erhöh­ten Säum­nis­zu­schlä­gen auf die Bei­trags­rück­stän­de frei­wil­lig Kran­ken­ver­si­cher­ter

Eine gesetz­li­che Kran­ken­kas­se kann auf­grund einer ent­spre­chen­den sat­zungs­mä­ßi­gen Bestim­mung von ihren frei­wil­lig ver­si­cher­ten Mit­glie­dern erhöh­te Säum­nis­zu­schlä­ge – im Streit­fall in Höhe von 5 % statt 1 % – auf die geschul­de­ten Bei­trä­ge zur frei­wil­li­gen Kran­ken­ver­si­che­rung ver­lan­gen, mit denen das Mit­glied län­ger als einen Monat säu­mig ist.

erhöh­ten Säum­nis­zu­schlä­gen auf die Bei­trags­rück­stän­de frei­wil­lig Kran­ken­ver­si­cher­ter

Rechts­grund­la­ge hier­für ist § 24 Abs 1a SGB IV in der ab 1.04.2007 gel­ten­den Fas­sung des Geset­zes zur Stär­kung des Wett­be­werbs in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV-WSG) 1. Danach haben u.a. frei­wil­lig Ver­si­cher­te abwei­chend zu § 24 Abs 1 SGB IV für Bei­trä­ge und Bei­trags­vor­schüs­se, mit denen sie län­ger als einen Monat säu­mig sind, für jeden wei­te­ren ange­fan­ge­nen Monat der Säum­nis einen Säum­nis­zu­schlag von 5 % des rück­stän­di­gen, auf 50 € nach unten abge­run­de­ten Bei­tra­ges zu zah­len. Die­se Vor­aus­set­zun­gen wer­den durch die Säum­nis des frei­wil­lig Ver­si­cher­tes erfüllt; die Kran­ken­kas­se hat die Säum­nis­zu­schlä­ge auf die Kran­ken­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge auch zutref­fend ermit­telt.

§ 24 Abs 1a SGB IV ist vor­lie­gend anwend­bar, denn er fin­det ab sei­nem Inkraft­tre­ten am 1.04.2007 2 Anwen­dung auch auf sog. Alt­schul­den, also vor die­sem Tag fäl­lig gewor­de­ne Bei­trä­ge 3. Dies folgt aus den Grund­sät­zen des inter­tem­po­ra­len Rechts, auf die bei Feh­len beson­de­rer Über­gangs- oder Über­lei­tungs­vor­schrif­ten – wie hier – zurück­zu­grei­fen ist 4. Danach ist ein Rechts­satz grund­sätz­lich nur auf sol­che Sach­ver­hal­te anwend­bar, die nach sei­nem Inkraft­tre­ten ver­wirk­licht wer­den. Dem­entspre­chend hat das BSG in stän­di­ger Recht­spre­chung ent­schie­den, dass sich die Ent­ste­hung und der Fort­be­stand sozi­al­recht­li­cher Ansprü­che bzw Rechts­ver­hält­nis­se nach dem Recht beur­tei­len, das zur Zeit der anspruchs­be­grün­den­den Ereig­nis­se oder Umstän­de gegol­ten hat, soweit nicht spä­ter in Kraft getre­te­nes Recht etwas ande­res bestimmt 5.

"Anspruchs­be­grün­den­der Umstand" im Rah­men des § 24 Abs 1a SGB IV ist nicht das erst­ma­li­ge Ent­ste­hen des Bei­trags­an­spruchs bzw des­sen Fäl­lig­keit, son­dern das Vor­lie­gen der Säum­nis "für jeden wei­te­ren Monat", wodurch ein Anspruch auf zusätz­li­che Säum­nis­zu­schlä­ge für die­sen Monat erst­ma­lig ent­steht und ggf zur Sum­me der bereits in den Vor­mo­na­ten abschlie­ßend ent­stan­de­nen Säum­nis­zu­schlä­ge zu addie­ren ist. In die­sem Sin­ne wird der Sach­ver­halt der Säum­nis mit jedem wei­te­ren Monat jeweils neu ver­wirk­licht. § 24 Abs 1a SGB IV ist daher auf alle Ansprü­che auf (wei­te­re) Säum­nis­zu­schlä­ge anzu­wen­den, die nach dem 1.04.2007 ent­stan­den sind bzw ent­ste­hen, ohne dass hier­in eine unzu­läs­si­ge ech­te Rück­wir­kung oder auch nur eine – grund­sätz­lich zuläs­si­ge – unech­te Rück­wir­kung bzw tat­be­stand­li­che Rück­an­knüp­fung 6 läge.

Der in der GKV frei­wil­lig ver­si­cher­te frei­wil­lig Ver­si­cher­te war mit den Bei­trä­gen für die Zeit 1.12.2006 bis 15.03.2007 säu­mig, weil er die­se nicht bis zum Ablauf des jewei­li­gen Fäl­lig­keits­ta­ges gezahlt hat (vgl § 24 Abs 1a i.V.m. Abs 1 S 1 SGB IV). Dabei kann das Bun­des­so­zi­al­ge­richt offen­las­sen, ob die Bei­trä­ge zur frei­wil­li­gen Kran­ken­ver­si­che­rung nach § 23 Abs 1 S 1 und 4 SGB IV 7 i.V.m. § 22 Abs 1 S 1 der Sat­zung der AOK Bran­den­burg 8 jeweils zum Fünf­zehn­ten des Fol­ge­mo­nats oder nach § 23 Abs 1 S 2 SGB IV bereits am dritt­letz­ten Bank­ar­beits­tag des Monats, in dem die Tätig­keit aus­ge­übt wur­de, fäl­lig gewor­den sind 9. Denn die Kran­ken­kas­se ist von einer Fäl­lig­keit zum 15. des Fol­ge­mo­nats und damit von der für den frei­wil­lig Ver­si­cher­te güns­ti­ge­ren Aus­le­gung des § 23 SGB IV aus­ge­gan­gen.

Die Kran­ken­kas­se hat zu Recht Säum­nis­zu­schlä­ge gemäß § 24 Abs 1a SGB IV bereits ab dem zwei­ten und nicht erst ab dem drit­ten Monat der Säum­nis 10 erho­ben 11. Bereits der Wort­laut des § 24 Abs 1a SGB IV spricht dafür, dass der erhöh­te Säum­nis­zu­schlag schon ab dem zwei­ten Monat der Säum­nis zu erhe­ben ist, was auch die Geset­zes­ma­te­ria­li­en bestä­ti­gen.

