Die Rabatt­zah­lun­gen an pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­run­gen

Die Rege­lun­gen über Rabatt­zah­lun­gen an pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­run­gen nach dem AMR­abG ver­sto­ßen nicht gegen die Berufs­frei­heit gemäß Art 12 Abs. 1 GG.

Die Rabatt­zah­lun­gen an pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­run­gen

Mit die­ser Begrün­dung hat das Land­ge­richt Mün­chen I in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Kla­ge einer Arz­nei­mit­tel­her­stel­le­rin gegen ein pri­va­tes Kran­ken­ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men abge­wie­sen, die kei­ne Zah­lun­gen nach dem Gesetz über Rabat­te für Arz­nei­mit­tel (AMR­abG) für von der Klä­ge­rin unter ihrem Namen in den Ver­kehr gebrach­te ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel leis­ten woll­te. Sie begehr­te im Haupt­an­trag die Fest­stel­lung, dass sie nicht ver­pflich­tet ist, an die Beklag­te Zah­lun­gen zu leis­ten nach dem AMR­abG für von der Klä­ge­rin unter ihrem Namen in den Ver­kehr gebrach­te ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel, deren Kos­ten die Beklag­te ihren Ver­si­che­rungs­neh­mern im Rah­men des Ver­si­che­rungs­ver­hält­nis­ses ganz oder teil­wei­se erstat­tet hat. Mit den Hilfs­an­trä­ge beab­sich­tig­te die Klä­ge­rin, Abschlä­ge jeden­falls für sol­che Arz­nei­mit­tel nicht oder zumin­dest für die Ver­gan­gen­heit nicht zah­len zu müs­sen, deren Kos­ten auf­grund von Selbst­be­hal­ten nicht erstat­tet wur­den. Sie hält die Abschlags­re­ge­lun­gen für ver­fas­sungs­wid­rig.

Nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts Mün­chen I ver­sto­ßen die Rege­lun­gen des AMR­abG nicht gegen die in Art. 12 Abs. 1 GG nor­mier­te Berufsfreiheit:Die durch das AMR­abG begrün­de­ten Ein­grif­fe in das Grund­recht der Berufs­frei­heit sind als Berufs­aus­übungs­re­ge­lun­gen gerecht­fer­tigt. Es steht dem Gesetz­ge­ber frei, sich für ein Zwei-Säu­len-Modell aus gesetz­li­cher und pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­rung zu ent­schei­den. Trifft der Gesetz­ge­ber eine sol­che Ent­schei­dung, darf er dem in Art. 20 Abs. 1 GG ver­an­ker­ten Sozi­al­staats­prin­zip in bei­den Säu­len Gel­tung ver­schaf­fen. Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Siche­rung eines bezahl­ba­ren Kran­ken­ver­si­che­rungs­schut­zes auch in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ein ver­fas­sungs­le­gi­ti­mes Rege­lungs­ziel.

Die Rege­lun­gen des AMR­abG sind auch geeig­net und erfor­der­lich, die­ses Ziel zu errei­chen. § 1 Satz 4 AMR­abG regelt, dass die Abschlä­ge gemäß § 1 Satz 1 AMR­abG von den Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung aus­schließ­lich zur Ver­mei­dung oder Begren­zung von Prä­mi­en­er­hö­hun­gen oder zur Prä­mi­e­ner­mä­ßi­gung bei den Ver­si­cher­ten­be­stän­den ver­wen­det wer­den dür­fen. Da die Arz­nei­mit­tel­kos­ten eine nicht unwe­sent­li­che Grund­la­ge der Prä­mi­en­be­rech­nung dar­stel­len, ist die Maß­nah­me geeig­net zur Siche­rung eines bezahl­ba­ren Kran­ken­ver­si­che­rungs­schut­zes.

Vor dem Hin­ter­grund der Kos­ten­stei­ge­run­gen im Arz­nei­mit­tel­be­reich in der Ver­gan­gen­heit durf­te der Gesetz­ge­ber die Maß­nah­me auch für erfor­der­lich hal­ten.

Die Rege­lun­gen des AMR­abG sind auch nicht unzu­mut­bar. Im Ver­gleich zu den Abschlä­gen zuguns­ten der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung sind die Belas­tun­gen durch das AMR­abG auf­grund der gerin­ge­ren Anzahl an pri­vat kran­ken­ver­si­cher­ten Per­so­nen trag­bar. Gleich­zei­tig pro­fi­tie­ren die Arz­nei­mit­tel­her­stel­ler durch den regel­mä­ßig umfas­sen­de­ren Leis­tungs­ka­ta­log der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen im Bereich der erstat­te­ten Arz­nei­mit­tel von den pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen. Daher ist es zumut­bar, wenn sich die Arz­nei­mit­tel­her­stel­ler auch dar­an betei­li­gen, zu einem bezahl­ba­ren Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz auch in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung bei­zu­tra­gen.

Dar­über hin­aus ist nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts Mün­chen I auch § 1 Satz 3 AMR­abG, wonach zur Ermitt­lung der Abschlä­ge auf ver­trag­li­chen oder gesetz­li­chen Rege­lun­gen beru­hen­de Selbst- oder Eigen­be­hal­te nicht zu berück­sich­ti­gen sind, mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar: Eine ver­fas­sungs­wid­ri­ge Rück­wir­kung die­ser erst durch Art. 3a des Drit­ten Geset­zes zur Ände­rung arz­nei­mit­tel­recht­li­cher und ande­rer Vor­schrif­ten vom 7. August 2013 [1] ein­ge­führ­ten, jedoch bereits rück­wir­kend zum 1. Janu­ar 2011 in Kraft gesetz­ten Rege­lung liegt nicht vor.

Denn es fehlt an einem schutz­wür­di­gen Ver­trau­en in eine vor Ein­füh­rung der Neu­re­ge­lung gel­ten­de abwei­chen­de Rechts­la­ge. Schutz­wür­di­ges Ver­trau­en ist jedoch Vor­aus­set­zung einer erfolg­rei­chen Beru­fung auf eine unzu­läs­si­ge Rück­wir­kung. Ein sol­ches konn­te jedoch nicht erwach­sen. Schon aus § 1 Satz 1 AMR­abG folgt eine Ver­pflich­tung zur Zah­lung der Abschlä­ge auch bei ledig­lich teil­wei­ser Erstat­tung durch die pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen bzw. Bei­hil­fe­trä­ger. Damit liegt jeden­falls die Kon­stel­la­ti­on einer unkla­ren und ver­wor­re­nen Rechts­la­ge vor, in der die rück­wir­ken­de Klar­stel­lung durch den Gesetz­ge­ber aus­nahms­wei­se zuläs­sig ist.

Da es die Rege­lun­gen des AMR­abG für ver­fas­sungs­kon­form hält, hat das Land­ge­richt eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht ein­ge­holt.

Land­ge­richt Mün­chen I, Urteil vom 18. Sep­tem­ber 2013 – 29 O 18909/​12

  1. BGBl. I 2013, S. 3108[]