Flamenco-Tanz ist keine Kunst

Flamenco-Unterricht ist keine künstlerische Tätigkeit. Eine selbständige Flamenco-Tanzlehrerin kann daher nicht Mitglied in der Künstlersozialkasse sein.

Flamenco-Tanz ist keine Kunst

Geklagt hatte eine selbständige Tanzdozentin, die seit 2017 hautberuflich eine Flamencoschule betreibt. Sie erteilt Unterricht in Form von Workshops, Schul-AGs und tänzerischen Fitnesskursen. Hinzu kommen gelegentliche Soloauftritte. Ihren Antrag auf Aufnahme in die Künstlersozialkasse (KSK) lehnte diese mit der Begründung ab, dass Tanzlehrer nur dann versicherungspflichtig seien, wenn sie Bühnentanz wie Ballett und zeitgenössische Tanzstile lehren würden. Dagegen sei pädagogischer oder sportlicher Unterricht keine darstellende Kunst. Dies zeige sich auch an den gewählten Austragungsorten wie Einkaufsmärkten und Gaststätten.

Demgegenüber verwies die Tanzlehrerin auf den hohen künstlerischen Anspruch des Flamencos. Sie unterrichte den Tanz als Kunstform. Es sei ein künstlerischer Ausdruckstanz, bei dem Gefühle in Bewegung ausgedrückt würden. Sie selbst habe in einem Flamenco-Duo im Cirque du Soleil unter Vertrag gestanden. Außerdem sei es kein Sport, da Flamenco nicht vom Deutschen Tanzsportverband als Tanzart gelistet sei.

Anders als in der ersten Instanz das Sozialgericht Oldenburg1 hat das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen die Rechtsauffassung der KSK bestätigt und auf die Berufung der KSK die Klage abgewiesen. 

Maßgeblich für die Beurteilung sei der wirtschaftliche Schwerpunkt der Tätigkeit der Tanzlehrerin. Dieser bestehe nicht in eigenen künstlerischen Auftritten, sondern in der Lehre. In der konkreten Ausprägung sei das Unterrichtsangebot dem Freizeitsport vergleichbar. Denn bei verschiedenen Kursen stehe das sportliche Fitnesstraining im Vordergrund und die Schul-AGs folgten einer pädagogischdidaktischen Ausrichtung. Zwar verfolge die Tanzlehrerin ein ambitioniertes Konzept, jedoch werde ein ähnlicher Modus auch von anderen Sport- und Freizeitvereinen betrieben. Spezielle Klassen zur professionellen Berufsvorbereitung würde sie nicht anbieten. Dies sei auch nachvollziehbar, da es in Norddeutschland – anders als in Spanien – kaum Berufsmöglichkeiten für Flamencotänzer gebe.

Rechtsgrundlage für die Feststellung der Versicherungspflicht ist § 1 KSVG. Danach werden selbstständige Künstler und Publizisten in der allgemeinen Rentenversicherung, in der gesetzlichen Krankenversicherung und in der sozialen Pflegeversicherung versichert, wenn sie die künstlerische und publizistische Tätigkeit erwerbsmäßig und nicht nur vorübergehend ausüben und im Zusammenhang mit der künstlerischen oder publizistischen Tätigkeit nicht mehr als einen Arbeitnehmer beschäftigen, es sei denn, die Beschäftigung erfolgt zur Berufsausbildung oder ist geringfügig im Sinne des § 8 des Vierten Buches Sozialgesetzbuch.

Im vorliegenden Fall hat die Flamenco-Lehrerin den Beruf der Tanzlehrerin erwerbsmäßig und nicht nur vorübergehend ausgeübt, ohne dass sie weitere Arbeitnehmer beschäftigt hat. Nach der Rechtsprechung des BSG zum Begriff der Erwerbsmäßigkeit in § 1 Nr 1 KSVG soll dieses Merkmal zum Ausdruck bringen, dass die künstlerische oder publizistische Tätigkeit „zum Zwecke des Broterwerbs“ und nicht nur aus reiner Liebhaberei ausgeübt werden muss, um die Versicherungspflicht in der KSV auslösen zu können2. Dabei ist bei der Beurteilung der Frage, ob die Tätigkeit erwerbsmäßig ausgeübt wird, die Höhe des Einkommens nicht maßgeblich. Denn wenn der Gesetzgeber die Erwerbsmäßigkeit aufgrund nur geringer Einnahmen hätte verneinen wollen, hätte es der Geringfügigkeitsgrenze in § 5 Abs 1 Nr 5 KSVG nicht bedurft. Es ist nicht davon auszugehen, dass innerhalb eines Gesetzes der gleiche Begriff unterschiedlich ausgelegt werden soll. Dem in § 5 Abs 1 Nr 5 KSVG enthaltenen Tatbestandsmerkmal der Erwerbstätigkeit kommt nicht die gleiche Bedeutung zu wie der – steuerrechtlich zu prüfenden – Gewinnerzielungsabsicht (Überschusserzielungsabsicht). Abzustellen ist vielmehr auf den Zweck der Tätigkeitsausübung („Broterwerb“)3. Daher kommt es auf die von der KSK vorgebrachten Zweifel in Bezug auf die Höhe der im Jahr 2018 erwirtschafteten Einnahmen nicht an.

