Die Kos­ten einer Echt­haar­pe­rü­cke

Ein tota­ler Haar­ver­lust stellt bei einer Frau eine Behin­de­rung dar. Eine Ver­sor­gung mit einer Kunsthaar­pe­rü­cke ist nicht aus­rei­chend, da nur eine Echt­haar­pe­rü­cke eine Qua­li­tät auf­weist, die den Ver­lust des natür­li­chen Haupt­haa­res für unbe­fan­ge­ne Beob­achtende nicht sogleich erken­nen lässt.

Die Kos­ten einer Echt­haar­pe­rü­cke

Mit die­ser Begrün­dung hat das Sozi­al­ge­richt Mann­heim in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Kran­ken­kas­se zur Kos­ten­über­nah­me einer Echt­haar­pe­rü­cke ver­pflich­tet. Geklagt hat­te eine Frau, die nach einem dia­gnos­ti­zier­ten Mam­ma­kar­zi­nom, wel­ches mit einer Che­mo­the­ra­pie behan­delt wur­de, unter einem vor­über­ge­henden voll­stän­di­gen Haar­aus­fall litt. Anfang 2018 bean­trag­te sie bei der beklag­ten Trä­ge­rin der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung unter Vor­la­ge einer ärzt­li­chen Ver­ord­nung und des Kos­ten­vor­anschla­ges eines Perü­cken­stu­di­os für eine Echt­haar­pe­rü­cke in Höhe von 1.200 € die Über­nah­me der ihr ent­ste­hen­den Auf­wen­dun­gen. Die Beklag­te ver­an­lass­te das Gut­ach­ten des Medi­zi­ni­schen Diens­tes der Kran­ken­ver­si­che­rung, wonach eine Echt­haar­pe­rü­cke das Maß des Not­wen­di­gen über­stei­ge. Die Beklag­te gewähr­te der Klä­ge­rin dar­auf­hin abzüg­lich des von der Klä­ge­rin zu tra­gen­den Eigen­an­teils 385 € zur Ver­sorgung mit einer Kunst­haar­pe­rü­cke. Gleich­wohl beschaffte sie sich die Echt­haar­pe­rü­cke.

Nach Auf­fas­sung des Sozi­al­ge­richts Mann­heim ist die Beklag­te für ihre Ver­sor­gung mit einer Echt­haar­pe­rü­cke leis­tungs­pflich­tig, weil die­ses Hilfs­mit­tel erfor­der­lich und wirt­schaft­lich ist sowie das Maß des Not­wen­di­gen nicht über­schrei­tet. Bei einer Perü­cke han­delt es sich ins­be­son­de­re um keinen all­ge­mei­nen Gebrauchsgegen­stand des täg­li­chen Lebens. Ein tota­ler Haar­ver­lust stellt bei einer Frau eine Behin­de­rung dar. Die Klä­ge­rin ist wegen ihrer krankheits­be­ding­ten vor­über­ge­hen­den Kahl­köp­fig­keit in ihrer kör­per­li­chen Funk­ti­on beein­träch­tigt. Die Krank­heit hat bei Frau­en eine ent­stel­len­de Wir­kung, die zwar nicht zum Ver­lust oder zur Stö­rung einer moto­ri­schen oder geis­ti­gen Funk­ti­on führt, es ihnen aber erschwert oder gar unmög­lich macht, sich frei und unbe­fan­gen unter den Mit­men­schen zu bewe­gen; eine kahl­köp­fi­ge Frau zieht natur­ge­mäß stän­dig alle Bli­cke auf sich und wird zum Objekt der Neu­gier, was in der Regel zur Fol­ge hat, dass sich die Betrof­fe­ne aus dem Leben in der Gemein­schaft zurück­zieht und zu ver­ein­sa­men droht. Ihre Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft ist damit beein­träch­tigt. Die Klä­ge­rin kann nicht auf eine Ver­sor­gung mit einer Kunsthaar­pe­rü­cke ver­wie­sen wer­den. Nur eine Echt­haar­pe­rü­cke weist eine Qua­li­tät auf, die den Ver­lust des natür­li­chen Haupt­haa­res für unbe­fan­ge­ne Beob­achtende nicht sogleich erken­nen lässt.

Sozi­al­ge­richt Mann­heim, Gerichts­be­scheid vom 14. Mai 2020 – S 7 KR 1830/​18