Die münd­li­che Ver­hand­lung – und der autis­ti­sche Ver­fah­rens­be­tei­lig­te

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de eines unter Autis­mus lei­den­den Beschwer­de­füh­rers nicht zu Ent­schei­dung ange­nom­men, der begehr­te, die münd­li­che Ver­hand­lung nach sei­nen Vor­stel­lun­gen bar­rie­re­frei durch­zu­füh­ren. Der von dem Beschwer­de­füh­rer behaup­te­te Ver­stoß gegen Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG ist nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts durch die ableh­nen­de Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts nicht gege­ben.

Die münd­li­che Ver­hand­lung – und der autis­ti­sche Ver­fah­rens­be­tei­lig­te

Der Beschwer­de­füh­rer lei­det an Autis­mus in Gestalt des Asper­ger-Syn­droms. Auf Grund der Erkran­kung begehr­te er, über einen län­ge­ren Zeit­raum von sei­nem hei­mi­schen Com­pu­ter aus zu kom­mu­ni­zie­ren statt bei der münd­li­chen Ver­hand­lung unmit­tel­bar anwe­send zu sein. Dies lehn­te das Säch­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt ab und bot dem Beschwer­de­füh­rer jedoch an, die münd­li­che Ver­hand­lung durch Über­sen­dung des schrift­li­chen Sach­be­richts vor­ab sowie durch Kom­mu­ni­ka­ti­on im Gerichts­saal mit­tels Com­pu­ter an sei­ne Bedürf­nis­se anzu­pas­sen.

Für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bestan­den kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken gegen die ableh­nen­de Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts 1. Das Begeh­ren des Beschwer­de­füh­rers, die münd­li­che Ver­hand­lung nach sei­nen Vor­stel­lun­gen aus­zu­ge­stal­ten, wird von Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG nicht getra­gen. Die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen ver­let­zen ins­be­son­de­re Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG nicht.

Das Benach­tei­li­gungs­ver­bot des Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG erschöpft sich nicht in der Anord­nung, Men­schen mit und ohne Behin­de­rung recht­lich gleich zu behan­deln. Viel­mehr kann eine Benach­tei­li­gung auch vor­lie­gen, wenn die Lebens­si­tua­ti­on von Men­schen mit Behin­de­rung im Ver­gleich zu der­je­ni­gen nicht behin­der­ter Men­schen durch gesetz­li­che Rege­lun­gen ver­schlech­tert wird, die ihnen Ent­fal­tungs- und Betä­ti­gungs­mög­lich­kei­ten vor­ent­hal­ten, wel­che ande­ren offen­ste­hen 2.

Bei der Anwen­dung und Aus­le­gung von ver­fah­rens­recht­li­chen Vor­schrif­ten müs­sen die Gerich­te danach der spe­zi­fi­schen Situa­ti­on einer Par­tei mit Behin­de­rung so Rech­nung tra­gen, dass deren Teil­ha­be­mög­lich­keit der einer nicht­be­hin­der­ten Par­tei gleich­be­rech­tigt ist 3. Ent­spre­chen­de Vor­ga­ben ent­hält auch Art. 13 Abs. 1 der UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on 4, die in Deutsch­land Geset­zes­kraft hat 5 und als Aus­le­gungs­hil­fe für die Bestim­mung von Inhalt und Reich­wei­te der Grund­rech­te her­an­ge­zo­gen wer­den kann 6.

Es begeg­net nach die­sen Maß­stä­ben gleich­wohl kei­nen Beden­ken, dass das Lan­des­so­zi­al­ge­richt die Gestal­tung der münd­li­chen Ver­hand­lung nach den Vor­stel­lun­gen des unter psy­chi­schen Beein­träch­ti­gun­gen – unter ande­rem Autis­mus in Gestalt des Asper­ger-Syn­droms – lei­den­den Beschwer­de­füh­rers abge­lehnt hat. Sein Begeh­ren, die münd­li­che Ver­hand­lung bar­rie­re­frei so durch­zu­füh­ren, dass er – ähn­lich den Abläu­fen in einem Online-Forum – über einen län­ge­ren Zeit­raum mit­tels Com­pu­ter von zuhau­se aus kom­mu­ni­zie­ren kann, wird von Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG nicht getra­gen.

Es kann offen­blei­ben, ob der Vor­trag des Beschwer­de­füh­rers betref­fend die Fol­gen sei­ner Erkran­kung in medi­zi­ni­scher Hin­sicht tat­säch­lich zutrifft. Denn es steht ihm jeden­falls offen, sich im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren durch einen Bevoll­mäch­tig­ten ver­tre­ten zu las­sen (§ 73 Abs. 2 Sozi­al­ge­richts­ge­setz – SGG) bezie­hungs­wei­se sich in der münd­li­chen Ver­hand­lung eines Bei­stands zu bedie­nen (§ 73 Abs. 7 SGG). Eine Par­tei anstel­le einer unmit­tel­ba­ren Teil­ha­be am Ver­fah­ren auf eine Ver­mitt­lung durch Drit­te zu ver­wei­sen, kann im Ein­zel­fall den Anfor­de­run­gen des Art 3 Abs. 3 Satz 2 GG genü­gen 7. So liegt es hier.

