Erstat­tungs­an­spruch bei nach­träg­lich fest­ge­setz­tem Kin­der­geld

Einem Sozi­al­leis­tungs­trä­ger steht gegen die Fami­li­en­kas­se bei einer nach­träg­li­chen Fest­set­zung von Kin­der­geld ein Erstat­tungs­an­spruch zu, sofern die­ser zuvor unge­kürz­te Sozi­al­leis­tun­gen aus­ge­zahlt hat und eine sozi­al­recht­li­che Bedarfs­ge­mein­schaft zwi­schen dem Kin­der­geld­be­rech­tig­tem und sei­nen Kin­dern besteht.

Erstat­tungs­an­spruch bei nach­träg­lich fest­ge­setz­tem Kin­der­geld

In dem jetzt vom Finanz­ge­richt Müns­ter ent­schie­de­nen Rechts­streit bezo­gen die aus Syri­en stam­men­de Klä­ge­rin und ihr Ehe­mann für sich und ihre sechs in ihrem Haus­halt leben­den min­der­jäh­ri­gen Kin­der lau­fen­de Sozi­al­leis­tun­gen, zunächst nach den Vor­schrif­ten des Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­set­zes, ab Janu­ar 2005 ent­spre­chen­de Leis­tun­gen nach den Vor­schrif­ten des SGB II. Erst im Sep­tem­ber 2007 setz­te die Fami­li­en­kas­se für die Kin­der der Klä­ge­rin Kin­der­geld fest – und zwar rück­wir­kend ab Juni 2000. Eine Aus­zah­lung des Kin­der­gel­des an die Klä­ge­rin erfolg­te nicht. Die als Sozi­al­leis­tungs­trä­ger zustän­di­ge Kom­mu­ne mach­te einen Erstat­tungs­an­spruch gemäß § 74 Abs. 2 EStG; §§ 103, 104, 107 SGB X gel­tend, da sie in der Ver­gan­gen­heit unge­kürz­te Sozi­al­leis­tun­gen an die Klä­ge­rin und ihre Fami­lie aus­ge­zahlt hat­te.

Die Kla­ge auf Aus­zah­lung des Kin­der­gel­des an die Klä­ge­rin blieb vor dem Finanz­ge­richt Müns­ter wei­test­ge­hend ohne Erfolg, das Finanz­ge­richt bestä­tig­te dem Grun­de nach den Erstat­tungs­an­spruch der Kom­mu­ne. Die bis­lang aus­ge­zahl­ten Sozi­al­leis­tun­gen und das Kin­der­geld – das sozi­al­recht­lich anre­chen­ba­res Ein­kom­men dar­stel­le und sich dem­nach anspruchs­min­dernd aus­wir­ke – sei­en gleich­ar­ti­ge Leis­tun­gen. Mit der unge­kürz­ten Aus­zah­lung der Sozi­al­leis­tun­gen sei die Kom­mu­ne in Höhe des Kin­der­gel­des in Vor­leis­tung getre­ten. Ein Erstat­tungs­recht des Sozi­al­leis­tungs­trä­gers nach § 74 Abs. 2 EStG bestehe aller­dings nur dann, wenn der Kin­der­geld­an­spruch und der Anspruch auf Sozi­al­leis­tun­gen in einer Per­son zusam­men­fie­len. Dies sei (in Abgren­zung zu BFH, BStBl. II 2009, 919)) jeden­falls dann der Fall, wenn der Kin­der­geld­be­rech­tig­te – wie im Streit­fall – mit sei­nen min­der­jäh­ri­gen Kin­dern in einem Haus­halt zusam­men­woh­ne und somit eine sozi­al­recht­li­che Bedarfs­ge­mein­schaft bestehe. Inso­fern sei trotz feh­len­der for­ma­ler Per­so­nen­iden­ti­tät (Sozi­al­leis­tungs­emp­fän­ger sind auch die Kin­der) eine wer­ten­de Betrach­tung des „Gesamt­ein­kom­mens“ der Bedarfs­ge­mein­schaft vor­zu­neh­men.

