Ent­schei­dungs­rei­fe eines PKH-Antra­ges im sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren

Nach § 73a Abs. 1 Satz 1 SGG i. V. m. § 114 ZPO erhält eine Par­tei, die nach ihren per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen die Kos­ten der Pro­zess­füh­rung nicht, nur zum Teil oder nur in Raten auf­brin­gen kann, auf Antrag Pro­zess­kos­ten­hil­fe, wenn die beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg bie­tet und nicht mut­wil­lig erscheint. Eine hin­rei­chen­de Erfolgs­aus­sicht ist gege­ben, wenn unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de der mit der Kla­ge ver­tre­te­ne Stand­punkt in tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Hin­sicht ver­tret­bar erscheint oder anders for­mu­liert, bei sum­ma­ri­scher tat­säch­li­cher und recht­li­cher Prü­fung eine gewis­se Erfolgs­wahr­schein­lich­keit des Rechts­mit­tels besteht 1; im tat­säch­li­chen Bereich müs­sen Tat­sa­chen erweis­bar sein; ein güns­ti­ges Beweis­ergeb­nis darf nicht unwahr­schein­lich sein. Pro­zess­kos­ten­hil­fe ist zu ver­wei­gern, wenn ein Erfolg in der Haupt­sa­che zwar nicht schlecht­hin aus­ge­schlos­sen, die Erfolgs­chan­ce aber eine nur ent­fern­te ist 2.

Ent­schei­dungs­rei­fe eines PKH-Antra­ges im sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren

Das heißt nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kon­kret, dass die für die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe erfor­der­li­che hin­rei­chen­de Erfolgs­aus­sicht zu beja­hen ist, wenn eine Beweis­auf­nah­me ernst­haft in Betracht kommt und kei­ne kon­kre­ten und nach­voll­zieh­ba­ren Anhalts­punk­te dafür vor­lie­gen, dass sie mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit zum Nach­teil der die Pro­zess­kos­ten­hil­fe begeh­ren­den Par­tei aus­ge­hen wird. Die nach ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­ben grund­sätz­lich unbe­denk­li­che Prü­fung der Erfolgs­aus­sicht soll nach dem BVerfG nicht dazu die­nen, die Rechts­ver­fol­gung selbst in das Neben­ver­fah­ren der Pro­zess­kos­ten­hil­fe vor­zu­ver­la­gern und die­ses an die Stel­le des Haupt­sa­che­ver­fah­rens tre­ten zu las­sen 3. Das Bun­deso­zi­al­ge­richt 4 hat sich – eben­so wie die wohl über­wie­gen­de Lite­ra­tur zum Sozi­al­ge­richts­ge­setz 5 – die­ser Recht­spre­chung im Grund­satz ange­schlos­sen.

Für die damit gefor­der­te Erfolgs­pro­gno­se ist zwar grund­sätz­lich auf den Zeit­punkt der Ent­schei­dung des Gerichts abzu­stel­len 6. Dies kann aber dann nicht gel­ten, wenn die Ent­schei­dung durch das Gericht grund­los ver­zö­gert wird und sich zwi­schen­zeit­lich die Sach- oder Rechts­la­ge zum Nach­teil des Antrag­stel­lers geän­dert hat. In die­sem Fal­le kommt es auf den Zeit­punkt der Ent­schei­dungs­rei­fe des Bewil­li­gungs­ge­su­ches an 7. Andern­falls wür­de der Zweck der Pro­zess­kos­ten­hil­fe, auch dem Bedürf­ti­gen Rechts­schutz zu ermög­li­chen, ver­fehlt 8. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gebie­ten Art. 3 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG eine weit­ge­hen­de Anglei­chung der Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten bei der Ver­wirk­li­chung des Rechts­schut­zes 9. Dies wäre nicht gewähr­leis­tet, wenn das Gericht belie­big lan­ge zuwar­ten und bei­spiels­wei­se durch ent­spre­chen­de Ermitt­lun­gen die Fra­ge des Erfol­ges end­gül­tig klä­ren könn­te. Denn im Fal­le eines Erfol­ges bedürf­te der Unbe­mit­tel­te kei­ner Pro­zess­kos­ten­hil­fe, weil mit sei­nem Erfolg regel­mä­ßig auch die Kos­ten­tra­gungs­pflicht des Unter­le­ge­nen ver­bun­den ist. Im Fal­le sei­nes Miss­erfol­ges wäre das Ver­fah­ren – was die Ermitt­lun­gen anbe­langt – bereits durch­ge­führt, im Fal­le einer Pro­zess­ver­tre­tung durch einen Rechts­an­walt des­sen Kos­ten bereits ent­stan­den. Pro­zess­kos­ten­hil­fe soll jedoch nicht den Erfolg in der Haupt­sa­che prä­mie­ren, son­dern den Rechts­schutz nur ermög­li­chen 10. Mit der genann­ten Ent­schei­dung hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dem­entspre­chend einen Pro­zess­kos­ten­hil­fe ableh­nen­den Beschluss in einem Fall auf­ge­ho­ben, in dem das Instanz­ge­richt trotz Ent­schei­dungs­rei­fe des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­tra­ges zunächst eine mehr­stün­di­ge Anhö­rung des Klä­gers durch­führ­te, die Kla­ge abwies und dann dar­auf gestützt Erfolgs­aus­sicht ver­nein­te.

