, weil die Trep­pen­steig­hil­fe nur durch die Begleit­per­son zu bedie­nen ist, der geh­un­fä­hi­ge Ver­si­cher­te also selbst dann auf Hil­fe ange­wie­sen bleibt, wenn er sich mit sei­nem Roll­stuhl ansons­ten aus eige­ner Kraft fort­be­we­gen kann.

Betrof­fen ist viel­mehr das Grund­be­dürf­nis auf Erschlie­ßung eines kör­per­li­chen Frei­raums in Form der Bewe­gungs­mög­lich­keit in der eige­nen Woh­nung und im umlie­gen­den Nah­be­reich. Die­se Bewe­gungs­mög­lich­keit wird zwar grund­sätz­lich durch Roll­stüh­le gewähr­leis­tet, stößt aber dort an ihre Gren­zen, wo Trep­pen, also mehr als nur ein­zel­ne Stu­fen (zB bei einer Bord­stein­kan­te) zu bewäl­ti­gen sind. Hier kann eine Trep­pen­steig­hil­fe vom Grund­satz her eine geeig­ne­te Hil­fe sein, die ansons­ten ein­ge­schränk­te Bewe­gungs­mög­lich­keit eines Roll­stuhl­fah­rers – wenn auch nur mit frem­der Unter­stüt­zung – zu erwei­tern. Dabei muss aber der Zweck, eine bestimm­te Trep­pe im Roll­stuhl sit­zend zu über­win­den und so an einen ansons­ten nicht oder nur unter beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten zu errei­chen­den Ort zu kom­men, vom Maß­stab der medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on gedeckt sein, weil die GKV nur für die­sen Bereich der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung zustän­dig ist (§ 5 Nr 1 SGB IX). Die Leis­tungs­pflicht der Gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ent­fällt, wenn zum Bei­spiel die beruf­li­che oder die sozia­le Reha­bi­li­ta­ti­on bezweckt wird (§ 5 Nr 2 und 4 SGB IX).

Ein über die Befrie­di­gung von all­ge­mei­nen Grund­be­dürf­nis­sen hin­aus­ge­hen­der Behin­de­rungs­aus­gleich ist als Leis­tung der GKV nicht vor­ge­se­hen, was sich aus der Rege­lung des § 31 Abs 1 Nr 3 SGB IX ergibt, die der Gesetz­ge­ber in Kennt­nis der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zur Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung mit Wir­kung zum 1. Juli 2001 in Kraft gesetzt hat. Damit wird der Hilfs­mit­tel­be­griff für alle Trä­ger von Leis­tun­gen der medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on (§ 6 Abs 1, § 5 Nr 1 SGB IX) ein­heit­lich defi­niert. Selbst wenn der Vor­rang abwei­chen­der Rege­lun­gen für den ein­zel­nen Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger wei­ter­hin besteht (§ 7 SGB IX), kann aus der inso­weit unbe­rührt geblie­be­nen Fas­sung des § 33 SGB V nicht geschlos­sen wer­den, der Gesetz­ge­ber habe nun­mehr den Behin­de­rungs­aus­gleich durch die GKV über die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung hin­aus aus­wei­ten wol­len 7.

Nach die­sen Maß­stä­ben besteht kein Anspruch der Klä­ge­rin nach § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V, auf Kos­ten der Beklag­ten mit einer Trep­pen­steig­hil­fe ver­sorgt zu wer­den, und zwar unab­hän­gig davon, ob es um die Über­eig­nung oder die leih­wei­se Über­las­sung des Geräts geht und auch unab­hän­gig davon, ob das Gerät fabrik­neu oder schon gebraucht ist. Der Ver­sor­gungs­an­spruch besteht bereits vom Grund­satz her nicht.

Die Kran­ken­kas­se ist nicht ver­pflich­tet, der Klä­ge­rin die Über­win­dung der Kel­ler­trep­pe im Hau­se sowie der zum Gar­ten füh­ren­den Trep­pe durch Aus­stat­tung mit einer Trep­pen­steig­hil­fe zu ermög­li­chen. Die Kran­ken­kas­sen sind nicht für sol­che Hilfs­mit­tel ein­tritts­pflich­tig, die ein dau­er­haft behin­der­ter Ver­si­cher­ter allein wegen sei­ner indi­vi­du­el­len Wohn­si­tua­ti­on benö­tigt.

