Die Ren­ten­hö­he der Ange­hö­ri­gen des ehe­ma­li­gen Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit

§ 7 AAÜG in sei­ner der­zeit gel­ten­den Fas­sung ist ver­fas­sungs­ge­mäß und ver­letzt nicht die Grund­rech­te aus Art 3 Abs 1 GG und Art 14 GG.

Die Ren­ten­hö­he der Ange­hö­ri­gen des ehe­ma­li­gen Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit

Mit die­ser Begrün­dung hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt die Gewäh­rung einer höhe­ren Ren­te der Klä­ge­rin ohne Begren­zung ihrer wäh­rend der Zuge­hö­rig­keit zum Son­der­ver­sor­gungs­sys­tem des ehe­ma­li­gen Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit erziel­ten Arbeits­ent­gel­te nach § 7 des Anspruchs- und Anwart­schafts­über­füh­rungs­ge­set­zes (AAÜG) iVm des­sen Anla­ge 6. Vom 1.2.1965 bis 28.2.1987 gehör­te die Klä­ge­rin dem Son­der­ver­sor­gungs­sys­tem Nr 4 der Anla­ge 2 zum AAÜG – Son­der­ver­sor­gung der Ange­hö­ri­gen des ehe­ma­li­gen Minis­te­ri­ums für Staatssicherheit/​Amtes für Natio­na­le Sicher­heit – an. Danach bezog sie aus die­sem Son­der­ver­sor­gungs­sys­tem eine Ren­te. Das Bun­des­ver­wal­tungs­amt stell­te fest, dass die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine Begren­zung der Ent­gel­te auf 70 vH des Durch­schnitts­ent­gelts der Ver­si­cher­ten im Bei­tritts­ge­biet vor­lie­gen. Nach erfolg­lo­sem Wider­spruchs­ver­fah­ren hat die Klä­ge­rin Kla­ge vor dem Sozi­al­ge­richt Ber­lin ein­ge­reicht. Die Kla­ge wur­de abge­wie­sen. Nach Ein­le­gung der Beru­fung durch die Klä­ge­rin hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin [1] auf Antrag der Betei­lig­ten das Ruhen des Ver­fah­rens ange­ord­net.

Mit Urteil vom 28. April 1999 hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt [2] die durch § 7 Abs 1 S 1 AAÜG iVm Anla­ge 6 für Ange­hö­ri­ge des Son­der­ver­sor­gungs­sys­tems MfS/​AfNS vor­ge­nom­me­ne Begren­zung der berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Arbeits­ent­gel­te oder Arbeits­ein­kom­men auf 70 vH des jewei­li­gen Durch­schnitts­ent­gelts im Bei­tritts­ge­biet mit Art 3 Abs 1 und Art 14 GG für nicht ver­ein­bar und nich­tig erklärt, soweit für die Ren­ten­be­rech­nung das zu Grun­de zu legen­de Arbeits­ent­gelt oder Arbeits­ein­kom­men unter das jewei­li­ge Durch­schnitts­ent­gelt im Bei­tritts­ge­biet abge­senkt wird. Das Bun­des­ver­wal­tungs­amt hat dar­auf­hin mit Ände­rungs­be­scheid vom 1.10.1999 den Aus­gangs­be­scheid geän­dert und die wäh­rend der Zuge­hö­rig­keit zum Son­der­ver­sor­gungs­sys­tem Nr 4 erziel­ten Arbeits­ent­gel­te der Klä­ge­rin bis zur Höhe des jewei­li­gen Durch­schnitts­ent­gelts im Bei­tritts­ge­biet berück­sich­tigt. Die Klä­ge­rin hat die­ses Teil­an­er­kennt­nis ange­nom­men und das wei­te­re Ruhen des Ver­fah­rens bean­tragt, um abzu­war­ten, ob der Gesetz­ge­ber mit der ihm vom BVerfG auf­ge­tra­ge­nen Ände­rung des AAÜG von der Mög­lich­keit einer güns­ti­ge­ren Rege­lung des § 7 AAÜG Gebrauch machen wer­de. Nach­dem sich die Beklag­te dem ange­schlos­sen hat­te, hat das LSG Ber­lin mit Beschluss vom 24.1.2000 – L 1 RA 93/​94 W 99 – das erneu­te Ruhen des Ver­fah­rens ange­ord­net. Am 31.10.2001 hat die Klä­ge­rin das Ver­fah­ren – nun­mehr unter dem Akten­zei­chen L 1 RA 93/​94 W 01 – wie­der auf­ge­nom­men. Die Beru­fung wur­de dann vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg zurück­ge­wie­sen [3]. Die Klä­ge­rin ver­folgt ihr Ziel wei­ter vor dem Bun­des­so­zi­al­ge­richt.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ent­spricht die Begrün­dung der Revi­si­on nicht den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen. Die Klä­ge­rin rügt eine Ver­let­zung ihrer Rech­te aus Art 3 Abs 1 GG und Art 14 GG wegen Anwen­dung der ver­fas­sungs­wid­ri­gen Vor­schrift des § 7 Abs 1 AAÜG. Sie legt aber nicht nach­voll­zieh­bar dar, wor­in die Rechts­ver­let­zung lie­gen soll. Hier­zu wäre unter Wie­der­ga­be des ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halts die Dar­stel­lung erfor­der­lich gewe­sen, wes­halb § 7 AAÜG zum Nach­teil der Klä­ge­rin auf den vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt nicht oder nicht rich­tig ange­wandt wor­den sei [4]. Hier­an fehlt es.

