Fami­li­en­pri­vi­leg in der Opfer­ent­schä­di­gung

Das Fami­li­en­pri­vi­leg des § 116 Abs. 6 SGB X gilt auch für den For­de­rungs­über­gang gemäß § 5 Abs. 1 OEG, § 81a Abs. 1 Satz 1 BVG.

Fami­li­en­pri­vi­leg in der Opfer­ent­schä­di­gung

§ 116 Abs. 6 SGB X ist auf den For­de­rungs­über­gang gemäß § 5 Abs. 1 OEG, § 81a Abs. 1 Satz 1 BVG ana­log anwend­bar, ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in dem Fall eines Vaters, der sein 4 Mona­te altes schrei­en­des Kind so stark geschüt­telt hat­te, dass es ein Schüt­tel­trau­ma erlitt, auf­grund des­sen es halb­sei­tig gelähmt wur­de und maxi­mal noch den Geis­tes­zu­stand eines 2jährigen errei­chen kann. Der Frei­staat Sach­sen woll­te nun die von ihm erbrach­ten Leis­tun­gen nach dem Opfer­ent­schä­di­gungs­ge­setz von dem Vater ersetzt erhal­ten. Der Bun­des­ge­richts­hof lehn­te dies ab:

In der Lite­ra­tur wird über­wie­gend die Ansicht ver­tre­ten, dass das Fami­li­en­pri­vi­leg des § 116 Abs. 6 SGB X auch in die­sem Fall gilt 1.

Die­se Ansicht ist zutref­fend.

Im Aus­gangs­punkt ist zu beach­ten, dass die Anwen­dung des Fami­li­en­pri­vi­legs bei der Gel­tend­ma­chung von Regress­an­sprü­chen auf­grund erbrach­ter Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen oder der Leis­tun­gen sons­ti­ger Dritt­leis­tungs­trä­ger auf einem all­ge­mei­nen Rechts­ge­dan­ken beruht 2. Die­ser fand sei­nen Aus­druck zunächst nur in § 67 Abs. 2 des Geset­zes vom 30.05.1908 über den Ver­si­che­rungs­ver­trag 3.

Eine ent­spre­chen­de Rege­lung fehl­te im Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht, solan­ge der den Regress ermög­li­chen­de For­de­rungs­über­gang in § 1542 RVO gere­gelt war. Gleich­wohl hat der erken­nen­de Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass die­ser For­de­rungs­über­gang bei Schä­di­gun­gen unter Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, die in häus­li­cher Gemein­schaft mit dem Ver­si­cher­ten leben, durch den Schutz­zweck der Ver­si­che­rungs­leis­tung in der Art des § 67 Abs. 2 VVG a.F. aus­ge­schlos­sen ist und dass die­ser Aus­schluss für alle Zwei­ge der Sozi­al­ver­si­che­rung gilt 4. Sinn und Zweck des § 67 Abs. 2 VVG a.F. war, zu ver­hin­dern, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer durch einen Rück­griff gegen einen in sei­ner häus­li­chen Gemein­schaft leben­den Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen selbst in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wird. Dabei ist davon aus­zu­ge­hen, dass die in häus­li­cher Gemein­schaft zusam­men­le­ben­den Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen meist eine gewis­se wirt­schaft­li­che Ein­heit bil­den und dass bei der Durch­füh­rung des Rück­griffs der Ver­si­cher­te im prak­ti­schen Ergeb­nis das, was er mit der einen Hand erhal­ten hat, mit der ande­ren wie­der her­aus­ge­ben müss­te. Zugleich soll im Inter­es­se der Erhal­tung des häus­li­chen Fami­li­en­frie­dens ver­hin­dert wer­den, dass Strei­tig­kei­ten über die Ver­ant­wor­tung von Scha­dens­zu­fü­gun­gen gegen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge aus­ge­tra­gen wer­den 5.

§ 116 Abs. 6 SGB X, der erst für Scha­dens­fäl­le ab dem 30.06.1983 gilt, nor­miert die­se Recht­spre­chung für den Bereich des Sozi­al­ge­setz­buchs. Die Geset­zes­be­grün­dung lässt erken­nen, dass es dem Gesetz­ge­ber dar­auf ankam, in die­ser Vor­schrift die in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ent­wi­ckel­ten Rechts­grund­sät­ze zur Gel­tung zu brin­gen, nach denen der For­de­rungs­über­gang gemäß § 1542 RVO a.F. bei fahr­läs­si­gen Schä­di­gun­gen durch Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die mit dem Ver­si­cher­ten in häus­li­cher Gemein­schaft leben, ent­spre­chend der Rege­lung des § 67 Abs. 2 VVG a.F. aus­ge­schlos­sen ist 6.