Bei der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung durch die Gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung kommt es nicht auf die kon­kre­ten Wohn­ver­hält­nis­se des ein­zel­nen Ver­si­cher­ten an, son­dern auf einen gene­rel­len, an durch­schnitt­li­chen Wohn- und Lebens­ver­hält­nis­sen ori­en­tier­ten Maß­stab. Beson­der­hei­ten der Woh­nung und des Umfel­des, die anders­wo – etwa nach einem Umzug – regel­mä­ßig so nicht vor­han­den sind und einem all­ge­mei­nen Wohn­stan­dard nicht ent­spre­chen, sind bei der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung durch die GKV nicht zu berück­sich­ti­gen. Der Ver­si­cher­te muss das Hilfs­mit­tel also nicht nur gera­de wegen der Beson­der­hei­ten sei­ner kon­kre­ten Wohn­ver­hält­nis­se, son­dern in glei­cher Wei­se auch in einer ande­ren Woh­nung und deren Umfeld benö­ti­gen. Mit ande­ren Wor­ten: Ein ande­rer Ver­si­cher­ter mit den glei­chen kör­per­li­chen Behin­de­run­gen müss­te auf das Hilfs­mit­tel in des­sen Wohn- und Lebens­si­tua­ti­on eben­falls ange­wie­sen sein. Fehlt es dar­an, ist ein Anspruch nach § 33 SGB V in der Regel aus­ge­schlos­sen. Es kann sich dann nur um eine Form der Hil­fe zur Anpas­sung an die kon­kre­te Wohn­si­tua­ti­on han­deln, für die nicht die Kran­ken­kas­sen, son­dern der Ver­si­cher­te selbst – im Rah­men sei­ner Eigen­ver­ant­wor­tung – oder ande­re Sozi­al­leis­tungs­trä­ger (zB Pfle­ge­kas­sen, Sozi­al­hil­fe­trä­ger, Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger) zustän­dig sein kön­nen.

In die­sem vor­ste­hen­den Sin­ne ist die Zustän­dig­keit für den Aus­gleich von Behin­de­rungs­fol­gen im Bereich der Mobi­li­tät vom Gesetz­ge­ber nach dem gel­ten­den Recht grund­sätz­lich ande­ren Zwei­gen der Sozi­al­ver­si­che­rung oder der Eigen­ver­ant­wor­tung der behin­der­ten Men­schen selbst zuge­wie­sen. Nach­dem bereits die frü­he­re Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts nur aus­nahms­wei­se von einer ent­spre­chen­den Ein­stands­pflicht der Gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung aus­ge­gan­gen war, hat der Gesetz­ge­ber ins­be­son­de­re mit der Begrün­dung eines Anspruchs auf Leis­tun­gen für wohn­um­feld­be­zo­ge­ne Maß­nah­men im Rah­men der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung in die­ser Hin­sicht eine grund­le­gen­de Sys­tement­schei­dung getrof­fen. Rechts­grund­la­ge hier­für ist § 40 Abs 4 SGB XI. Danach gilt: "Die Pfle­ge­kas­sen kön­nen sub­si­di­är finan­zi­el­le Zuschüs­se für Maß­nah­men zur Ver­bes­se­rung des indi­vi­du­el­len Wohn­um­fel­des des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen gewäh­ren, bei­spiels­wei­se für tech­ni­sche Hil­fen im Haus­halt, wenn dadurch im Ein­zel­fall die häus­li­che Pfle­ge ermög­licht oder erheb­lich erleich­tert oder eine mög­lichst selbst­stän­di­ge Lebens­füh­rung des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen wie­der­her­ge­stellt wird. Die Höhe der Zuschüs­se ist unter Berück­sich­ti­gung der Kos­ten der Maß­nah­me sowie eines ange­mes­se­nen Eigen­an­teils in Abhän­gig­keit von dem Ein­kom­men des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen zu bemes­sen. Die Zuschüs­se dür­fen einen Betrag in Höhe von 2557 Euro je Maß­nah­me nicht über­stei­gen." Die­se Norm ist Teil des Geset­zes­pro­gramms, der häus­li­chen Pfle­ge den Vor­rang vor der sta­tio­nä­ren Pfle­ge zu geben (§ 3 Satz 1 SGB XI). Sie berück­sich­tigt, dass Leis­tun­gen zur Anpas­sung des Wohn­um­fel­des an die Bedürf­nis­se kran­ker und behin­der­ter Men­schen im Sozi­al­leis­tungs­sys­tem der Gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung nicht vor­ge­se­hen waren und des­halb ein in die Zustän­dig­keit der Pfle­ge­ver­si­che­rung fal­len­der Leis­tungs­be­darf bestehen kann, soweit nicht ande­re Trä­ger für die behin­der­ten­ge­rech­te Gestal­tung des Wohn­um­fel­des ein­zu­ste­hen haben. Hat kein ande­rer Leis­tungs­trä­ger vor­ran­gig ein­zu­tre­ten, soll des­halb die sozia­le Pfle­ge­ver­si­che­rung – aller­dings beschränkt auf den finan­zi­el­len Rah­men des § 40 Abs 4 Satz 3 SGB XI – die behin­der­ten­ge­rech­te Umge­stal­tung der Woh­nung des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen för­dern, wenn dadurch die häus­li­che Pfle­ge über­haupt erst ermög­licht oder erheb­lich erleich­tert wird oder ein Ver­blei­ben des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen in sei­ner häus­li­chen Umge­bung und damit eine mög­lichst selbst­stän­di­ge Lebens­füh­rung sicher­ge­stellt wer­den kann 8.

