Doku­men­ta­ti­on der Auf­ga­be eines Beschei­des zur Post

Es ist Auf­ga­be der Behör­de, auch bei Aus­la­ge­rung und Zen­tra­li­sie­rung der Druck­pro­zes­se, eine hin­rei­chen­de Doku­men­ta­ti­on der Auf­ga­be des Beschei­des zur Post sicher­zu­stel­len, um die Zugangs­fik­ti­on des § 37 Abs. 2 SGB X aus­zu­lö­sen. Eine E‑Mail des BA-IT-Sys­tem­hau­ses, die all­ge­mein und ohne kon­kre­ten Fall­be­zug den Ablauf­pro­zess beschreibt, reicht als Nach­weis für den Tag der Auf­ga­be zur Post nicht aus.

Doku­men­ta­ti­on der Auf­ga­be eines Beschei­des zur Post

Nach § 37 Abs. 2 S. 1 SGB X gilt ein schrift­li­cher Ver­wal­tungs­akt, der im Inland durch die Post über­mit­telt wird, am drit­ten Tag nach der Auf­ga­be zur Post als bekannt­ge­ge­ben. Dies gilt nach § 37 Abs. 2 S. 3 SGB X nicht, wenn der Ver­wal­tungs­akt nicht oder zu einem spä­te­ren Zeit­punkt zuge­gan­gen ist; im Zwei­fel hat die Behör­de den Zugang des Ver­wal­tungs­ak­tes und den Zeit­punkt des Zugangs nach­zu­wei­sen. Ein Schrift­stück ist zur Post gege­ben, wenn es beim Post­amt abge­ge­ben wor­den ist bzw. beim Ein­wurf in den Brief­kas­ten mit des­sen Lee­rung 1. Ent­hält die Akte der Behör­de kei­nen Ver­merk über den Tag der Auf­ga­be des Schrift­stücks zur Post, tritt grund­sätz­lich kei­ne Zugangs­fik­ti­on ein 2. § 37 Abs. 2 S. 1 SGB X ent­hält eine gesetz­li­che Fik­ti­on des Zeit­punkts der Bekannt­ga­be des Ver­wal­tungs­ak­tes, nicht aber eine Fik­ti­on, dass und wann der Ver­wal­tungs­akt zur Post gege­ben wor­den ist 3. In der Ver­wal­tungs­ak­te der Behör­de befin­det sich nur eine Zweit­schrift des Beschei­des vom 26.02.2010. Auf die­ser Zweit­schrift ist nicht ver­merkt wor­den, ob und gege­be­nen­falls wann der Bescheid zur Post gege­ben wur­de.

Ob ein Auf­ga­be­ver­merk außer­halb des Ver­wal­tungs­ak­tes oder sogar außer­halb der Ver­wal­tungs­ak­te aus­reicht, muss hier nicht ent­schie­den wer­den. So wird ver­tre­ten, dass der Auf­ga­be­ver­merk nicht in der Ver­wal­tungs­ak­te sein muss, son­dern auch ein detail­lier­tes Porto­buch aus­reicht. Ver­mer­ken bedeu­te ledig­lich, dass der Vor­gang in den betref­fen­den Akten so erwähnt wird, dass auch eine mit der Sache bis­her nicht befass­te Per­son ihn als gesche­hen erken­nen kön­ne. Dem­entspre­chend rei­che jeder in den Akten befind­li­che Hin­weis, der Auf­schluss über den Tag der Auf­ga­be des Brie­fes zur Post gebe. Wann die­ser Hin­weis zu den Akten gelangt sei, sei ohne Bedeu­tung 4. Ob die E‑Mail des BAITSys­tem­hau­ses vom 14.03.2011 als exter­ner Nach­weis „der Auf­ga­be zur Post“ grund­sätz­lich aus­rei­chen wür­de, muss hier nicht ent­schie­den wer­den, da es der Behör­de mit die­ser E‑Mail nach Über­zeu­gung des Sozi­al­ge­richts im kon­kre­ten Fall nicht gelun­gen ist, nach­zu­wei­sen, wann genau der Bescheid zur Post auf­ge­ge­ben wur­de.