Schon des­halb kann ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts dar­aus, dass eine ent­spre­chen­de aus­drück­li­che Rege­lung bei For­de­rungs­über­gän­gen, die außer­halb des Sozi­al­ge­setz­buchs gere­gelt sind, fehlt, nicht geschlos­sen wer­den, es feh­le eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke, wel­che die Anwen­dung des Fami­li­en­pri­vi­legs ver­bie­tet. Das Feh­len einer aus­drück­li­chen Rege­lung kann ersicht­lich auch dar­auf beru­hen, dass die Fra­ge der Anwend­bar­keit des Fami­li­en­pri­vi­legs im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren nicht bedacht wor­den ist 7, wie dies wäh­rend der Gel­tung des § 1542 RVO a.F. der Fall war.

Dem­entspre­chend hat der erken­nen­de Bun­des­ge­richts­hof den in § 67 Abs. 2 VVG a.F. (jetzt § 86 Abs. 3 VVG) und § 116 Abs. 6 SGB X nor­mier­ten Rechts­ge­dan­ken auch bei den in § 4 LFZG gere­gel­ten For­de­rungs­über­gän­gen ange­wen­det 8. Dem­entspre­chend wird das Fami­li­en­pri­vi­leg zutref­fend auch auf den Anspruchs­über­gang nach § 76 BBG (§ 87a BBG a.F.) und nach den ent­spre­chen­den Lan­des­ge­set­zen ange­wen­det 9.

Dass der Gesetz­ge­ber die Anwen­dung des Fami­li­en­pri­vi­legs bei For­de­rungs­über­gän­gen im Bereich des Opfer­ent­schä­di­gungs­ge­set­zes habe aus­schlie­ßen wol­len, ist nicht ersicht­lich.

Schon die Ver­wei­sung des § 5 OEG auf § 81a BVG deu­tet dar­auf hin, dass eine Anwen­dung des Fami­li­en­pri­vi­legs auch hier gebo­ten ist. Gemäß § 81a Abs. 1 Satz 3 BVG kann der Über­gang des Anspruchs nicht zum Nach­teil des Berech­tig­ten gel­tend gemacht wer­den. Dies ent­spricht der Rege­lung in § 86 Abs. 1 Satz 2 VVG. Mit Recht wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass bereits die­se Bestim­mung die Haf­tungs­pri­vi­le­gie­rung von Fami­li­en- bzw. Haus­halts­an­ge­hö­ri­gen nahe­legt, weil dar­in der Norm­zweck zum Aus­druck kommt, den Regress zu ver­hin­dern, wenn dadurch der Ver­si­che­rungs­neh­mer bzw. der Ver­si­cher­te selbst in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wird 10.

Die Geset­zes­be­grün­dung zu § 5 OEG vom 11.05.1976 11 befasst sich nicht mit der Fra­ge des Fami­li­en­pri­vi­legs 12. § 116 Abs. 6 SGB X konn­te hier indes schon des­halb nicht erwähnt wer­den, weil die Rege­lung erst mit dem Sozi­al­ge­setz­buch – Zusam­men­ar­beit der Leis­tungs­trä­ger und ihre Bezie­hun­gen zu Drit­ten – am 4.11.1982 13 und damit zu einem spä­te­ren Zeit­punkt erlas­sen wur­de. Dass auf den Rechts­ge­dan­ken des § 67 Abs. 2 VVG a.F. nicht soll­te zurück­ge­grif­fen wer­den dür­fen, lässt sich der Geset­zes­be­grün­dung nicht ent­neh­men.