Kin­der­geld und Sozialhilfe/​Grundsicherung als gleich­ar­ti­ge Leis­tung

Gemäß § 74 Abs. 2 EStG (bis zum Jahr 2001 noch § 74 Abs. 3 EStG) gel­ten die §§ 102 bis 109 und 111 bis 113 SGB X für Erstat­tungs­an­sprü­che gegen die Fami­li­en­kas­se im Kin­der­geld­recht ent­spre­chend.

§ 104 Abs. 1 S. 1 SGB X bestimmt Fol­gen­des: Hat ein nach­ran­gig ver­pflich­te­ter Leis­tungs­trä­ger Sozi­al­leis­tun­gen erbracht, ohne dass die Vor­aus­set­zun­gen des § 103 Abs. 1 SGB X vor­lie­gen, ist der Leis­tungs­trä­ger erstat­tungs­pflich­tig, gegen den der Berech­tig­te vor­ran­gig einen Anspruch hat oder hat­te, soweit der vor­ran­gig ver­pflich­te­te Leis­tungs­trä­ger nicht bereits selbst geleis­tet hat, bevor er von der Leis­tung des ande­ren Leis­tungs­trä­gers Kennt­nis erlangt hat. Ein Erstat­tungs­an­spruch besteht gemäß § 104 Abs. 2 SGB X auch dann, wenn von einem nach­ran­gig ver­pflich­te­ten Leis­tungs­trä­ger für einen Ange­hö­ri­gen Sozi­al­leis­tun­gen erbracht wor­den sind und ein ande­rer mit Rück­sicht auf die­sen Ange­hö­ri­gen einen Anspruch auf Sozi­al­leis­tun­gen gegen­über einem vor­ran­gig ver­pflich­te­ten Leis­tungs­trä­ger hat. Soweit ein ent­spre­chen­der Erstat­tungs­an­spruch besteht, gilt der Anspruch des Berech­tig­ten gegen den vor­ran­gig zur Leis­tung ver­pflich­te­ten Leis­tungs­trä­ger als erfüllt (§ 107 Abs. 1 SGB X) und ist damit erlo­schen (§ 47 AO).

Die in den zitier­ten Vor­schrif­ten zum Aus­druck kom­men­den Tat­be­stands­merk­ma­le der Gleich­ar­tig­keit sowie des Vor- und Nach­rang­ver­hält­nis­ses sieht das Finanz­ge­richt Müns­ter im Streit­fall für das zuguns­ten der Klä­ge­rin fest­ge­setz­te Kin­der­geld einer­seits und die den Kin­dern der Klä­ge­rin gewähr­ten Sozi­al­leis­tun­gen ande­rer­seits als erfüllt an.

Das der Klä­ge­rin zuste­hen­de Kin­der­geld und die den Kin­dern der Kl. sei­tens der Bei­ge­la­de­nen in der Ver­gan­gen­heit gewähr­ten Sozi­al­leis­tun­gen sind gleich­ar­ti­ge Leis­tun­gen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts setzt § 104 Abs. 1 SGB X eine Gleich­ar­tig­keit der Leis­tun­gen der bei­den im Erstat­tungs­ver­hält­nis ste­hen­den Sozi­al­leis­tungs­trä­ger vor­aus, weil nach dem gesetz­li­chen Tat­be­stand ein Erstat­tungs­an­spruch nur aus­ge­löst wer­den kann, wenn der erst­leis­ten­de Trä­ger eine Ver­pflich­tung des in Anspruch genom­me­nen zwei­ten Trä­gers erfüllt hat [1]. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat sich die­ser Rechts­auf­fas­sung auch für den Anwen­dungs­be­reich des § 74 Abs.2 EStG ange­schlos­sen. Eine Gleich­ar­tig­keit der Leis­tun­gen soll dabei jeden­falls vor­lie­gen, wenn bei­de Leis­tun­gen dem­sel­ben Zweck die­nen [2].