Das Gericht muss sich grund­sätz­lich die vol­le Über­zeu­gung vom Vor­lie­gen oder Nicht­vor­lie­gen der Tat­sa­chen ver­schaf­fen. Abso­lu­te Gewiss­heit ist so gut wie nie mög­lich und nicht erfor­der­lich. Aus­rei­chend ist eine an Gewiss­heit gren­zen­de Wahr­schein­lich­keit. Eine Tat­sa­che ist bewie­sen, wenn sie in so hohem Maße wahr­schein­lich ist, dass alle Umstän­de des Fal­les nach ver­nünf­ti­ger Abwä­gung des Gesamt­ergeb­nis­ses des Ver­fah­rens und nach der all­ge­mei­nen Lebens­er­fah­rung geeig­net sind, die vol­le rich­ter­li­che Über­zeu­gung zu begrün­den 5. Wenn eine sol­che erfor­der­li­che Über­zeu­gung nicht vor­liegt, tref­fen die Fol­gen den­je­ni­gen, der aus der Tat­sa­che einen Anspruch begrün­den will 6. Das Sozi­al­ge­richt Ulm ist der Auf­fas­sung, dass an den Nach­weis des Auf­ga­be­ver­mer­kes stren­ge Maß­stä­be anzu­le­gen sind. Dies gilt nach Auf­fas­sung des Sozi­al­ge­richts ins­be­son­de­re für den Fall, dass ein sol­cher Auf­ga­be­ver­merk nicht unmit­tel­bar auf dem in der Akte befind­li­chen Bescheid ange­bracht wird, son­dern erst nach­träg­lich außer­halb geführt wer­den soll. Eine Glaub­haft­ma­chung der Auf­ga­be zur Post reicht nach dem gesetz­li­chen Wort­laut gera­de nicht aus. Die über­wie­gen­de Wahr­schein­lich­keit eines Gesche­hens­ab­laufs genügt nicht. Das Sozi­al­ge­richt berück­sich­tigt dabei ins­be­son­de­re, dass der Auf­ga­be­ver­merk eine Fik­ti­on aus­löst. Bei einer Fik­ti­on ver­bleibt eine durch gesetz­li­che Rege­lung in Kauf genom­me­ne Rest­un­si­cher­heit. Damit wenigs­tens die Grund­la­ge, auf der die Fik­ti­on beruht, sicher ist, muss die­se mit an Gewiss­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit nach­ge­wie­sen sein.

Im kon­kre­ten, hier vom Sozi­al­ge­richt Ulm ent­schie­de­nen Fall bedeu­tet dies: Das Sozi­al­ge­richt weiß auch unter Berück­sich­ti­gung der E‑Mail vom 15.03.2011 nicht genau, wann der streit­ge­gen­ständ­li­che Bescheid vom 26.02.2010 tat­säch­lich zur Post auf­ge­ge­ben wor­den ist. Anders als in dem vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Rhein­land­Pfalz ent­schie­de­nen Fall, nennt die­se E‑Mail gera­de kein kon­kre­tes Datum, wann der Bescheid zur Post auf­ge­ge­ben wur­de. In der E‑Mail wer­den kei­ne Anga­ben dazu gemacht, wor­aus sich im kon­kre­ten Fall das Datum der Auf­ga­be zur Post erge­ben soll. Es wird viel­mehr all­ge­mein der gene­rel­le Ablauf­pro­zess ohne kon­kre­ten Fall­be­zug beschrie­ben. Es lie­gen kei­ner­lei Hin­wei­se vor, dass die Auf­ga­be zur Post für den kon­kre­ten Bescheid vom 26.02.2010 durch das BAITSys­tem­haus intern nach­ge­prüft und nach­voll­zo­gen wor­den ist. Das Sozi­al­ge­richt erkennt auch, dass es für die Mit­ar­bei­ter der Behör­de in den jewei­li­gen Agen­tu­ren vor Ort durch die Aus­la­ge­rung und Zen­tra­li­sie­rung der Druck­pro­zes­se schwie­ri­ger gewor­den ist, den Nach­weis der Auf­ga­be zur Post zu füh­ren. Die Ent­schei­dung, durch eine Aus­la­ge­rung der Druck­pro­zes­se even­tu­ell bestehen­de Effi­zi­enz­po­ten­tia­le zu nut­zen, führt aber nicht dazu, die Vor­aus­set­zun­gen des § 37 Abs. 2 SGB X weni­ger streng zu prü­fen. Es ist Auf­ga­be der Behör­de, auch bei Nut­zung der zen­tra­len Dru­cke­rei, eine hin­rei­chen­de Doku­men­ta­ti­on der Auf­ga­be zur Post sicher­zu­stel­len.

Sozi­al­ge­richt Ulm, Urteil vom 7. Juli 2011 – S 6 AL 458/​11

  1. vgl. Engel­mann in: von Wulffen, SGB X, 7. Aufl., § 37 Rn. 12[]
  2. vgl. BSG, Urteil vom 03.03.2009, Az.: B 4 AS 37/​08 R; Engel­mann in: von Wulffen, SGB X, 7. Aufl., § 37 Rn. 12; Kras­ney in: Kas­se­ler Kom­men­tar, Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht, Bd. II, § 37 SGB X Rn. 6[]
  3. Säch­si­sches LSG, Urteil vom 18.03.2010, Az.: L 3 AS 180/​09[]
  4. vgl. LSG Rhein­land­Pfalz, Teil­ur­teil vom 30.09.2010, Az.: L 1 AL 122/​09; Säch­si­sches LSG, Urteil vom 18.03.2010, Az.: L 3 AS 180/​09; Kras­ney in: Kas­se­ler Kom­men­tar, Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht, Bd. II, § 37 SGB X Rn. 6[]
  5. vgl. Kel­ler in: MeyerLadewig/​Keller/​Leitherer, SGG, 9. Aufl., § 128 Rn. 3b[]
  6. vgl. Leit­he­rer in: MeyerLadewig/​Keller/​Leitherer, SGG, 9. Aufl., § 103 Rn.19a[]