Nach § 24 Abs 1a SGB IV haben "abwei­chend zu Absatz 1" bestimm­te Ver­si­cher­te "für Bei­trä­ge und Bei­trags­vor­schüs­se, mit denen sie län­ger als einen Monat säu­mig sind, für jeden wei­te­ren ange­fan­ge­nen Monat der Säum­nis" einen Säum­nis­zu­schlag von 5 % zu zah­len. Zwar hat bei einer Säum­nis "län­ger als einen Monat" der zwei­te Monat bereits begon­nen, sodass zu die­sem Zeit­punkt ein "wei­te­rer" Monat der Säum­nis erst nach Ende die­ses Monats beginnt. Dem Satz­teil "mit denen sie län­ger als einen Monat säu­mig sind" kommt inner­halb des Gesamt­sat­zes jedoch nicht die Funk­ti­on zu, den Beginn der Erhe­bung des erhöh­ten Zuschlags zu bezeich­nen. Viel­mehr bezieht er sich auf "Bei­trä­ge und Bei­trags­vor­schüs­se", wodurch der Anwen­dungs­be­reich des Abs 1a gegen­über dem des § 24 Abs 1 SGB IV über die per­so­nel­le Abgren­zung im ers­ten Satz­teil hin­aus zusätz­lich in gegen­ständ­li­cher Hin­sicht abge­grenzt wird. Dem­zu­fol­ge ist § 24 Abs 1a SGB IV auf Bei­trags­rück­stän­de anzu­wen­den, die über die Gren­ze von einem Monat hin­aus­ge­hen; bis zu die­ser Gren­ze ver­bleibt es bei der Anwend­bar­keit des Abs 1. Hier­an knüpft die nur der Rechts­fol­genan­ord­nung zuzu­rech­nen­de Wen­dung "jeden wei­te­ren ange­fan­ge­nen Monat" an, die sich damit auf jeden über den ers­ten Monat hin­aus­ge­hen­den Monat bezieht.

Eine sol­che am Wort­laut ori­en­tier­te Aus­le­gung des § 24 Abs 1a SGB IV ent­spricht auch der Begrün­dung zum Gesetz­ent­wurf der Frak­tio­nen der CDU/​CSU und SPD zum Ent­wurf des GKV-WSG 12. Die­se ver­weist auf die Auf­he­bung des § 191 S 1 Nr 3 SGB V 13, wonach "bis­lang die frei­wil­li­ge Mit­glied­schaft" ende­te, "wenn zwei­mal am Zahl­tag die frei­wil­li­gen Bei­trä­ge nicht ent­rich­tet wur­den". Danach knüpft der Gesetz­ent­wurf zum erhöh­ten Säum­nis­zu­schlag nicht an den Ein­tritt der Rechts­fol­ge des § 191 S 1 Nr 3 SGB V – "mit Ablauf des nächs­ten Zahl­ta­ges" nach Säum­nis für zwei Mona­te 14 – an, son­dern an das Tat­be­stands­ele­ment der Säum­nis für zwei Mona­te; im Kon­text des § 24 Abs 1a SGB IV ent­spricht dies dem Ver­strei­chen­las­sen auch des auf den ursprüng­li­chen Fäl­lig­keits­ter­min fol­gen­den Zahl­tags, sodass der erhöh­te Zuschlag schon ab Beginn des zwei­ten Säum­nis­mo­nats zu zah­len ist.

Dar­über hin­aus hat die Kran­ken­kas­se die nach § 24 Abs 1a SGB IV gefor­der­ten Säum­nis­zu­schlä­ge – was der frei­wil­lig Ver­si­cher­te nicht in Zwei­fel zieht – auch der Höhe nach zutref­fend berech­net; ins­be­son­de­re hat die Kran­ken­kas­se jeden ein­zel­nen Monats­bei­trag vor Berech­nung der Säum­nis­zu­schlä­ge geson­dert auf durch 50 teil­ba­re €-Beträ­ge abge­run­det. Dass – ent­ge­gen dem inso­weit miss­ver­ständ­li­chen Wort­laut – kei­ne Abrun­dung eines jeden Bei­trags auf (nur) 50 € zu erfol­gen hat, ergibt sich schon aus der gleich­lau­ten­den For­mu­lie­rung in § 24 Abs 1 S 1 SGB IV und dem die­se Rege­lung ergän­zen­den § 24 Abs 1 S 2 SGB IV, wonach der Säum­nis­zu­schlag bei einem rück­stän­di­gen Betrag unter 100 € nicht zu erhe­ben ist, sofern er geson­dert schrift­lich anzu­for­dern wäre.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des frei­wil­lig Ver­si­cher­tes ver­stößt § 24 Abs 1a SGB IV, soweit frei­wil­lig Ver­si­cher­te – wie der frei­wil­lig Ver­si­cher­te – einen Säum­nis­zu­schlag in Höhe von 5 % zu zah­len haben, auch nicht gegen höher­ran­gi­ges Recht; ins­be­son­de­re stellt dies kei­nen Ver­stoß gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art 3 Abs 1 GG dar. Auch sons­ti­ges Ver­fas­sungs­recht wird dadurch nicht ver­letzt, sodass die vom frei­wil­lig Ver­si­cher­te begehr­te Aus­set­zung des Ver­fah­rens und Vor­la­ge an das BVerfG gemäß Art 100 Abs 1 S 1 GG nicht in Betracht kam.

Dass frei­wil­lig Ver­si­cher­te gemäß § 24 Abs 1a SGB IV in der ab dem 1.04.2007 gel­ten­den Fas­sung des GKV-WSG 1 einen Säum­nis­zu­schlag in Höhe von 5 % – und damit einen höhe­ren Säum­nis­zu­schlag als ande­re Zah­lungs­pflich­ti­ge – zu zah­len haben, ver­stößt ent­ge­gen der Ansicht des frei­wil­lig Ver­si­cher­tes nicht gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art 3 Abs 1 GG 15.

Art 3 Abs 1 GG gebie­tet dem Norm­ge­ber, wesent­lich Glei­ches gleich und wesent­lich Unglei­ches ungleich zu behan­deln. Er ver­wehrt dem Gesetz­ge­ber nicht jede Dif­fe­ren­zie­rung. Dif­fe­ren­zie­run­gen bedür­fen jedoch stets der Recht­fer­ti­gung durch Sach­grün­de, die dem Dif­fe­ren­zie­rungs­ziel und dem Aus­maß der Ungleich­be­hand­lung ange­mes­sen sind. Der Gleich­heits­satz ist dann ver­letzt, wenn eine Grup­pe von Normadres­sa­ten oder Norm­be­trof­fe­nen im Ver­gleich zu einer ande­ren anders behan­delt wird, obwohl zwi­schen bei­den Grup­pen kei­ne Unter­schie­de von sol­cher Art und sol­chem Gewicht bestehen, dass sie die unter­schied­li­che Behand­lung recht­fer­ti­gen kön­nen. Die Gren­zen, die der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz dem Gesetz­ge­ber vor­gibt, kön­nen sich von ledig­lich auf das Will­kür­ver­bot beschränk­ten Bin­dun­gen bis hin zu stren­gen Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­er­for­der­nis­sen erstre­cken. Es gilt ein am Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz ori­en­tier­ter, stu­fen­lo­ser Prü­fungs­maß­stab, der nicht abs­trakt, son­dern nur nach dem jeweils betrof­fe­nen Sach- und Rege­lungs­be­reich näher bestimm­bar ist. Der Gesetz­ge­ber unter­liegt ins­be­son­de­re dann einer stren­ge­ren Bin­dung, wenn die Dif­fe­ren­zie­rung an Per­sön­lich­keits­merk­ma­le anknüpft, die für den Ein­zel­nen nicht ver­füg­bar sind. Rele­vant für das Maß der Bin­dung ist zudem die Mög­lich­keit der Betrof­fe­nen, durch ihr Ver­hal­ten die Ver­wirk­li­chung der Dif­fe­ren­zie­rungs­kri­te­ri­en zu beein­flus­sen 16. Maß­geb­lich ist, ob für die vor­ge­se­he­ne Dif­fe­ren­zie­rung Grün­de von sol­cher Art und sol­chem Gewicht bestehen, dass sie die unglei­chen Rechts­fol­gen recht­fer­ti­gen kön­nen 17.