Im vor­lie­gen­den Fall ist die­se Zweck­über­ein­stim­mung gege­ben. Der Trä­ger der Sozi­al­hil­fe /​Grund­si­che­rung hat den Kin­dern der Klä­ge­rin im Streit­zeit­raum Regel­leis­tun­gen in Geld nach dem BSHG (Juni 2000 bis Dezem­ber 20004) und spä­ter nach dem SGB II (Janu­ar und Febru­ar 2005) in Form von Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt, Zuschüs­sen zu den Kos­ten der Unter­kunft sowie Beklei­dungs­gel­der gewährt. Hier­bei han­delt es sich ins­ge­samt um Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­hal­tes. Die Leis­tun­gen die­nen der Gewäh­rung einer sozia­len Grund­si­che­rung in Form des ver­fas­sungs­recht­li­chen Exis­tenz­mi­ni­mums. Die­sem Zweck dient – jeden­falls teil­wei­se – auch das nach der Neu­ge­stal­tung im Ein­kom­men­steu­er­ge­setz durch das Jah­res­steu­er­ge­setz 1996 als Steu­er­ver­gü­tung aus­ge­zahl­te Kin­der­geld (§ 31 S. 1 EStG). Soweit es dar­über hin­aus auch der För­de­rung der Fami­lie dient (§ 31 S. 2 EStG), stellt es zwar kei­ne Sozi­al­leis­tung im for­mel­len Sin­ne dar, ist jedoch – jeden­falls wegen der aus­drück­li­chen Ver­wei­sung in § 74 Abs. 2 EStG – trotz­dem als eine gegen­über der Siche­rung des Lebens­un­ter­halts nach dem BSHG bzw. dem SGB II vor­ran­gi­ge Leis­tung im Sin­ne des § 104 Abs. 1 S. 1 SGB X anzu­se­hen [3].

Sozialhilfe/​Grundsicherung ist nach­ran­gig

Der Trä­ger der Sozi­al­hil­fe bzw. Grund­si­che­rung war im Ver­hält­nis zur beklag­ten Fami­li­en­kas­se auch ein nach­ran­gi­ger Sozi­al­leis­tungs­trä­ger im Sin­ne des § 104 Abs. 1 SGB X. Nach­ran­gig ver­pflich­tet ist ein Leis­tungs­trä­ger, soweit die­ser bei recht­zei­ti­ger Erfül­lung der Leis­tungs­ver­pflich­tung eines ande­ren Leis­tungs­trä­gers selbst nicht zur Leis­tung ver­pflich­tet gewe­sen wäre (§ 104 Abs. 1 S. 2 SGB X).