Ent­schei­dungs­rei­fe liegt vor, wenn der Antrag­stel­ler alle für die Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe erfor­der­li­chen Unter­la­gen vor­ge­legt hat, ins­be­son­de­re den voll­stän­dig aus­ge­füll­ten Vor­druck über die Erklä­rung sei­ner per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se sowie die ent­spre­chen­den Bele­ge (vgl. § 117 Abs. 2 und 4 ZPO), und wenn gege­be­nen­falls der Geg­ner Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me gehabt hat (vgl. § 118 Abs. 1 Satz 1 ZPO).

Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind in dem hier vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall mit Ein­gang der vom Sozi­al­ge­richt gefor­der­ten rest­li­chen Bele­ge erfüllt gewe­sen. Die­se Vor­aus­set­zun­gen waren, da der Klä­ger die Erklä­rung über die per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se ein­schließ­lich sämt­li­cher Bele­ge bereits mit der Kla­ger­he­bung ein­ge­reicht hat­te, spä­tes­tens mit dem Schrei­ben der Rechts­an­wäl­tin S. vom 14. Sep­tem­ber 2009, wonach sie bereit sei, den Klä­ger zu ver­tre­ten, erfüllt. Zu die­sem Zeit­punkt lagen dem Sozi­al­ge­richt bereits die im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren bei­gezo­ge­nen ärzt­li­chen Befund­un­ter­la­gen (ein­schließ­lich ins­be­son­de­re auch der Ergeb­nis­se der Belas­tungs­er­go­me­trie von Dr. H. im Dezem­ber 2008, wonach die­se ein­schließ­lich der 100 W Stu­fe mit einem Blut­druck­an­stieg von 130/​74 auf 150/​70 mm Hg gelang) sowie das Ver­wal­tungs­gut­ach­ten von Dr. P. (ein­schließ­lich der Ergeb­nis­se einer dort durch­ge­führ­ten Blut­gas­ana­ly­se) vor. Bereits auf die­ser Grund­la­ge konn­te das Sozi­al­ge­richt – auch unter Berück­sich­ti­gung der Ein­wen­dun­gen des Klä­gers in der Kla­ge­be­grün­dung – eine Pro­gno­se zur Erfolgs­aus­sicht der Kla­ge tref­fen. Wei­te­rer Ermitt­lun­gen im Sin­ne von § 118 Abs. 2 S. 3 ZPO bedurf­te es nicht.

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg kann des­halb offen las­sen, ob und inwie­weit der Recht­spre­chung des 11. Sena­tes des LSG Baden-Würt­tem­berg 11 zu fol­gen wäre, der die Auf­fas­sung ver­tritt, dass grund­sätz­lich im Vor­feld der Ent­schei­dung über einen Antrag auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe die Ein­ho­lung sach­ver­stän­di­ger Zeu­ge­n­aus­künf­te der Prü­fung die­ne, "ob über­haupt Beweis durch Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens erho­ben wer­den muss". Dies unter­stellt ein Stu­fen­ver­hält­nis der Beweis­mit­tel, das so jeden­falls im Gesetz kei­ne Stüt­ze fin­det. Ganz abge­se­hen davon, dass das Stel­len gut­ach­ter­li­cher Fra­gen zum Leis­tungs­ver­mö­gen – wie hier auch gesche­hen – letzt­lich bereits als Erhe­bung eines Sach­ver­stän­di­gen­be­wei­ses zu wer­ten ist 12.

