Einst­wei­li­ger Rechts­schutz beim Kran­ken­geld

Kran­ken­geld gehört nicht zu den exis­ten­ti­ell bedeut­sa­men Leis­tun­gen der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung. Im einst­wei­li­gen Rechts­schutz­ver­fah­ren ist des­halb eine ledig­lich sum­ma­ri­sche Prü­fung der Sach- und Rechts­la­ge aus­rei­chend 1.

Einst­wei­li­ger Rechts­schutz beim Kran­ken­geld

Für den Erlass einer auf die (vor­läu­fi­ge) Zah­lung von Kran­ken­geld gerich­te­te einst­wei­li­ge Anord­nung fehlt es an einem Anord­nungs­grund, wenn der Ver­si­cher­te (Antrag­stel­ler) sei­nen Lebens­un­ter­halt durch Arbeits­lo­sen­geld bzw. eine Ren­ten­nach­zah­lung sicher­stel­len kann.

Gemäß § 86b Abs 2 Satz 1 SGG kann das Gericht der Haupt­sa­che, soweit nicht ein Fall des Absat­zes 1 der Vor­schrift vor­liegt, eine einst­wei­li­ge Anord­nung in Bezug auf den Streit­ge­gen­stand tref­fen, wenn die Gefahr besteht, dass durch eine Ver­än­de­rung des bestehen­den Zustands die Ver­wirk­li­chung eines Rechts des Antrag­stel­lers ver­ei­telt oder wesent­lich erschwert wer­den könn­te. Einst­wei­li­ge Anord­nun­gen sind nach § 86b Abs 2 Satz 2 SGG auch zur Rege­lung eines vor­läu­fi­gen Zustands in Bezug auf ein strei­ti­ges Rechts­ver­hält­nis zuläs­sig, wenn eine sol­che Rege­lung zur Abwen­dung wesent­li­cher Nach­tei­le nötig erscheint. Der Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung ver­langt grund­sätz­lich die – sum­ma­ri­sche – Prü­fung der Erfolgs­aus­sicht in der Haupt­sa­che sowie die Erfor­der­lich­keit einer vor­läu­fi­gen gericht­li­chen Ent­schei­dung. Die Erfolgs­aus­sicht des Haupt­sa­che­rechts­be­helfs (Anord­nungs­an­spruch) und die Eil­be­dürf­tig­keit der erstreb­ten einst­wei­li­gen Rege­lung (Anord­nungs­grund) sind glaub­haft zu machen (§ 86b Abs 2 Satz 4 SGG i.V.m. § 920 Abs 2 ZPO).

Dabei begeg­net es grund­sätz­lich kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken, wenn sich die Gerich­te bei der Beur­tei­lung der Sach- und Rechts­la­ge an den Erfolgs­aus­sich­ten der Haupt­sa­che ori­en­tie­ren 2. Im Recht der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ist ihnen aller­dings in den Fäl­len, in denen es um exis­ten­ti­ell bedeut­sa­me Leis­tun­gen der Kran­ken­ver­si­che­rung für den Antrag­stel­ler geht, eine ledig­lich sum­ma­ri­sche Prü­fung der Sach- und Rechts­la­ge ver­wehrt. Sie haben unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen die Sach- und Rechts­la­ge abschlie­ßend zu prü­fen 3. Ist dem Gericht in einem sol­chen Fall eine voll­stän­di­ge Auf­klä­rung der Sach- und Rechts­la­ge im Eil­ver­fah­ren nicht mög­lich, so ist anhand einer Fol­genab­wä­gung zu ent­schei­den 4; die grund­recht­li­chen Belan­ge des Antrag­stel­lers sind umfas­send in die Abwä­gung ein­zu­stel­len. Die Gerich­te müs­sen sich schüt­zend und för­dernd vor die Grund­rech­te des Ein­zel­nen stel­len 5.

Der Anspruch auf Kran­ken­geld gehört nicht zu den exis­ten­zi­ell bedeut­sa­men Leis­tun­gen der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung. Dies folgt schon dar­aus, dass nicht jeder gesetz­lich Kran­ken­ver­si­cher­te einen sol­chen Anspruch hat (vgl § 44 Abs 1 Satz 2 SGB V). Gebo­ten und aus­rei­chend ist damit eine ledig­lich sum­ma­ri­sche Prü­fung der Sach- und Rechts­la­ge 6.

Für den hier vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall bedeu­tet das: Für den gel­tend gemach­ten Anspruch auf Zah­lung von Kran­ken­geld ab dem 2. Juni 2010 fehlt es bereits an einem Anord­nungs­grund. Denn der Klä­ger erhält seit dem 3. Juni 2010 Arbeits­lo­sen­geld, wes­we­gen die ihm mit Bescheid vom 22. Juni 2010 bewil­lig­te Ren­te wegen teil­wei­ser Erwerbs­min­de­rung nicht zur Aus­zah­lung gelangt, und kann somit sei­nen Lebens­un­ter­halt sicher­stel­len, zumal er eine Ren­ten­nach­zah­lung von 6.982,60 € erhal­ten hat.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 19. August 2010 – L 11 KR 3364/​10 ER‑B

  1. st. Rspr. des LSG Baden-Würt­tem­berg, vgl Beschlüs­se vom 22.12.2009 – L 11 KR 5547/​09 ER‑B; und vom 16.10.2008 – L 11 KR 4447/​08 ER‑B[]
  2. vgl BVerfG, Beschluss vom 02.05.2005 – 1 BvR 569/​05, BVerfGK 5, 237, 242[]
  3. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 29.07.2003 – 2 BvR 311/​03, BVerfGK 1, 292, 296; und vom 22.11.2002 – 1 BvR 1586/​02, NJW 2003, 1236 f.[]
  4. vgl BVerfG, Beschluss vom 02.05.2005, aaO, mwN[]
  5. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 22.11.2002, aaO, S 1237; und vom 29.11.2007 – 1 BvR 2496/​07, NZS 2008, 365[]
  6. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschlüs­se vom 22.12.2009 – L 11 KR 5547/​09 ER‑B; und vom 16.10.2008 – L 11 KR 4447/​08 ER‑B[]