Fami­li­en­aus­flü­ge auf Kas­sen­kos­ten

Fami­li­en­aus­flü­ge mit dem Fahr­rad kön­nen von der Gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung nicht mit Hilfs­mit­teln (hier: Roll­fiets) unter­stützt wer­den. Ein Roll­fiets ist ein Fahr­rad, an das anstel­le des Vor­der­ra­des ein Roll­stuhl zur Beför­de­rung eines Geh­be­hin­der­ten gekop­pelt wird. Das Sozi­al­ge­richt Det­mold hat jetzt die Kla­ge eines schwerstbehin­derten, geh­un­fä­hi­gen Kin­des auf Ver­sor­gung mit einer sol­chen Roll­stuhl­fahr­rad­kom­bi­na­ti­on abge­wie­sen.

Fami­li­en­aus­flü­ge auf Kas­sen­kos­ten

Die beklag­te Kran­ken­kas­se hat­te die Über­nah­me der Kos­ten des­halb abge­lehnt, weil das Fahr­rad­fah­ren nicht zu den Grund­be­dürf­nis­sen gehört, für deren Befrie­di­gung die gesetz­liche Kran­ken­kas­se ein­zu­ste­hen hat. Die­se Auf­fas­sung bestä­tig­te die 5. Kam­mer des Sozi­al­ge­richts Det­mold. Zu den Grund­be­dürf­nis­sen gehö­ren danach nur die kör­per­li­chen Grund­funk­tio­nen wie das Gehen, Ste­hen, Trep­pen­stei­gen, Sit­zen, Lie­gen, Grei­fen, Hören sowie die Nah­rungs­auf­nah­me und die Aus­schei­dung. Auch wenn die Erschlie­ßung eines gewis­sen kör­per­li­chen und geis­ti­gen Frei­raums eben­falls als ele­men­ta­res Grund­be­dürf­nis aner­kannt wird, so kann dies nur im Sin­ne eines Basis­aus­gleichs zu ver­ste­hen sein. Dage­gen ist die Kran­ken­kas­se nicht dafür ver­ant­wort­lich, dass behin­der­ten Men­schen die letzt­lich unbe­grenz­ten Mobi­li­täts­mög­lich­kei­ten eines Gesun­den zugäng­lich gemacht wer­den. Viel­mehr beinhal­tet der Basis­aus­gleich nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bundes­sozialge­richts nur die Fähig­keit, sich in der Woh­nung zu bewe­gen und sie zu ver­las­sen, um bei einem kur­zen Spa­zier­gang an die fri­sche Luft zu gelan­gen. Das Fahr­rad­fah­ren gehört daher – so das Gericht – zur indi­vi­du­el­len von per­sön­li­chen Inter­es­sen gepräg­ten Lebens­gestal­tung.

Dass der Klä­ger das Hilfs­mit­tel dazu nut­zen will, um gemein­sa­me Rad­aus­flü­ge mit der Fami­lie zu unter­neh­men, spielt im Rah­men der medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on, für die die Kran­ken­kas­se ledig­lich zustän­dig ist, nach Auf­fas­sung des Sozi­al­ge­richts Det­mold kei­ne Rol­le. Die Inte­gra­ti­on in die Fami­lie und die dort übli­cher­wei­se erfol­gen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den ein­zel­nen Fami­li­en­mit­glie­dern und mit jün­ge­ren Geschwis­tern erfolgt regel­mä­ßig durch gemein­sa­me Akti­vi­tä­ten, wobei dabei die Art und Wei­se der Fort­be­we­gung nicht das wesent­liche Kri­te­ri­um ist. Auch wenn Kin­der und Jugend­li­che schnel­les Fahr­rad­fah­ren gegen­über Spa­zier­gän­gen und Wan­de­run­gen bevor­zu­gen mögen, sind Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten in der Fami­lie auch ohne die Nut­zung von Fahr­rä­dern mög­lich.

Sozi­al­ge­richt Det­mold, Urteil vom 05. August 2009 – S 5 KR 323/​07
(nicht rechts­kräf­tig, Beru­fung beim Lan­des­so­zi­al­ge­richt NRW anhän­gig – L 16 KR 191/​09)