Es ist bereits nicht erkenn­bar, dass der von der Klä­ge­rin geschil­der­te „Sach­ver­halt“ ganz oder teil­wei­se mit dem­je­ni­gen des ange­grif­fe­nen Urteils iden­tisch sein könn­te. Auch wenn dies der Fall wäre, könn­te dem dor­ti­gen Vor­brin­gen noch nicht ein­mal die Behaup­tung ent­nom­men wer­den, dass das Bun­des­ver­wal­tungs­amt durch schrift­li­chen Ver­wal­tungs­akt von der Klä­ge­rin tat­säch­lich erziel­te höhe­re Ent­gel­te fest­ge­stellt haben könn­te, die im Rah­men der Fest­set­zung der Ren­ten­hö­he von der Beklag­ten nur begrenzt berück­sich­tigt wor­den sein könn­ten. Das Vor­brin­gen, bei ihr, der Klä­ge­rin, sei­en Ent­gel­te für bestimm­te Zeit­räu­me „nur bis zur Höhe des jewei­li­gen Durch­schnitts­ent­gelts aller Ver­si­cher­ten im Bei­tritts­ge­biet“ berück­sich­tigt wor­den, ver­mag die­se not­wen­di­gen Begrün­dungs­ele­men­te nicht zu erset­zen. Hier­durch wird ins­be­son­de­re logisch und recht­lich nicht aus­ge­schlos­sen, dass das tat­säch­lich erziel­te Erwerbs­ein­kom­men von vorn­her­ein unter­halb der recht­li­chen Berück­sich­ti­gungs­gren­zen gele­gen haben und die­sen daher nur abs­trak­te Bedeu­tung zuge­kom­men sein könn­te. Die Rele­vanz der umfang­rei­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Aus­füh­run­gen für den Aus­gang des Ver­fah­rens bleibt damit von vorn­her­ein offen.

Mit ihrem Vor­brin­gen, eine erneu­te ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Über­prü­fung des § 7 Abs 1 AAÜG sei zuläs­sig, weil ent­ge­gen der auf das Gut­ach­ten Dr. G. gestütz­ten Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts nach dem Gut­ach­ten des Bran­den­bur­gi­schen Insti­tuts für Arbeits­markt- und Beschäf­ti­gungs­ent­wick­lung e.V. neue rechts­er­heb­li­che Tat­sa­chen gegen die tra­gen­den Fest­stel­lun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts im Urteil vom 28. April 1999 [5] vor­lä­gen, greift die Klä­ge­rin im Übri­gen die Beweis­wür­di­gung des Beru­fungs­ge­richts an.

Eine zuläs­si­ge Ver­fah­rens­rüge hat sie inso­weit indes nicht erho­ben.