Zwar besteht grund­sätz­lich ein berech­tig­tes Inter­es­se eines Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, an der münd­li­chen Ver­hand­lung teil­neh­men und ihr fol­gen zu kön­nen, selbst wenn dies mit einem beson­de­ren orga­ni­sa­to­ri­schen Auf­wand ver­bun­den ist (vgl. für Per­so­nen mit Hör- oder Sprach­be­hin­de­rung § 186 GVG – sowie für blin­de oder seh­be­hin­der­te Per­so­nen § 191a GVG). Dane­ben haben die Gerich­te das Ver­fah­ren stets nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen unter Beach­tung von Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG so zu füh­ren, dass den gesund­heit­li­chen Belan­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten Rech­nung getra­gen wird 8.

Die­se Ver­pflich­tung besteht aber nicht unein­ge­schränkt und umfasst nicht in jedem Fall den Anspruch der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, dass die münd­li­che Ver­hand­lung nach ihren Vor­stel­lun­gen aus­ge­stal­tet wird. Ein rechts­staat­li­ches Ver­fah­ren ver­langt grund­sätz­lich eine durch die münd­li­che Ver­hand­lung geschaf­fe­ne Trans­pa­renz und die Wah­rung des Unmit­tel­bar­keits­grund­sat­zes. Auch müs­sen die per­so­nel­len Res­sour­cen der Jus­tiz so ein­ge­setzt wer­den, dass mög­lichst vie­le Ver­fah­ren einer­seits zeit­spa­rend, ande­rer­seits in einem rechts­staat­li­chen Anfor­de­run­gen genü­gen­den Rah­men behan­delt und ent­schie­den wer­den. Hier­bei kommt der Kon­zen­tra­ti­ons­ma­xi­me (vgl. § 106 Abs. 2 SGG) mit Blick auf die Ver­pflich­tung des Staa­tes, allen Rechts­schutz­su­chen­den in ange­mes­se­ner Zeit Rechts­schutz zu gewäh­ren (Art.19 Abs. 4 GG), ein beson­de­rer Stel­len­wert zu. Die Aus­ge­stal­tung der münd­li­chen Ver­hand­lung, wie sie vom Beschwer­de­füh­rer begehrt wird, setz­te sich zu die­sen eben­falls mit Ver­fas­sungs­rang aus­ge­stat­te­ten Struk­tur­prin­zi­pi­en in Wider­spruch.

Durch die Bestel­lung eines Bevoll­mäch­tig­ten bezie­hungs­wei­se eines Bei­stands hät­ten im Aus­gangs­fall sowohl die Rech­te des Beschwer­de­füh­rers als auch die dar­ge­stell­ten Prin­zi­pi­en gewahrt und in einen scho­nen­den Aus­gleich gebracht wer­den kön­nen. Die münd­li­che Ver­hand­lung kann durch einen Bevoll­mäch­tig­ten bezie­hungs­wei­se Bei­stand gemein­sam mit dem Beschwer­de­füh­rer so vor­be­rei­tet wer­den, dass auf des­sen gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gun­gen Rück­sicht genom­men wird und die Wahr­neh­mung sei­ner Rech­te sowie die Berück­sich­ti­gung sei­nes Vor­trags gewähr­leis­tet ist. Das gilt umso mehr, als das Lan­des­so­zi­al­ge­richt dem Beschwer­de­füh­rer ange­bo­ten hat, ihm den der münd­li­chen Ver­hand­lung zugrun­de zu legen­den Sach­be­richt schrift­lich vor­ab zu über­sen­den. Wäre es trotz die­ser Ver­fah­rens­ge­stal­tung zu einer Ver­hand­lungs­si­tua­ti­on gekom­men, die eine Stel­lung­nah­me des Beschwer­de­füh­rers unmit­tel­bar erfor­der­lich macht, hät­te die münd­li­che Ver­hand­lung vor­über­ge­hend unter­bro­chen und erfor­der­li­chen­falls ver­tagt wer­den kön­nen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 27. Novem­ber 2018 – 1 BvR 957/​18

  1. Sächs. LSG, Urteil vom 06.06.2017 – L 9 SB 253/​13 ZVW; nach­fol­gend BSG, Beschlüs­se vom vom 21.12 2017 – B 9 SB 61/​17 B; und vom 22.03.2018 – B 9 SB 1/​18 C[]
  2. vgl. BVerfGE 96, 288, 302 f.; 99, 341, 357; 128, 138, 156[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 10.10.2014 – 1 BvR 856/​13 6[]
  4. United Nati­ons Trea­ty Series, vol. 2515, p. 3[]
  5. Gesetz zu dem Über­ein­kom­men der Ver­ein­ten Natio­nen vom 13.12 2006 über die Rech­te von Men­schen mit Behin­de­run­gen sowie zu dem Fakul­ta­tiv­pro­to­koll vom 13.12 2006 zum Über­ein­kom­men der Ver­ein­ten Natio­nen über die Rech­te von Men­schen mit Behin­de­run­gen vom 21.12 2008, BGBl II S. 1419[]
  6. vgl. BVerfGE 111, 307, 317 f.; 128, 282, 306[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 10.10.2014 – 1 BvR 856/​13 7[]
  8. vgl. Rol­ler, SGb 2016, S. 17, 21 f.[]