Ent­ge­gen der Ansicht des frei­wil­lig Ver­si­cher­tes schei­det ein Ver­gleich der von ihm reprä­sen­tier­ten Grup­pe bei­trags­säu­mi­ger frei­wil­lig gesetz­lich Kran­ken­ver­si­cher­ter mit säu­mi­gen Steu­er­pflich­ti­gen von vor­ne­her­ein aus. Auch wenn die Neu­fas­sung des § 24 Abs 1 SGB IV durch das 2. Gesetz zur Ände­rung des Sozi­al­ge­setz­buchs 18 im Wesent­li­chen die Rege­lun­gen des § 240 Abga­ben­ord­nung über­nahm 19, sind bei­de Grup­pen nicht ver­gleich­bar, da die sie tref­fen­den Zah­lungs­pflich­ten ande­ren recht­li­chen Ord­nungs­be­rei­chen ange­hö­ren und in ande­ren sys­te­ma­ti­schen und sozi­al­ge­schicht­li­chen Zusam­men­hän­gen ste­hen 20. Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz ent­hält kein ver­fas­sungs­recht­li­ches Gebot, ähn­li­che Sach­ver­hal­te in ver­schie­de­nen Ord­nungs­be­rei­chen gleich zu regeln 21.

Aus­ge­hend von den ein­gangs genann­ten Grund­sät­zen ist bei dem Ver­gleich der in § 24 Abs 1a SGB IV genann­ten Grup­pe der säu­mi­gen frei­wil­lig Ver­si­cher­ten – zu der der frei­wil­lig Ver­si­cher­te als Zah­lungs­pflich­ti­ger gehör­te – mit der Grup­pe der säu­mi­gen Zah­lungs­pflich­ti­gen, die nicht in § 24 Abs 1a SGB IV genannt sind und daher nur den nied­ri­ge­ren Säum­nis­zu­schlag nach § 24 Abs 1 SGB IV zu zah­len haben, ein über eine rei­ne Will­kür­kon­trol­le hin­aus­ge­hen­der Prü­fungs­maß­stab anzu­le­gen, denn die an die Art der Mit­glied­schaft anknüp­fen­den gesetz­li­chen Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­ma­le sind per­so­nen­be­zo­gen 22. Jedoch muss im Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen dem Schutz der Frei­heit des Ein­zel­nen und den Anfor­de­run­gen einer sozi­al­staat­li­chen Ord­nung auch der ange­sichts der hohen Bedeu­tung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit und der finan­zi­el­len Sta­bi­li­tät der Sozi­al­ver­si­che­rung wei­te sozi­al­po­li­ti­sche Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers berück­sich­tigt wer­den 23. Unter Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze ist die vor­lie­gen­de Schlech­ter­stel­lung der vom frei­wil­lig Ver­si­cher­te reprä­sen­tier­ten Per­so­nen­grup­pe sach­lich gerecht­fer­tigt, weil sie legi­ti­men Zwe­cken dient und zu deren Errei­chung als geeig­net, erfor­der­lich und ange­mes­sen ange­se­hen wer­den durf­te.

Die Benach­tei­li­gung von säu­mi­gen frei­wil­lig Ver­si­cher­ten gegen­über den säu­mi­gen Zah­lungs­pflich­ti­gen, die nicht in § 24 Abs 1a SGB IV genannt sind und daher nur den nied­ri­ge­ren Säum­nis­zu­schlag nach § 24 Abs 1 SGB IV zu zah­len haben, dient legi­ti­men Zwe­cken.

Die Erhe­bung von Säum­nis­zu­schlä­gen nach § 24 SGB IV sank­tio­niert die ver­spä­te­te Bei­trags­zah­lung, indem durch die säum­nis­be­ding­te Erhö­hung des Zahl­be­tra­ges einer­seits zur Sicher­stel­lung eines geord­ne­ten Ver­wal­tungs­ab­laufs und der Beschaf­fung der hier­für benö­tig­ten Finanz­mit­tel Druck auf den Schuld­ner aus­ge­übt wird 24, ande­rer­seits aber auch ein stan­dar­di­sier­ter Min­dest­scha­dens­aus­gleich für den durch die Nicht­zah­lung ein­ge­tre­te­nen Zins­ver­lust und Ver­wal­tungs­auf­wand vor­ge­nom­men wird 25. Damit soll sicher­ge­stellt wer­den, dass die Sozi­al­leis­tungs­trä­ger die ent­stan­de­nen Bei­trä­ge zum Fäl­lig­keits­ter­min auch tat­säch­lich zur Erfül­lung ihrer Leis­tungs­pflich­ten zur Ver­fü­gung haben, und soll aus­ge­schlos­sen wer­den, dass sich der Bei­trags­schuld­ner durch rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten ein "zins­lo­ses" Dar­le­hen ver­schafft oder durch eine ver­spä­te­te Bei­trags­zah­lung selbst einen Zins­vor­teil erlangt 26. In die­ser "Dop­pel­funk­ti­on" die­nen Säum­nis­zu­schlä­ge somit der Funk­ti­ons­fä­hig­keit und der finan­zi­el­len Sta­bi­li­tät der Sozi­al­ver­si­che­rung. Hier­bei han­delt es sich um einen über­ra­gend wich­ti­gen Gemein­wohl­be­lang und ein legi­ti­mes gesetz­ge­be­ri­sches Ziel 27.