Weiterlesen:
Festbeträge für Hilfsmittel

Allerdings ist das Tatbestandsmerkmal einer künstlerischen Tätigkeit im Sinne des § 1 Nr 1 KSVG nicht erfüllt.

Es kann nicht darauf abgestellt werden, ob die eigenen Tanzauftritte der Flamenco-Lehrerin die Kriterien des Bühnentanzes als Kunstform erfüllen. Auch der Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen geht davon aus, dass die Tanzpräsentation der Flamenco-Lehrerin als Flamenco Tänzerin dem künstlerischen Wirkbereich zuzuordnen ist. Dafür spricht nicht zuletzt ihr zweijähriges Engagement als Flamenco Tänzerin im N. Die eigenen Tanzauftritte der Flamenco-Lehrerin bilden jedoch nicht den wirtschaftlichen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Im Focus steht nicht eine Tätigkeit als Flamenco Tänzerin, sondern die Lehre des Flamencos. Bei einem aus unterschiedlichen Tätigkeiten zusammengesetzten Berufsbild kann von einem künstlerischen Beruf nur dann ausgegangen werden, wenn die künstlerischen Elemente das Gesamtbild prägen, Kunst also den Schwerpunkt der Berufsausübung bildet.

Maßgeblich ist daher, ob der Flamenco-Unterricht der Flamenco-Lehrerin der Lehre von darstellenden Kunst entspricht, dh im Schwerpunkt auf die Befähigung der Schüler zum Bühnentanz als Kunstform ausgerichtet ist.

Nach § 2 Satz 1 KSVG ist Künstler im Sinne dieses Gesetzes, wer Musik, darstellende oder bildende Kunst, ausübt oder lehrt. Eine weitergehende Festlegung, was darunter im Einzelnen zu verstehen ist, ist im Hinblick auf die Vielfalt, Komplexität und Dynamik der Erscheinungsformen künstlerischer Betätigungsfelder durch den Gesetzgeber nicht erfolgt. Der Begriff der Kunst ist deshalb aus dem Regelungszweck des KSVG unter Berücksichtigung der allgemeinen Verkehrsauffassung und der historischen Entwicklung zu erschließen. Er soll trotz seiner Unschärfe jedenfalls solche künstlerischen Tätigkeiten umfassen, mit denen sich der „Bericht der Bundesregierung über die wirtschaftliche und soziale Lage der künstlerischen Berufe (Künstlerbericht)“ aus dem Jahr 1975 beschäftigt4.

In dem inzwischen mehr als 45 Jahre alten Künstlerbericht wird der Beruf des Flamenco Tänzers bzw Lehrers nicht erwähnt. Allerdings spricht die Nichtverzeichnung im Künstlerbericht von 1975 nicht zwangsläufig gegen die Qualifizierung der Tätigkeit als künstlerisch, denn dies würde der Vielfalt und Dynamik in der Entwicklung künstlerischer und/oder publizistischer Berufstätigkeit widersprechen5.

Weiterlesen:
Hartz IV in der Patchwork-Familie

Der Beruf der Flamenco Tänzerin bzw Lehrerin ist anders als der Beruf des Balletttänzers rechtlich nicht geregelt. Der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband (ADTV) bietet eine Ausbildung zum Fachtanzlehrer für Flamenco nicht an. Der Flamenco hat sich im 19. und 20. Jahrhundert in O. entwickelt und ist ein andalusisches- volkskundliches Kulturerbe. Er hat die drei Bestandteile Gesang, Tanz und Gitarre. Entstanden ist der Flamenco aus der Begegnung andalusischer Volksmusik mit der Musizierweise der W.; im Flamenco verschmelzen orientalische und andalusische Musik. Heute zeigt sich der Flamenco in verschiedensten Formen. Im Tanz reicht das Spektrum vom traditionellen Solotanz über hochartifizielle Ballett-Compagnien, die den Flamenco mit modernen Tanzstilen verbinden bis hin zu kommerziellen Revue-Spektakeln.

