Die Kos­ten einer erle­dig­ten Untä­tig­keits­kla­ge

Ledig­lich wenn ein gel­tend gemach­te Anspruch unter kei­nen denk­ba­ren Umstän­den bestehen kann, besteht eine Aus­nah­me von der Beschei­dungs­pflicht nach § 88 SGG. Dage­gen reicht die Ansicht des Beklag­ten, dass der Klä­ger mit dem Sach­be­geh­ren kei­nen Erfolg haben kön­ne, dafür nicht aus. Wenn der (nicht in ange­mes­se­ner Frist beschie­de­ne) Antrag nach § 44 SGB X nur gestellt wor­den ist, weil der Wider­spruch gegen den zu über­prü­fen­den Bescheid als unzu­läs­sig ver­wor­fen wur­de, hat der Beklag­te auch dann die außer­ge­richt­li­chen Kos­ten der Klä­ger im Rah­men einer zwi­schen­zeit­lich erle­dig­ten Untä­tig­keits­kla­ge zu tra­gen.

Die Kos­ten einer erle­dig­ten Untä­tig­keits­kla­ge

So das Sozi­al­ge­richt Reut­lin­gen in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Streits über die Kos­ten­tra­gung einer zwi­schen­zeit­lich erle­dig­ten Untä­tig­keits­kla­ge. Die Klä­ger ste­hen seit gerau­mer Zeit im Leis­tungs­be­zug des Beklag­ten. Gegen den Bewil­li­gungs­be­scheid vom 26. März 2011 erho­ben die Klä­ger Wider­spruch und bean­trag­ten, den Bescheid auf­zu­he­ben und die Leis­tun­gen nach dem SGB II mit ver­fas­sungs­ge­mäß ange­mes­se­nen erhöh­ten Regel­leis­tun­gen zu bewil­li­gen. Das Schrei­ben ent­hielt den Hin­weis: „Sofern der Wider­spruch als unzu­läs­sig ver­wor­fen wird, ist die­ser als Antrag im Sin­ne von § 44 SGB X zu wer­ten.“ Mit Bescheid vom 20.03.2012 ver­warf der Beklag­te den Wider­spruch als unzu­läs­sig. Am 21.06.2012 erho­ben die Klä­ger Untä­tig­keits­kla­ge. Sie mach­ten gel­tend, dass über den Wider­spruch (wohl gemeint Über­prü­fungs­an­trag) seit sechs Mona­ten ohne ersicht­li­chen Grund nicht ent­schie­den wor­den sei. Sie bean­trag­ten, den Über­prü­fungs­an­trag der Klä­ger vom 19.12.2011 gegen den Bescheid des Beklag­ten vom 26.03.2011 zu beschei­den. Mit Bescheid vom 06.07.2012 lehn­te der Beklag­te die Über­prü­fung ab. Der zu über­prü­fen­de Bescheid sei nicht zu bean­stan­den. Die Klä­ger erklär­ten dar­auf­hin den Rechts­streit für erle­digt. Sie bean­tra­gen nun­mehr noch, dem Beklag­ten die Kos­ten des Ver­fah­rens auf­zu­er­le­gen.

In sei­ner Ent­schei­dung weist das Sozi­al­ge­richt Reut­lin­gen dar­auf hin, dass das Gericht gem. § 193 Abs. 1 S. 1 SGG im Urteil zu ent­schei­den hat, ob und in wel­chem Umfang die Betei­lig­ten ein­an­der Kos­ten zu erstat­ten haben. Das Gericht ent­schei­det auf Antrag durch Beschluss, wenn das Ver­fah­ren – wie hier – anders been­det wird (§ 193 Abs. 1 S. 3 SGG). Bei der Kos­ten­ent­schei­dung nach die­ser Bestim­mung sind das Ergeb­nis des Ver­fah­rens sowie der Sach- und Streit­stand bei der zu tref­fen­den Ermes­sens­ent­schei­dung zu berück­sich­ti­gen 1. Eben­so zu berück­sich­ti­gen sind die zur Erhe­bung der Kla­ge und zur Erle­di­gung des Rechts­streits füh­ren­den Umstän­de 2. In ers­ter Linie ist danach der Ver­fah­rens­aus­gang bzw. der mut­maß­li­che Ver­fah­rens­aus­gang maß­ge­bend. Dane­ben tritt als zwei­ter Gesichts­punkt das so genann­te Ver­an­las­sungs­prin­zip, also die Fra­ge, wer die Füh­rung des Rechts­streits ver­an­lasst hat. Die­sem kommt eine Kor­rek­tiv­funk­ti­on zur Ver­mei­dung unbil­li­ger Ergeb­nis­se zu 3. Es gilt also neben dem tat­säch­li­chen bzw. ver­mut­li­chen Ver­fah­rens­aus­gang zur Ver­mei­dung unbil­li­ger Ergeb­nis­se zu prü­fen, ob es sich etwa um einen von vor­ne­her­ein ver­meid­ba­ren oder über­flüs­si­gen Pro­zess gehan­delt hat und wem dies gege­be­nen­falls zur Last zu legen ist.