Mit die­ser Rege­lung hat der Gesetz­ge­ber des SGB XI an die schon zuvor seit lan­gem bestehen­de Unter­schei­dung zwi­schen der behin­der­ten­ge­rech­ten Anpas­sung der Wohn­si­tua­ti­on einer­seits und der Ver­sor­gung mit Hilfs­mit­teln zur Bewäl­ti­gung oder Min­de­rung von Behin­de­rungs­fol­gen ande­rer­seits ange­knüpft. In die­sem Sin­ne war bereits in der Ein­wei­sungs­norm des § 29 SGB I in der bis zum 30. Juni 2001 gel­ten­den Fas­sung 9 bei Leis­tun­gen zur Ein­glie­de­rung behin­der­ter Men­schen unter­schie­den wor­den zwi­schen Leis­tun­gen zur all­ge­mei­nen sozia­len Ein­glie­de­rung mit Hil­fen unter ande­rem "zur Ver­bes­se­rung der woh­nungs­mä­ßi­gen Unter­brin­gung" (§ 29 Abs 1 Nr 3 Buchst h SGB I) auf der einen und medi­zi­ni­schen Leis­tun­gen unter Ein­schluss von Hilfs­mit­teln (§ 29 Abs 1 Nr 1 Buchst d SGB I) auf der ande­ren Sei­te. Dar­an anschlie­ßend ist in dem am 1. Janu­ar 1997 in Kraft getre­te­nen SGB VII in des­sen § 41 eine aus­drück­li­che gesetz­li­che Grund­la­ge für Woh­nungs­hil­fe nor­miert wor­den, wonach die­se erbracht wird, "wenn infol­ge Art oder Schwe­re des Gesund­heits­scha­dens nicht nur vor­über­ge­hend die behin­der­ten­ge­rech­te Anpas­sung vor­han­de­nen oder die Bereit­stel­lung behin­der­ten­ge­rech­ten Wohn­raums erfor­der­lich ist." Ande­rer­seits hat der Gesetz­ge­ber in Abgren­zung dazu durch das zum 1.7.2001 in Kraft getre­te­ne SGB IX in des­sen § 31 Abs 1 expli­zit klar­ge­stellt, dass zur Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung sol­che Hil­fen nicht rech­nen, die bei einem Woh­nungs­wech­sel "nicht mit­ge­nom­men wer­den kön­nen". Ähn­lich ist in § 18 Abs 1 Satz 4 "Ver­ord­nung über die Ver­sor­gung mit Hilfs­mit­teln und über Ersatz­leis­tun­gen nach dem Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz" mit der am 1. Janu­ar 1990 in Kraft getre­te­nen Fas­sung 10 zur Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung bestimmt: "Unbe­weg­li­che Gegen­stän­de wer­den nicht gelie­fert."