Abzugrenzen von der „Lehre als darstellender Kunst“ sind Bereiche der Lehre mit musikalischem, tänzerischem oder künstlerischem Einschlag, die vorrangig von sozio- und psychotherapeutischen Zwecken (zB Tanztherapie) oder von pädagogischen bzw didaktischen Zielen geprägt sind. In diesen Bereichen stehen die künstlerischen Elemente des Unterrichts im Dienste eines übergeordneten, nichtkünstlerischen Zwecks6. Jedenfalls die von der Flamenco-Lehrerin in den Schulen erteilten AGs folgen einer vorrangig pädagogischdidaktischen Ausrichtung und können daher nicht als künstlerische Tätigkeit eingeordnet werden.

Die Flamenco-Lehrerin hat in ihrem mit Antrag auf Gewährung eines Gründungszuschusses eingereichten Businessplan das Projekt „Bildung durch Bewegung“ entwickelt. Danach wollte sie ab November 2017 an Schulen herantreten, um dort in Arbeitsgemeinschaften oder in der Nachmittagsbetreuung Rhythmuskurse, Flamenco-Kurse, Bodyperkussionskurse oä anzubieten. Im Anhang des Businessplans wird als Unterrichtsziel des Projekts „Bildung durch Bewegung“ benannt, Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion die Fähigkeit zu vermitteln, sich tänzerisch und musikalisch entwickeln zu können. Die Schüler würden in die Lage versetzt, Gefühle durch Bewegung auszudrücken. Dadurch würden sie in kürzester Zeit selbstsicherer und fokussierter. Die Schüler würden stimuliert und Stress werde abgebaut. Diese Unterrichtsziele folgen vorrangig einer pädagogischdidaktischen Zielsetzung in Bezug auf Stärkung der Persönlichkeit, Förderung des Sozialverhaltens und Integration sowie Kreativität zu Selbststimulation und Stressabbau. Dementsprechend werden unter den stichpunktartigen Unterrichtszielen klassische sozialpädagogische Ziele wie der Aufbau von Vertrauen/Abbau von Berührungsängsten, aufeinander hören lernen/Verständnis für andere entwickeln; Konzentrationsfähigkeit und Lernbereitschaft, Kontinuität und Disziplin gelistet.

Diesen Anspruch hat die Flamenco-Lehrerin auch umgesetzt. Entsprechend der Konzeption im Businessplan hat sie seit August 2019 in einem L. Gymnasium eine Flamenco AG mit 1,5 Wochenstunden angeboten, die inzwischen ausgelaufen ist. Zurzeit führt sie an zwei Grundschulen Flamenco AGs von jeweils einer Wochenstunde durch. Dass die Übernahme der AGs an öffentlichen Schulen auch dazu diente, Schülerinnen für das Kursangebot im Flamenco Studio zu begeistern, also Werbezwecken diente, mag als Nebeneffekt plausibel sein. Allerdings setzte die Flamenco-Lehrerin in den AGs im Wesentlichen ihren didaktischpädagogischen Anspruch um.

Weiterlesen:
Werbefotografie ist bildende Kunst

Auch jenseits der schulischen AGs liegt der Flamenco-Unterricht der Flamenco-Lehrerin nicht schwerpunktmäßig im Bereich des Bühnentanzes und kann daher nicht der Tanzkunst zugeordnet werden.

Neben dem Bereich der „Tanzkunst“, die Teil der weit gefächerten „Unterhaltungskunst“ ist und zur „darstellenden Kunst“ iS des § 2 Satz 1 KSVG gehört, gibt es den Tanz auch als Teil des Sports. Ist eine bestimmte Form des Tanzes Bestandteil des (professionellen) Spitzen- bzw Leistungssports oder des (nicht professionellen) Breiten- bzw Freizeitsports, ist eine Einordnung als Kunst ausgeschlossen7.