Der Klä­ge­rin stand recht­lich ein Anspruch auf Kin­der­geld für den streit­be­fan­ge­nen Zeit­raum von Juni 2000 bis Febru­ar 2005 zu. Die­ser Anspruch stand aller­dings erst nach der Fest­set­zung durch den ange­foch­te­nen Bescheid vom 07.09.2007 zur Aus­zah­lung an, obwohl er zu den von der Bei­ge­la­de­nen in der Ver­gan­gen­heit monat­lich erbrach­ten Sozi­al­leis­tun­gen eigent­lich in einem Vor­rang­ver­hält­nis gestan­den hät­te, die Leis­tun­gen nach dem BSHG sowie nach dem SGB II also nach­ran­gig zu erbrin­gen gewe­sen wären. Denn sowohl § 2 Abs. 1 BSHG als auch §§ 1 ff. SGB II bestim­men, dass Sozi­al­hil­fe bzw. Hil­fe zur Siche­rung des Lebens­un­ter­hal­tes u.a. nicht erhält, wer die erfor­der­li­che Hil­fe von ande­ren, ins­be­son­de­re von Trä­gern ande­rer Sozi­al­leis­tun­gen bekommt (sog. Sys­tem­sub­si­dia­ri­tät). Das Kin­der­geld als mit der Sozi­al­hil­fe bzw. der Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt zweck­iden­ti­scher Leis­tung stellt nach den sozi­al­recht­li­chen Vor­schrif­ten anre­chen­ba­res Ein­kom­men dar. Sei­ne Gewäh­rung wirkt sich daher anspruchs­min­dernd auf die dem Kin­der­geld­be­rech­tig­ten oder einer in sei­nem Haus­halt leben­den Bedarfs­ge­mein­schaft – Eltern nebst min­der­jäh­ri­ge Kin­der – zuste­hen­den Sozi­al­leis­tun­gen nach dem BSHG und dem SGB II aus [4]. Vor die­sem Hin­ter­grund hät­te der Grund­si­che­rungs­trä­ger, wenn der Anspruch auf Kin­der­geld durch die beklag­te Fami­li­en­kas­se nur recht­zei­tig (vor Aus­zah­lung der nach dem BSHG und dem SGB II gewähr­ten Sozi­al­leis­tun­gen) fest­ge­setzt wor­den wäre, der Höhe nach ver­min­der­te (näm­lich um das gesetz­li­che Kin­der­geld gekürz­te) Sozi­al­leis­tun­gen gegen­über der Fami­lie der Klä­ge­rin als Bedarfs­ge­mein­schaft erbracht. Die nach dem BSHG bzw. dem SGB II gewähr­ten Sozi­al­leis­tun­gen sind ange­sichts die­ser sozi­al­recht­li­chen Vor­ga­ben also im Ver­hält­nis zum Kin­der­geld nach­ran­gi­ge Leis­tun­gen. Vor die­sem Hin­ter­grund führt die Anwen­dung der Erstat­tungs­vor­schrif­ten des § 74 Abs. 2 EStG in Ver­bin­dung mit den §§ 103, 104, 107 SGB X im Streit­fall dazu, das eigent­li­che Vor- und Nach­rang­ver­hält­nis zur Gel­tung zu brin­gen.

Zurech­nung zu Eltern bzw. Kin­dern

Einem Erstat­tungs­an­spruch des Trä­gers der Grund­si­che­rung wegen der den Kin­dern der Klä­ge­rin gewähr­ten Sozi­al­leis­tun­gen steht nicht ent­ge­gen, dass das Kin­der­geld nach sozi­al­recht­li­chen Maß­stä­ben unter Gel­tung des BSHG prin­zi­pi­ell nicht den Kin­dern selbst, son­dern dem Ein­kom­men des kin­der­geld­be­rech­tig­ten Eltern­teils zuzu­rech­nen war.