Zwar hat der Gesetz­ge­ber bei Erlass des Opfer­ent­schä­di­gungs­ge­set­zes ange­nom­men, die Fra­ge, inwie­weit über­ge­gan­ge­ne Ansprü­che gegen den Schä­di­ger gestun­det oder nie­der­ge­schla­gen wer­den kön­nen, rich­te sich nach § 47 des Geset­zes über das Ver­wal­tungs­ver­fah­ren der Kriegs­op­fer­ver­sor­gung (KOVVfG) in der vom 01.01.1976 an gel­ten­den Fas­sung 14 und den hier­zu ergan­ge­nen Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten 15. § 47 Abs. 4 KOVVfG sah vor, dass die Rück­erstat­tungs­schuld nur erlas­sen wer­den kann, wenn die Rück­erstat­tung eine beson­de­re Här­te für den Rück­erstat­tungs­pflich­ti­gen bedeu­ten wür­de oder wenn dar­aus in unver­hält­nis­mä­ßi­gem Umfang Kos­ten oder Ver­wal­tungs­auf­wand ent­ste­hen wür­den. Jedoch betrifft die­se Vor­schrift unmit­tel­bar nur die Rück­for­de­rung gegen­über dem Ver­sor­gungs­emp­fän­ger und nicht Ansprü­che gegen den Schä­di­ger aus über­ge­gan­ge­nem Recht. § 47 KOVVfG wur­de durch Art. II § 16 Sozi­al­ge­setz­buch – Ver­wal­tungs­ver­fah­ren – vom 18.08.1980 16 gestri­chen, weil §§ 48, 66 SGB X an sei­ne Stel­le getre­ten sind 17. Die­se Vor­schrif­ten ent­hal­ten die dem frü­he­ren § 47 Abs. 4 KOVVfG ent­spre­chen­de Rege­lung nicht mehr. Des­we­gen steht der Hin­weis des Gesetz­ge­bers auf § 47 KOVVfG der Anwen­dung des Fami­li­en­pri­vi­legs jeden­falls heu­te nicht mehr ent­ge­gen.

Wei­ter wur­de erwo­gen, etwai­gen Här­te­fäl­len durch die Anwen­dung haus­halts­recht­li­cher Vor­schrif­ten (vgl. § 59 Abs. 1 BHO und die ent­spre­chen­den Vor­schrif­ten der Län­der) zu begeg­nen, die eine Stun­dung, eine Nie­der­schla­gung und den Erlass der über­ge­gan­ge­nen Ansprü­che ermög­li­chen 18. Die­se all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten, die auf beson­de­re Här­te­fäl­le zuge­schnit­ten sind, wer­den der spe­zi­el­len dem Fami­li­en­pri­vi­leg zu Grun­de lie­gen­den Pro­ble­ma­tik nicht gerecht.

Dar­aus, dass § 81a Abs. 4 BVG die Vor­schrift des § 116 Abs. 8 SGB X aus­drück­lich für ent­spre­chend anwend­bar erklärt, kann eben­falls nicht geschlos­sen wer­den, der Gesetz­ge­ber habe sich gegen die Anwen­dung des Fami­li­en­pri­vi­legs ent­schie­den. § 81a Abs. 4 BVG wur­de durch das Gesetz zur Ände­rung von Erstat­tungs­vor­schrif­ten im sozia­len Ent­schä­di­gungs­recht vom 25.07.1996 19 ein­ge­fügt. Die Geset­zes­än­de­rung dien­te der Mini­mie­rung des Ver­wal­tungs­auf­wands bei der Gel­tend­ma­chung des über­ge­gan­ge­nen Scha­dens­er­satz­an­spruchs 20. Ange­sichts die­ses begrenz­ten Zwecks der Geset­zes­än­de­rung war der Gesetz­ge­ber nicht ver­an­lasst, den Rück­griff gegen den Schä­di­ger ins­ge­samt in den Blick zu neh­men.

Die Inter­es­sen­la­ge, die beim Anspruchs­über­gang nach § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X und dem nach § 67 Abs. 2 VVG a.F. (§ 86 Abs. 3 VVG n.F.) die Anwen­dung des Fami­li­en­pri­vi­legs recht­fer­tigt, besteht in ver­gleich­ba­rer Wei­se bei dem Anspruchs­über­gang gemäß § 5 Abs. 1 OEG, § 81a Abs. 1 Satz 1 BVG.