Der Bereich „Tanz“ im Sinne von „Tanzkunst“ (in Abgrenzung zum Tanzsport) umfasst Tänzer, Tanzlehrer und Choreografen für die Bereiche Ballett, Theater, Film und Fernsehen. Soweit es um die Aus- und Weiterbildung in einem dieser Berufe geht, werden „Pädagogen bzw Ausbilder im Bereich der Tanzkunst“ vom Regelungszweck des § 2 Satz 1 KSVG erfasst. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die Lehrer über eine staatlich anerkannte musikalische Berufsausbildung als Tänzer oder eine Berufsqualifikation als Tanzlehrer verfügen und ob angehende Berufstänzer oder Laien unterrichtet werden, die nur in ihrer Freizeit am Unterricht teilnehmen und das Gelernte auch nur für Freizeitzwecke verwenden wollen. Demgemäß können auch Kinder und Jugendliche einen als „Lehre von darstellender Kunst“ iSd § 2 Satz 1 KSVG einzustufenden Tanzunterricht zB in der Schule oder im Internat erhalten. Voraussetzung ist aber jeweils, dass sie durch den Unterricht befähigt werden sollen, selbst aktiv als Tänzer tätig zu werden, um einen Tanz als Kunstform (nicht als Sport) darzubieten8.

Der Lehre darstellender Kunst steht nicht entgegen, dass nicht angehende Künstler für ihren Beruf ausgebildet, sondern Laien unterrichtet werden, die in ihrer Freizeit am Unterricht teilnehmen und das Gelernte auch nur für Freizeitzwecke verwenden wollen. Allerdings bezieht sich § 2 Abs 1 KSVG nur auf solche Lehrtätigkeiten, die der aktiven Kunstausübung der Schüler dienen. Gegenstand der Lehrtätigkeit muss daher die Vermittlung praktischer und theoretischer Kenntnisse sein, die sich auf die Fähigkeiten oder Fertigkeiten der Unterrichteten bei der Ausübung von Kunst auswirken. Das könnte nach der Rechtsprechung des BSG für den Fall des Tango Argentino angenommen werden, wenn sich die Schüler auf Grundlage des Erlernten und zunehmender Übung zu Vortänzern entwickeln, die sich mit eigenwilligem Stil, auffallend eleganter Haltung, besonderer Virtuosität oä hervortun und eine Vorstufe zum ballettähnlichen Bühnentango ausüben9. Allerdings hat das BSG für den Unterricht des Tango Argentino die „Lehre der darstellenden Kunst“ verneint, da im dort entschiedenen Fall der Tanzunterricht der Flamenco-Lehrerin nicht als Grundlage einer ballettartigen Kunstausübung, sondern der Ausübung von Breiten- bzw Freizeitsport diente. Damit ist eine Einordnung als Kunst ausgeschlossen.

Weiterlesen:
Bemessungsrahmen beim Arbeitslosengeld

Ob eigenschöpferische Darbietungen dem Bereich des Sports oder dem der Kunst zuzuordnen sind, beurteilt sich wie bei anderen Abgrenzungsproblemen letztlich nach der Verkehrsauffassung. Maßgebende Kriterien für die Zuordnung sind insbesondere die Existenz von Regeln und Wertmaßstäben aus dem Bereich des Sports, die Art der Veranstaltung, der Veranstaltungsort sowie die Zugehörigkeit der Akteure zu einschlägigen Interessengruppen, Vereinigungen etc. So ist ohne weiteres von einer sportlichen Betätigung auszugehen, wenn für eine Aktivität ein Regelwerk existiert, das von einem Verband erlassen worden ist, der dem deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) angehört5.

Nach dieser Maßgabe vermittelt die Flamenco-Lehrerin in ihrem Studio nicht schwerpunktmäßig die Präsentation von Bühnentanz. Vielmehr ist das Unterrichtsangebot dem Freizeitsport vergleichbar.

Bei dem Kursangebot „danza latina FIT“ handelt es sich um eine dem Freizeitsport zugehörige Veranstaltung, bei der das sportliche Fitnesstraining im Vordergrund steht. Das stellt die Flamenco-Lehrerin auch nicht in Abrede. Nach ihrem eigenen Vorbringen hat sie das 1stündige wöchentliche Fitnesstraining zu Werbezwecken angeboten, um Nachwuchs für ihr Flamenco Studio zu gewinnen. Im Jahr 2021 hat sie diesen Bereich allerdings aufgegeben.

Auch der in den übrigen Kursen und Workshops erteilte Flamenco-Unterricht ist nicht als Lehre darstellender Kunst einzuordnen, sondern ist in seiner konkreten Ausprägung dem Format des Freizeitsports gleichzustellen.

