Erwerbs­un­fä­hig­keit nach Arbeits­un­fall

Dass ein Ver­si­cher­ter infol­ge eines Ver­si­che­rungs­falls (hier Arbeits­un­fall) einer Erwerbs­tä­tig­keit nicht mehr nach­ge­hen kann, erfor­dert, dass kei­ner­lei Erwerbs­tä­tig­keit mehr mög­lich ist; dafür ist selbst die vol­le Erwerbs­min­de­rung iSd § 43 II 2 SGB VI nicht aus­rei­chend.

Erwerbs­un­fä­hig­keit nach Arbeits­un­fall

Rechts­grund­la­ge für die Gewäh­rung erhöh­ter Ren­te bei Schwer­ver­letz­ten ist § 57 SGB VII. Danach erhöht sich die (Verletzten-)Rente um 10%, wenn Ver­si­cher­te mit Anspruch auf eine (Verletzten-)Rente nach einer MdE von 50% oder mehr oder auf meh­re­re Ren­ten, deren Vom­hun­dert­sät­ze zusam­men wenigs­tens die Zahl 50 errei­chen (Schwer­ver­letz­te), infol­ge des Ver­si­che­rungs­falls einer Erwerbs­tä­tig­keit nicht mehr nach­ge­hen kön­nen und kei­nen Anspruch auf Ren­te aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung haben.

§ 57 SGB VII soll nur bei – vor­aus­sicht­lich – dau­ern­der Unfä­hig­keit des Ver­si­cher­ten, erwerbs­tä­tig zu sein, also wenn sein Erwerbs­le­ben been­det ist, einen Aus­gleich für die feh­len­de Ren­te aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung schaf­fen.

Die­se Aus­le­gung der Vor­schrift ergibt sich aus den Gesetz­ge­bungs­mo­ti­ven 1. Der Gesetz­ge­ber ging bei der Ein­füh­rung des § 582 RVO davon aus, dass auch Schwer­ver­letz­te viel­fach wie­der einer Erwerbs­tä­tig­keit nach­ge­hen und dann kei­ner höhe­ren Ent­schä­di­gung bedür­fen. Anders lägen die Ver­hält­nis­se, wenn infol­ge des Unfalls kei­ne Erwerbs­tä­tig­keit mehr aus­ge­übt wer­den kön­ne. Gehö­re der Ver­letz­te der Ren­ten­ver­si­che­rung an, wer­de er von dort die Erwerbs­un­fä­hig­keits­ren­te erhal­ten. Habe er kei­nen Anspruch auf die­se Ren­te, etwa weil er bereits vor dem Ein­tritt in die Ren­ten­ver­si­che­rung ver­un­glückt sei oder ihr als Selbst­stän­di­ger nicht ange­hört habe, schaf­fe § 582 RVO einen gewis­sen Aus­gleich 2. Die Rege­lung des § 582 RVO soll­te also nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers erst dann grei­fen, wenn infol­ge des Arbeits­un­falls "kei­ne Erwerbs­tä­tig­keit" mehr aus­ge­übt wer­den konn­te.

Von die­sen anhand der wort­glei­chen Vor­läu­fer­vor­schrift in § 582 RVO ent­wi­ckel­ten Grund­la­gen ist auch bei der Aus­le­gung des heu­ti­gen § 57 SGB VII aus­zu­ge­hen. Hät­te der Gesetz­ge­ber auf die Erwerbs­min­de­rung im Sin­ne der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung abstel­len wol­len, hät­te er dies durch einen schlich­ten Ver­weis auf die ent­spre­chen­den Vor­schrif­ten des Sechs­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch 3 bewir­ken kön­nen. Dies hat er jedoch nicht getan. Von daher muss der Wen­dung "einer Erwerbs­tä­tig­keit nicht mehr nach­ge­hen zu kön­nen" eine eigen­stän­di­ge Bedeu­tung zuge­ord­net wer­den, zumal die Rege­lung gera­de auf sol­che Per­so­nen abzielt, die nicht in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ver­si­chert sind und kei­ne Ansprü­che auf eine Ren­te aus ihr haben, wie dies typi­scher­wei­se bei vie­len Selbst­stän­di­gen der Fall ist 4.

