Erstat­tung des aus­ge­zahl­ten Blin­den­gel­des

Der in § 116 Abs. 1 SGB X gere­gel­te gesetz­li­che For­de­rungs­über­gang setzt eine sach­li­che Kon­gru­enz zwi­schen der Ersatz­pflicht des Schä­di­gers und der Leis­tungs­ver­pflich­tung des Sozi­al­hil­fe­trä­gers vor­aus. An die­ser Kon­gru­enz zwi­schen dem Blin­den­geld und dem Scha­dens­er­satz­an­spruch fehlt es, da auf der Grund­la­ge des nord­rhein – west­fä­li­schen Geset­zes über die Hil­fen für Blin­de und Gehör­lo­se das gezahl­te Blin­den­geld unab­hän­gig von Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen und auch von einer Erfor­der­lich­keit aus Sei­ten des Blin­den pau­schal gezahlt wird.

Erstat­tung des aus­ge­zahl­ten Blin­den­gel­des

So hat das Ober­lan­des­ge­richt Hamm in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Augen­arz­tes ent­schie­den, von dem der Land­schafts­ver­band das an den Pati­en­ten gezahl­te Blin­den­geld erstat­tet ver­langt hat. In den Jah­ren 2006 und 2007 war der 1969 gebo­re­ne Pati­ent aus Reck­ling­hau­sen beim beklag­ten Augen­arzt wegen Augen­schmer­zen und Dun­kel­se­hen in Behand­lung. Der Beklag­te dia­gnos­ti­zier­te eine Bin­de­haut­ent­zün­dung, die er mit Augen­trop­fen behan­deln ließ. Eine wei­te­re dia­gnos­ti­sche Abklä­rung im Hin­blick auf einen grü­nen Star unter­blieb, obwohl die Beschwer­den fort­be­stan­den. Ende 2007 such­te der Pati­ent eine ande­re Augen­arzt­pra­xis auf, in der ein fort­ge­schrit­te­ner grü­ner Star an bei­den Augen dia­gnos­ti­ziert wur­de. Trotz durch­ge­führ­ter Ope­ra­tio­nen ver­lor der Pati­ent sei­ne Seh­schär­fe, erlitt eine Gesichts­feld­ein­engung und ist heu­te so gut wie blind. Vom kla­gen­den Land­schafts­ver­band bezieht er seit dem 01.01.2009 Blin­den­geld.

Aus­ge­hend von einer grob feh­ler­haf­ten Behand­lung durch den Beklag­ten regu­lier­te des­sen ärzt­li­che Haft­pflicht­ver­si­che­rung die Scha­dens­er­satz­an­sprü­che des Pati­en­ten mit einer Abfin­dung in Höhe von 475.000 Euro.

Als Sozi­al­hil­fe­trä­ger ver­langt der Klä­ger vom Beklag­ten die Erstat­tung des an den Pati­en­ten im Jah­re 2009 gezahl­ten Blin­den­gel­des in Höhe von ca. 30.000 Euro und die Fest­stel­lung, dass der Beklag­te dem Klä­ger auch wei­te­re Blin­den­geld­zah­lun­gen zu erset­zen hat. Dabei hat er gemeint, dass inso­weit ein For­de­rungs­über­gang nach § 116 Abs. 1 SGB X statt­ge­fun­den habe.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Hamm aus­ge­führt, dass der in § 116 Abs. 1 SGB X gere­gel­te gesetz­li­che For­de­rungs­über­gang eine sach­li­che Kon­gru­enz zwi­schen der Ersatz­pflicht des Schä­di­gers und der Leis­tungs­ver­pflich­tung des Sozi­al­hil­fe­trä­gers vor­aus­set­ze, die nach der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung dann vor­lie­ge, wenn die Leis­tung des Sozi­al­hil­fe­trä­gers und der vom Schä­di­ger zu leis­ten­de Scha­dens­er­satz dem Aus­gleich der­sel­ben Ein­bu­ße des Geschä­dig­ten dien­ten. Eine sol­che Kon­gru­enz bestehe zwi­schen dem Blin­den­geld und dem Scha­dens­er­satz­an­spruch des Pati­en­ten, der auch den Aus­gleich von durch die Erblin­dung ent­stan­de­nen Mehr­auf­wen­dun­gen umfas­se, nicht. Das auf der Grund­la­ge des nord­rhein-west­fä­li­schen Geset­zes über die Hil­fen für Blin­de und Gehör­lo­se gezahl­te Blin­den­geld wer­de unab­hän­gig von Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen und auch von einer Erfor­der­lich­keit aus Sei­ten des Blin­den pau­schal gezahlt. Es sol­le Nach­tei­le der Behin­de­rung mil­dern, die Teil­ha­be am Leben der Gesell­schaft ermög­li­chen und ein mög­lichst selb­stän­di­ges und selbst­be­stimm­tes Leben erleich­tern sowie die Pfleg­be­dürf­tig­keit ver­mei­den oder zumin­dest ver­min­dern. Es wer­de abs­trakt berech­net und neh­me für sich gar nicht in Anspruch, jeg­li­chen Mehr­auf­wand abzu­de­cken. Beim zivil­recht­li­chen Scha­dens­er­satz­an­spruch, auf den der gesetz­li­che For­de­rungs­über­gang anzu­wen­den sei, wer­de dem­ge­gen­über nach haf­tungs­recht­li­chen Gesichts­punk­ten allein auf den tat­säch­lich ent­stan­de­nen blind­heits­be­dingt ent­stan­de­nen Mehr­be­darf abge­stellt.

Im Fal­le eines Anspruchs­über­gangs wür­de der Blin­de zudem schlech­ter gestellt, weil er vom Schä­di­ger nur die über das gezahl­te Blin­den­geld hin­aus­ge­hen­den Mehr­auf­wen­dun­gen ersetzt ver­lan­gen kön­ne und Auf­wen­dun­gen in die­ser Höhe zunächst auch schlüs­sig dar­le­gen müs­se. Dass er auch nicht "dop­pelt" ent­schä­digt wer­de, rege­le das Gesetz über die Hil­fen für Blin­de und Gehör­lo­se dadurch, dass er sich gezahl­te Ent­schä­di­gungs­leis­tun­gen wegen Mehr­auf­wen­dun­gen auf das Blin­den­geld anrech­nen las­sen müs­se.

Ober­lan­des­ge­richt Hamm, Urteil vom 9. Sep­tem­ber 2016 – 26 U 14/​16 1

  1. nicht rechts­kräf­tig: BGH – VI ZR 454/​16[]