Die­se an die frü­he­re Recht­spre­chung noch unter Gel­tung der RVO anknüp­fen­de Sys­tement­schei­dung des Gesetz­ge­bers kann nur durch die­sen selbst, nicht aber durch die Gerich­te kor­ri­giert wer­den. Nicht zu ver­ken­nen ist zwar, dass die von der Pfle­ge­ver­si­che­rung gewähr­te Unter­stüt­zung in dem knap­pen – und seit sei­ner Ein­füh­rung auch nicht ange­pass­ten – finan­zi­el­len Rah­men des § 40 Abs 4 Satz 3 SGB XI dem tat­säch­li­chen Bedarf für eine behin­der­ten­ge­rech­te Woh­nungs­aus­stat­tung kaum gerecht wer­den kann. Dies den heu­ti­gen Ver­hält­nis­sen anzu­pas­sen ist aber nicht Auf­ga­be der Gerich­te, son­dern allein des Gesetz­ge­bers. Dem­ge­mäß ist – wie bereits unter Gel­tung der RVO – nach der gegen­wär­ti­gen Rechts­la­ge wei­ter maß­ge­bend, dass Hil­fen bei der Beschaf­fung und Unter­hal­tung einer den Bedürf­nis­sen behin­der­ter Men­schen ent­spre­chen­den Woh­nung über die Zustän­dig­keit der GKV hin­aus­rei­chen, und zwar vor allem – aber nicht nur – dann, wenn sie mit der Ver­än­de­rung der Woh­nung selbst ver­bun­den sind 11. Dar­an hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt nach dem Inkraft­tre­ten von § 40 SGB XI und § 31 SGB IX wei­ter fest­ge­hal­ten. Eine Hil­fe zählt danach zu den Mit­teln der behin­de­rungs­ge­rech­ten Zurich­tung der Woh­nung und nicht zu den Hilfs­mit­teln nach § 33 SGB V und § 31 SGB IX, wenn sie nur in der kon­kre­ten Woh­nung (Wohn­grund­stück) wegen deren beson­de­rer Beschaf­fen­heit erfor­der­lich ist, nicht aber, wenn es die­ser Hil­fe typi­scher­wei­se und erfah­rungs­ge­mäß auch in ande­ren Woh­nun­gen bzw. Wohn­ge­bäu­den bedarf 12. Eine Trep­pen­steig­hil­fe ist hin­sicht­lich des häus­li­chen Ein­sat­zes inso­weit kein von der kon­kre­ten Wohn­si­tua­ti­on unab­hän­gi­ges Hilfs­mit­tel, weil das Gerät in einer trep­pen­lo­sen Wohn­um­ge­bung nicht erfor­der­lich ist.

Die Zwei­ge­schos­sig­keit einer Woh­nung (Mai­so­net­te) oder ein Dach­bo­den zäh­len nicht zum all­ge­mei­nen Wohn­stan­dard, so dass die beklag­te Kran­ken­kas­se kei­ne Hilfs­mit­tel für deren Erreich­bar­keit zur Ver­fü­gung stel­len muss. Dies gilt in ent­spre­chen­der Wei­se auch für einen Haus­gar­ten 13. Schon des­halb stellt sich nicht die Fra­ge, ob eine Trep­pen­steig­hil­fe erst dann in Betracht käme, wenn die Erreich­bar­keit des Haus­gar­tens über eine Beton­ram­pe oder über einen Außen­lift nicht zu rea­li­sie­ren und die­se Maß­nah­me preis­güns­ti­ger wäre. Da es hier um eine erwach­se­ne Ver­si­cher­te geht, braucht auch nicht ent­schie­den zu wer­den, ob die Nut­zung des Haus­gar­tens wenigs­tens für Kin­der und Jugend­li­che ein Grund­be­dürf­nis dar­stel­len kann, wie es das Bun­des­so­zi­al­ge­richt im Urteil im Zusam­men­hang mit der Bezu­schus­sung des bar­rie­re­frei­en Zugangs zum Gar­ten (§ 40 Abs 4 SGB XI) ange­deu­tet hat 14.

Soweit der Zugang zur Woh­nung nur über eine Trep­pe im Haus­flur (Trep­pen­haus) mög­lich ist, han­delt es sich zwar durch­aus um den all­ge­mein übli­chen durch­schnitt­li­chen Wohn­stan­dard, gera­de bei Miets­häu­sern. Nach dem vor­ste­hend auf­ge­zeig­ten Maß­stab fällt indes die Leis­tungs­zu­stän­dig­keit für Hil­fen bei der Bewäl­ti­gung sol­cher Hür­den nach dem gel­ten­den Recht grund­sätz­lich nicht in den Ver­ant­wor­tungs­be­reich der Gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung.