Zwar existiert für den Flamenco weder ein vom Deutschen Tanzsportverband eV (DTV) noch von einem sonstigen Mitglied des DOSB erstelltes Regelwerk. Anders als der Tango Argentino oder der orientalische Tanz ist der Flamenco auch nicht im vom DTV angebotenen Breitensportprogramm gelistet10. Dementsprechend wird der Flamenco nicht von Sportverbänden organisiert und wettkampfmäßig ausgetragen. Darauf hat die Flamenco-Lehrerin zu Recht hingewiesen.

Allerdings führt diese Tatsache nicht zwingend zu dem Umkehrschluss, dass Flamenco-Unterricht grundsätzlich – unabhängig von Unterrichtsaufbau und Kursangebot – im Bereich des Bühnentanzes und damit im künstlerischen Wirkbereich angesiedelt ist. Das Kursangebot der Flamenco-Lehrerin in ihrem Freiraumstudio ist nicht auf eine dem künstlerischen Modern Dance oder Ballett vergleichbare künstlerische Betätigung ausgelegt. Maßgeblich ist für die Verkehrsanschauung, in welchem Kontext der Tanzunterricht ausgeübt wird. Ausweislich ihres zu den Gerichtsakten gereichten Flyers über Kurse 2019 bietet die Flamenco-Lehrerin neben der tänzerischen Fitness (danza latina FIT) Flamenco Kinder Kurse an sowie Flamencotanz für Erwachsene auf den Stufen von Anfänger bis Fortgeschrittene. Bereits die Aufmachung des Flyers vermittelt die Anmutung von Breiten- bzw Freizeitsport.

Weiterlesen:
Halbwaisenrente für ein Stiefkind

Anders als im vom BSG entschiedenen Fall zu zeitgenössischen Tanzformen wie Jazztanz2 ist das Flamenco Studio der Flamenco-Lehrerin keine Vorausbildungsschule. Im vom BSG entschiedenen Fall kam dieses Ziel auch im Unterrichtsaufbau zum Ausdruck, der für die Teilnahme an den Kursen des zeitgenössischen Tanzes regelmäßig die vorherige Teilnahme am Ballettunterricht vorausgesetzt hat. Derartige oder vergleichbare Voraussetzungen bestehen für die Teilnahme an den Kursen und Workshops der Flamenco-Lehrerin nicht. Die Flamenco-Lehrerin hat in der mündlichen Verhandlung vor dem Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen bestätigt, dass es für die Teilnahme an ihren Kursen grundsätzlich keiner tänzerischen Vorkenntnisse bedarf. Zwar wird die Einordnung der Schüler in die einzelnen Kursstufen von ihr selbst vorgenommen. Nicht alle Kursteilnehmer durchlaufen die einzelnen Kursstufen im gleichen Zeitrahmen. Bei besonders talentierten Schülern oder solchen mit Vorkenntnissen erfolgt eine schnellere Hochstufung auf ein höheres Niveau. Die Flamenco-Lehrerin erteilt bei Bedarf oder besonderer Förderung auch Einzelunterricht. In gleicher Weise wird allerdings auch bei anderen Tanzformen im Bereich des Breiten- und Freizeitsports verfahren. Zu einem Unterricht im Format des Freizeitsports passt auch, dass die Flamenco-Lehrerin weniger talentierte Schüler nicht zurückweist. Dabei stellt der Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen nicht in Abrede, dass die Flamenco-Lehrerin im Hinblick auf ein erfolgreiches Betreiben ihres Studios wirtschaftlichen Erwägungen Rechnung tragen muss. Diese sind standortbezogen in Norddeutschland anders zu verifizieren als etwa in Spanien.