Die­sen legi­ti­men Zwe­cken dient auch die Ergän­zung des § 24 SGB IV um Abs 1a mit der Anord­nung erhöh­ter Säum­nis­zu­schlä­ge für frei­wil­lig Ver­si­cher­te. Die Anord­nung erhöh­ter Säum­nis­zu­schlä­ge in § 24 Abs 1a SGB IV ist Fol­ge der mit Ein­füh­rung einer Ver­si­che­rungs­pflicht für Per­so­nen, die kei­nen ande­ren Anspruch auf Absi­che­rung im Krank­heits­fall haben, erfolg­ten Auf­he­bung des bis­he­ri­gen § 191 S 1 Nr 3 SGB V durch das GKV-WSG 28. Nach § 191 S 1 Nr 3 SGB V in der bis zum 31.03.2007 gel­ten­den Fas­sung ende­te die Mit­glied­schaft frei­wil­lig Ver­si­cher­ter mit Ablauf des nächs­ten Zahl­ta­ges, wenn für zwei Mona­te die fäl­li­gen Bei­trä­ge trotz Hin­wei­ses auf die Fol­gen nicht ent­rich­tet wor­den waren. Durch die Auf­he­bung des § 191 S 1 Nr 3 SGB V blei­ben nun­mehr frei­wil­li­ge Mit­glie­der dau­er­haft in der GKV ver­si­chert, ohne dass die Nicht­zah­lung von Bei­trä­gen die Mit­glied­schaft been­det. Da die Bei­trä­ge nur im Wege der regu­lä­ren Voll­stre­ckung bei­zu­trei­ben sind, soll­te zur Durch­set­zung der Ver­pflich­tung der Bei­trags­zah­lung die schuld­haf­te Nicht­zah­lung der Bei­trä­ge künf­tig mit einem höhe­ren Säum­nis­zu­schlag ver­se­hen wer­den. Dies sei schon allein des­halb erfor­der­lich, weil Ein­nah­me­aus­fäl­le von der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft aus­zu­glei­chen sei­en. Die Sank­ti­on durch Säum­nis­zu­schlä­ge in der bis­he­ri­gen Höhe von 1 % wur­de als nicht aus­rei­chend betrach­tet 29. Die Erhö­hung des Säum­nis­zu­schlags für die in § 24 Abs 1a SGB IV genann­ten Per­so­nen­grup­pen zielt somit auf eine gegen­über § 24 Abs 1 SGB IV ver­stärk­te Druck­funk­ti­on, um die Säu­mi­gen zur Bei­trags­zah­lung zu bewe­gen, und gleich­zei­tig auf einen gegen­über § 24 Abs 1 SGB IV höhe­ren pau­scha­lier­ten Scha­dens­aus­gleich für die durch die Nicht­zah­lung ein­ge­tre­te­nen Nach­tei­le der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft. Auch § 24 Abs 1a SGB IV dient somit den legi­ti­men Zie­len der Funk­ti­ons­fä­hig­keit und der finan­zi­el­len Sta­bi­li­tät der Sozi­al­ver­si­che­rung.

Gegen den erhöh­ten Säum­nis­zu­schlag für frei­wil­lig Ver­si­cher­te kann auch nicht mit Erfolg ein­ge­wandt wer­den, er sei zur Errei­chung die­ser Zwe­cke nicht geeig­net, nicht erfor­der­lich und unan­ge­mes­sen.

Der Gesetz­ge­ber durf­te nach Weg­fall der Been­di­gung der Mit­glied­schaft frei­wil­lig in der GKV Kran­ken­ver­si­cher­ter wegen Säum­nis im Rah­men des ihm bei der Gestal­tung des Sozi­al­rechts zukom­men­den Spiel­raums 30 für die Grup­pe der frei­wil­lig Ver­si­cher­ten erhöh­te Säum­nis­zu­schlä­ge als geeig­net und erfor­der­lich anse­hen, um auch für die­se einen aus­rei­chen­den Aus­gleich des mit der Bei­trei­bung ver­spä­te­ter Bei­trä­ge ver­bun­de­nen Ver­wal­tungs­auf­wan­des und einen hin­läng­li­chen Druck zur pünkt­li­chen Zah­lung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen sicher­zu­stel­len. Eine Erhö­hung des Säum­nis­zu­schlags von 1 % auf 5 % ist hier­zu geeig­net, denn der Auf­wand für die Bei­trei­bung aus­ste­hen­der Bei­trä­ge wird hier­durch stär­ker aus­ge­gli­chen. Gleich­zei­tig ver­stärkt sich der wirt­schaft­li­che Anreiz zur pünkt­li­chen Zah­lung. Der erhöh­te Säum­nis­zu­schlag durf­te auch als erfor­der­lich ange­se­hen wer­den. Der Gesetz­ge­ber durf­te davon aus­ge­hen, dass der Ver­wal­tungs­auf­wand bei der Bei­trei­bung von Bei­trä­gen der ein­zel­nen Selbst­zah­ler, zu denen auch die frei­wil­li­gen Mit­glie­der gehö­ren (vgl § 250 Abs 2, § 252 Abs 1 S 1 SGB V), gegen­über bei­trags­ab­füh­ren­den Stel­len (zB Arbeit­ge­bern, die von § 24 Abs 1 SGB IV erfasst wer­den, vgl § 249, § 252 Abs 1 S 1, § 253 SGB V, §§ 28d, 28e Abs 1 S 1 SGB IV) idR deut­lich höher ist, weil der ein­zel­ne Selbst­zah­ler geson­dert in Anspruch genom­men wer­den muss, wäh­rend Arbeit­ge­ber als Bei­trags­schuld­ner für eine idR grö­ße­re Anzahl von Ver­si­cher­ten ange­gan­gen wer­den kön­nen. Gleich­zei­tig durf­te der Gesetz­ge­ber auch eine gerin­ge­re Zah­lungs­mo­ral frei­wil­li­ger Mit­glie­der unter­stel­len, wenn in den Mate­ria­li­en aus­ge­führt wird, dass die "schuld­haf­te" Nicht­zah­lung zu sank­tio­nie­ren und dafür 1 % nicht aus­rei­chend sei 31. Inso­weit bie­ten die seit 1.04.2007 stei­gen­den Bei­trags­rück­stän­de frei­wil­lig Ver­si­cher­ter 32 einen über­zeu­gen­den Anhalt dafür, dass die Anga­be der Kran­ken­kas­sen zutrifft, wonach die Rück­stands­quo­te unter frei­wil­li­gen Mit­glie­dern zwi­schen 13 % und 17 %, dage­gen im Bereich der Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge nur bei 6 % bis 7 % liegt.