Aller­dings hat der Bun­des­fi­nanz­hof in letz­ter Zeit in meh­re­ren Ent­schei­dun­gen klar­ge­stellt, dass eine Erstat­tung von nach­träg­lich fest­ge­setz­tem Kin­der­geld gemäß § 74 Abs. 2 EStG in den Fäl­len und für die Zeit­räu­me aus­schei­den soll, in denen Sozi­al­leis­tun­gen an ein in einem eige­nen Haus­halt leben­des Kind erbracht wor­den sind, wäh­rend das Kin­der­geld unter Gel­tung des BSHG (bis zum 31.12.2004) regel­mä­ßig als Ein­kom­men beim anspruchs­be­rech­tig­ten Eltern­teil zu berück­sich­ti­gen war. Das eine Erstat­tung recht­fer­ti­gen­de Tat­be­stands­merk­mal der Gleich­ar­tig­keit im Sin­ne des § 104 Abs. 1 S. 1 SGB X zwi­schen Kin­der­geld und der Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt sei – so der Bun­des­fi­nanz­hof – nur dann gege­ben, wenn der Kin­der­geld­an­spruch und der Anspruch auf Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt in einer Per­son zusam­men fie­len, das Kin­der­geld also zum Ein­kom­men des Hil­fe­emp­fän­gers gehö­re, dem der Sozi­al­leis­tungs­trä­ger Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen erbracht habe. Soweit Hil­fe­emp­fän­ger dage­gen nicht der Eltern­teil, der Anspruch auf das Kin­der­geld habe, son­dern das im eige­nen Haus­halt leben­de Kind sei, schei­de eine Erstat­tung von nach­träg­lich fest­ge­setz­tem Kin­der­geld gemäß § 74 Abs. 2 EStG grund­sätz­lich aus, es sei denn, das Kin­der­geld sei aus­nahms­wei­se als Ein­kom­men des Kin­des anzu­se­hen, weil es an das Kind gemäß § 74 Abs. 1 EStG abge­zweigt wer­de oder ihm zumin­dest tat­säch­lich zuflie­ße [5]. Fol­ge­rich­tig hat der Bun­des­fi­nanz­hof in einer wei­te­ren Ent­schei­dung, in der das Kin­der­geld an ein Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt erhal­ten­des Kind abge­zweigt wor­den war (§ 74 Abs. 1 EStG), die Vor­aus­set­zun­gen eines Erstat­tungs­an­spruchs zuguns­ten des Sozi­al­hil­fe­trä­gers mit der Begrün­dung bejaht, dass das Kin­der­geld nach sozi­al­recht­li­chen Maß­stä­ben dem Sozi­al­leis­tun­gen emp­fan­gen­den Kind als Ein­kom­men zuzu­rech­nen sei [6].

Die vor­ge­nann­ten Ent­schei­dun­gen füh­ren nach Ansicht des Finanz­ge­richts Müns­ter jedoch nicht dazu, vor­lie­gend einen Erstat­tungs­an­spruch des Sozi­al­hil­fe­trä­gers bzw. Grund­si­che­rungs­trä­gers gemäß § 74 Abs. 2 EStG i.V. mit § 104 Abs. 1 u. 2 SGB X zu ver­nei­nen. Zwar besteht auch zwi­schen der kin­der­geld­be­rech­tig­ten Klä­ge­rin und ihren Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt emp­fan­gen­den Kin­dern rein for­mal betrach­tet kei­ne Per­so­nen­iden­ti­tät. Der Sach­ver­halt im Streit­fall unter­schei­det sich jedoch inso­fern maß­geb­lich von den Gege­ben­hei­ten der Ent­schei­dun­gen des Bun­des­fi­nanz­ho­fes, als hier die Kin­der der Klä­ge­rin min­der­jäh­rig sind und zum Haus­halt der Eltern gehö­ren, mit der Klä­ge­rin und ihrem Ehe­mann also eine sozi­al­recht­li­che Bedarfs­ge­mein­schaft bil­den, wäh­rend es sich dort (in den vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall­ge­stal­tun­gen) um voll­jäh­ri­ge Kin­der han­del­te, die in einem eige­nen Haus­halt leb­ten und folg­lich kei­ne sozi­al­recht­li­che Bedarfs­ge­mein­schaft mit dem kin­der­geld­be­rech­tig­tem Eltern­teil mehr bestand.