Die Legal­zes­si­on des § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X knüpft eben­so wie die des § 67 VVG a.F. (jetzt § 86 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 3 VVG) an die Ver­pflich­tung des Sozi­al­leis­tungs­trä­gers bzw. Ver­si­che­rers an, auf­grund eines Scha­dens­er­eig­nis­ses Leis­tun­gen erbrin­gen zu müs­sen, die mit dem vom Schä­di­ger zu leis­ten­den Scha­dens­er­satz sach­lich und zeit­lich kon­gru­ent sind 21. Die Zes­si­on soll bewir­ken, dass der Sozi­al­leis­tungs­trä­ger bzw. Ver­si­che­rer, durch des­sen Leis­tun­gen der Geschä­dig­te scha­dens­frei gestellt wird, Rück­griff neh­men kann; der Schä­di­ger soll durch die Ver­si­che­rungs- bzw. Sozi­al­leis­tun­gen nicht unver­dient ent­las­tet wer­den, zugleich soll eine dop­pel­te Ent­schä­di­gung des Geschä­dig­ten ver­mie­den wer­den 22. Von die­ser Regel besteht gemäß § 116 Abs. 6 Satz 1 SGB X und § 86 Abs. 3 VVG (frü­her § 67 Abs. 2 VVG) bei der Schä­di­gung eines Fami­li­en- bzw. Haus­halts­an­ge­hö­ri­gen aus den oben ange­spro­che­nen Grün­den eine Aus­nah­me. Die Stö­rung des Fami­li­en­frie­dens durch Strei­tig­kei­ten mit Fami­li­en- bzw. Haus­halts­an­ge­hö­ri­gen über die Ver­ant­wor­tung für nicht vor­sätz­li­che Scha­dens­zu­fü­gun­gen und der Rück­griff des Ver­si­che­rers bei dem Haft­pflich­ti­gen in Wider­spruch zu der wirt­schaft­li­chen Zweck­be­stim­mung sei­ner Leis­tun­gen an den Geschä­dig­ten sol­len ver­mie­den wer­den.

Die­se Erwä­gun­gen tref­fen auch auf den Anspruchs­über­gang gemäß § 5 Abs. 1 OEG, § 81a Abs. 1 Satz 1 BVG zu. Auch die­ser For­de­rungs­über­gang soll dem Ver­sor­gungs­trä­ger den Regress beim Schä­di­ger hin­sicht­lich der Belas­tung mit Leis­tun­gen ermög­li­chen, die mit dem Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen den Schä­di­ger deckungs­gleich sind 23. Der Anspruchs­über­gang gemäß § 81a Abs. 1 Satz 1 BVG setzt eben­so wie der nach § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X und der nach § 86 Abs. 3 VVG (frü­her § 67 Abs. 2 VVG) die sach­li­che und zeit­li­che Kon­gru­enz zwi­schen dem Scha­dens­er­satz­an­spruch und der zu erbrin­gen­den Sozi­al­leis­tung vor­aus 24. Der Zweck des Fami­li­en­pri­vi­legs, Strei­tig­kei­ten zwi­schen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen zu ver­mei­den, hat bei Fall­ge­stal­tun­gen der vor­lie­gen­den Art auch Bedeu­tung, soweit es um den For­de­rungs­über­gang wegen nach dem Opfer­ent­schä­di­gungs­ge­setz erbrach­ter Leis­tun­gen geht. Die Gefahr, dass der Geschä­dig­te durch den Regress des Leis­tungs­trä­gers bei dem Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen den Vor­teil der Leis­tung wie­der ver­liert, besteht hier eben­so. Denn der schä­di­gen­de Vater und das geschä­dig­te Kind sind zumin­dest durch die bestehen­de Unter­halts­pflicht des Vaters auf Dau­er wirt­schaft­lich ver­bun­den, so dass der Regress zu einer mit­tel­ba­ren Schä­di­gung des Kin­des füh­ren kann. Ob es dazu im Ein­zel­fall tat­säch­lich kommt, ist uner­heb­lich. Das Fami­li­en­pri­vi­leg wirkt gene­rell; es greift selbst dann, wenn eine Haft­pflicht­ver­si­che­rung des Schä­di­gers besteht, die für den Scha­den auf­kom­men müss­te 25.