Das Tat­sa­chen­ge­richt ent­schei­det nach sei­ner frei­en, aus dem Gesamt­ergeb­nis des Ver­fah­rens gewon­ne­nen Über­zeu­gung; es ist in sei­ner Beweis­wür­di­gung frei und ledig­lich an die Regeln der Logik und der Erfah­rung gebun­den. § 128 Abs 1 SGG ist erst ver­letzt, wenn die Beweis­wür­di­gung gegen all­ge­mei­ne Erfah­rungs­sät­ze oder Denk­ge­set­ze ver­stößt. Von einem Ver­stoß gegen Denk­ge­set­ze kann nur gespro­chen wer­den, wenn der fest­ge­stell­te Sach­ver­halt nur eine Fol­ge­rung erlaubt, jede ande­re nicht denk­bar ist und das Gericht gera­de die ein­zig denk­ba­re Schluss­fol­ge­rung nicht gezo­gen hat. Gegen all­ge­mei­ne Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt das Gericht, wenn es einen bestehen­den Erfah­rungs­satz nicht berück­sich­tigt oder einen tat­säch­lich nicht exis­tie­ren­den Erfah­rungs­satz anwen­det [6]. Das Vor­lie­gen der­ar­ti­ger Ver­stö­ße gegen die Grund­sät­ze der frei­en rich­ter­li­chen Beweis­wür­di­gung muss im Ein­zel­nen von dem Betei­lig­ten dar­ge­legt wer­den, der sich dar­auf beruft. Die Klä­ge­rin hat indes mit ihrem Vor­brin­gen weder ein Denk­ge­setz noch einen Erfah­rungs­satz bezeich­net, gegen den das Gericht ver­sto­ßen haben soll, noch nennt sie eine nicht aus­rei­chen­de Berück­sich­ti­gung des Gesamt­ergeb­nis­ses des Ver­fah­rens (§ 128 Abs 1 S 1 SGG). Sie setzt ledig­lich, wenn auch mit detail­lier­tem Vor­brin­gen, ihre Beweis­wür­di­gung an die Stel­le der­je­ni­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts bzw hält die eige­ne Beweis­wür­di­gung gegen­über der vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt vor­ge­nom­me­nen für vor­zugs­wür­dig. Dies reicht für eine form­ge­rech­te Rüge der Ver­let­zung des Rechts der frei­en rich­ter­li­chen Beweis­wür­di­gung nicht aus [7].

Da die Klä­ge­rin die Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts, dass die Beschäf­tig­ten des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit deut­lich höhe­re Bezü­ge als ver­gleich­bar qua­li­fi­zier­te Beschäf­tig­te außer­halb des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit erhal­ten haben, nicht mit einer zuläs­si­gen Ver­fah­rens­rüge ange­grif­fen hat, ist das Bun­des­so­zi­al­ge­richt an die­se Fest­stel­lun­gen gemäß § 163 SGG gebun­den. Zwar han­delt es sich bei den umstrit­te­nen Tat­sa­chen um all­ge­mei­ne gene­rel­le Tat­sa­chen, an die das Revi­si­ons­ge­richt nicht in jedem Fall gebun­den ist, son­dern die es grund­sätz­lich im Revi­si­ons­ver­fah­ren selbst fest­stel­len kann [8]. Dies gilt indes nicht, wenn die­se – wie hier – Gegen­stand der Beweis­wür­di­gung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts waren [9].

Auf­grund der nicht mit zuläs­si­gen Ver­fah­rens­rü­gen ange­grif­fe­nen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts steht fest, dass die Ange­hö­ri­gen des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit über­höh­te Ent­gel­te bezo­gen haben. Dies bedeu­tet gleich­zei­tig, dass die Ent­schei­dungs­grund­la­gen im Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 28. April 1999 [2] nicht infra­ge gestellt sind, so dass das Bun­des­so­zi­al­ge­richt an die­se Ent­schei­dung, nach der § 7 AAÜG in sei­ner der­zeit gel­ten­den Fas­sung ver­fas­sungs­ge­mäß ist, gebun­den ist (§ 31 Abs 1 BVerfGG). Ange­sichts des­sen hat die Klä­ge­rin auch aus die­sem Grund eine Ver­let­zung ihrer Rech­te aus Art 3 Abs 1 und Art 14 GG nicht schlüs­sig dar­ge­legt.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 14. Dezem­ber 2011 – B 5 R 2/​11 R

  1. LSG Ber­lin, Beschluss vom 27.10.1994 – L 1 An 93/​94[]
  2. BVerfG, Urteil vom 28.04.1999 -1 BvL 11/​94 ua, BVerfGE 100, 138 = SozR 3–8570 § 7 Nr 1[][]
  3. LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 11.12.2009 – L 1 RA 93/​94 W 01[]
  4. vgl hier­zu BSG Urteil vom 23.11.2005 – B 12 RA 10/​04 R; BSG Beschlüs­se vom 17.03.2003 – B 3 KR 12/​02 R; vom 27.02.2008 – B 12 P 1/​07 R[]
  5. BVerfG, Urteil vom 28.04.1999 – 1 BvL 11/​94 ua, BVerfGE 100, 138 = SozR 3–8570 § 7 Nr 1[]
  6. BSGE 94, 133, 137 RdNr 18 mwN[]
  7. BSG vom 07.12.2004 – B 1 KR 10/​03 R; BSG SozR 4–2700 § 63 Nr 3 RdNr 24[]
  8. BSGE 96, 297, 301 RdNr 19; BSG vom 24.04.2008 – B 9/​9a SB 10/​06 R[]
  9. BSGE 102, 166, 170 RdNr 33[]