Ist ein Antrag ohne zurei­chen­den Grund in ange­mes­se­ner Frist sach­lich nicht beschie­den wor­den, so ist nach § 88 SGG eine soge­nann­te Untä­tig­keits­kla­ge nicht vor Ablauf von sechs Mona­ten seit Antrag­stel­lung zuläs­sig. Bei Erle­di­gung einer Untä­tig­keits­kla­ge gilt grund­sätz­lich, dass der Beklag­te die außer­ge­richt­li­chen Kos­ten der Klä­ger zu erstat­ten hat, sofern die Kla­ge nach den in § 88 genann­ten Sperr­fris­ten erho­ben wur­de. Dies gilt, weil die Klä­ger mit einer Beschei­der­tei­lung vor dem gesetz­li­chen Frist­ab­lauf rech­nen dür­fen, sofern nicht der Beklag­te einen zurei­chen­den Grund für sei­ne Untä­tig­keit hat­te und die­sen Grund den Klä­gern mit­ge­teilt hat­te oder er ihnen bekannt war 4.

Die Klä­ger haben den Über­prü­fungs­an­trag am 19.12.2011 gestellt, wenn auch zunächst hilfs­wei­se. Aus­weis­lich des Fax­sen­de­be­richts ist der Antrag, der das Datum 13.12.2011 trägt, an die­sem Tag an die Fax­num­mer des Beklag­ten über­sandt wor­den. Es ist nicht ersicht­lich, dass die­ses Schrei­ben nicht am 19.12.2011 ange­kom­men ist. Auch der Beklag­te hat inso­fern nichts Gegen­tei­li­ges behaup­tet. Bis zum Ende der sechs­mo­na­ti­gen Frist – gem. § 202 SGG i.V.m. § 222 der ZPO, § 187 Abs. 1, 188 Abs. 2 BGB mit Ablauf des 19.06.2012 – hat der Beklag­te nicht über die­sen Antrag ent­schie­den. Einen wich­ti­gen Grund für die­ses Ver­hal­ten hat der Beklag­te nicht vor­ge­tra­gen. Ein sol­cher ist auch nicht ersicht­lich.

Auf den Vor­trag des Beklag­ten, dass mit dem Über­prü­fungs­an­trag ledig­lich die ver­säum­te Wider­spruchs­frist umgan­gen wer­den soll, kommt es nicht an. Die Klä­ger haben einen Antrag gestellt, die­ser ist zu beschei­den. Etwas ande­res mag im Fal­le que­ru­la­to­ri­schen Ver­hal­tens gel­ten, dafür ist aber nichts ersicht­lich. Die Anwend­bar­keit des § 44SGB X hat nicht zur Vor­aus­set­zung, dass ein zuläs­si­ger Wider­spruch erho­ben und ein Wider­spruchs­ver­fah­ren durch­ge­führt wor­den ist. Dem­nach kann es auch die Anwend­bar­keit der Norm nicht hin­dern, wenn ein Wider­spruch als unzu­läs­sig ver­wor­fen wur­de.

Auch der Ein­wand, dass die Klä­ger durch eine Beschei­der­tei­lung kei­ne höhe­ren Regel­leis­tun­gen errei­chen kön­nen und sie dem­zu­fol­ge kein Rechts­schutz­be­dürf­nis hin­sicht­lich einer Untä­tig­keits­kla­ge haben, greift in die­ser Form nicht durch. So, wie der Beklag­te die­se in der Recht­spre­chung 5 zu fin­den­de Aus­sa­ge ver­steht, dass es einer Untä­tig­keits­kla­ge am Rechts­schutz­be­dürf­nis feh­le, wenn das vom Klä­ger ver­folg­te Kla­ge­ziel nicht durch Beschei­der­tei­lung erreicht wer­den kön­ne, kann sie nicht gemeint sein.