Die mit der Fest­le­gung des erhöh­ten Säum­nis­zu­schlags von 5 % anstel­le eines sol­chen von 1 % ein­her­ge­hen­de Benach­tei­li­gung frei­wil­lig Ver­si­cher­ter gegen­über dem von § 24 Abs 1 SGB IV erfass­ten Per­so­nen­kreis ist auch noch ange­mes­sen; die vor­ste­hend benann­ten Recht­fer­ti­gungs­grün­de hier­für ste­hen noch in einem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis zum Grad der Ungleich­be­hand­lung 33. Die Fol­gen eines Bei­trags­rück­stands wur­den gegen­über der zuvor bestehen­den Rechts­la­ge sogar abge­schwächt 34, da nun­mehr im Fal­le eines Bei­trags­rück­stan­des Säum­nis­zu­schlä­ge erho­ben wer­den, wäh­rend bis­her Bei­trags­rück­stän­de frei­wil­lig Ver­si­cher­ter deren Mit­glied­schaft been­de­ten, wodurch auch eine frei­wil­li­ge Ver­si­che­rung bei einer ande­ren Kran­ken­kas­se aus­ge­schlos­sen war (vgl § 191 S 1 Nr 3, S 2 SGB V in der bis 31.03.2007 gel­ten­den Fas­sung).

Auch der Höhe nach bedeu­tet der erhöh­te Säum­nis­zu­schlag ab dem zwei­ten Monat der Säum­nis jeden­falls typi­scher­wei­se kei­ne unan­ge­mes­se­ne Mehr­be­las­tung, wie dies die vor­lie­gend in Streit ste­hen­den abso­lu­ten Beträ­ge bei­spiel­haft zei­gen. So befand sich der frei­wil­lig Ver­si­cher­te bei Erlass des strei­ti­gen Bescheids am 6.08.2007 mit drei­ein­halb Monats­bei­trä­gen in einer Gesamt­hö­he von 685,08 € im Rück­stand, wobei Säum­nis bezüg­lich der Bei­trä­ge für Dezem­ber 2006 bereits seit 16.01.2007, also seit mehr als einem hal­ben Jahr bestand. Auf­grund des § 24 Abs 1a SGB IV waren auf die rück­stän­di­gen Bei­trä­ge für Dezem­ber 2006 ab 1.04.2007 Säum­nis­zu­schlä­ge von monat­lich 7,50 € (5 %) anstel­le des zuvor monat­lich ange­fal­le­nen Zuschlags von 1,50 € (1 %) zu zah­len. Bei zutref­fen­der Berech­nung betrü­gen die vom frei­wil­lig Ver­si­cher­te bei aus­schließ­li­cher Anwen­dung des § 24 Abs 1 SGB IV am 6.08.2007 ins­ge­samt ange­fal­le­nen Säum­nis­zu­schlä­ge 36,50 € anstel­le der von der Kran­ken­kas­sen – ab dem 1.04.2007 in ergän­zen­der Anwen­dung des § 24 Abs 1a SGB IV – gefor­der­ten 136,50 €, sodass die aus der Neu­re­ge­lung fol­gen­de Mehr­be­las­tung des frei­wil­lig Ver­si­cher­tes auf­grund sei­ner anhal­ten­den Säum­nis genau 100,00 € beträgt.

Zutref­fend weist die Kran­ken­kas­se auch dar­auf hin, dass selbst bei einem monat­li­chen Höchst­bei­trag von 592,88 € (3825 € x 15,5 %) im Jah­re 2012 durch § 24 Abs 1a SGB IV der Säum­nis­zu­schlag ab dem zwei­ten Monat ledig­lich von 5,50 € (550 € x 1 %) auf 27,50 € (50 € x 5 %) steigt, wor­aus sich eine Mehr­be­las­tung von 22,00 € für den zwei­ten und jeden wei­te­ren Monat der Säum­nis ergibt. Die­se Mehr­be­las­tung ist zum Errei­chen einer wirk­sa­men wirt­schaft­li­chen Moti­va­ti­on zur pünkt­li­chen Bei­trags­ent­rich­tung frei­wil­lig Ver­si­cher­ter hin­zu­neh­men. Denn bei zur Abfüh­rung von Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen Ver­pflich­te­ten wer­den zu einem Ter­min regel­mä­ßig Bei­trä­ge für eine grö­ße­re Zahl von Ver­si­cher­ten fäl­lig, sodass sich die hier­auf zu ent­rich­ten­den Säum­nis­zu­schlä­ge zu wirt­schaft­lich bedeu­ten­den Sum­men auf­ad­die­ren. Dem­ge­gen­über haben frei­wil­lig Ver­si­cher­te bei Fäl­lig­keit stets nur einen ein­zel­nen Bei­trag zu ent­rich­ten; auch der nun­mehr ver­fünf­fach­te Zuschlag je Ein­zel­bei­trag ent­spricht nur dem wirt­schaft­li­chen Nach­teil eines säu­mi­gen Arbeit­ge­bers mit fünf pflicht­ver­si­cher­ten Arbeit­neh­mern.

Eine auch in abso­lu­ten Zah­len deut­lich spür­ba­re Mehr­be­las­tung ergibt sich aller­dings bei einer län­ge­ren Säum­nis, ins­be­son­de­re wenn die­se nicht einen ein­zel­nen, son­dern meh­re­re Monats­bei­trä­ge betrifft, weil zB die Bei­trags­zah­lung über einen län­ge­ren Zeit­raum voll­stän­dig unter­bleibt. Inso­weit hat der Gesetz­ge­ber jedoch aus­rei­chen­de Vor­keh­run­gen getrof­fen, um auf­tre­ten­de Här­ten zu ver­mei­den bzw abzu­mil­dern. So sind Säum­nis­zu­schlä­ge auf eine durch Bescheid mit Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit fest­ge­stell­te Bei­trags­for­de­rung nach § 24 Abs 2 SGB IV nicht zu erhe­ben, soweit der Bei­trags­schuld­ner glaub­haft macht, dass er unver­schul­det kei­ne Kennt­nis von der Zah­lungs­pflicht hat­te. Eine kurz­fris­ti­ge Säum­nis zieht auch bei frei­wil­lig Ver­si­cher­ten noch kei­nen erhöh­ten Säum­nis­zu­schlag nach sich. Die­ser fällt erst an, wenn die geschul­de­te Bei­trags­zah­lung nicht inner­halb eines Monats nach Fäl­lig­keit nach­ge­holt wird und die Säum­nis für mehr als einen Monat fort­be­steht.

Sofern ein frei­wil­lig Ver­si­cher­ter wirt­schaft­lich nicht in der Lage ist, die fäl­li­gen Bei­trä­ge aus eige­nem Ein­kom­men oder Ver­mö­gen zu tra­gen, besteht für ihn die Mög­lich­keit, Leis­tun­gen nach dem SGB II oder SGB XII zu bean­tra­gen. Bei Bedürf­tig­keit und Leis­tungs­be­zug nach dem SGB II wäre der frei­wil­lig Ver­si­cher­te im hier zu betrach­ten­den Säum­nis­zeit­raum (16.01. bis 6.08.2007) in der GKV ver­si­che­rungs­pflich­tig gewor­den (§ 5 Abs 1 Nr 2a SGB V i.d.F. durch Gesetz vom 24.12.2003 35). Gegen­wär­tig wür­den zumin­dest die Bei­trä­ge zur frei­wil­li­gen Kran­ken­ver­si­che­rung nach § 26 Abs 1 S 1 Nr 2 SGB II bzw § 32 Abs 1 oder 2 SGB XII über­nom­men.