Die­se Unter­schie­de in tat­säch­li­cher Hin­sicht sind auf­grund der für Bedarfs­ge­mein­schaf­ten gel­ten­den beson­de­ren sozi­al­recht­li­chen Rege­lun­gen auch in recht­li­cher Hin­sicht beacht­lich. Bei min­der­jäh­ri­gen und im Haus­halt der Eltern leben­den Kin­dern war das Kin­der­geld unter der Gel­tung des BSHG (bis zum 31.12.2004) nach der Recht­spre­chung der Sozi­al­ge­rich­te zwar prin­zi­pi­ell den Eltern als Ein­kom­men zuzu­rech­nen [7]. Es wur­de jedoch über §§ 11 Abs. 1 S. 2 und über § 28 Abs. 1 S. 1 BSHG als Ein­kom­men der Bedarfs­ge­mein­schaft behan­delt und ins­ge­samt auf die Sozi­al­leis­tun­gen der Bedarfs­ge­mein­schaft ange­rech­net. Anders als in den vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall­ge­stal­tun­gen des Aus­ein­an­der­fal­lens von elter­li­chem Haus­halt einer­seits und dem Haus­halt des Kin­des ande­rer­seits, wird das Ein­kom­men (und damit auch das Kin­der­geld) eines Eltern­teils im Rah­men einer sozi­al­recht­li­chen Bedarfs­ge­mein­schaft auch dem ande­ren Eltern­teil und den zum Haus­halt gehö­ren­den min­der­jäh­ri­gen Kin­dern zuge­rech­net und führt damit im Ergeb­nis zu einer Kür­zung von der Bedarfs­ge­mein­schaft ins­ge­samt zuste­hen­den Sozi­al­leis­tun­gen.

Seit dem Außer­kraft­tre­ten des BSHG (mit Wir­kung ab dem 01.01.2005) wird das Kin­der­geld sozi­al­recht­lich sogar aus­drück­lich den in der Bedarfs­ge­mein­schaft leben­den min­der­jäh­ri­gen Kin­dern als Ein­kom­men zuge­rech­net, vgl. § 11 Abs. 1 S. 3 SGB II (s.a. § 82 Abs. 1 S. 2 SGB XII). Den Neu­re­ge­lun­gen soll nach der Recht­spre­chung der Sozi­al­ge­rich­te im Hin­blick auf die §§ 11, 28 BSHG mög­li­cher­wei­se sogar nur eine klar­stel­len­de Bedeu­tung zukom­men [8].

Nach­träg­li­che Kin­der­geld­ge­wäh­rung

Mit Blick auf die genann­ten Vor­schrif­ten sowohl des BSHG als auch des SGB II hät­te der Trä­ger der Sozi­al­hil­fe bzw. Grund­si­che­rung also, wenn der Anspruch der Klä­ge­rin auf Kin­der­geld recht­zei­tig fest­ge­setzt wor­den und ihm bekannt gewe­sen wäre, auf­grund der sozi­al­recht­li­chen Zuord­nung des Ein­kom­mens eines Eltern­teils zur Bedarfs­ge­mein­schaft (qua­si als Gesamt­ein­kom­men bei­der Eltern­tei­le und der im Haus­halt leben­den min­der­jäh­ri­gen Kin­der) ins­ge­samt ledig­lich um das Kin­der­geld gekürz­te Sozi­al­leis­tun­gen an die Bedarfs­ge­mein­schaft erbrin­gen müs­sen. Im Streit­fall war zum Zeit­punkt der Erbrin­gung der Sozi­al­leis­tun­gen (ab Juni 2000) über den Kin­der­geld­an­spruch aller­dings noch nicht ent­schie­den, so dass die Gewäh­rung der Sozi­al­leis­tun­gen an die Bedarfs­ge­mein­schaft zunächst unge­kürzt erfolg­te. Die Aus­zah­lung des nach­träg­lich fest­ge­setz­ten Kin­der­gel­des an die Klä­ge­rin hät­te jetzt zur Fol­ge, dass die genann­ten Vor­schrif­ten über die Ein­be­zie­hung des Kin­der­gel­des als Ein­kom­men bei der Ermitt­lung des sozi­al­recht­li­chen Leis­tungs­be­darfs der Bedarfs­ge­mein­schaft unter­lau­fen wür­den. Der Fami­lie der Klä­ge­rin als Bedarfs­ge­mein­schaft wür­de sozi­al- und kin­der­geld­recht­lich (bei einer Zusam­men­schau) mehr gewährt, als ihr bei Beach­tung des gesetz­lich ange­leg­ten Vor- und Nach­rang­ver­hält­nis­ses eigent­lich zuge­stan­den hät­te. Dies ist mit Blick auf den im Sozi­al­hil­fe- und im Kin­der­geld­recht glei­cher­ma­ßen ange­leg­ten Leis­tungs­zweck der Siche­rung des ver­fas­sungs­recht­li­chen Exis­tenz­mi­ni­mums unver­ein­bar. Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Anwen­dung des § 74 Abs. 2 EStG i.V. mit den §§ 103 ff. SGB X im vor­lie­gen­den Fall sach­ge­recht, denn sie bewirkt, dass die eigent­lich vom Gesetz­ge­ber vor­ge­se­he­ne sozi­al- und kin­der­geld­recht­li­che Rechts­la­ge wie­der her­ge­stellt wird.