Das vor­ste­hen­de Ergeb­nis behält auch im Lich­te des § 33 SGB I Bestand, dort heißt es: "Ist der Inhalt von Rech­ten oder Pflich­ten nach Art und Umfang nicht im ein­zel­nen bestimmt, sind bei ihrer Aus­ge­stal­tung die per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se des Berech­tig­ten oder Ver­pflich­te­ten, sein Bedarf und sei­ne Leis­tungs­fä­hig­keit sowie die ört­li­chen Ver­hält­nis­se zu berück­sich­ti­gen, soweit Rechts­vor­schrif­ten nicht ent­ge­gen­ste­hen. Dabei soll den Wün­schen des Berech­tig­ten oder Ver­pflich­te­ten ent­spro­chen wer­den, soweit sie ange­mes­sen sind." Auf die­se Rege­lung kann sich die Klä­ge­rin bei der Aus­le­gung des Leis­tungs­rechts nach § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V nicht stüt­zen.

Die in § 33 SGB I ange­spro­che­ne Berück­sich­ti­gung der ört­li­chen Ver­hält­nis­se betrifft nur die Aus­ge­stal­tung vor­han­de­ner Rechts­an­sprü­che, nicht hin­ge­gen die Begrün­dung der Rechts­an­sprü­che als sol­che. Dies bezieht sich also nicht auf das "Ob" des Bestehens, son­dern nur auf das "Wie" der Erfül­lung einer bestehen­den Leis­tungs­pflicht 15. Dem­ge­mäß hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt bei einem geh­be­hin­der­ten und auch in der Arm­kraft beein­träch­tig­ten Ver­si­cher­ten, der den Nah­be­reich sei­ner Woh­nung nicht mehr zu Fuß erschlie­ßen konn­te, einen Anspruch nach § 33 SGB V auf eine Mobi­li­täts­hil­fe mit Elek­tro­mo­tor zuer­kannt und bei des­sen Aus­ge­stal­tung ein Wahl­recht zwi­schen einem Elek­troroll­stuhl und einem Sho­pri­der nach § 33 SGB I ange­nom­men (BSG SozR 3 – 1200 § 33 Nr 1)).

Offen lässt das Bun­des­so­zi­al­ge­richt die Fra­ge, ob der Aus­schluss der Leis­tungs­pflicht der GKV nach § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V für in der Woh­nung bzw. im Haus ein­zu­set­zen­de Trep­pen­steig­hil­fen nicht nur bei dau­er­haft, son­dern auch bei vor­über­ge­hend (z.B. nach einer Ver­let­zung) "behin­der­ten" Ver­si­cher­ten gilt, die in abseh­ba­rer Zeit auf bestimm­te Hilfs­mit­tel oder ande­re Hil­fen nicht mehr ange­wie­sen sind und denen des­halb ein Umzug oder eine behin­de­rungs­ge­rech­te Umge­stal­tung der Woh­nung nicht zuge­mu­tet wer­den kann. Die zeit­li­che Gren­ze wird dabei durch § 2 Abs 1 Satz 1 SGB IX vor­ge­ge­ben: "Men­schen sind behin­dert, wenn ihre kör­per­li­che Funk­ti­on, geis­ti­ge Fähig­keit oder see­li­sche Gesund­heit mit hoher Wahr­schein­lich­keit län­ger als sechs Mona­te von dem für das Lebens­al­ter typi­schen Zustand abwei­chen und daher ihre Teil­nah­me am Leben in der Gesell­schaft beein­träch­tigt ist." Die­se Sechs­mo­nats­gren­ze des SGB IX kor­re­spon­diert mit der Rege­lung der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit in der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung. Nach § 14 Abs 1 SGB XI sind Per­so­nen pfle­ge­be­dürf­tig, die wegen einer kör­per­li­chen, geis­ti­gen oder see­li­schen Krank­heit oder Behin­de­rung für die gewöhn­li­chen und regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Ver­rich­tun­gen im Ablauf des täg­li­chen Lebens "auf Dau­er, vor­aus­sicht­lich für min­des­tens sechs Mona­te", in erheb­li­chen oder höhe­rem Maße der Hil­fe bedür­fen.