In Här­te­fäl­len kann dar­über hin­aus eine zZ nied­ri­ger ver­zins­te 36 oder aus­nahms­wei­se sogar zins­lo­se Stun­dung der Bei­trags­for­de­rung in Betracht kom­men (§ 76 Abs 2 S 1 Nr 1, S 2 SGB IV; vgl BSG SozR 2100 § 76 Nr 1). Auch durch Erlass und Nie­der­schla­gung (vgl § 76 Abs 2 S 1 Nr 2 und Nr 3 SGB IV) der Bei­trags­for­de­rung 37 oder nur der Säum­nis­zu­schlä­ge 38 kann auf Här­te­fäl­le reagiert wer­den.

Wenn der frei­wil­lig Ver­si­cher­te den erhöh­ten Säum­nis­zu­schlag nach § 24 Abs 1a SGB IV gleich­wohl nicht mehr für recht­mä­ßig hält, weil sich ein "Ver­zugs­zins von 60 % per annum" im Bereich des "straf­ba­ren Wuchers" bewe­ge und "sich außer­halb des sozia­len Rechts­staats stel­le" (Rüge der Ver­let­zung von Art 3 Abs 1 GG i.V.m. Art 20 Abs 3 GG), ver­kennt er, dass es sich beim Unter­las­sen der Zah­lung geschul­de­ter und fäl­li­ger Bei­trä­ge zur Kran­ken­ver­si­che­rung nicht um die Inan­spruch­nah­me eines pri­va­ten Kre­dits han­delt. Viel­mehr kann die ter­min­ge­rech­te Bei­trags­ent­rich­tung zur Siche­rung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der GKV nicht zur Dis­po­si­ti­on des ein­zel­nen Bei­trags­schuld­ners ste­hen, wes­halb es wirk­sa­mer Anrei­ze zur pünkt­li­chen Erfül­lung der öffent­lich-recht­lich begrün­de­ten Bei­trags­zah­lungs­pflich­ten bedarf. Zudem ver­bleibt dem Ver­si­cher­ten selbst bei nach­hal­ti­ger Bei­trags­ver­wei­ge­rung immer noch ein – wenn auch begrenz­ter – Leis­tungs­an­spruch gegen sei­ne Kran­ken­kas­se (§ 16 Abs 3a S 2 SGB V).

Ein Ver­stoß gegen Art 3 Abs 1 GG liegt auch nicht vor, soweit der Gesetz­ge­ber ande­re Grup­pen von Selbst­zah­lern – wie Stu­den­ten, Ren­ten­an­trag­stel­ler gemäß § 189 SGB V und Schwan­ge­re, deren Mit­glied­schaft nach § 192 Abs 2 SGB V erhal­ten bleibt (vgl § 250 Abs 1 Nr 3 i.V.m. § 254 SGB V, § 250 Abs 2 SGB V) – nicht der Ver­pflich­tung zur Zah­lung erhöh­ter Säum­nis­zu­schlä­ge nach § 24 Abs 1a SGB IV unter­wor­fen und damit gegen­über Per­so­nen wie dem frei­wil­lig Ver­si­cher­te pri­vi­le­giert hat. Hier­bei han­delt es sich um Grup­pen, deren Mit­glie­der idR für eine begrenz­te und damit kür­ze­re Zeit Selbst­zah­ler sind als die Mit­glie­der der Grup­pe der frei­wil­lig Ver­si­cher­ten. Dar­über hin­aus sind die­se Per­so­nen pflicht­ver­si­chert (vgl § 5 Abs 1 Nr 9, § 189 Abs 1 S 1, § 192 Abs 2 SGB V) 39, wor­in ein aus Sicht des Gesetz­ge­bers gegen­über frei­wil­lig Ver­si­cher­ten gestei­ger­tes Schutz­be­dürf­nis zum Aus­druck kommt. Mit Rück­sicht hier­auf ist es dem Gesetz­ge­ber nicht ver­wehrt, die Grup­pe der pflicht­ver­si­cher­ten Selbst­zah­ler bes­ser zu behan­deln, als die der frei­wil­lig in der GKV Ver­si­cher­ten, deren Schutz­be­dürf­nis er als so gering ansieht, dass er ihnen den Weg der Absi­che­rung gegen Krank­heits­ri­si­ken – frei­wil­li­ge Mit­glied­schaft in der GKV oder Wech­sel zur pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung – nach Maß­ga­be des § 9 Abs 1 SGB V frei­stellt.

Die Ver­pflich­tung frei­wil­li­ger GKV-Mit­glie­der wie des frei­wil­lig Ver­si­cher­tes zur Zah­lung eines erhöh­ten Säum­nis­zu­schlags nach § 24 Abs 1a SGB IV stellt auch kei­nen Ver­stoß gegen die all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit nach Art 2 Abs 1 GG dar. Dabei kann offen­blei­ben, ob der Schutz­be­reich des Art 2 Abs 1 GG vor­lie­gend über­haupt berührt ist. Aner­kannt ist dies nur für den Fall, dass der Gesetz­ge­ber durch die Anord­nung von Zwangs­mit­glied­schaft und Bei­trags­pflich­ten in einem öffent­lich-recht­li­chen Ver­band der Sozi­al­ver­si­che­rung die all­ge­mei­ne Betä­ti­gungs­frei­heit des Ein­zel­nen durch Ein­schrän­kung ihrer wirt­schaft­li­chen Vor­aus­set­zun­gen nicht uner­heb­lich ein­engt 40, wobei auch Rege­lun­gen, die das Sozi­al­ver­si­che­rungs­ver­hält­nis, vor allem die Bei­trä­ge der Ver­si­cher­ten und die Leis­tun­gen näher aus­ge­stal­ten, am Maß­stab des Art 2 Abs 1 GG zu mes­sen sind 41. Jedoch ist das Grund­recht der all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit nur in den Schran­ken des Art 2 Abs 1 Halbs 2 GG gewähr­leis­tet. Es ist daher nicht ver­letzt, wenn die Ein­griffs­nor­men for­mell und mate­ri­ell ver­fas­sungs­ge­mäß sind, ins­be­son­de­re dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit und den rechts­staat­li­chen Anfor­de­run­gen des Ver­trau­ens­schut­zes ent­spre­chen 42. Dies ist hier der Fall, denn die Erhe­bung eines erhöh­ten Säum­nis­zu­schlags von 5 % von frei­wil­lig Ver­si­cher­ten ist – wie oben dar­ge­stellt – ver­hält­nis­mä­ßig: sie dient dem legi­ti­men gesetz­ge­be­ri­schen Ziel der Siche­rung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit und der finan­zi­el­len Sta­bi­li­tät der Sozi­al­ver­si­che­rung und durf­te zur Errei­chung die­ses Ziels als geeig­net, erfor­der­lich und ange­mes­sen ange­se­hen wer­den. Sie ver­letzt – ent­ge­gen der inso­weit nicht näher begrün­de­ten Rüge des frei­wil­lig Ver­si­cher­tes – auch nicht das Prin­zip rechts­staat­li­chen Ver­trau­ens­schut­zes (vgl Art 20 Abs 3 GG). Zwar begren­zen Rechts­staats­prin­zip und Grund­rech­te die Befug­nis des Gesetz­ge­bers, Rechts­än­de­run­gen vor­zu­neh­men, die an Sach­ver­hal­te der Ver­gan­gen­heit anknüp­fen. Ver­fas­sungs­recht­lich nicht geschützt ist jedoch die schlich­te Erwar­tung, das gel­ten­de Recht wer­de auch in der Zukunft unver­än­dert fort­be­stehen 43. Weil § 24 Abs 1a SGB IV nicht an den Zeit­raum anknüpft, für den Bei­trä­ge geschul­det wer­den, son­dern an den Sach­ver­halt der (fort­be­stehen­den) Säum­nis, der mit jedem wei­te­ren Monat jeweils neu ver­wirk­licht wird, liegt in der Anwen­dung die­ser Norm auch auf sog. Alt­schul­den kei­ne unzu­läs­si­ge ech­te Rück­wir­kung oder auch nur eine – grund­sätz­lich zuläs­si­ge – unech­te Rück­wir­kung bzw tat­be­stand­li­che Rück­an­knüp­fung.