Ansons­ten wür­de das erfor­der­li­che Rechts­schutz­be­dürf­nis immer nur dann gege­ben sein, wenn der Klä­ger einen für ihn posi­ti­ven Bescheid errei­chen und mit sei­nem Sach­be­geh­ren durch­drin­gen könn­te. Es wäre im Rah­men der Zuläs­sig­keit der Untä­tig­keits­kla­ge dem­zu­fol­ge zu prü­fen, ob der Klä­ger mit dem begehr­ten Bescheid auch die ange­streb­te Leis­tung erhal­ten wür­de, ob sein Sach­an­trag also Erfolg hat. Das aber ist nicht Sinn und Zweck der Untä­tig­keits­kla­ge. Die­se soll ledig­lich den Beklag­ten dazu anhal­ten, dass der Beklag­te in ange­mes­se­ner Zeit über den Antrag ent­schei­det. Dabei spielt es kei­ne Rol­le, ob er die­se Ent­schei­dung für den Klä­ger posi­tiv oder nega­tiv ist. Außer­dem wür­de sich das Gericht ansons­ten bereits vor­ab über die Haupt­sa­che äußern und damit die Erst­ent­schei­dung in der Sache tref­fen oder zumin­dest len­ken. Die Sach­ent­schei­dung ist aber der Ver­wal­tung zuge­wie­sen ist 6.

Viel­mehr ist die von dem Beklag­ten zitier­te Aus­sa­ge ein­schrän­kend so zu ver­ste­hen, dass das Rechts­schutz­be­dürf­nis fehlt, wenn der Bescheid für den Klä­ger kei­ne mate­ri­ell-recht­li­chen Wir­kun­gen haben kann oder aber wenn das von der Behör­de beschie­de­ne Sach­be­geh­ren offen­sicht­lich unter kei­nem recht­li­chen Gesichts­punkt und unter kei­nen denk­ba­ren Umstän­den Erfolg haben kann 7. Die von dem Beklag­ten ange­führ­te Aus­sa­ge ist auf die Fäl­le rechts­miss­bräuch­li­cher Rechts­ver­fol­gung zu beschrän­ken. Nur dann kann von einer Unzu­läs­sig­keit der Untä­tig­keits­kla­ge aus­ge­gan­gen wer­den 8, was aber aller­dings nur in Aus­nah­me­fäl­len anzu­neh­men ist 9.

Eine sol­che offen­sicht­li­che Aus­sichts­lo­sig­keit ist nach Auf­fas­sung des Gerichts jedoch nicht gege­ben, ins­be­son­de­re sorgt die Ange­mes­sen­heit der Regel­sät­ze wei­ter­hin für Streit­stoff zwi­schen den Betei­lig­ten, eine umfas­sen­de Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ist noch nicht ergan­gen.

Sozi­al­ge­richt Reut­lin­gen, Beschluss vom 4. Sep­tem­ber 2012 – S 12 AS 1722/​12

  1. Rechts­ge­dan­ke des § 91a ZPO und des § 161 Abs. 2 VwGO; vgl. Mey­er-Lade­wi­g/Kel­ler/­Leit­he­rer, SGG, 10. Auf­la­ge Mün­chen 2012, § 193, Rn 13; LSG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 04.04.2011 – L 8 B 13/​07 AY[]
  2. LSG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 18.01.2010 – L 8 B 6/​07 SO[]
  3. LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 08.11.2005 – L 13 B 9/​05 SB[]
  4. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 14.09.2005 – L 10 LW 4563/​04 AK‑B; LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 19.01.2007 – L 6 B 102/​07 AL; Mey­er-Lade­wi­g/Kel­ler/­Leit­he­rer, SGG, § 193 Rn. 13c m.w.N.[]
  5. vgl. Baye­ri­sches LSG, Beschluss vom 20.02.2009 – L 17 B 274/​08 U PKH[]
  6. vgl. Bin­der in HK-SGG, 3. Auf­la­ge, Baden-Baden 2009, § 88, Rn. 4[]
  7. LSG Ham­burg, Urteil vom 18.02.2004 – L 1 KR 71/​03[]
  8. vgl. Bin­der in HK-SGG, § 88, Rn. 7[]
  9. vgl. Mey­er-Lade­wi­g/Kel­ler/­Leit­he­rer, SGG, § 88, Rn. 4a m.w.N.[]