Die Anwen­dung des Fami­li­en­pri­vi­legs kann nicht mit der Begrün­dung ver­neint wer­den, der Ver­sor­gungs­an­spruch sei gegen­über dem Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen den Schä­di­ger sub­si­di­är 26. Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof für nach­ran­gi­ge 27 Sozi­al­leis­tun­gen eine ana­lo­ge Anwen­dung des Fami­li­en­pri­vi­legs abge­lehnt 28. Die Leis­tun­gen nach dem Opfer­ent­schä­di­gungs­ge­setz sind jedoch nicht in die­sem Sin­ne nach­ran­gig. Zwar ging der Gesetz­ge­ber davon aus, dass der zivil­recht­li­che Scha­dens­er­satz­an­spruch dem Geschä­dig­ten einen vol­len Aus­gleich des durch die Tat erlit­te­nen Scha­dens gewährt und das Bedürf­nis einer Ent­schä­di­gung des­halb vor allem dann besteht, wenn der Scha­dens­er­satz­an­spruch nicht durch­ge­setzt wer­den kann, weil der Täter unbe­kannt oder nicht leis­tungs­fä­hig ist 29. Der Gesetz­ge­ber hat jedoch die Ansprü­che nach dem Opfer­ent­schä­di­gungs­ge­setz ent­spre­chend dem Leis­tungs­sys­tem des Bun­des­ver­sor­gungs­ge­set­zes aus­ge­stal­tet 30. Hier­bei han­delt es sich, anders als bei der Sozi­al­hil­fe, nicht um nach­ran­gi­ge Sozi­al­leis­tun­gen.

Schließ­lich steht der Anwen­dung des Fami­li­en­pri­vi­legs auch nicht der im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zum Opfer­ent­schä­di­gungs­ge­setz zum Aus­druck gebrach­te Wil­le ent­ge­gen, den Straf­tä­ter nicht unbil­lig zu begüns­ti­gen. Der Gesetz­ge­ber hat die Mög­lich­keit vor­ge­se­hen, Leis­tun­gen gemäß § 2 Abs. 1 Satz 1 Fall 2 OEG zu ver­sa­gen, wenn sie im Ergeb­nis auch dem Täter zugu­te kom­men 31, was ins­be­son­de­re bei Straf­ta­ten zwi­schen Ange­hö­ri­gen, die in häus­li­cher Gemein­schaft leben, der Fall sein kann 32. Um die Täter von Gewalt­ta­ten nicht unge­recht­fer­tigt zu ent­las­ten, hat der Gesetz­ge­ber den Anspruchs­über­gang gemäß § 5 OEG vor­ge­se­hen 33. Nach frü­he­rer Ver­wal­tungs­pra­xis war bei einer Kör­per­ver­let­zung unter Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen die Ent­schä­di­gung zu ver­sa­gen, wenn der Geschä­dig­te mit dem Täter in häus­li­cher Gemein­schaft leb­te und der Regress nach § 5 Abs. 1 OEG, § 81a BVG nicht zu rea­li­sie­ren war 34. Dies spricht jedoch nicht ent­schei­dend gegen die Anwen­dung des Fami­li­en­pri­vi­legs auf den Anspruchs­über­gang nach § 5 Abs. 1 OEG, § 81a BVG. Auch der Anspruchs­über­gang nach § 116 Abs. 1 Satz 1 SGB X soll ver­hin­dern, dass der Schä­di­ger durch die dem Geschä­dig­ten zuflie­ßen­den Sozi­al­leis­tun­gen haf­tungs­frei gestellt wird 35. Den­noch räumt der Gesetz­ge­ber in die­ser Kon­stel­la­ti­on unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 116 Abs. 6 SGB X dem Schutz des Fami­li­en­frie­dens und dem Inter­es­se des Geschä­dig­ten, durch den Regress­an­spruch nicht mit­tel­bar belas­tet zu wer­den, Vor­rang ein gegen­über dem Inter­es­se der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft am Rück­griff gegen den haf­ten­den Schä­di­ger und nimmt eine Bes­ser­stel­lung des Schä­di­gers in Kauf. Im Fall des Anspruchs­über­gangs nach § 5 Abs. 1 OEG, § 81a Abs. 1 Satz 1 BVG besteht eine ver­gleich­ba­re Inter­es­sen­la­ge. Im Streit­fall ist nicht ersicht­lich, war­um der Beklag­te vom Rück­griff der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­se und Pfle­ge­ver­si­che­rung ver­schont blei­ben soll 36, wäh­rend er wegen des­sel­ben Vor­falls dem Regress­an­spruch des kla­gen­den Lan­des aus­ge­setzt sein soll.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Juni 2011 – VI ZR 194/​10

  1. Dahm, Die Sozi­al­ver­si­che­rung 2002, 119, 121; Fehl in Fehl/​Förs­ter/​Leisner/​Sailer, Sozia­les Ent­schä­di­gungs­recht, 7. Aufl., § 81a BVG Rn. 4; Geigel/​Plagemann, Der Haft­pflicht­pro­zess, 26. Aufl., Kapi­tel 30 Rn. 156; Heinz, OEG, 2007, Teil F Rn. 36 f.; Rohr/​Sträßer/​Dahm, Bun­des­ver­sor­gungs­recht mit Ver­fah­rens­recht, 6. Aufl., § 81a BVG Anm. 4 [Stand: Dezem­ber 2006]; vgl. Gre­ger, Haf­tungs­recht des Stra­ßen­ver­kehrs, 4. Aufl., § 34 Rn. 19, wonach ent­we­der § 116 Abs. 6 SGB X oder § 86 Abs. 3 VVG ana­log anzu­wen­den sei; a.A. Doe­ringS­tri­en­ing, Die Ver­sa­gung von Opfer­ent­schä­di­gungs­leis­tun­gen gemäß § 2 Abs. 1 OEG, 1988, S. 327 ff.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 21.09. 1976 – VI ZR 210/​75, VersR 1977, 149, 150; Gre­ger, aaO, § 32 Rn. 73; vgl. auch Ver­kehrs­ge­richts­tag 2007 in Gos­lar, Arbeits­kreis 1, Emp­feh­lung 1[]
  3. RGBl. S. 263; VVG a.F.[]
  4. BGH, Urtei­le vom 11.02.1964 – VI ZR 271/​62, BGHZ 41, 79, 82 ff.; vom 14.07.1970 – VI ZR 179/​68, BGHZ 54, 256, 257 f.; vom 05.12. 1978 – VI ZR 233/​77, 1979, 256, 257; vom 15.01.1980 – VI ZR 270/​78, VersR 1980, 644; vom 15.01.1980 – VI ZR 181/​78, VersR 1980, 526, 527[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le, vom 11.02.1964 – VI ZR 271/​62, BGHZ 41, 79, 83; vom 12.11.1985 – VI ZR 223/​84, VersR 1986, 333, 334; vom 01.12. 1987 – VI ZR 50/​87, BGHZ 102, 257, 259 f.; BGH, Urtei­le vom 30.04.1959 – II ZR 126/​57, BGHZ 30, 40, 45 unter Hin­weis auf die amtl. Begrün­dung zu § 67, RT-Drucks., 11. Legis­la­tur­pe­ri­ode, II. Ses­si­on Nr. 22, S. 127, abge­druckt bei Gerhard/​Hagen, VVG S. 312; vom 22.04.2009 – IV ZR 160/​07, BGHZ 180, 272, 275 Rn. 10; BVerfG, Beschluss vom 12.10.2010 – 1 BvL 14/​09, Fam­RZ 2010, 2050 Rn. 47 ff.[]
  6. BGH, Urteil vom 01.12. 1987 – VI ZR 50/​87, BGHZ 102, 257, 259 mit Hin­weis auf BT-Drucks. 9/​95 S. 28; vgl. fer­ner Fenn, Zen­tral­blatt für Sozi­al­ver­si­che­rung, Sozi­al­hil­fe und Ver­sor­gung 1983, 107, 112 f.[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 04.03.1976 – VI ZR 60/​75, BGHZ 66, 104, 105 f.; vom 24.01.1989 – VI ZR 130/​88, BGHZ 106, 284, 287[]
  8. BGH, Urteil vom 04.03.1976 – VI ZR 60/​75, BGHZ 66, 104, 105 f.; eben­so zu § 6 EFZG: OLG Dres­den, VersR 2001, 1035, 1036[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 08.01.1965 – VI ZR 234/​63, BGHZ 43, 72, 77 ff.; OLG Nürn­berg, NZV 2009, 287 zu Art. 96 BayBG; Groß, DAR 1999, 337, 344; Erman/​Ebert, BGB, 12. Aufl., vor § 249 Rn. 167; Lange/​Schiemann, Scha­dens­er­satz, 3. Aufl., S. 746[]
  10. Münch­Komm-VVG/M­öl­ler/­Seg­ger, 2010, Rn. 171, 186[]
  11. BGBl. I S. 1181[]
  12. vgl. BT-Drucks. 7/​2506, S. 17[]
  13. BGBl. I S. 1450[]
  14. vgl. Neu­be­kannt­ma­chung vom 06.05.1976, BGBl. I S. 1169[]
  15. BT-Drucks. 7/​2506 S. 17; SchulzLüke/​Wolf, Gewalt­ta­ten und Opfer­ent­schä­di­gung, 1977, § 5 OEG Rn. 1[]
  16. BGBl. I S. 1469, 1496[]
  17. BT-Drucks. 8/​2034, S. 40[]
  18. Schoreit/​Düsseldorf, OEG, 1977, § 5 Anm. 2 b[]
  19. BGBl. I S. 1118[]
  20. vgl. BR-Drucks.133/95, S. 7[]
  21. vgl. BGH, Urteil vom 24.01.1989 – VI ZR 130/​88, BGHZ 106, 284, 287 f.[]
  22. BGH, Urtei­le vom 24.01.1989 – VI ZR 130/​88, BGHZ 106, 284, 288; vom 08.07.2003 – VI ZR 274/​02, BGHZ 155, 342, 349 f.[]
  23. BGH, Urtei­le vom 28.03.1995 – VI ZR 244/​94, VersR 1995, 600, 602; vom 16.10.2007 – VI ZR 227/​06, VersR 2008, 275 Rn. 10[]
  24. vgl. Geigel/​Plagemann, 26. Aufl., Kapi­tel 30 Rn. 156; Kunz/​Zellner/​Gelhausen/​Weiner, OEG, 5. Aufl., § 5 Rn. 8; Rohr/​Sträßer/​Dahm, Bun­des­ver­sor­gungs­recht mit Ver­fah­rens­recht, 6. Aufl., § 81a BVG Anm. 4 [Stand: Dezem­ber 2006][]
  25. BGH, Urteil vom 11.02.1964 – VI ZR 271/​62, BGHZ 41, 79, 84; BGH, Urteil vom 24.09. 1969 – IV ZR 776/​68, BGHZ 52, 350, 355[]
  26. vgl. BT-Drucks. 7/​4614, S. 4[]
  27. vgl. § 2 SGB XII[]
  28. vgl. BGH, Urtei­le vom 12.07.1983 – VI ZR 184/​81, VersR 1983, 989, 990 für die Jugend­hil­fe; vom 09.07.1996 – VI ZR 5/​95, BGHZ 133, 192, 195 f. für Sozi­al­hil­fe hin­sicht­lich des Über­gangs des Direkt­an­spruchs gegen den Haft­pflicht­ver­si­che­rer; Lange/​Schiemann, Scha­dens­er­satz, 3. Aufl., S. 722[]
  29. vgl. BT-Drucks. 7/​2506, S. 8[]
  30. BT-Drucks. 7/​2506, S. 10 f.[]
  31. vgl. SchulzLüke/​Wolf, OEG, 1977, § 2 Rn. 5[]
  32. BR-Drucks. 352/​74, S. 5 f.; Rund­schrei­ben des BMA vom 28.02.1977 – VI a 2 – 5172.1 – 691/​76, VdKMitt. 1977, 285 f.; vgl. BSG, Urtei­le vom 23.10.1985 – 9a RVg 4/​83, BSGE 59, 40, 44; vom 21.10.1998 – B 9 VG 6/​97 R, BSGE 83, 62, 66; vom 29.03.2007 – B 9a VG 2/​05 R, BSGE 98, 178 Rn. 16; Kunz/​Zellner/​Gelhausen/​Weiner, OEG, 5. Aufl., § 2 Rn. 35; kri­tisch zu die­sem Aus­schluss­grund Schoreit/​Düsseldorf, OEG, 1977, § 2 Rn. 29 ff.[]
  33. BT-Drucks. 7/​4614, S. 4; Schoreit/​Düsseldorf, OEG, 1977, § 5 Rn. 2; vgl. Behm, SGb 1985, 363, 369; Doe­ringS­tri­en­ing, Die Ver­sa­gung von Opfer­ent­schä­di­gungs­leis­tun­gen gemäß § 2 Abs. 1 OEG, 1988, S. 323[]
  34. Rund­schrei­ben des BMA vom 28.02.1977 – VI a 2 – 5172.1 – 691/​76, VdKMitt. 1977, 285 f.[]
  35. BGH, Urteil vom 08.07.2003 – VI ZR 274/​02, BGHZ 155, 342, 349 f. mwN[]
  36. vgl. OLG Dres­den, Urteil vom 21.04.2010 – 13 U 775/​09, n.v., betref­fend die Kla­ge der Kran­ken­kas­se, die Leis­tun­gen an den Geschä­dig­ten erbracht hat, gegen den Beklag­ten[]