Bei Ver­nei­nung eines ent­spre­chen­den Erstat­tungs­an­spruchs wegen des Feh­lens einer for­ma­len Per­so­nen­iden­ti­tät auch in Fäl­len von sozi­al­recht­li­chen Bedarfs­ge­mein­schaf­ten hät­te der Kin­der­geld­be­rech­tig­te es im Übri­gen durch eine von ihm hin­aus­ge­zö­ger­te Stel­lung des Kin­der­geld­an­trags (und damit eine pro­vo­zier­te nach­träg­li­che Kin­der­geld­fest­set­zung) selbst in der Hand, die sozi­al­ge­setz­lich vor­ge­se­he­ne Anrech­nung von Kin­der­geld als Ein­kom­men der Bedarfs­ge­mein­schaft zu sei­nen Guns­ten zu beein­flus­sen. Denn nach­träg­lich fest­ge­setz­tes Kin­der­geld wäre – anders als vor der Gewäh­rung von Sozi­al­leis­tun­gen fest­ge­setz­tes Kin­der­geld ‑regel­mä­ßig zusätz­lich zu den bis­her unge­kürz­ten Sozi­al­leis­tun­gen an den Kin­der­geld­be­rech­tig­ten aus­zu­zah­len. Dies aber wider­spricht nach Ansicht des Finanz­ge­richts Müns­ter der sowohl im BSHG als auch im SGB II und in den § 74 Abs. 2 EStG in Ver­bin­dung mit den §§ 103, 104, 107 SGB X ange­leg­ten Sys­tem­sub­si­dia­ri­tät der Sozi­al­hil­fe (bzw. Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt) und Kin­der­geld.

Dar­über hin­aus ist zu beach­ten, dass die Anwen­dung der skiz­zier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­ho­fes auch auf Fäl­le sozi­al­recht­li­cher Bedarfs­ge­mein­schaf­ten dazu füh­ren wür­de, dass die Vor­schrift des § 104 Abs. 2 SGB X in ihrem Anwen­dungs­be­reich wei­test­ge­hend leer lau­fen wür­de.

Gegen eine Anwen­dung der skiz­zier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­ho­fes auf den Streit­fall spricht schließ­lich, dass eine Gleich­ar­tig­keit von Kin­der­geld einer­seits und Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt bzw. ähn­li­chen Geld­leis­tun­gen nach dem BSHG ande­rer­seits im Rah­men der (bis­he­ri­gen) Recht­spre­chung der Finanz­ge­rich­te prin­zi­pi­ell aner­kannt war und auch noch aner­kannt wird [9]. Das Finanz­ge­richt Müns­ter hält es für gebo­ten, an dem Ergeb­nis der Gleich­ar­tig­keit trotz feh­len­der for­ma­ler Per­so­nen­iden­ti­tät jeden­falls im Hin­blick auf die Fäl­le sozi­al­recht­li­cher Bedarfs­ge­mein­schaf­ten fest­zu­hal­ten.