Die Ver­pflich­tung frei­wil­lig Ver­si­cher­ter, nach § 24 Abs 1a SGB IV bei Säum­nis einen erhöh­ten Zuschlag zu zah­len, ver­stößt auch im Übri­gen nicht gegen Ver­fas­sungs­recht.

Ins­be­son­de­re lässt sich vor­lie­gend aus dem Sozi­al­staats­prin­zip (Art 20 Abs 1 GG) – ent­ge­gen der Ansicht des frei­wil­lig Ver­si­cher­tes – auch kein Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­bot (i.V.m. Art 3 Abs 1 GG) her­lei­ten. Zwar begrün­det das Sozi­al­staats­prin­zip die objek­ti­ve Pflicht des Staa­tes, für eine gerech­te Sozi­al­ord­nung zu sor­gen, die Erfül­lung die­ser Ver­pflich­tung obliegt indes­sen vor­nehm­lich der eigen­ver­ant­wort­li­chen Gestal­tung des Gesetz­ge­bers, wobei ihm ein wei­ter Gestal­tungs­spiel­raum ein­ge­räumt ist 44, und führt auch in der Zusam­men­schau mit dem Gleich­heits­satz (Art 3 Abs 1 GG) regel­mä­ßig – wie auch vor­lie­gend – nicht zu Beschrän­kun­gen des Gesetz­ge­bers 45; ins­be­son­de­re kann es nicht zur Kor­rek­tur jeg­li­cher hart oder unbil­lig erschei­nen­den Fol­gen von gesetz­li­chen Rege­lun­gen die­nen 46.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 29. August 2012 – B 12 KR 3/​11 R