Der Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen verkennt nicht, dass die Flamenco-Lehrerin mit der Flamenco Schule in I. ihren Lebenstraum verwirklicht, den sie mit großem Engagement und hohem Anspruch an sich selbst umsetzt. Allerdings spiegeln Unterrichtsaufbau und Kurssystem des Flamenco Studios nicht, dass der Unterricht im Schwerpunkt auf die Befähigung zum Bühnentanz als Kunstform ausgerichtet ist und entsprechende theoretische Kenntnisse und praktische Fähigkeiten vermittelt. Dazu genügt nicht, dass die Flamenco-Lehrerin ihre Schüler schon im Anfängerkurs dazu anhält, sich als Gegenüber ein imaginäres Publikum vorzustellen und entsprechend präsent und ausdrucksstark zu üben. Dieser Ansatz lässt sich zwanglos aus der eigenen Bühnenerfahrung der Flamenco-Lehrerin ableiten, die gelernt hat, auf der Bühne präsent zu sein, unabhängig von Befindlichkeiten. Die Bühnenerfahrung der Flamenco-Lehrerin wird in den Unterricht einfließen, wirkt aber im Schwerpunkt nicht künstlerisch prägend im Sinne der Lehre von darstellender Kunst. So bietet die Flamenco-Lehrerin keine speziellen Klassen mit erhöhtem Anforderungsprofil zur Vorbereitung einer professionellen Laufbahn als Flamenco Tänzer an. Vielmehr folgt sie dem Prínzip des Freizeitsports, einer möglichst großen Schülerzahl die Welt des Flamencos zu eröffnen. Dieses Konzept ist nachvollziehbar, da Norddeutschland – anders als O. – keine oder jedenfalls kaum Berufsmöglichkeiten für einen Flamenco Tänzer eröffnet.

Weiterlesen:
Künstlersozialabgaben für Kunstförderung durch das Land Berlin

Der Umstand, dass sich eine Schülerin der Flamenco-Lehrerin, die Tochter ihres Beistandes, in O. „professionalisiert“ hat, lässt keine abweichende Beurteilung zu. Nach dem Vorbringen in der mündlichen Verhandlung hat das junge Mädchen an den Flamenco-Kursen der Flamenco-Lehrerin über mehrere Jahre teilgenommen und auch Einzelunterricht erhalten. Die junge Frau ist nach ihrem Abitur allerdings nach Spanien gegangen und hat in U. und V. professionelle Flamenco-Tanzschulen besucht, die nach einem harten Wettbewerbsprinzip unter den talentiertesten Schülern auswählen. In O. kommt dem Flamenco als Bühnentanz in Kunstform, anders als Deutschland, eine erhebliche Bedeutung zu. Die Basis für ihre Ausbildung zur Berufstänzerin, die heute selbst Flamenco lehrt, hat sich die junge Frau (erst) in O. erarbeitet. Davon abgesehen, würde die berufliche Entwicklung im Bühnentanz in nur einem Einzelfall nicht auf eine schwerpunktmäßige Befähigung von Schülern zum Bühnentanz als Unterrichtsziel schließen lassen.

Auch die gelegentlichen Auftritte der Schüler mit einem kleinen Repertoire von einstudierten Choreografien in Einkaufszentren, beimBürgerbrunch oder bei privaten Feierlichkeiten modifizieren den Unterrichtscharakter nicht in Richtung Lehre von darstellender Kunst. Insoweit fällt auf, dass kein Auftritt im künstlerischen Rahmen einer Kultureinrichtung erfolgt ist, insbesondere nicht auf einer freien oder städtischen Theaterbühne in I. Darauf hat die Künstlersozialkasse in der mündlichen Verhandlung zutreffend hingewiesen. Die beschriebenen Auftritte sind losgelöst von einem kulturellen Rahmen oder Programm durchgeführt worden, wie im Bereich des Freizeitsports üblich. Die Schülerauftritte sind ein ambitioniertes und begrüßenswertes Konzept, allerdings in dem Modus, wie sie auch von Sportvereinen oder anderen Freizeitzeitprojekten organisiert werden. Sie sind nicht im künstlerischen Wirkbereich angesiedelt.

Landessozialgericht Niedersachsen -Bremen, Urteil vom 15. März 2022 – L 16 KR 414/19

  1. SG Oldenburg, Urteil vom 28.08.2019 – S 63 KR 70/19[]
  2. BSG Urteil vom 25.11.2015, B 3 KS 3/14 R[][]
  3. BSG Urteil vom 18.02.2016, B 3 KS 1/15 R[]
  4. BSG Urteil vom 28.09.2017, B 3 KS 1/17 R mwN zur Künstlereigenschaft einer Tanzlehrerin Tango Argentino[]
  5. BSG Urteil vom 07.12.2006, B 3 KS 11/06 R[][]
  6. BSG Urteil vom 28.09.2017; B 3 KS 1/17 R[]
  7. BSG Urteil vom 01.10.2009, B 3 KS 3/08 R mwN[]
  8. BSG aaO zu Kursen zu kreativem Tanz[]
  9. BSG aaO[]
  10. http: //www.tanzsport.de/dtvstart.htm Stichwort: Tanzarten und breiten- und Freizeitsport[]

Bildnachweis: