Fest­stel­lungs­in­ter­es­se bei Unfall­fol­gen in der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung

Das berech­tig­te Inter­es­se einer Kla­ge auf Fest­stel­lung von Unfall­fol­gen nach § 55 Abs. 1 Nr. 3 SGG setzt vor­aus, dass der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger in einem vor­he­ri­gen Ver­wal­tungs­ver­fah­ren mit der Fra­ge nach dem Vor­lie­gen von Unfall­fol­gen befasst war; eine aus­drück­li­che, förm­li­che Ent­schei­dung des Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gers über jede ein­zel­ne als Unfall­fol­ge behaup­te­te Gesund­heits­stö­rung ist nicht erfor­der­lich.

Fest­stel­lungs­in­ter­es­se bei Unfall­fol­gen in der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung

Denn nach § 55 Abs. 1 Nr. 3 SGG kann mit der Kla­ge die Fest­stel­lung begehrt wer­den, ob eine Gesund­heits­stö­rung die Fol­ge eines Arbeits­un­fal­les ist. Die begehr­te Fest­stel­lung muss sich auf den Zeit­punkt der Gerichts­ent­schei­dung in der letz­ten Tat­sa­chen­in­stanz bezie­hen 1. Das für eine sol­che Fest­stel­lungs­kla­ge not­wen­di­ge Fest­stel­lungs­in­ter­es­se liegt nur vor, wenn zuvor ein ent­spre­chen­des Ver­wal­tungs­ver­fah­ren durch­ge­führt wur­de 2.

Soweit aber eine förm­li­che Fest­stel­lung des Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gers über das Vor­lie­gen bzw. Nicht­vor­lie­gen jeder ein­zel­nen pro­zes­su­al strei­ti­gen Unfall­fol­ge des­sel­ben Ver­si­che­rungs­fal­les ver­langt wird, wer­den die Anfor­de­run­gen an das Fest­stel­lungs­in­ter­es­se über­spannt. Aus­rei­chend ist viel­mehr, dass sich der Ver­si­che­rungs­trä­ger in dem Ver­wal­tungs­ver­fah­ren mit der Fra­ge nach dem Vor­lie­gen von Unfall­fol­gen befass­te, was hier, wie sich aus der Begrün­dung des ange­foch­te­nen Bescheids ergibt, in umfas­sen­der Wei­se der Fall war. Eine aus­drück­li­che, förm­li­che Ent­schei­dung des Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gers über jede ein­zel­ne als Unfall­fol­ge behaup­te­te Gesund­heits­stö­rung ist nicht erfor­der­lich 3. Selbst im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren nicht the­ma­ti­sier­te Unfall­fol­gen kön­nen im Rah­men des § 99 Abs. 2 Nr. 3 SGG in das gericht­li­che Ver­fah­ren ein­be­zo­gen wer­den 4. Andern­falls müss­te über jede, nicht bereits im Rah­men eines Ver­wal­tungs­ver­fah­rens vom Ver­si­cher­ten aus­drück­lich zur Aner­ken­nung begehr­te und vom Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger ent­spre­chend aus­drück­lich abge­lehn­te Gesund­heits­stö­rung ein geson­der­tes Ver­wal­tungs­ver­fah­ren durch­ge­führt wer­den. Allein die Betrach­tung jener Sach­ver­hal­te, in denen die Ver­let­zung durch nach­fol­gen­de medi­zi­ni­sche Maß­nah­men – von kon­ser­va­ti­ven Behand­lun­gen bis zu ope­ra­ti­ven Ein­grif­fen – immer wie­der Ver­än­de­run­gen unter­liegt, zeigt, dass – woll­te man die gericht­li­che Fest­stel­lung einer Unfall­fol­ge jeweils von einer förm­li­chen Ableh­nung der ein­zel­nen Gesund­heits­stö­rung durch den Ver­si­che­rungs­trä­ger abhän­gig machen – ein effek­ti­ver Rechts­schutz nicht zu gewähr­leis­ten wäre.

Dem Fest­stel­lungs­in­ter­es­se steht auch nicht ent­ge­gen, dass der ver­letz­te Arbeit­neh­mer die Berufs­ge­nos­sen­schaft im Wege der Ver­pflich­tungs­kla­ge auf Aner­ken­nung der Unfall­fol­gen ver­kla­gen könn­te 5. Denn inso­weit besteht ein Wahl­recht des Ver­si­cher­ten zwi­schen die­sen Kla­ge­ar­ten 6.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 15. März 2012 – L 10 U 945/​10

  1. LSG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 19.05.2011 – L 10 U 5435/​07, unter Hin­weis auf BSG, Urteil vom 18.09.1991 – RKnU 3/​90 in SozR 3 – 1500 § 55 Nr. 6[]
  2. u.a. BSG, Urteil vom 22.06.2004 – B 2 U 22/​03 R für unter­schied­li­che Ver­si­che­rungs­fäl­le; Kel­ler in Mey­er-Lade­wi­g/Kel­ler/­Leit­he­rer, SGG, 9. Auf­la­ge § 55 Rdnr. 3b[]
  3. BSG, Urteil vom 15.02.2005 – B 2 U 1/​04 R in SozR 4 – 2700 § 8 Nr. 12 für den Fall einer all­ge­mei­nen Leis­tungs­ab­leh­nung durch den Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger, weil kein Ver­si­che­rungs­schutz bestan­den habe, für die nach­fol­gend erho­be­nen Kla­gen auf Fest­stel­lung des Vor­lie­gens eines Arbeits­un­fal­les und von Unfall­fol­gen; im Ergeb­nis so auch BSG, Urteil vom 05.07.2011 – B 2 U 17/​10 R für mit­tel­ba­re Unfall­fol­gen in Gefol­ge ärzt­li­cher Maß­nah­men anläss­lich eines Unfal­les, über die die Behör­de gera­de kei­ne aus­drück­li­che Ent­schei­dung getrof­fen hat­te, son­dern wo ledig­lich eine Aus­hei­lung der unfall­be­ding­ten Pri­mär­ver­let­zung fest­ge­stellt wor­den war[]
  4. Kel­ler, a.a.O., Rdnr. 3c; BSG, Urteil vom 06.10.1977 – 9 RV 66/​76 in SozR 1500 § 99 Nr. 2 im Fal­le eines Leis­tungs­be­geh­rens[]
  5. BSG, Urteil vom 05.07.2011 – B 2 U 17/​10 R, auch zum sub­jek­tiv öffent­li­chen Recht des Ver­si­cher­ten auf Aner­ken­nung von Unfall­fol­gen durch den Ver­si­che­rungs­trä­ger[]
  6. BSG, Urteil vom 05.07.2011 – B 2 U 17/​10 R[]