  1. vom 26.03.2007, BGBl I 378[][]
  2. vgl Art 46 Abs 1 GKV-WSG, BGBl I 2007, 378, 471[]
  3. zustim­mend Met­te in Beck'scher Online-Kom­men­tar, § 24 SGB IV RdNr 7a, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung März 2012; aA Roß­bach in Kreikebohm/​Spellbrink/​Waltermann, Kom­men­tar zum Sozi­al­recht, 2. Aufl 2011, § 24 SGB IV RdNr 6[]
  4. vgl zB BSG SozR 4 – 5910 § 111 Nr 1 RdNr 9[]
  5. BSG SozR 4 – 4300 § 335 Nr 1 RdNr 13 mit zahl­rei­chen Nach­wei­sen[]
  6. zu deren Vor­aus­set­zun­gen vgl zB BVerfGE 128, 90, 106 f = SozR 4 – 1100 Art 14 Nr 23 RdNr 45, 47 mwN[]
  7. i.d.F. des Ers­ten Geset­zes zum Abbau büro­kra­ti­scher Hemm­nis­se ins­be­son­de­re in der mit­tel­stän­di­schen Wirt­schaft vom 22.08.2006, BGBl I 1970[]
  8. vom 08.10.1991 i.d.F. des 17. Nach­tra­ges vom 18.12.1996[]
  9. vgl zum Streit­stand: Bai­er in Kraus­kopf, Sozia­le Krankenversicherung/​Pflegeversicherung, § 23 SGB IV RdNr 8, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Novem­ber 2011 mwN[]
  10. so gefor­dert von Sege­brecht in juris­PK-SGB IV, 2. Aufl 2011, § 24 RdNr 50, 52 f[]
  11. wie hier zB See­wald in Kas­se­ler Komm, § 24 SGB IV RdNr 8, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Okto­ber 2008; Roß­bach in Kreikebohm/​Spellbrink/​Waltermann, Kom­men­tar zum Sozi­al­recht, 2. Aufl 2011, § 24 SGB IV RdNr 6; Bai­er in Kraus­kopf, Sozia­le Krankenversicherung/​Pflegeversicherung, § 24 SGB IV RdNr 15, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung März 2007[]
  12. BT-Drucks 16/​3100 S 182 []
  13. in der bis zum 31.03.2007 gel­ten­den Fas­sung des Geset­zes zur Ein­ord­nung des Sozi­al­hil­fe­rechts in das Sozi­al­ge­setz­buch vom 27.12.2003, BGBl I 3022[]
  14. vgl hier­zu BSGE 76, 28 = SozR 3 – 2500 § 191 Nr 2[]
  15. so im Ergeb­nis auch SG Darm­stadt Urteil vom 25.02.2011 – S 13 KR 244/​09;; SG Aachen Urteil vom 11.01.2011 – S 13 KR 234/​10;; kri­tisch See­wald in Kas­se­ler Komm, § 24 SGB IV RdNr 9 ff, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Okto­ber 2008; Bai­er in Kraus­kopf, Sozia­le Krankenversicherung/​Pflegeversicherung, § 24 SGB IV RdNr 14, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung März 2007[]
  16. stRspr des BVerfG, vgl zB BVerfGE 129, 49, 68 f mwN; und BVerfGE 113, 167, 214 f = SozR 4 – 2500 § 266 Nr 8 RdNr 83[]
  17. vgl BVerfGE 82, 126, 146; 88, 87, 97[]
  18. vom 13.06.1994, BGBl I 1229[]
  19. vgl Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zum Ent­wurf eines Geset­zes zur Ände­rung von Vor­schrif­ten des Sozi­al­ge­setz­bu­ches über den Schutz der Sozi­al­da­ten sowie zur Ände­rung ande­rer Vor­schrif­ten, BT-Drucks 12/​5187 S 27 f und S 30 Zu Num­mer 8 Zu Absatz 1[]
  20. vgl zu die­sem Aspekt der Ver­gleich­bar­keit BVerfGE 40, 121, 139 f = SozR 2400 § 44 Nr 1 S 6 f mwN; BVerw­GE 124, 178, 185[]
  21. BVerfGE 75, 78, 107 = SozR 2200 § 1246 Nr 142 S 468; BAGE 87, 180, 184[]
  22. vgl auch BVerfGE 102, 68, 87 = SozR 3 – 2500 § 5 Nr 42 S 184[]
  23. vgl BVerfGE 113, 167, 215 = SozR 4 – 2500 § 266 Nr 8 RdNr 84 ff mwN[]
  24. BSG SozR 4 – 2400 § 24 Nr 5 RdNr 15; BSG SozR 4 – 2500 § 266 Nr 4 RdNr 15; BSGE 35, 78 = SozR Nr 1 zu § 397a RVO; BSG Urteil vom 23.10.1987 – 12 RK 11/​86ZIP 1988, 984, 985[]
  25. BSGE 92, 150, 152 = SozR 4 – 2400 § 24 Nr 2, RdNr 12; BSGE 88, 146, 152 = SozR 3 – 2400 § 24 Nr 4 S 15[]
  26. BSGE 92, 150, 152 = SozR 4 – 2400 § 24 Nr 2, RdNr 12[]
  27. vgl BVerfGE 123, 186, 264 f = SozR 4 – 2500 § 6 Nr 8 RdNr 233 mwN[]
  28. zur Ände­rung des § 191 vgl Gesetz­ent­wurf der Frak­tio­nen der CDU/​CSU und SPD zum Ent­wurf des GKV-WSG, BT-Drucks 16/​3100 S 159 zu Num­mer 139 []
  29. Gesetz­ent­wurf zum GKV-WSG, aaO, S 182 zu Art 5 Num­mer 1a []
  30. vgl BVerfG SozR 4 – 2600 § 68 Nr 2 RdNr 53; BVerfGE 75, 78, 101 = SozR 2200 § 1246 Nr 142 S 464; BVerfGE 76, 220, 241 = SozR 4100 § 242b Nr 3 S 14; BVerfGE 100, 1, 37 = SozR 3 – 8570 § 10 Nr 3 S 51[]
  31. vgl Gesetz­ent­wurf zum GKV-WSG, BT-Drucks 16/​3100 S 182 zu Art 5 Num­mer 1a []
  32. vgl Stel­lung­nah­me der Sach­ver­stän­di­gen Dr. Pfeif­fer in der 21. Sit­zung des Aus­schus­ses für Gesund­heit am 25.10.2010, Pro­to­koll Nr 17/​21 S 9; Ergeb­nis der Bespre­chung des Fach­aus­schus­ses Grund­satz­fra­gen und Gesund­heits­po­li­tik des GKV-Spit­zen­ver­ban­des vom 03.11.2009, Die Bei­trä­ge 2010, 81, 82 und 88; Greß/​Walendzik/​Wasem, Aus­wir­kun­gen der Rege­lun­gen des GKV-WSG auf Nicht­ver­si­che­rung im deut­schen Kran­ken­ver­si­che­rungs­sys­tem, Exper­ti­se für die Hans-Böck­ler-Stif­tung, Okto­ber 2008, S 20, unter Hin­weis auf die Pres­se­mit­tei­lung der Spit­zen­ver­bän­de der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen vom 25.06.2008, jeweils recher­chiert im August 2012[]
  33. zu die­sem Maß­stab vgl BVerfGE 102, 68, 87 = SozR 3 – 2500 § 5 Nr 42 S 184 mwN[]
  34. vgl Mer­ten, DÄ 2007, A 1280, 1281: "sanf­te Sank­tio­nen"[]
  35. BGBl I 2954[]
  36. vgl § 4 der Ein­heit­li­chen Grund­sät­ze zur Erhe­bung von Bei­trä­gen, zur Stun­dung, zur Nie­der­schla­gung und zum Erlass sowie zum Ver­gleich von Bei­trags­an­sprü­chen – Bei­trags­er­he­bungs­grund­sät­ze – vom 17.02.2010, Die Bei­trä­ge 2010, 269, 271; Rund­schrei­ben des GKV-Spit­zen­ver­ban­des zur Erhe­bung von Bei­trä­gen, Stun­dung, Nie­der­schla­gung und Erlass von Bei­trags­an­sprü­chen, Die Bei­trä­ge 2010, 568, 569[]
  37. hier­zu Bei­trags­er­he­bungs­grund­sät­ze, aaO; zur vor­her­ge­hen­den Übung Sie­ben in Fig­ge, Sozi­al­ver­si­che­rungs-Hand­buch Bei­trags­recht, 7.05.04.1, S 132/​1 ff, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Novem­ber 2005[]
  38. sie­he dazu die Gemein­sa­me Ver­laut­ba­rung der Spit­zen­ver­bän­de der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger vom 09.11.1994, Die Bei­trä­ge 1995, 99, 106 ff; dem fol­gend Mar­bur­ger, DÖD 2012, 8, 11 f; Schma­lor, Der Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trag, 8. Aufl 2003, S 451 ff; sie­he auch Sie­ben, aaO, 7.05.03.3.5, S 129, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Novem­ber 2006[]
  39. bzgl der Ren­ten­an­trag­stel­ler sie­he Peters in Kas­se­ler Komm, § 189 SGB V RdNr 9, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung April 2010[]
  40. BVerfGE 97, 271, 286 = SozR 3 – 2940 § 58 Nr 1 S 7; BSG Urteil vom 11.10.2001 – B 12 KR 19/​00 RSozVers 2002, 243, 245[]
  41. BVerfGE 115, 25, 42 = SozR 4 – 2500 § 27 Nr 5 RdNr 19[]
  42. vgl BVerfGE 97, 271, 286 = SozR 3 – 2940 § 58 Nr 1 S 7 mwN; BSG Urteil vom 11.10.2001 – B 12 KR 19/​00 RSozVers 2002, 243, 245[]
  43. BVerfGE 128, 90, 106 = SozR 4 – 1100 Art 14 Nr 23 RdNr 43 mwN[]
  44. vgl BVerfGE 110, 412, 445; BSGE 108, 126 = SozR 4 – 2600 § 74 Nr 3, RdNr 66 – 67[]
  45. vgl auch BSG SozR 4 – 7837 § 2 Nr 8 RdNr 45[]
  46. BVerfGE 69, 272, 314 f = SozR 2200 § 165 Nr 81 S 135 f; BSG SozR 4 – 2500 § 5 Nr 4 RdNr 20 – 21; BSGE 108, 126 = SozR 4 – 2600 § 74 Nr 3, RdNr 66 – 67[]