Ange­sichts des­sen kann auf die Rege­lun­gen in § 43 SGB VI über die Erwerbs­min­de­rung in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung, ins­be­son­de­re auch auf die Recht­spre­chung zur Ver­schlos­sen­heit des Teil­zeit­ar­beits­mark­tes, nicht abge­stellt wer­den. Viel­mehr zei­gen die Vor­schrif­ten in § 96a SGB VI über den Hin­zu­ver­dienst in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung, dass eine Ren­te wegen ver­min­der­ter Erwerbs­fä­hig­keit nach dem SGB VI nicht erfor­dert, dass der Ver­si­cher­te "einer Erwerbs­tä­tig­keit nicht mehr nach­ge­hen kann" 4.

Hier­für spre­chen zudem sys­te­ma­ti­sche Grün­de in Abgren­zung der hier umstrit­te­nen Erhö­hung der Ren­te bei Schwer­ver­letz­ten nach § 57 SGB VII man­gels Erwerbs­fä­hig­keit zu der eben­falls mög­li­chen Erhö­hung der Ren­te bei Arbeits­lo­sig­keit nach § 58 SGB VII. Denn wer im Gegen­satz zu der Defi­ni­ti­on der vol­len Erwerbs­min­de­rung in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nach § 43 Abs. 2 Satz 2 SGB VI 5 in der Lage ist, auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt unter den übli­chen Bedin­gun­gen min­des­tens drei Stun­den täg­lich erwerbs­tä­tig zu sein, ist nach § 8 Zwei­tes Buch Sozi­al­ge­setz­buch in der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de erwerbs­fä­hig und, sofern er nicht eine min­des­tens 15 Stun­den wöchent­lich umfas­sen­de Beschäf­ti­gung aus­übt, auch gemäß § 138 Abs. 5 Nr. 1 Drit­tes Buch Sozi­al­ge­setz­buch für die Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen der Agen­tur für Arbeit ver­füg­bar im Sin­ne des Arbeits­för­de­rungs­rechts 4.

Mit­hin besteht ein Anspruch nach § 57 SGB VII nur dann, wenn der Ver­si­cher­te kei­ner­lei Erwerbs­tä­tig­keit mehr aus­üben kann, und steht einem Anspruch nach § 57 SGB VII ent­ge­gen, wenn zumin­dest stun­den­wei­se – auch in Haus­ar­beit – noch eine Erwerbs­tä­tig­keit ver­rich­tet wer­den kann.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 22. Novem­ber 2012 – L 6 U 2461/​11

  1. zur Vor­gän­ger­vor­schrift § 582 Reichs­ver­si­che­rungs­ord­nung [RVO]: BSG, Urteil vom 26.07.1973 – 8/​2 RU 10/​70BSGE 36, 96, SozR Nr. 1 zu § 582 RVO unter Ver­weis auf BSG, Urteil vom 27.08.1969 – 2 RU 195/​66BSGE 30, 64, SozR Nr. 5 zu § 587 RVO; so auch LSG Nord­rhein-West­fa­len, Urteil vom 02.07.2008 – L 17 U 264/​05; BSG, Urteil vom 13.06.1989 – 2 RU 49/​88; eben­so Bur­chardt in Becker/​Burchardt/​Krasney/​Kruschinsky, SGB VII, § 57, Rz. 13; Kra­nig in Hauck/​Noftz, SGB VII, § 57 Rz. 7; Mehr­tens in Berei­ter-Hahn/­Mehr­tens, SGB VII, § 57 Rz. 5; Ricke in Kas­se­ler Kom­men­tar, SGB VII, § 57 Rz. 4[]
  2. Schrift­li­cher Bericht des Bun­des­tags­aus­schus­ses für Sozi­al­po­li­tik in BT-Drucks. IV/​938 [neu] S. 13 zu § 581a[]
  3. SGB VI[]
  4. BSG, Urteil vom 27.10.2009 – B 2 U 30/​08 R, SozR 4 – 2700 § 57 Nr. 1[][][]
  5. "außer­stan­de, min­des­tens drei Stun­den täg­lich erwerbs­tä­tig zu sein"[]
  6. BGH, Urteil vom 28.10.2015 – IV ZR 405/​14, VersR 2015, 1545[]