Im hier vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall kann die Klä­ge­rin den Anspruch gegen die beklag­te Kran­ken­kas­se auf Ver­sor­gung mit einer Trep­pen­steig­hil­fe nach § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V auch nicht auf das Argu­ment stüt­zen, sie benö­ti­ge die­ses Hilfs­mit­tel, um die Woh­nun­gen von Ver­wand­ten und Freun­den, Arzt­pra­xen und die ört­li­che Kir­che auf­zu­su­chen.

Das all­ge­mei­ne Grund­be­dürf­nis auf Mobi­li­tät im Nah­be­reich der Woh­nung ist durch die Aus­stat­tung der Klä­ge­rin mit zwei Roll­stüh­len gewähr­leis­tet. Hin­sicht­lich des von der Erschlie­ßung des Nah­be­reichs eben­falls umfass­ten Zugangs zu den Gebäu­den in die­sem Bereich ist zu unter­schei­den zwi­schen – öffent­li­chen oder pri­va­ten – Gebäu­den mit Publi­kums­ver­kehr (Behör­den, Post, Geld­in­sti­tu­te, Kir­chen, Thea­ter, Super­märk­te, Läden, Kli­ni­ken, Apo­the­ken, Arzt­pra­xen) einer­seits und pri­va­ten Gebäu­den ohne Publi­kums­ver­kehr (Wohn­ge­bäu­de) ande­rer­seits. Anders als nach der dem Trep­pen­rau­pen-Urteil vom 22. Mai 1984 16 zugrun­de lie­gen­den Situa­ti­on Anfang der 1980-er Jah­re, als auf die beson­de­ren Bedürf­nis­se von Roll­stuhl­fah­rern beim Gebäu­de- und Stra­ßen­bau noch wenig Rück­sicht genom­men wur­de und die For­de­rung nach weit­ge­hen­der Bar­rie­re­frei­heit noch nicht ins all­ge­mei­ne Bewusst­sein vor­ge­drun­gen war, ist heut­zu­ta­ge fest­zu­stel­len, dass Gebäu­de mit Publi­kums­ver­kehr in aller Regel einen eben­erdi­gen Zugang haben und bei Mehr­ge­schos­sig­keit ein Fahr­stuhl vor­han­den ist. Fehlt es bei einem öffent­li­chen Gebäu­de noch an einem behin­der­ten­ge­rech­ten Ein­gangs­be­reich, ist in aller Regel zumin­dest eine Ruf­an­la­ge vor­han­den, um den Pfört­ner zu benach­rich­ti­gen, der Hil­fe gewährt oder orga­ni­siert. Die Her­stel­lung der Bar­rie­re­frei­heit öffent­li­cher und vie­ler zivi­ler Bau­ten ist sowohl auf der Ebe­ne des Bun­des als auch in den Län­dern gesetz­lich der Ver­ant­wor­tung der Eigen­tü­mer zuge­wie­sen und damit der Zustän­dig­keit der GKV ent­zo­gen 17. Nur bei vor Erlass die­ser Rege­lun­gen errich­te­ten pri­va­ten Gebäu­den ohne Publi­kums­ver­kehr, ins­be­son­de­re selbst­ge­nutz­ten Wohn­ge­bäu­den und Miets­häu­sern, ist gele­gent­lich noch kei­ne Bar­rie­re­frei­heit vor­han­den 18. Die fort­schrei­ten­de, wenn auch noch nicht voll­stän­dig her­ge­stell­te Bar­rie­re­frei­heit in Deutsch­land stellt eine gene­rel­le Tat­sa­che dar. Wegen die­ser grund­le­gend geän­der­ten recht­li­chen Bewer­tung und der dar­aus fol­gen­den tat­säch­li­chen Situa­ti­on in Bezug auf die Bar­rie­re­frei­heit von Gebäu­den mit Publi­kums­ver­kehr und des öffent­li­chen Raums geht das Bun­des­so­zi­al­ge­richt nun­mehr davon aus, dass im Nah­be­reich der Woh­nung übli­cher­wei­se kei­ne Trep­pen mehr zu über­win­den sind und die Her­stel­lung der Bar­rie­re­frei­heit öffent­li­cher und vie­ler zivi­ler Bau­ten wei­ter­hin vor­an­schrei­tet. Des­halb steht einer/​einem Ver­si­cher­ten kein Anspruch gegen die Kran­ken­kas­se auf Gewäh­rung einer Trep­pen­steig­hil­fe (Trep­pen­rau­pe) in die­sem Rah­men zu; die dies noch beja­hen­de Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts aus dem Jah­re 1984 (BSG SozR 2200 § 182b Nr 29) gibt das Bun­des­so­zi­al­ge­richt daher auf.