Finanz­ge­richt Müns­ter, Urteil vom 18. Febru­ar 2010 – 6 K 390/​08 AO

  1. vgl. BSG, Urtei­le vom 22.09.1988 – 2 RU 9/​88, BSGE 57, 218; und vom 25.04.1990 – 5 J 12/​89, BSGE 67, 6[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le vom 25.05.2004 – VIII R 21/​03, BFH/​NV 2005, 171; und vom 07.12.2004 – VIII R 59/​04, BFH/​NV 2005, 864[]
  3. vgl. etwa BFH, Urtei­le vom 14.05.2002 – VIII R 88/​01, BFH/​NV 2002, 1156; und vom 07.12.2004 – VIII R 59/​04, BFH/​NV 2005, 864; Beschluss vom 31.01.2007 – III B 167/​06, BFH/​NV 2007, 685; FG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 18.10.2002 – 3 K 1503/​02; Hes­si­sches FG, Urtei­le vom 23.06.2004 – 3 K 1659/​02, EFG 2004, 1783; und vom 07.09.2006 – 13 K 3592/​04, ZFSH/​SGB 2007, 494; FG Nie­der­sach­sen, Urtei­le vom 04.08.2005 – 10 K 293/​03, EFG 2006, 988; und vom 16.10.2007, 15 K 647/​04; FG Müns­ter, Urteil vom 01.07.2004 – 6 K 2517/​03 AO, EFG 2004, 1780; FG Mün­chen, Urteil vom 11.09.2007 – 12 K 1275/​05[]
  4. vgl. §§ 11 Abs. 1 S. 1 u. 2, 28 Abs. 1 S. 1 sowie §§ 76, 77 BSHG, fer­ner die ab dem 01.01.2005 gel­ten­den Rege­lun­gen der §§ 9 Abs. 1 u. Abs. 2 sowie 11 Abs. 1 S. 1 u. 3 SGB II[]
  5. vgl. BFH, Urtei­le vom 17.04.2008, III R 33/​05, BStBl. II 2009, 919; vom 19.06.2008, III R 89/​07, BFH/​NV 2008, 1995; und vom 17.07.2008, III R 87/​06, BFH/​NV 2008, 1833[]
  6. vgl. BFH, Beschluss vom 15.10.2009 – III B 57/​08, BFH/​NV 2010, 196[]
  7. Zufluss­prin­zip, vgl. etwa BVerwG, Urtei­le vom 17.12.2003 – 5 C 25/​02, NJW 2004, 2541; und vom 28.04.2005 – 5 C 28/​04, NJW 2005, 2873; BSG, Urteil vom 08.02.2007 – B 9b SO 6/​06 R, HFR 2008, 74[]
  8. vgl. BSG, Urteil vom 08.02.2007 – B 9b SO 6/​06 R, HFR 2008, 74, unter Ver­weis auf BVerwG, Urteil vom 28.04.2005 – 5 C 28/​04, NJW 2005, 2873[]
  9. vgl. etwa BFH, Urtei­le vom 14.05.2002 – VIII R 88/​01, BFH/​NV 2002, 1156; und vom 07.12.2004 – VIII R 59/​04, BFH/​NV 2005, 864; FG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 18.10.2002 – 3 K 1503/​02; FG Nie­der­sach­sen, Urtei­le vom 04.08.2005 – 10 K 293/​03, EFG 2006, 988; und vom 16.10.2007 – 15 K 647/​04; FG Mün­chen, Urteil vom 11.09.2007 – 12 K 1275/​05, EFG 2008, 1135; FG Hes­sen, Urtei­le vom 07.09.2006 – 13 K 3592/​04, ZFSH/​SGB 2007, 494; vom 07.11.2008 – 3 K 2236/​03, EFG 2009, 674; und vom 09.11.2009 – 13 K 1931/​06; letz­te­re unter aus­drück­li­chem Rekurs auf § 104 Abs. 2 SGB X[]