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg kann auch offen las­sen, ob und inwie­weit der Recht­spre­chung des 10. Sena­tes des LSG Baden-Würt­tem­berg 13, der sich der 5. Senat des LSG Baden-Würt­tem­berg ange­schlos­sen hat 14, zu fol­gen wäre. Aus Sicht des hier erken­nen­den 2. Sena­tes ist näm­lich der Aus­nah­me­cha­rak­ter des § 118 Abs. 2 S. 3 ZPO zu beach­ten. Die­se Vor­schrift fin­det u.a. nur Anwen­dung, wenn auf ande­re Wei­se nicht geklärt wer­den kann, ob die Rechts­ver­fol­gung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg bie­tet. Die­se Norm wird bereits in der zivil­pro­zes­sua­len Lite­ra­tur als sehr eng aus­zu­le­gen­de Aus­nah­me­vor­schrift 15 ange­se­hen. Damit aber dürf­te ein Anwen­dungs­be­reich im sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren erst recht kaum denk­bar sein 16. Hier geht näm­lich dem Gerichts­ver­fah­ren ein eben­falls (bereits) vom Amts­er­mitt­lungs­grund­satz gepräg­tes Ver­wal­tungs- und Wider­spruchs­ver­fah­ren vor­aus, des­sen Ziel bereits eine umfas­sen­de Auf­klä­rung des tat­säch­li­chen Sach­ver­halts ist. Wenn in irgend­ei­nem Ver­fah­ren bereits bei Kla­ge­er­he­bung aus­rei­chen­des Beweis­ma­te­ri­al zur Beur­tei­lung der Erfolgs­aus­sicht vor­liegt, dies also nicht erst durch nur aus­nahms­wei­se zuläs­si­ge Beweis­erhe­bun­gen (im Rah­men des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­rens) ermit­telt wer­den muss, dann im Sozi­al­ge­richts­pro­zess.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 17. Janu­ar 2011 – L 2 R 2984/​10 B

  1. Mey­er-Lade­wi­g/Kel­ler/​Leitherer, SGG, 9. Aufl.; § 73a Rdnr. 7, 7a mwN[]
  2. vgl. auch BVerfGE 81, 347; BSG SozR 3 – 1500 § 62 Nr. 19[]
  3. vgl. u.a. BVerfG, Beschlüs­se vom 29.09.2004 – 1 BvR 1281/​04; vom 14.04.2003 -1 BvR 1998/​02; und vom 12.01.1993 – 2 BvR 1584/​92[]
  4. vgl. BSG, Urteil vom 17.02.1998 – B 13 RJ 83/​97, SozR 3 – 1500 § 62 Nr. 19[]
  5. vgl. Leit­he­rer in Mey­er-Lade­wi­g/Kel­ler/­Leit­he­rer SGG § 73 a Rn. 7a m.w.N.[]
  6. vgl. nur Kalthoe­n­er/Bütt­ner/W­ro­bel-Sachs, Pro­zess­kos­ten­hil­fe unter Bera­tungs­hil­fe, 4. Aufl. 2005, Rdnr. 423 m.w.N.; Thomas/​Putzo, ZPO, 27. Aufl. 2005, § 119 Rdnr. 4 m.w.N.; Keller/​Leitherer in Mey­er-Lade­wig, SGG, 8. Aufl. 2005, Rdnr. 7c m.w.N.[]
  7. Knit­tel in Hen­nig, SGG, § 73a Rdnr. 15; Krasney/​Udsching, Hand­buch des sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens, Kapi­tel VI Rdnr. 71; Keller/​Leitherer, a.a.O.; Thomas/​Putzo, a.a.O.; LSG Schles­wig-Hol­stein, Beschluss vom 16.12.2001, L 8 B 71/​01 RA PKH in Breit­haupt 2002, 663[]
  8. Knit­tel, a.a.O., Rdnr. 14[]
  9. BVerfG, Beschluss vom 26.06.2003 – 1 BvR 1152/​02, SozR 4 – 1500 § 73a Nr. 1[]
  10. BVerfG, a.a.O.[]
  11. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 27.04.2010, a.a.O.[]
  12. vgl. dazu LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 18.06.2009 – L 12 B 2/​08 SB; danach soll die Ein­ho­lung von Befund­be­rich­ten ohne gut­acht­li­che Stel­lung­nah­me noch kei­ne hin­rei­chen­de Erfolgs­aus­sicht begrün­den[]
  13. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 01.12.2005 – L 10 R 4283/​05 PKH‑B[]
  14. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 28. März 2007 – L 5 R 5913/​06[]
  15. sie­he Moz­ter in Münch­Komm zur ZPO Bd. 1 § 118 Rn. 20[]
  16. vgl. dazu Hes­si­sches LSG, Beschluss vom 29.03.2006 – L 4 B 63/​06 ARG V[]