Soweit die Klä­ge­rin die Über­win­dung von Trep­pen in frem­den Wohn­ge­bäu­den gel­tend macht, geht es um den Besuch bei Ver­wand­ten und Freun­den. Dabei dient die Trep­pen­steig­hil­fe aber nicht der medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on, son­dern der Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft. Für den Bereich der sozia­len Reha­bi­li­ta­ti­on ist aber nicht die Kran­ken­kas­se, son­dern – gege­be­nen­falls – der Sozi­al­hil­fe­trä­ger (§ 5 Nr 4 i.V.m. § 6 Abs 1 Nr 7 SGB IX und § 55 Abs 2 Nr 1 SGB IX)) leis­tungs­pflich­tig.

Zur sozia­len Reha­bi­li­ta­ti­on und Inte­gra­ti­on zählt auch der Besuch des Got­tes­diens­tes und von Ver­an­stal­tun­gen. Die Leis­tungs­pflicht der GKV ist also auch inso­weit aus­ge­schlos­sen.

Zur medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on gehört in vor­lie­gen­dem Zusam­men­hang aller­dings die Sicher­stel­lung der Mög­lich­keit, die noch nicht bar­rie­re­frei gestal­te­ten Pra­xen des Frau­en­arz­tes und des Zahn­arz­tes auf­su­chen zu kön­nen. Inso­fern fehlt es jedoch an der Erfor­der­lich­keit und Wirt­schaft­lich­keit der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung. Da es um ins­ge­samt nur vier Arzt­be­su­che jähr­lich geht, kann die Klä­ge­rin auf den Fahr­dienst (§ 60 SGB V) ver­wie­sen wer­den, für den die Kran­ken­kas­se pro Jahr ledig­lich rund 100 € auf­zu­brin­gen hät­te. Der Fahr­dienst über­nimmt auch den Trans­port des Ver­si­cher­ten und des Roll­stuhls in die Pra­xis­räu­me. Des­halb ist die Inan­spruch­nah­me des Fahr­diens­tes objek­tiv wirt­schaft­lich und der Klä­ge­rin sub­jek­tiv zumut­bar.

Der Leis­tungs­an­spruch gegen die Kran­ken­kas­se lässt sich auch nicht aus ande­ren Rechts­vor­schrif­ten her­lei­ten.

Ein Anspruch aus § 31 SGB IX schei­det aus. Die­se Vor­schrift gibt hin­sicht­lich des Hilfs­mit­tel­be­griffs nur den Rege­lungs­ge­halt wie­der, wie er durch die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung ent­wi­ckelt wor­den ist, und bestä­tigt somit die­se Recht­spre­chung. Eine Aus­wei­tung der Leis­tungs­pflicht der GKV bei der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung war nicht beab­sich­tigt, was vor allem dar­in zum Aus­druck kommt, dass nach § 7 Satz 2 SGB IX die Rege­lung des § 33 SGB V maß­geb­lich bleibt: "Die Zustän­dig­keit und die Vor­aus­set­zun­gen für die Leis­tun­gen zur Teil­ha­be rich­ten sich nach den für den jewei­li­gen Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger gel­ten­den Leis­tungs­ge­set­zen" 19.

Aus dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Gebot der Benach­tei­li­gung behin­der­ter Men­schen in Art 3 Abs 3 Satz 2 GG erge­ben sich eben­falls kei­ne wei­ter­ge­hen­den Leis­tungs­an­sprü­che gegen die Gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung bei der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung. Zwar ist das Ver­bot einer Benach­tei­li­gung zugleich mit einem Auf­trag an den Staat ver­bun­den, auf die gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be behin­der­ter Men­schen hin­zu­wir­ken 20. Die­sem Auf­trag zur Umset­zung und Kon­kre­ti­sie­rung hat der Gesetz­ge­ber mit dem SGB IX Rech­nung getra­gen, ohne dass damit der Auf­trag als erle­digt anzu­se­hen wäre. Der somit fort­be­stehen­de Auf­trag zur Aus­ge­stal­tung des Sozi­al­staats­ge­bots begrün­det indes kei­ne kon­kre­ten Leis­tungs­an­sprü­che 21.

Auch eine Leis­tungs­pflicht der Kran­ken­kas­se nach § 14 SGB IX schei­det aus. Die­se Vor­schrift ist als Anspruchs­grund­la­ge zu prü­fen, weil eine Leis­tungs­pflicht nach § 33 SGB V (bzw § 31 SGB IX) aus­schei­det und die Beklag­te als erstan­ge­gan­ge­ner Trä­ger den Leis­tungs­an­trag sei­ner­zeit nicht an einen ande­ren Sozi­al­leis­tungs­trä­ger wei­ter­ge­lei­tet hat.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 7. Okto­ber 2010 – B 3 KR 13/​09 R

  1. in der zum Zeit­punkt der Senats­ent­schei­dung gel­ten­den Fas­sung des Art 1 Nr 17 Buchst a "Gesetz zur Stär­kung des Wett­be­werbs in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV-Wett­be­werbs­stär­kungs­ge­setz)" vom 26.03.2007, BGBl I 378, der inhalt­lich der bei Antrag­stel­lung gül­ti­gen Fas­sung des Art 5 Nr 9 des Geset­zes vom 19.06.2001, BGBl I 1046, ent­spricht.[]
  2. vgl. BSG SozR 4 – 2500 § 33 Nr 11 RdNr 16[]
  3. BSGE 93, 183 = SozR 4 – 2500 § 33 Nr 8, RdNr 4 – C‑leg-Pro­the­se[]
  4. BSGE 93, 176 = SozR 4 – 2500 § 33 Nr 7, RdNr 13; BSGE 91, 60, 63 = SozR 4 – 2500 § 33 Nr 3; BSG SozR 3 – 3300 § 14 Nr 14; stRspr[]
  5. BSG SozR 3 – 2500 § 33 Nr 29 und 46; BSG SozR 4 – 2500 § 33 Nr 11 RdNr 18[]
  6. vgl. BSGE 93, 176 = SozR 4 – 2500 § 33 Nr 7 – Erreich­bar­keit ambu­lan­ter medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung für Wach­kom­a­pa­ti­en­tin; BSG SozR 3 – 2500 § 33 Nr 27 – Roll­stuhl-Bike für Jugend­li­che; BSG SozR 3 – 2500 § 33 Nr 46 – behin­der­ten­ge­rech­tes Drei­rad; BSG SozR 2200 § 182b Nr 13 – Falt­roll­stuhl[]
  7. BSGE 98, 213 = SozR 4 – 2500 § 33 Nr 15, RdNr 16[]
  8. vgl BT-Drucks 12/​5262 S 114 zu Art 1 § 36 Abs 4 des Geset­zes­ent­wurfs von CDU/​CSU und FDP zum Pfle­ge-Ver­si­che­rungs­ge­setz[]
  9. vom 11.12.1975, BGBl I 3015[]
  10. vom 04.10.1989, BGBl I 1989, 1834[]
  11. BSG SozR 2200 § 182b Nr 10, 23 und 29[]
  12. BSGE 101, 22 = SozR 4 – 2500 § 33 Nr 18, RdNr 11 ff – Decken­lif­ter[]
  13. so bereits BSG SozR 4 – 3300 § 40 Nr 9[]
  14. BSG SozR 4 – 3300 § 40 Nr 9[]
  15. Mro­zyn­ski, SGB I, 4. Aufl 2010, § 33 RdNr 2[]
  16. BSG SozR 2200 § 182b Nr 29[]
  17. vgl §§ 4 und 8 Behin­der­ten­gleich­stel­lungs­ge­setz vom 27.04.2002 und § 554a BGB; auf Län­der­ebe­ne vgl zB § 3 Hes­si­sches Behin­der­ten-Gleich­stel­lungs­ge­setz vom 20.12.2004 und §§ 2, 33, 43, 46 Hes­si­sche Bau­ord­nung vom 18.06.2002[]
  18. vgl. zum Anpas­sungs­an­spruch betrof­fe­ner Mie­ter § 554a BGB[]
  19. vgl im Ein­zel­nen BSGE 91, 60 RdNr 12, 13 = SozR 4 – 2500 § 33 Nr 3, RdNr 13, 14 sowie zur Geset­zes­be­grün­dung BT-Drucks 14/​5074 S 94[]
  20. vgl BT-Drucks 12/​8165 S. 29[]
  21. BSGE 91, 60 RdNr 14 = SozR 4 – 2500 § 33 Nr 3 RdNr 15[]